Frau mit Griffel

Um das Jahr 50 gemaltes Fresko aus Pompeji, entdeckt 1760

(Quelle: Wikipedia)


Brief 236 | Schwindelig

Liebe F.,

Fantasie

Dieses Bild für die Verknüpfung einzelner Sterne-Punkte zu bedeut-samen Ereignissen finde ich deswegen auf irgendeine Weise befreiend, weil ich aufhöre zu verknüpfen. Nun gut, nicht vollständig, aber insgesamt ergibt sich für mich daraus eine Art von Loslösung, weil ich die einzelnen Vorgänge, die ich im Alltag erlebe, nicht mehr zusammenzufügen suche. Sie sind, wie sie sind.

Eine interessante Wendung, denn mein Punkt bei diesem Bild ist ja gerade, dass man hier aktiv Verknüpfungen und Verbindungen herstellt, die von sich aus nicht unbedingt da sind. Du gehst jetzt einen Schritt weiter, wenn ich das richtig verstehe, und lässt das Verknüpfen mehr oder weniger hinter dir, weil es ohnehin willkürlich ist?

Ich frage mich aber, ob das wirklich möglich ist. Suchen wir nicht automatisch Sinn in allem, was uns widerfährt? Oder vielleicht sollte man hier unterscheiden zwischen Sinngebung auf der einen Seite und der Verknüpfung zu einem einigermaßen kohärenten Narrativ auf der anderen Seite? Es muss nicht alles in einen Sinnzusammenhang gequetscht werden, aber unser Leben sollte doch wenigstens erzählerisch einen roten Faden haben und nicht aus lauter zusammenhanglosen Episoden bestehen. Eine Erzählung kann Ungereimtheiten enthalten, Widersprüche, Sprünge, auch Sinnlosigkeiten, und trotzdem fügt sie sich zu einer Einheit. Eine Erzählung kann sich Fantasie erlauben. (Kann ich mein Leben mit Fantasie betrachten? Hm … überraschende Frage.)

Dein letzter Satz weist aber in eine ganz andere Richtung. Die Ereignisse sind, wie sie sind. Das heißt, du musst sie nicht mehr bewerten? Und hierin liegt für dich die Befreiung, wenn ich das richtig interpretiere?

Ich kenne den Ausdruck der/das „Narrativ“ nur als neuere Bezeichnung für eine kurze, eingängige Zusammenfassung eines politischen Ereignisses, die ins allgemeine gesellschaftliche Bewußtsein eindringt. Was fällt mir ein? Karl der Große war der Begründer des westeuropäischen Kultur- und Nationenkreises. Das ist eine starke These, die einfach zu behalten ist und aber lediglich eine mögliche Interpretation der Entwicklung Westeuropas vom 9. bis zum 20. Jahrhundert darstellt. Viele Punkte, die zu einer Verbindungslinie vereint werden. In diesem Sinne kann man den Begriff auch auf die persönliche Biographie anwenden. Je älter man wird, desto mehr verschwinden sowieso all die kleinen und auch größeren Ereignisse aus der Bedeutungsgebung und man erfindet ein Narrativ, das wie eine dicke Überschrift über dem ganzen Leben steht, oder es durchzieht. Wichtig am Narrativ ist, dass es nur einen gibt, er muß stimmig sein, sodaß man ihn für „wahr“ halten kann. Und man ist sich bewußt, dass es sich um eine Interpretation handelt.

Dass ich diesen Gedanken des Narrativs, der Geschichte, die wir uns von unserem eigenen Leben erzählen, so überraschend fand, zeigt mir, dass ich mir dieser Interpretation keineswegs bewusst gewesen bin.

Schwindelig

Ja, das ist eine Erkenntnis, die mich in ihrer Einfachheit besticht: Die Erklärung der Welt über das, was nicht ist. Mir wird ganz schwindelig, wenn ich versuche, dieses Nichts zu begreifen. Aber ich begreife nun, diesmal im Sinne „rational“, daß die Veranschaulichung in Bildern wie dem des Rades oder dem des Tontopfes das helfende Werkzeug ist, den Schwindel nicht aufkommen zu lassen, sondern sich dem Verstehen zu nähern.

Kann einen die Materie nicht im Grunde auch schwindelig machen? Ich denke da an den Satz von Leibniz: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ So gesehen wäre das Seiende das größere Wunder.

Wenn ich versuche mir das Nichts vorzustellen, dann eigentlich nie als vollkommenes Nichts, sondern eher als Teil eines Ganzen, wenn auch den größeren oder grundlegenderen Teil. Der leere Raum, in dem Seiendes überhaupt erst möglich ist. Oder das unsichtbare Netz der Beziehungen zwischen allem, ohne das nicht einmal Atome da wären, wie viel weniger alles andere. Nicht das Vorhandensein von Neutronen, Protonen etc. machen die Materie aus, sondern ihre Beziehung zueinander. Nicht das bloße Vorhandensein von Menschen macht eine Liebe oder eine Gesellschaft aus, sondern die Beziehungen zwischen ihnen. Natürlich kann man fragen, ob Raum, ob Beziehungen „nichts“ sind, aber damit wird nun mir schwindelig. :-). Ich kann mir „Nichts“ immer nur ganz naiv als Abwesenheit von Materie vorstellen, aber auch nicht ohne Materie, weil das Nichts sonst keinen Sinn ergeben würde. – Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich damit das buddhistische Konzept des Nichts noch nicht einmal ankratze.

Außerdem meine ich nun auch eine Verbindung zwischen den vorsokratischen Versuchen, die Welt zu erklären mit dem Erklärungsversuch, der im Daedejing-Spruch 11 aufgeschrieben ist, zu erkennen. Nicht das sie Unterscheidende, sondern das Gemeinsame. Die Vorsokratiker haben die Naturphänomene beobachtet, und ihre Erklärungen sind aber zugleich metaphysische Erklärungen gewesen, Naturwissenschaft und Metaphysik sind ununterschieden. Im Fragment 2, dem sogenannten Flußfragment von Heraklit heißt es: Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht. Die Beobachtung des Flusses wird als Bild benutzt, das für das Sein steht. Es ist also ein Doppeltes. Der Fluß ist einer und doch nie derselbe, so wie der Mensch einer ist und doch nie derselbe. Ein helfendes Werkzeug ist dieser Satz, weil er eine Aussage trifft und sie zugleich in einem Bild veranschaulicht. Im Daedejing-Vers 11 sind es Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs, die der Veranschaulichung dienen. Es sind aber gleichfalls Bilder, die für das Ganze stehen. Da „Sein“ wohl nur die Begrifflichkeit der Ontologie in der westlichen Kultur ist, habe ich anstelle dessen „Ganzes“ eingesetzt. Ob das richtig ist, weiß ich nicht :-).

Das ist sehr schön gedacht, diese Gemeinsamkeit zwischen den Gegensätzen. Und vielleicht muss alle tiefe Philosophie früher oder später auf Bilder zurückgreifen, weil die klare, eindeutige, unterscheidende Sprache nicht weit genug reicht. Um den Preis, dass sich damit das Tor der Spekulation weit öffnet …

B.

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Brief 235 | Das oder der "Narrativ"

 

Liebe B.,

Der „große Bär“ u.a.

Zu den Punkten fällt mir ein, dass ich vor längerer Zeit hier mal das Bild mit den Punkten im Weltraum gebracht habe. Die Punkte sind Lichtpunkte, also Sterne, die von mir aus gesehen unterschiedlich weit entfernt sind, für mein Auge aber alle mehr oder minder auf einer Ebene liegen, dem „Firmament“. (Interessantes Wort – der befestigte Himmel, wie ich eben nachgeschlagen habe.) Die Verbindungslinien, die ich zwischen ihnen ziehe, für ein Sternbild beispielsweise, sind allein meine Zutat, sie finden sich nirgendwo da oben. Mit diesem Bild versuche ich mir das zu erklären, was wir „Sinn“ nennen. Willkürliche Verbindungslinien, die ich zwischen Ereignissen ziehe, weil sich das für mich so darstellt und mir stimmig erscheint. Von jedem anderen Standpunkt im All aus sieht die Verteilung der Lichtpunkte anders aus, und kein Muster, das man erkennt, ist richtiger oder falscher als irgendein anderes.

Was für ein schönes und vor allen Dingen einfach veranschaulichendes Bild! Und da wir nur insgesamt wahrscheinlich 0,01 Prozent der Zeit, die wir leben, träumen (schlafträumen), möchte ich das Bild lieber für mein bewußtes Wachleben heranziehen. Wenn ich am Morgen im Bett liege und vor mich hindöse, dann ist es die Zeit, in der ich mich am ehesten an Episoden aus der Vergangenheit erinnere. Warum ich heute diese und gestern jene Ereignisse erinnert habe, überlege ich mir normalerweise nicht. Ich nehme sie so hin, wie sie kommen und nur manchmal, wenn ich merke, dass sich Ereignisse aneinanderreihen, die ich damals als sehr unangenehm erlebt habe, breche ich den Gedankenfluß ab.

Ich spiele ein bißchen mit Deinem Bild. Die Episoden selbst sehe ich auf der untersten Ebene als Verknüpfungen von Punkten an. Hier allerdings erinnere ich überwiegend dieselben Verknüpfungen. Der „große Wagen“ bleibt der „große Wagen“, der „kleine Bär“ bleibt der kleine Bär. Ich gehe als kleines Mädchen am Urlaubsort von der schattigen Straße mit den kalten Kopfsteinpflastersteinen um die Ecke, wo die Sonne auf die Kurpromenade scheint, und unter meinen Füßen spüre ich die warmen bis heißen Steine :-). Die einmal hergestellte Verbindung der einzelnen Punkte ist recht konstant. Auf der oberen Ebene, nämlich in welcher Abfolge die Episoden mir ins Gedächtnis kommen, sind die Verbindungen jedoch variabel. Die Episoden sind ebenfalls die einzelnen Stern-Punkte, aber ob ich sie zum „Hasen“, zur „Leier“ oder dem „Herkules“ verbinde, das variiert. Nein, ich müßte es anders sehen :-) - ob der „Hase“ dem „Krebs“ oder dem „kleinen Wagen“ folgt usw., das ist variabel.

Man kann das Bild der Sterne ebensogut für einzelne kleine Ereignisse im Tagesablauf gebrauchen. Der Stern des Spaziergangs, den ich mit dem Stern der darauffolgenden Erschöpfung zum Sternbild „Löwe“, was Zufriedenheit mit einer Leistung bedeutet, verbinde oder zum Sternbild „Berenike“, was Bestätigung der Kraftlosigkeit meint, das wäre der „Sinn“, den ich hineininterpretiere. Die Sternbilder habe ich aus einer Liste herausgesucht und zwar zufällig. Mit ihren Namen ist kein Sinn verbunden. Dieses Bild für die Verknüpfung einzelner Sterne-Punkte zu bedeut-samen Ereignissen finde ich deswegen auf irgendeine Weise befreiend, weil ich aufhöre zu verknüpfen. Nun gut, nicht vollständig, aber insgesamt ergibt sich für mich daraus eine Art von Loslösung, weil ich die einzelnen Vorgänge, die ich im Alltag erlebe, nicht mehr zusammenzufügen suche. Sie sind, wie sie sind.

Die zweite Assoziation ist die, dass es gar nicht so sehr um diese Punkte geht, sondern um die Verbindungslinien, die wir zwischen ihnen ziehen. Wir erzählen uns unser Leben als eine zusammenhängende Geschichte, nicht als eine Abfolge von Einzelereignissen. Und ja, das bedeutet, dass wir unentwegt dabei interpretieren. Ich glaube, dieses Thema hatten wir auch schon mal. Es gibt dafür einen Fachbegriff, irgendwas mit narrativ, aber wenn ich mich richtig erinnere, habe ich den damals schon nicht wiedergefunden.

Oder noch anders herum gewendet könnte man sagen, dass man sich eine Geschichte ausdenkt, die man für sein Leben hält :-). Ich kenne den Ausdruck der/das „Narrativ“ nur als neuere Bezeichnung für eine kurze, eingängige Zusammenfassung eines politischen Ereignisses, die ins allgemeine gesellschaftliche Bewußtsein eindringt. Was fällt mir ein? Karl der Große war der Begründer des westeuropäischen Kultur- und Nationenkreises. Das ist eine starke These, die einfach zu behalten ist und aber lediglich eine mögliche Interpretation der Entwicklung Westeuropas vom 9. bis zum 20. Jahrhundert darstellt. Viele Punkte, die zu einer Verbindungslinie vereint werden. In diesem Sinne kann man den Begriff auch auf die persönliche Biographie anwenden. Je älter man wird, desto mehr verschwinden sowieso all die kleinen und auch größeren Ereignisse aus der Bedeutungsgebung und man erfindet ein Narrativ, das wie eine dicke Überschrift über dem ganzen Leben steht, oder es durchzieht. Wichtig am Narrativ ist, dass es nur einen gibt, er muß stimmig sein, sodaß man ihn für „wahr“ halten kann. Und man ist sich bewußt, dass es sich um eine Interpretation handelt.

 

Physik und Metaphysik

Ich vermute, dass man sich beim Bild der Nabe ein großes, altmodisches Kutschenrad vorstellen muss, das in der Mitte ein Loch für die Achse hat. Ohne dieses Loch könnte man das Rad nicht so befestigen, dass es rollen kann. Und ohne rollende Räder keine Kutsche.

Ich hatte zwar ein Fahrrad vor meinem Augensinn, aber dennoch hilft Dein Bild des Kutschenrades mir weiter, denn mir wird deutlich, dass „natürlich“ die Räder das Wesen eines Fahrrades oder auch eines Wagens ausmachen. Die Räder bringen die Gestelle drumherum zum Rollen. Diese wesentliche :-) Kleinigkeit war mir entgangen.

Ich habe den Vers noch einmal auf mich wirken lassen, weil es mir wie dir geht, ich kann ihn auch nur schwer fassen. Es geht im Daodejing ja viel ums Wuwei, ums Geschehenlassen, ums Nicht-Forcieren, darum, den Dingen ihren natürlichen Lauf zu lassen, ohne allzu viel einzugreifen. Aber das ist ja eher nicht das Thema dieses Verses. Doch plötzlich dachte ich, dass wir es hier mit einem Gegenentwurf zur westlichen Welterklärung zu tun haben. Das ist wohl eine Binsenweisheit, aber es ist ja doch immer schön, wenn man von selbst darauf stößt. :-) Wenn ich an die Vorsokratiker denke, so haben sie versucht die Welt über die Materie zu erklären, also das, was ist (Atome etc.), während das Daodejing an dieser Stelle die Welt über das, was nicht ist, erklärt. Materie ist zwar da, aber sie ist nicht das Entscheidende.

Ja, das ist eine Erkenntnis, die mich in ihrer Einfachheit besticht: Die Erklärung der Welt über das, was nicht ist. Mir wird ganz schwindelig, wenn ich versuche, dieses Nichts zu begreifen. Aber ich begreife nun, diesmal im Sinne „rational“, daß die Veranschaulichung in Bildern wie dem des Rades oder dem des Tontopfes das helfende Werkzeug ist, den Schwindel nicht aufkommen zu lassen, sondern sich dem Verstehen zu nähern.

Außerdem meine ich nun auch eine Verbindung zwischen den vorsokratischen Versuchen, die Welt zu erklären mit dem Erklärungsversuch, der im Daedejing-Spruch 11 aufgeschrieben ist, zu erkennen. Nicht das sie Unterscheidende, sondern das Gemeinsame. Die Vorsokratiker haben die Naturphänomene beobachtet, und ihre Erklärungen sind aber zugleich metaphysische Erklärungen gewesen, Naturwissenschaft und Metaphysik sind ununterschieden. Im Fragment 2, dem sogenannten Flußfragment von Heraklit heißt es: Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht. Die Beobachtung des Flusses wird als Bild benutzt, das für das Sein steht. Es ist also ein Doppeltes. Der Fluß ist einer und doch nie derselbe, so wie der Mensch einer ist und doch nie derselbe. Ein helfendes Werkzeug ist dieser Satz, weil er eine Aussage trifft und sie zugleich in einem Bild veranschaulicht. Im Daedejing-Vers 11 sind es Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs, die der Veranschaulichung dienen. Es sind aber gleichfalls Bilder, die für das Ganze stehen. Da „Sein“ wohl nur die Begrifflichkeit der Ontologie in der westlichen Kultur ist, habe ich anstelle dessen „Ganzes“ eingesetzt. Ob das richtig ist, weiß ich nicht :-).

Dass mir hier gerade die Vorsokratiker einfallen, ist wohl kein Zufall, das dürfte die Nachwirkung eines Buches über die Achsenzeit sein, das ich vor einiger Zeit gelesen habe. Interessant ist ja, wenn ich an die Atomtheorie der Vorsokratiker denke, dass sich mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen von heute diese beiden gegensätzlichen Ansätze annähern. Ein Atom ist zwar da, besteht aber zu ich weiß nicht wie viel Prozent aus leerem Raum …

Da ich mit dem Begriff „Achsenzeit“ nichts anzufangen wußte, habe ich nachgesehen und gefunden, dass es ein von Karl Jaspers geprägter Ausdruck ist, obwohl die Idee dahinter schon in der „Aufklärung“ erstmals aufgetaucht ist. Man hat festgestellt, dass in den 800 Jahrhunderten v.Ch. in vier unterschiedlichen Kulturräumen – China, Indien, Iran und östlicher Mittelmeerraum- unabhängig voneinander bedeutende „technische“ und „philosophische Fortschritte“ gemacht wurden, die die späteren nachchristlichen Kulturen maßgeblich beeinflußt haben. Nun verstehe ich auch, warum Dir die Vorsokratiker eingefallen sind :-).

Vielleicht könnte man die „Achsenzeit“ auch als ein „Narrativ“ auffassen, weil es sich bei den technischen und philosophischen Fortschritten um eine Interpretation handelt (worin bestehen sie) und natürlich ist auch der Zeitraum doch recht weit gefaßt. Vielleicht, verkürzte man ihn um 500 Jahre, ließen sich die 4 Kulturräume schon nicht mehr zusammenfassen. Trotzdem ist es eine schöne „Erzählung“ … achso, eine Erzählung ist umfangreicher als ein Narrativ, weil sie mit vielen Details ausgeschmückt ist, und so kehre ich am Ende zum Anfang zurück. Die „Achsenzeit“ wird ähnlich einem Sternenbild aus vielen einzelnen Punkten zu einem „Bild“ zusammengesetzt :-).

F.

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Brief 234 | Viel Luft

Liebe F.,

Punkte werden zu Geschichten

Mich erinnern Deine Überlegungen an unser Gespräch über „Erinnerungen“. Von einem zurückliegenden Ereignis, das in der Gegenwart erinnert wird, kann man nicht sagen, dass dieses Ereignis so und so war, denn wir überformen es in der Gegenwart und erinnern dasselbe Ereignis wahrscheinlich in verschiedenen zeitlichen Abständen immer wieder in leichten Variationen. Andersherum werden im Gedächtnis gespeicherte Erfahrungen und Gedanken unser gegenwärtiges Erleben beeinflussen. Wie Du es öfter ausgedrückt hast: Wir interpretieren, was wir wahrnehmen. Die reine Wahrnehmung ist fast unmöglich, weil wir gleichzeitig immer auch etwas über das Wahrgenommene denken. Deswegen finde ich Deinen Hinweis auf die Verknüpfungswege sehr nützlich. Die einzelnen Punkte oder Klötzchen sind zwar vorhanden, aber wie sie zusammengesetzt oder verbunden werden, das genau macht die Veränderung zwischen Ereignis und späterer Erinnerung -oder auch im Träumen.

Zu den Punkten fällt mir ein, dass ich vor längerer Zeit hier mal das Bild mit den Punkten im Weltraum gebracht habe. Die Punkte sind Lichtpunkte, also Sterne, die von mir aus gesehen unterschiedlich weit entfernt sind, für mein Auge aber alle mehr oder minder auf einer Ebene liegen, dem „Firmament“. (Interessantes Wort – der befestigte Himmel, wie ich eben nachgeschlagen habe.) Die Verbindungslinien, die ich zwischen ihnen ziehe, für ein Sternbild beispielsweise, sind allein meine Zutat, sie finden sich nirgendwo da oben. Mit diesem Bild versuche ich mir das zu erklären, was wir „Sinn“ nennen. Willkürliche Verbindungslinien, die ich zwischen Ereignissen ziehe, weil sich das für mich so darstellt und mir stimmig erscheint. Von jedem anderen Standpunkt im All aus sieht die Verteilung der Lichtpunkte anders aus, und kein Muster, das man erkennt, ist richtiger oder falscher als irgendein anderes.

Die zweite Assoziation ist die, dass es gar nicht so sehr um diese Punkte geht, sondern um die Verbindungslinien, die wir zwischen ihnen ziehen. Wir erzählen uns unser Leben als eine zusammenhängende Geschichte, nicht als eine Abfolge von Einzelereignissen. Und ja, das bedeutet, dass wir unentwegt dabei interpretieren. Ich glaube, dieses Thema hatten wir auch schon mal. Es gibt dafür einen Fachbegriff, irgendwas mit narrativ, aber wenn ich mich richtig erinnere, habe ich den damals schon nicht wiedergefunden.

So sind wir wieder mal an einen Punkt zurückgekehrt, an dem wir schon mal waren …

Exkurs: Ich laviere jetzt ein bißchen zwischen Traum- und Wachzustand hin und her, wenn mir zu den Verknüpfungen einfällt, dass zum Beispiel ein Unfall, bei dem man von einem roten Auto angefahren worden ist (fiktiv, ich las das Beispiel), in der Folge einen plötzlichen Schrecken auslösen kann, wenn man unvermittelt ein rotes Auto sieht. Je nachdem, wie intensiv der ursprüngliche Schock war, wie man das Ereignis „verarbeitet“ und neue Erlebnisse es überdecken, kann es aber auch sein, dass man irgendwann anfängt, bei blauen Autos denselben Schreck zu erleben. Wenn dieser Vorgang ausgeweitet wird auf irgendwann alle Autos oder rote und blaue Fahrräder usw., dann spricht man von einer „Störung“. Der Schock sitzt so tief, wie man sagt, dass immer neue Auslöser ihn aktivieren können.

Darum ist es so wichtig, dass man, wenn man z.B. einen Unfall verursacht hat, und sei es nur einen ganz kleinen, nicht lange wartet, sondern sich möglichst bald wieder hinters Steuer setzt, um die traumatische Erfahrung schnell mit positiven Fahrerlebnissen zu überdecken, bevor sich das verfestigt.

Ich knüpfe nach dem auf einen Seitenweg führenden Exkurs wieder an das Gedächtnis an. Wenn wir irgendetwas als ein Ereignis erleben, eine Feier oder einen Spaziergang, ganz egal, was es ist, dann sind es ja ebenfalls keine Klötzchen, die einzeln bewußt zu einem Gegenstand wie einem Haus zusammengesteckt werden. Es ist ein Gesamteindruck, der sich gedanklich und emotional einprägt, und der vor allem auch „nur“ eine selektive Form der Wahrnehmung ist. Andere Menschen erleben die Feier womöglich völlig anders als ich. Wenn das Ereignis sich als ein Gesamteindruck eingeprägt hat, dann finde ich es plausibel anzunehmen, dass die Erinnerungen daran variieren, durch aktuelle und andere vergangene Erfahrungen neu gestaltet, d.h. neu verknüpft werden.

Das würde zu meinem Sternbild-Beispiel passen: Dieselbe Feier, aber zwei unterschiedliche Standpunkte und deshalb zwei eventuell völlig unterschiedliche „Geschichten“.

 

Achsenzeit

Mir fällt als allererstes das Wort „Möglichkeit“ ein. „Potentialität“ ist „etwas“, das zwar potentiell :-))) vorhanden ist, aber eben noch nicht umgesetzt. Oder anders gesagt, eine nicht realisierte Möglichkeit. Was hältst Du davon?

Wieder habe ich den Duden zu Rate gezogen, der mir erzählt, dass „potenziell“ einfach ein Fremdwort für „möglich“ ist, sie also beide dasselbe bedeuten. Das Mögen in „möglich“ kommt aus Verbindungen wie „vermögen“, also etwas können, die Macht haben etwas zu tun – „ich vermag dieses oder jenes“. Insofern erahne ich den Unterschied, den du vermutlich machen willst, nur.

Das zweite und dritte Beispiel, die Töpfe und die Kammern, unterscheiden sich, wie ich finde, vom ersten Beispiel. Es sind doch Räder, die das Werk, den Wagen, machen. Man hat nicht den Wagen wie den Ton oder die Kammer, den man höhlt. Das Rad, die Naben und Speichen, denen das Nichts zum Werk dient, soweit verstehe ich das Bild, den Wagen jedoch nicht.

Ich vermute, dass man sich beim Bild der Nabe ein großes, altmodisches Kutschenrad vorstellen muss, das in der Mitte ein Loch für die Achse hat. Ohne dieses Loch könnte man das Rad nicht so befestigen, dass es rollen kann. Und ohne rollende Räder keine Kutsche.

Nur nebenbei bemerkt, weil es mir während des Ausmalens einfällt. Wäre alles, was ist, aus Ton, dann gäbe es keine Bewegung, Bewegung wäre unmöglich. Hohlräume sind die Voraussetzung dafür, dass es „Werke“ gibt.

Wir sind ja drauf gekommen über das Herz-Sutra, dass es weder Alter noch Tod noch Überwindung noch einen Weg gäbe. Wie bringt man denn das nun mit dem Daedejing-Vers zusammen? Ein Mensch entspricht dem Besitz; die Möglichkeiten, das Nichts, machen das Werk, die Person. Wenn ich den Vers gedanklich zu erfassen suche, dann entzieht sich mir der entscheidende Punkt, die Erkenntnis? immer wieder. Verrückt irgendwie, in dem Moment, in dem ich be-ergreifen will, entzieht sich der Gedanke :-).

Ich war auf das Daodejing nicht wegen der Negationen der Lehre gekommen, sondern wegen der Leere. :-)

Ich habe den Vers noch einmal auf mich wirken lassen, weil es mir wie dir geht, ich kann ihn auch nur schwer fassen. Es geht im Daodejing ja viel ums Wuwei, ums Geschehenlassen, ums Nicht-Forcieren, darum, den Dingen ihren natürlichen Lauf zu lassen, ohne allzu viel einzugreifen. Aber das ist ja eher nicht das Thema dieses Verses. Doch plötzlich dachte ich, dass wir es hier mit einem Gegenentwurf zur westlichen Welterklärung zu tun haben. Das ist wohl eine Binsenweisheit, aber es ist ja doch immer schön, wenn man von selbst darauf stößt. :-) Wenn ich an die Vorsokratiker denke, so haben sie versucht die Welt über die Materie zu erklären, also das, was ist (Atome etc.), während das Daodejing an dieser Stelle die Welt über das, was nicht ist, erklärt. Materie ist zwar da, aber sie ist nicht das Entscheidende.

Dass mir hier gerade die Vorsokratiker einfallen, ist wohl kein Zufall, das dürfte die Nachwirkung eines Buches über die Achsenzeit sein, das ich vor einiger Zeit gelesen habe.

Interessant ist ja, wenn ich an die Atomtheorie der Vorsokratiker denke, dass sich mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen von heute diese beiden gegensätzlichen Ansätze annähern. Ein Atom ist zwar da, besteht aber zu ich weiß nicht wie viel Prozent aus leerem Raum ...

Ich betrachte nun einfach die Nabe, die Speichen, das Rad -und sehe mehr Leere als Besitz. Das ist ein angenehmes Bild. Viel Luft, in der alles möglich ist und nichts realisiert werden muß.

… in der sich aber trotzdem unentwegt etwas realisiert. Sonst gäbe es uns beide nicht. :-)

B.

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Brief 233 | Erfolgreich scheitern :-)

Liebe B.,

Träume ohne Ende ...

Ich denke, du träumst (fast) nie? :-))) Was sich jetzt für mich so anhört, als wenn diese kategorische Behauptung eher darauf zurückzuführen ist, dass du (jedenfalls auf diese freudianische Weise) nicht träumen willst … :-)

Ich habe die Wahrheit gesprochen :-))). Es ist tatsächlich so, dass ich den letzten ungefähr 4 Wochen, also so lange, wie meine Gedanken das Thema „träumen“ umkreisen, viermal einen Traum hatte, an den ich mich morgens nach dem Aufwachen habe erinnern können. Davor hatte ich monatelang nichts geträumt. Die Trauminhalte waren einfach, offenkundig, die Wachrealität habe ich in lediglich veränderter Weise geträumt, schlicht waren die Botschaften. Es waren Träume in Aquarellfarben :-) gefühlsmäßig zwar intensiv und dennoch sanft, leise, aber nicht blaß. Daß ich auffallend häufig träumte, während ich darüber hin- und hersann, fand ich interessant.

Ja, man kann das Konzept des Unbewussten zur Disposition stellen, und als mir das das erste Mal klar wurde, fand ich das auch recht befreiend. Aber man muss das Kind ja nicht gleich mit dem Bade ausschütten. Es gibt ja wirklich Dinge, die aus dem Bewusstsein verschwinden, aber irgendwann auch wieder auftauchen können, die also irgendwo gespeichert gewesen sein müssen. Ich stelle mir Erinnerungen allerdings nicht wie Bauklötze vor, die in einer Schachtel liegen und genau so, wie sie einmal waren, herausgeholt und wieder zurückgelegt werden können. Ich stelle mir eher vor, dass durch irgendeinen Auslöser alte, aber schon länger nicht mehr benutzte Verknüpfungswege reaktiviert werden.

Mich erinnern Deine Überlegungen an unser Gespräch über „Erinnerungen“. Von einem zurückliegenden Ereignis, das in der Gegenwart erinnert wird, kann man nicht sagen, dass dieses Ereignis so und so war, denn wir überformen es in der Gegenwart und erinnern dasselbe Ereignis wahrscheinlich in verschiedenen zeitlichen Abständen immer wieder in leichten Variationen. Andersherum werden im Gedächtnis gespeicherte Erfahrungen und Gedanken unser gegenwärtiges Erleben beeinflussen. Wie Du es öfter ausgedrückt hast: Wir interpretieren, was wir wahrnehmen. Die reine Wahrnehmung ist fast unmöglich, weil wir gleichzeitig immer auch etwas über das Wahrgenommene denken. Deswegen finde ich Deinen Hinweis auf die Verknüpfungswege sehr nützlich. Die einzelnen Punkte oder Klötzchen sind zwar vorhanden, aber wie sie zusammengesetzt oder verbunden werden, das genau macht die Veränderung zwischen Ereignis und späterer Erinnerung -oder auch im Träumen.

Exkurs: Ich laviere jetzt ein bißchen zwischen Traum- und Wachzustand hin und her, wenn mir zu den Verknüpfungen einfällt, dass zum Beispiel ein Unfall, bei dem man von einem roten Auto angefahren worden ist (fiktiv, ich las das Beispiel), in der Folge einen plötzlichen Schrecken auslösen kann, wenn man unvermittelt ein rotes Auto sieht. Je nachdem, wie intensiv der ursprüngliche Schock war, wie man das Ereignis „verarbeitet“ und neue Erlebnisse es überdecken, kann es aber auch sein, dass man irgendwann anfängt, bei blauen Autos denselben Schreck zu erleben. Wenn dieser Vorgang ausgeweitet wird auf irgendwann alle Autos oder rote und blaue Fahrräder usw., dann spricht man von einer „Störung“. Der Schock sitzt so tief, wie man sagt, dass immer neue Auslöser ihn aktivieren können.

Ich knüpfe nach dem auf einen Seitenweg führenden Exkurs wieder an das Gedächtnis an. Wenn wir irgendetwas als ein Ereignis erleben, eine Feier oder einen Spaziergang, ganz egal, was es ist, dann sind es ja ebenfalls keine Klötzchen, die einzeln bewußt zu einem Gegenstand wie einem Haus zusammengesteckt werden. Es ist ein Gesamteindruck, der sich gedanklich und emotional einprägt, und der vor allem auch „nur“ eine selektive Form der Wahrnehmung ist. Andere Menschen erleben die Feier womöglich völlig anders als ich. Wenn das Ereignis sich als ein Gesamteindruck eingeprägt hat, dann finde ich es plausibel anzunehmen, dass die Erinnerungen daran variieren, durch aktuelle und andere vergangene Erfahrungen neu gestaltet, d.h. neu verknüpft werden.

Ich sehe die Aufteilung in Bewusstsein und Unbewusstsein (oder Unterbewusstsein) eher als einen theoretischen Versuch, das begrifflich zu fassen, nicht als tatsächlich vorhandene Schichten. Wie beim Linnéschen System: So eine übergestülpte Kategorisierung ist hilfreich, um einigermaßen Ordnung in eine schier unübersichtliche Menge zu bringen. Aber in der Praxis hat sich immer wieder erwiesen, dass die Natur sich nicht so leicht in Kategorien zwängen lässt, dass es z. B. Übergänge gibt, die sich entziehen. Man sollte wohl auch unterscheiden zwischen einem normalen „Alltagsunterbewusstsein“ und z.B. Menschen mit einem Trauma. Bei denen hat das Unterbewusste vermutlich ein ganz anderes Gewicht. Und hier ist es vielleicht auch sinnvoll, von einem dunklen Bereich unterhalb des Bewusstseins zu sprechen.

Du hast recht, es ist nichts weiter als die Möglichkeit der begrifflichen Erfassung. Ganz genauso wie wir es mit dem „Ich“, dem „Selbst“, dem „Selbstbewußtsein“ tun. Sie sind nichts Greifbares, wir versuchen, Phänomene des Erlebens in Begriffe zu fassen, damit wir überhaupt über „etwas“ sprechen können. Ansonsten wäre wahrscheinlich alles ein Einheitsbrei. Außerdem reden wir alltagssprachlich auch über „Bewußtsein“, „sich bewußt sein“, ohne dass wir hinzufügen, welcher Bewußtseinstheorie, von der es wohl eine Menge zu geben scheint, wir folgen :-))) Genau so können wir umgangssprachlich vom „Unbewußten“, „Unterbewußten“ reden, ohne deswegen eine bestimmte Theorie vorauszusetzen. Dies ist jetzt aber das Ergebnis unseres Gesprächs. Anfangs war mir das überhaupt nicht klar.

 

Leer

Nur ein Wort zur Leere noch: Soweit ich das verstanden habe, gilt es nicht die Leere zu erreichen, sie ist ja immer schon da, sondern sie zu erkennen. (Was dann natürlich auch ein Ziel wäre, genau.) Dein Beispiel mit dem Leerraum im Atom ist auch mein Standardbeispiel, wenn ich versuche mir das vorzustellen. Manchmal heißt es, die Leere im buddhistischen Sinn sei nicht „leer“, sondern Potentialität, was mir allerdings nicht viel weiterhilft im Verstehen, höchstens im Erahnen. Besser komme ich da schon mit den Bildern aus dem Daodejing Vers 11 zurecht:

Dreißig Speichen umgeben eine Nabe:
In ihrem Nichts besteht des Wagens Werk.
Man höhlet Ton und bildet ihn zu Töpfen:
In ihrem Nichts besteht des Topfes Werk.
Man gräbt Türen und Fenster, damit die Kammer werde:
In ihrem Nichts besteht der Kammer Werk.
Darum: Was ist, dient zum Besitz.
Was nicht ist, dient zum Werk.

Mir fällt als allererstes das Wort „Möglichkeit“ ein. „Potentialität“ ist „etwas“, das zwar potentiell :-))) vorhanden ist, aber eben noch nicht umgesetzt. Oder anders gesagt, eine nicht realisierte Möglichkeit. Was hältst Du davon? Deine positive Reaktion zu meinen „aus der Lamäng“ fließenden Überlegungen ermutigt mich, einfach in diesem Stile fortzufahren.

Das zweite und dritte Beispiel, die Töpfe und die Kammern, unterscheiden sich, wie ich finde, vom ersten Beispiel. Es sind doch Räder, die das Werk, den Wagen, machen. Man hat nicht den Wagen wie den Ton oder die Kammer, den man höhlt. Das Rad, die Naben und Speichen, denen das Nichts zum Werk dient, soweit verstehe ich das Bild, den Wagen jedoch nicht.

Ich versuche mich anders durchzuarbeiten. Der Ton ist der „Besitz“, das ungeformte Material. Die Höhlung, die vielfältig verschieden sein kann, mehr oder weniger groß, rund, eckig, oval, spitz, entspräche der Möglichkeit für das zu realisierende Werk.

Nur nebenbei bemerkt, weil es mir während des Ausmalens einfällt. Wäre alles, was ist, aus Ton, dann gäbe es keine Bewegung, Bewegung wäre unmöglich. Hohlräume sind die Voraussetzung dafür, dass es „Werke“ gibt.

Wir sind ja drauf gekommen über das Herz-Sutra, dass es weder Alter noch Tod noch Überwindung noch einen Weg gäbe. Wie bringt man denn das nun mit dem Daedejing-Vers zusammen? Ein Mensch entspricht dem Besitz; die Möglichkeiten, das Nichts, machen das Werk, die Person. Wenn ich den Vers gedanklich zu erfassen suche, dann entzieht sich mir der entscheidende Punkt, die Erkenntnis? immer wieder. Verrückt irgendwie, in dem Moment, in dem ich be-ergreifen will, entzieht sich der Gedanke :-).

Ich betrachte nun einfach die Nabe, die Speichen, das Rad -und sehe mehr Leere als Besitz. Das ist ein angenehmes Bild. Viel Luft, in der alles möglich ist und nichts realisiert werden muß.

Und zum Schluß, jetzt, kurz vor dem Abschicken meines Briefe, fällt mir ein, dass man den Hinweis, es gäbe keinen Weg auch gut auf den Daedejing Vers anwenden kann. Man versucht, die Bilder gedanklich zu durchdringen, sie einfach nur zu betrachten, man versucht, sie aufs Ganze, d.h. die Welt, den Kosmos zu übertragen, auf jeden einzelnen Menschen … das alles sind Versuchs-Wege, es ist ein Umkreisen der Bilder - und man scheitert :-) Wobei dieses Scheitern schon fast ein erfolgreiches Scheitern ist.

F.

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Brief 232 | Leere

Liebe F.,

ich habe diesmal viel zitiert und wenig selbst geschrieben, weil ich deine Gedanken alle so klug und das Thema erschöpfend fand, dass ich das Gefühl hatte, mehr gäbe es dazu gar nicht zu sagen.

Träumerisches

Ich danke Dir sehr für Deinen Hinweis, denn ich hatte wirklich völlig übersehen, dass ich ganz alleine der psychoanalytischen Erklärung, für die Freud mit seiner Entdeckung oder Erfindung des „Unbewußten“ sicher den Grundstein gelegt hat, folge. Es ist mir entgangen. Und damit verändert sich meine Ansicht nun erheblich. Alleine der Begriff des Unbewußten steht für mich jetzt zur Disposition. Deine Formulierung und Erklärung, der Geist arbeite während des Schlafens weiter, nur unkontrollierter als im Wachzustand, empfinde ich als angenehm, weil sie dem Träumen das Mysteriöse und Geheimnisvolle entzieht. Überhaupt die Vorstellung, unserem Bewußtsein entzögen sich hochbedeutsame Ereignisse und unsere Reaktionen darauf, indem sie in einem Kästchen mit dem Namen „Unbewußtes“ oder „Unterbewußtes“ schlummern, finde ich irgendwie leicht bedrohlich. „Kreative“ Bearbeitung der Wacherlebnisse gefällt mir ausgezeichnet. Deswegen versteht der Verstand Vieles von dem nicht, was man träumt; wenn man neugierig ist, kann man zu entschlüsseln beginnen, mir hingegen genügt es meistens zu denken, mein Geist würde „aufräumen“. Ich möchte nur manchmal genauer wissen, was alles er aufgeräumt hat.

[…]

Beachtenswert finde ich die Wirkung des Träumens -falls man bewußt, wissend träumt-. In welchem Lichte der erlebte Traum uns die Realität erscheinen läßt, in die wir aus dem Traum erwachen. Manchmal bin ich aufgewacht und habe mit einem Seufzer der Erleichterung gemerkt, dass die meist erfolglose und langwierige Suche nach „irgendetwas“ nur ein Traum war. Die Suche hat sich glücklicherweise erledigt :-). Manchmal ist es umgekehrt, und etwas sehr Angenehmes, das ich im Traum fühlte oder fühle, erweist sich als „geträumt“, in der Realität nicht auffindbar.

Ich denke, du träumst (fast) nie? :-))) Was sich jetzt für mich so anhört, als wenn diese kategorische Behauptung eher darauf zurückzuführen ist, dass du (jedenfalls auf diese freudianische Weise) nicht träumen willst … :-)

Ja, man kann das Konzept des Unbewussten zur Disposition stellen, und als mir das das erste Mal klar wurde, fand ich das auch recht befreiend. Aber man muss das Kind ja nicht gleich mit dem Bade ausschütten. Es gibt ja wirklich Dinge, die aus dem Bewusstsein verschwinden, aber irgendwann auch wieder auftauchen können, die also irgendwo gespeichert gewesen sein müssen. Ich stelle mir Erinnerungen allerdings nicht wie Bauklötze vor, die in einer Schachtel liegen und genau so, wie sie einmal waren, herausgeholt und wieder zurückgelegt werden können. Ich stelle mir eher vor, dass durch irgendeinen Auslöser alte, aber schon länger nicht mehr benutzte Verknüpfungswege reaktiviert werden.

Ich sehe die Aufteilung in Bewusstsein und Unbewusstsein (oder Unterbewusstsein) eher als einen theoretischen Versuch, das begrifflich zu fassen, nicht als tatsächlich vorhandene Schichten. Wie beim Linnéschen System: So eine übergestülpte Kategorisierung ist hilfreich, um einigermaßen Ordnung in eine schier unübersichtliche Menge zu bringen. Aber in der Praxis hat sich immer wieder erwiesen, dass die Natur sich nicht so leicht in Kategorien zwängen lässt, dass es z. B. Übergänge gibt, die sich entziehen.

Man sollte wohl auch unterscheiden zwischen einem normalen „Alltagsunterbewusstsein“ und z.B. Menschen mit einem Trauma. Bei denen hat das Unterbewusste vermutlich ein ganz anderes Gewicht. Und hier ist es vielleicht auch sinnvoll, von einem dunklen Bereich unterhalb des Bewusstseins zu sprechen.

 

Es gibt nichts zu erreichen

Ich habe auf einmal, während des Lesens, einen anderen Gedanken. Lebendig sein, also schlicht am Leben sein, bedeutet Bewegung. Alleine die Körperfunktionen bestehen aus ununterbrochenen Tätigkeiten. In Verbindung mit dem Träumen hast Du auf die nie stillstehende Geistestätigkeit hingewiesen. Mit der Geistestätigkeit meine ich die Gedanken, die selbst im Schlaf noch produziert werden. Mit anderen Worten, wir können gar nicht anders als uns bewegen. Es gibt unsererseits nichts zu entscheiden, weil es unmöglich ist, sich nicht zu bewegen :-). Mir gefällt dieser Gedanke deswegen, weil er für mich die Botschaft enthält, dass ich überhaupt nichts zu tun brauche. Ob ich es will oder nicht, ich befinde mich ständig in Bewegung. Auch wenn man die Unvollkommenheit akzeptiert, kann man -eigentlich- nicht in einen Stillstand kommen. Nicht theoretisch, sondern lebenspraktisch gedacht: Akzeptiere ich meine und der Welt Unvollkommenheit, dann werde ich höchstwahrscheinlich doch, weil Nicht-Bewegung ausgeschlossen ist, kleine Schritte tun, in denen ich mich in die Richtung bewege, die ich für die geeignete halte, um mein Leben zu verbessern. Egal, was es ist. Was wegfällt, das sind die großen Schritte, die allerdings meistens gar nicht getan werden, weil man sie lediglich im Kopf hat, und sie nicht dem entsprechen, was zu tun man gerade zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Lage ist.

Das hört sich sehr nach Wuwei an!

 

Leer

Es hat eine Weile gedauert, bis ich begriffen habe, dass „Überwindung“ in der Buddhalehre ein Ziel ist und somit auch etwas, nämlich das Ziel erreicht werden soll. Nun würde ich dem Herzsutra einwenden, dass es eben die Leerheit zu erreichen gilt, weil die Leerheit nicht von sich aus anwesend ist. Was ist „Leerheit“? Eben vergleiche ich meinen Kopf mit dem Zustand meiner Wohnung, meines Laptops und auch meines Handys :-). Ich finde zwar, dass mein Kopf, mein Gehirn ähnlich leer sind wie die Dinge, die mich umgeben, nur gibt es immer noch eine große Menge von sie Füllendem. Vielleicht im Unterschied zu anderen vergleichsweise leer, aber dennoch immer noch voll genug. Von Leere kann daher nicht die Rede sein. Das ist gewiß auch nicht gemeint :-). Was aber dann? Sie scheint nicht automatisch anwesend zu sein, zumindest ist sie uns nicht bewußt. Wenn ich sagen würde, die Leerheit sei zu erkennen, dann wäre die Erkenntnis lediglich auf eine Stufe unter oder vor die Leere gesetzt. Damit käme sie wieder dem Anstreben und Erreichen eines Zieles gleich.

[...]

Neulich habe ich gelernt, dass sich noch zwischen den kleinsten Teilchen, den Quarks und den Spins, Vakuen befinden, d.h. Leerräume und so könnte ich mir vorstellen, daß man nicht auf das, was zwischen den Leerräumen ist, sieht. Man ist vielmehr auf die Leerräume aufmerksam. Gut, möglicherweise habe ich in dieser Hinsicht auch ein zu naives, plastisches Bild vor Augen. Und natürlich weiß ich auch nicht, ob die „Leerheit“, von der im Herzsutra gesprochen wird, dem entspricht, was ich mir unter „Leere“ vorstelle. Nämlich reinweg „nichts“.

Vermutlich zeigen die Schwierigkeiten, sich eine oder die „Leere“ vorstellen zu können, buchstäblich „vor sich hinzustellen“, worum es geht. Es gehört zu diesem Wort dazu, keine Anschauung davon zu haben, nichts mit ihm verbinden zu können, denn sonst wäre die „Leerheit“ schon wieder „etwas“.

Was Du mit Deinen letzten Sätzen über das Leiden hast sagen wollen, ist mir nicht klar. Ich möchte sie aber aufgreifen, weil mir dazu einfällt, dass es sich beim Herz-Sutra als einem der Texte, der die wesentlichen Elemente des Buddhismus kurz und prägnant verdichtet, um ein großes metaphysisches Konzept handelt, das, wie ich meine, unter anderem auch deswegen von Menschen entworfen und entwickelt worden ist, weil die Frage nach den Ursachen, den Gründen und der Überwindung des Leidens eine der grundlegenden existentiellen Fragen ist. Ich sehe in dieser Hinsicht, was die Motivation betrifft, keinen Unterschied zu religiösen Konzepten. Es sind die Versuche der Menschen, die Wirklichkeit zu verstehen und ihren Platz in der Welt zu ergründen. Und dazu gehört das Problem des Leidens. Auch im Herz-Sutra ist, obwohl in Abgrenzung und Überschreitung der Buddhalehre doch von „Alter“ und „Tod“, von „Leiden“ die Rede, nicht davon, es gäbe kein „Glück“. Den Ausgangspunkt bildet die menschliche Frage nach dem Leiden, wozu meiner Meinung nach auch die Unfaßbarkeit des Todes gehört. Das Paradox, an dem ich mich gerne abarbeiten würde, ist die Aussage, es gäbe in der Leerheit kein Erkennen, denn was ist dies anderes als eine Erkenntnis! :-) „Herauskommen aus diesen Schleifen“, das kann ich sehr gut nachvollziehen und dieses Paradox, das für sich genommen auch in eine Schleife, einen unendlichen Regreß mündet, an dieser Stelle einfach stehenzulassen, ohne weiter zu denken, ja, das kommt mir vor wie ein Bewegen im Nicht-Bewegen … um nochmal auf den möglichen Stillstand zurückzukommen.

Wow. Du hast diese komplexe Angelegenheit so unglaublich gut in Worte gefasst, ich weiß gar nicht, was ich jetzt dazu noch schreiben könnte. Statt die Paradoxien aufzulösen, bist du nur immer tiefer in sie hineingegangen, wie man es schöner kaum machen kann.

Nur ein Wort zur Leere noch: Soweit ich das verstanden habe, gilt es nicht die Leere zu erreichen, sie ist ja immer schon da, sondern sie zu erkennen. (Was dann natürlich auch ein Ziel wäre, genau.) Dein Beispiel mit dem Leerraum im Atom ist auch mein Standardbeispiel, wenn ich versuche mir das vorzustellen. Manchmal heißt es, die Leere im buddhistischen Sinn sei nicht „leer“, sondern Potentialität, was mir allerdings nicht viel weiterhilft im Verstehen, höchstens im Erahnen. Besser komme ich da schon mit den Bildern aus dem Daodejing Vers 11 zurecht:

Dreißig Speichen umgeben eine Nabe:
In ihrem Nichts besteht des Wagens Werk.
Man höhlet Ton und bildet ihn zu Töpfen:
In ihrem Nichts besteht des Topfes Werk.
Man gräbt Türen und Fenster, damit die Kammer werde:
In ihrem Nichts besteht der Kammer Werk.
Darum: Was ist, dient zum Besitz.
Was nicht ist, dient zum Werk.

B.

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Brief 231 | Der Spaß am Paradox

Liebe B.,

Träumerisches

Ist das immer noch die aktuelle Erklärung fürs Träumen? Dass es da um Abgründe des Unterbewussten geht? Ich habe mich nicht sehr intensiv mit Träumen beschäftigt, aber ich meine, in den letzten Jahren hätte ich auch einige profanere Erklärungen gelesen. Demnach setzt der Geist im Schlaf nicht einfach aus, sondern arbeitet weiter, aber unkontrollierter, deshalb wird das, was da im Laufe des Tages an Erlebnissen zusammengekommen ist, „kreativ“ zusammengewürfelt, in Kombination mit Erinnerungen, alten oder neuen Problemen, bestimmt auch Dingen aus dem Unterbewusstsein. Eine Art Aufräumaktion des Geistes, so wie sich ja auch der Körper im Schlaf regeneriert.

[…] dass wir aus diesen Träumen auch etwas über unser „Unterbewusstsein“ (was immer das ist) erfahren können. Probleme, mit denen wir uns am Tage intensiv beschäftigen oder die uns belasten, spielen halt auch im Schlaf weiter eine Rolle und tauchen in den Träumen auf. Und wenn wir uns dann im Wachen mit dem Traum beschäftigen, wird uns vielleicht zum ersten Mal bewusst, dass uns ein bestimmtes Thema immer wieder und wieder beschäftigt. Aber nicht jeder Traum muss ein tiefes psychologisches Problem behandeln.

Ich danke Dir sehr für Deinen Hinweis, denn ich hatte wirklich völlig übersehen, dass ich ganz alleine der psychoanalytischen Erklärung, für die Freud mit seiner Entdeckung oder Erfindung des „Unbewußten“ sicher den Grundstein gelegt hat, folge. Es ist mir entgangen. Und damit verändert sich meine Ansicht nun erheblich. Alleine der Begriff des Unbewußten steht für mich jetzt zur Disposition. Deine Formulierung und Erklärung, der Geist arbeite während des Schlafens weiter, nur unkontrollierter als im Wachzustand, empfinde ich als angenehm, weil sie dem Träumen das Mysteriöse und Geheimnisvolle entzieht. Überhaupt die Vorstellung, unserem Bewußtsein entzögen sich hochbedeutsame Ereignisse und unsere Reaktionen darauf, indem sie in einem Kästchen mit dem Namen „Unbewußtes“ oder „Unterbewußtes“ schlummern, finde ich irgendwie leicht bedrohlich. „Kreative“ Bearbeitung der Wacherlebnisse gefällt mir ausgezeichnet. Deswegen versteht der Verstand Vieles von dem nicht, was man träumt; wenn man neugierig ist, kann man zu entschlüsseln beginnen, mir hingegen genügt es meistens zu denken, mein Geist würde „aufräumen“. Ich möchte nur manchmal genauer wissen, was alles er aufgeräumt hat.

Man könnte anstatt „Unbewußtes“ oder „Unterbewußtes“, was für mich nahelegt, an eine Instanz im Menschen zu denken, auch einfach an all das denken, was das Gehirn gespeichert hat (ganz nebenbei weiß ich gar nicht, ob wirklich alles im Gehirn gespeichert wird, oder ob nicht Manches oder Vieles sogar irgendwann wieder gelöscht wird). Viele der Informationen, die man während des Wachseins nicht abrufen kann, weil man sie vergessen hat, können jedoch während des Träumens auftauchen. Und falls man sich nach dem Erwachen an den Traum erinnert, werden anscheinend vergessene Informationen wieder erinnerbar.

Beachtenswert finde ich die Wirkung des Träumens -falls man bewußt, wissend träumt-. In welchem Lichte der erlebte Traum uns die Realität erscheinen läßt, in die wir aus dem Traum erwachen. Manchmal bin ich aufgewacht und habe mit einem Seufzer der Erleichterung gemerkt, dass die meist erfolglose und langwierige Suche nach „irgendetwas“ nur ein Traum war. Die Suche hat sich glücklicherweise erledigt :-). Manchmal ist es umgekehrt, und etwas sehr Angenehmes, das ich im Traum fühlte oder fühle, erweist sich als „geträumt“, in der Realität nicht auffindbar.

 

Ferne

Ich habe Mühe, in dieser Geschichte die Komik zu erkennen. Das liegt wohl daran, dass sie in mir die Erinnerung an die letzten zwei Tage im Leben meines Mannes wachruft, als er nur noch den einen Gedanken hatte, dass er sterben wollte (weil die Operation missglückt war und er Angst hatte, für den Rest seines Lebens ein Pflegefall zu sein), und geradezu panisch war, dass ich oder die Ärzte ihm das verwehren könnten. Erst Wochen nach seinem Tod ist mir aufgegangen, dass er in diesen zwei Tagen komplett auf sich selbst fixiert gewesen war, er hat mit keinem Wort, keiner Geste zu erkennen gegeben, ob er sich auch Gedanken darüber machte, wie das alles wohl für mich gerade ist. Die Wochen davor hatten wir alles gemeinsam durchgestanden, aber jetzt war da eine riesige Distanz zwischen uns. Das zu erkennen hat anfangs ziemlich wehgetan. Ich habe mir das dann damit erklärt, dass es für ihn schwer genug gewesen sein muss so zu sterben, da war für mich kein Platz, das hätte ihn überfordert, sich in dieser Situation auch noch um mich zu kümmern.

So deutlich und klar hast Du noch niemals geschrieben, was genau Dich in dieser Situation geschmerzt hat. Wahrscheinlich liegt es einfach daran, dass man, solange man noch stark in ein Geschehen involviert ist, selber gar nicht kurz und bündig sagen kann, was der Kern der Sache ist, die zuerst wie an vielen Rändern ausgefranst ist. Jetzt, da Du es rückblickend so deutlich schreibst, ist mir klar, dass Du Dich von Deinem Mann alleine gelassen gefühlt hast, im Stich gelassen, weil er anscheinend das „wir“ aufgegeben hatte. Er hat sich so verhalten, als gäbe es dieses „wir“ nicht mehr für ihn.

Achnein, wieso nehme ich mich aus?! Ebensogut ist es möglich, dass ich die Situation damals und wie Du sie erlebt hattest, einfach nicht richtig erfaßt habe.

 

Es gibt nichts zu erreichen

Umarmen wir also unsere Unvollkommenheit, unseren Frust darüber, unser Streben und Nie-Erreichen, denn das heißt, dass wir lebendig sind! :-) Denn das scheint mir eine dieser unauflösbaren Paradoxien zu sein: Die Unvollkommenheit zu akzeptieren und sie gleichzeitig beseitigen zu wollen. Wenn man sich nur mit der Akzeptanz der Unvollkommenheit begnügt, gerät man ja wieder in einen Stillstand. Was nicht heißen soll, dass es um Bewegung um jeden Preis geht. Sie ist ja kein Selbstzweck – oder doch …?

Ich habe auf einmal, während des Lesens, einen anderen Gedanken. Lebendig sein, also schlicht am Leben sein, bedeutet Bewegung. Alleine die Körperfunktionen bestehen aus ununterbrochenen Tätigkeiten. In Verbindung mit dem Träumen hast Du auf die nie stillstehende Geistestätigkeit hingewiesen. Mit der Geistestätigkeit meine ich die Gedanken, die selbst im Schlaf noch produziert werden. Mit anderen Worten, wir können gar nicht anders als uns bewegen. Es gibt unsererseits nichts zu entscheiden, weil es unmöglich ist, sich nicht zu bewegen :-). Mir gefällt dieser Gedanke deswegen, weil er für mich die Botschaft enthält, dass ich überhaupt nichts zu tun brauche. Ob ich es will oder nicht, ich befinde mich ständig in Bewegung. Auch wenn man die Unvollkommenheit akzeptiert, kann man -eigentlich- nicht in einen Stillstand kommen. Nicht theoretisch, sondern lebenspraktisch gedacht: Akzeptiere ich meine und der Welt Unvollkommenheit, dann werde ich höchstwahrscheinlich doch, weil Nicht-Bewegung ausgeschlossen ist, kleine Schritte tun, in denen ich mich in die Richtung bewege, die ich für die geeignete halte, um mein Leben zu verbessern. Egal, was es ist. Was wegfällt, das sind die großen Schritte, die allerdings meistens gar nicht getan werden, weil man sie lediglich im Kopf hat, und sie nicht dem entsprechen, was zu tun man gerade zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Lage ist.

Ist „Bewegung“ also ein Selbstzweck? Wenn am Leben zu sein gleichbedeutend ist mit „in Bewegung sein“, dann würde ich Deine Überlegung mit „ja“ beantworten. Nimmt man den Ausdruck allerdings genau, dann scheint er mir sinnfrei. „Zweck in sich selbst“ oder „Zweck zu sich selbst“, da löst sich die Bedeutung des Wortes eigentlich auf :-)

 

Das ist für mich im Moment der Kern meiner Meditationspraxis: Wenigstens einmal am Tag herauszukommen aus solchen Schleifen, aus dem Müssen, dem Wollen, dem Streben. Einmal am Tag einfach da-sein. Im Herzsutra gibt es einen Satz, der mich schon eine ganze Weile beschäftigt: „Es gibt nichts zu erreichen.“ Er steht am Ende einer ganzen Reihe von Paradoxien: „In der Leerheit gibt es weder Alter und Tod noch die Überwindung von Alter und Tod; 
kein Leiden, keine Ursache, kein Ende des Leidens und auch 
keinen Weg, der zum Ende des Leidens führt. 
In der Leerheit ist kein Erkennen und kein Erreichen, 
weil es da nichts zu erreichen gibt.“ Das heißt, im Herzsutra, einem der meistzitierten buddhistischen Texte, wird die Grundlehre des Buddha (alles Leben ist Leiden, es gibt einen Weg zur Überwindung des Leidens etc.) praktisch ausgehebelt. Was bleibt dann noch, wenn man sich an überhaupt nichts mehr halten kann? Nur der Moment. Das, was gerade hier und jetzt zu tun ist, ohne sich um irgendwelche Theorien zu kümmern. Es gibt kein Leiden und doch sehe ich Leute leiden, im Großen und im Kleinen. Da ist es völlig egal, ob das nun ein Paradox ist oder nicht.

Es hat eine Weile gedauert, bis ich begriffen habe, dass „Überwindung“ in der Buddhalehre ein Ziel ist und somit auch etwas, nämlich das Ziel erreicht werden soll. Nun würde ich dem Herzsutra einwenden, dass es eben die Leerheit zu erreichen gilt, weil die Leerheit nicht von sich aus anwesend ist. Was ist „Leerheit“? Eben vergleiche ich meinen Kopf mit dem Zustand meiner Wohnung, meines Laptops und auch meines Handys :-). Ich finde zwar, dass mein Kopf, mein Gehirn ähnlich leer sind wie die Dinge, die mich umgeben, nur gibt es immer noch eine große Menge von sie Füllendem. Vielleicht im Unterschied zu anderen vergleichsweise leer, aber dennoch immer noch voll genug. Von Leere kann daher nicht die Rede sein. Das ist gewiß auch nicht gemeint :-). Was aber dann? Sie scheint nicht automatisch anwesend zu sein, zumindest ist sie uns nicht bewußt. Wenn ich sagen würde, die Leerheit sei zu erkennen, dann wäre die Erkenntnis lediglich auf eine Stufe unter oder vor die Leere gesetzt. Damit käme sie wieder dem Anstreben und Erreichen eines Zieles gleich.

Ich stelle sie mir wie ein Kipp-Bild vor. Es ist ein Bild, das ich sehe, den Hasen zum Beispiel. Ich erkenne den Hasen und bin ohne Zweifel, ihn zu sehen. Wenn man nun aber den Blick verändert … nein, der Blick bleibt unverändert, nur sieht man jetzt plötzlich die Konturen anders. Das, was die Konturen des Hasen waren, rückt in den Hintergrund und die flächigen Anteile bilden die neuen Konturen. Jetzt erkenne ich das Gesicht einer alten Frau. Mit den anderen Konturen ist ein neues Bild entstanden.

Mir fällt noch Besseres zum Vergleich ein. Neulich habe ich gelernt, dass sich noch zwischen den kleinsten Teilchen, den Quarks und den Spins, Vakuen befinden, d.h. Leerräume und so könnte ich mir vorstellen, daß man nicht auf das, was zwischen den Leerräumen ist, sieht. Man ist vielmehr auf die Leerräume aufmerksam. Gut, möglicherweise habe ich in dieser Hinsicht auch ein zu naives, plastisches Bild vor Augen. Und natürlich weiß ich auch nicht, ob die „Leerheit“, von der im Herzsutra gesprochen wird, dem entspricht, was ich mir unter „Leere“ vorstelle. Nämlich reinweg „nichts“.

Vermutlich zeigen die Schwierigkeiten, sich eine oder die „Leere“ vorstellen zu können, buchstäblich „vor sich hinzustellen“, worum es geht. Es gehört zu diesem Wort dazu, keine Anschauung davon zu haben, nichts mit ihm verbinden zu können, denn sonst wäre die „Leerheit“ schon wieder „etwas“.

Was Du mit Deinen letzten Sätzen über das Leiden hast sagen wollen, ist mir nicht klar. Ich möchte sie aber aufgreifen, weil mir dazu einfällt, dass es sich beim Herz-Sutra als einem der Texte, der die wesentlichen Elemente des Buddhismus kurz und prägnant verdichtet, um ein großes metaphysisches Konzept handelt, das, wie ich meine, unter anderem auch deswegen von Menschen entworfen und entwickelt worden ist, weil die Frage nach den Ursachen, den Gründen und der Überwindung des Leidens eine der grundlegenden existentiellen Fragen ist. Ich sehe in dieser Hinsicht, was die Motivation betrifft, keinen Unterschied zu religiösen Konzepten. Es sind die Versuche der Menschen, die Wirklichkeit zu verstehen und ihren Platz in der Welt zu ergründen. Und dazu gehört das Problem des Leidens. Auch im Herz-Sutra ist, obwohl in Abgrenzung und Überschreitung der Buddhalehre doch von „Alter“ und „Tod“, von „Leiden“ die Rede, nicht davon, es gäbe kein „Glück“. Den Ausgangspunkt bildet die menschliche Frage nach dem Leiden, wozu meiner Meinung nach auch die Unfaßbarkeit des Todes gehört. Das Paradox, an dem ich mich gerne abarbeiten würde, ist die Aussage, es gäbe in der Leerheit kein Erkennen, denn was ist dies anderes als eine Erkenntnis! :-) „Herauskommen aus diesen Schleifen“, das kann ich sehr gut nachvollziehen und dieses Paradox, das für sich genommen auch in eine Schleife, einen unendlichen Regreß mündet, an dieser Stelle einfach stehenzulassen, ohne weiter zu denken, ja, das kommt mir vor wie ein Bewegen im Nicht-Bewegen … um nochmal auf den möglichen Stillstand zurückzukommen.

F.

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