Brief 227 | Normalfall Störung
Liebe B.,
Kann ich mir das so vorstellen, dass du sozusagen Einzelbilder erinnerst, aber keine Zusammenhänge? Insofern passt das „fotografisch“ doch sehr gut. (Ich finde es spannend, wie Erinnerung funktioniert.)
O, Du hast erkannt, was ich nicht sah. Ja, die „Einzelbilder erinnern“ trifft meine Gedächtnisleistung exakt! Nur als Beispiel: Vereinbare ich an einem Tag 3 Termine bei verschiedenen Ärzten, dann schreibe ich sie in der Regel gar nicht auf. Ich weiß sie, Tag und Stunde … bis ich sie erledigt habe.
„Frag Dr. Sommer“
Trotzdem würde ich sagen, dass das Alter hierfür nicht die entscheidende Rolle spielt. Es ist in jedem Lebensalter nicht so einfach einen Partner, eine Partnerin zu finden. Das hängt mehr damit zusammen, ob man unter Leute geht oder nicht. Als Jugendliche habe ich auch gedacht, ich werde nie einen Freund haben, weil ich als Introvertierte nirgendwohin ging, in keine Disco, zu keinen Freizeittreffs etc. Zu Hause findet einen halt niemand. Das ist der eine Punkt. Der andere ist, dass es ja nicht nur die älter werdenden Frauen gibt, sondern auch die älter werdenden Männer, d.h. rein statistisch gesehen gibt es auch in unserem Alter immer noch genauso viele Männer als potentielle Partner wie in jeder anderen Lebensphase. (Na ja, nicht ganz, weil Männer eine geringere Lebenserwartung haben.) Und viele von ihnen sehnen sich genau so nach Liebe wie du. Das ist keine Frage des Alters. – So, das war jetzt aus der Rubrik „Frag Dr. Sommer“. :-)
Verehrte Frau Dr. Sommer, es schien mir nicht unriskant, Ihnen meine ärgsten Befürchtungen, die sich kumuliert hatten, mitzuteilen, denn Sie hätten sie mir bestätigen können. Das haben Sie nicht getan, und dafür möchte ich mich herzlich bedanken. Es gibt Wahrscheinlichkeiten, Statistiken und allgemeine gesellschaftliche Bilder, die zusammengenommen meine düsteren Zukunftsgedanken ausmachen. Und daneben gibt es die Unberechenbarkeiten, die Nichtvorhersehbarkeiten und mich, die sich nicht beirren lassen möchte. Der Stand der Dinge ist allerdings der, dass ich zwischen dem düsteren Zukunftsbild und dem Bild des Erwartens von Besserem häufig hin- und herwechsle.
(Ich weiß gar nicht, ob es die Rubriken, die es in jeder illustrierten Zeitschrift gab, überhaupt noch gibt. Illustrierte lese ich allenfalls, wenn ich im Wartezimmer einer Praxis sitze und sie dort ausliegen. Ich weiß noch nicht einmal, ob es diese Sorte von Zeitschriften auch online zu lesen gibt. Aber als junges Mädchen, als meine Großmutter noch lebte und diese Zeitschriften regelmäßig mitbrachte, habe ich die Rubriken immer interessiert gelesen).
Ui – gleich 20 Jahre! :-))) Das ginge aber nur, wenn du auch 20 Jahre jünger bist. Ansonsten wäre die Diskrepanz zwischen Innen und Außen schon arg unschön. Mir werden auf Youtube in letzter Zeit dauernd Filmchen mit Stars angeboten „Früher – heute“ und einige davon habe ich mir angeguckt (wodurch der Algorithmus mir natürlich noch mehr anzeigt :-)). Und alle Leute, die nicht auch äußerlich sichtbar gealtert sind, sehen schrecklich aus. Nicht nur wegen der Verzerrung durch OPs, sondern weil sie irgendwie nicht „echt“ aussehen. Es ist für mich immer eine Wohltat, zwischen diesen alterslosen Leuten ab und zu auch mal einen „richtigen Menschen“ zu sehen. Die sind so schön!
Wie seltsam! Die Häufung wegen der Algorithmen ist eine Sache, aber wie ist es überhaupt zu der Annahme gekommen, Du könntest an „früher-heute“ Bildern interessiert sein?! Bei you tube bin ich selten, rechts und unten auf der Seite sehe ich sehr viel von mir nicht Erbetenes, aber ich klicke das niemals an. Ich empfinde mich selber als irgendwie gespalten: Auf der einen Seite bin ich ausgesprochen konsequent, d.h. ich lehne ab und zwar immer und beharrend; auf der anderen Seite ist meine „Blase“, in der ich mich bewege, dadurch auch wirklich sehr klein :-))). Mit dem, was ich nicht sehen, hören, wissen möchte, werde ich auch nicht konfrontiert. Wird meine Welt dadurch kleiner, enger? Hach, wenn ich’s näher bedenke, dann blende ich alles „Unschöne“ aus. Am Schönen bin ich durchaus interessiert.
Normalfall Störung
Ja, schert jemand aus, gibt’s eine Störung. Aber nach meiner wie gesagt laienhaften Vorstellung ist das eher der Normalfall als die Ausnahme. Keines der Teile in einem System arbeitet perfekt. Aber ein gutes System zeichnet sich dadurch aus, dass es all die vielen kleinen Störungen tolerieren oder ausgleichen kann, dadurch wird es robust und wenig anfällig. Wäre das System darauf ausgelegt, dass wirklich alles perfekt wie am Schnürchen läuft, dann wäre die geringste Abweichung eine Katastrophe und würde alles zusammenbrechen lassen.
Mein Lieblingsbeispiel hierfür ist das von der Gepäckförderanlage auf einem Flughafen. (Ich habe das vage Gefühl, dass ich davon schon mal erzählt habe.) Es ist Ewigkeiten her, dass ich davon gelesen habe, aber es hat mich sehr beeindruckt. Dabei ging es zwar um Redundanz, aber es passt auch in diesem Zusammenhang. Man hatte eine Reihe von Fachleuten darauf angesetzt die Gepäckförderanlage zu überarbeiten, mit dem Ziel, alles so ökonomisch und sparsam und zeitsparend wie möglich zu machen. Möglichst kurze Wege, keine überflüssigen Schleifen und Kreuzungen etc. Die Laufbandlänge konnte wirklich erheblich reduziert werden und alles klappte anfangs wunderbar, schnell und effizient. Bis zum ersten umgekippten Koffer, der irgendwas blockierte. Da ging plötzlich gar nichts mehr. Es gab keinen Plan B, keine Ausweichmöglichkeiten für Umleitungen, keine breiteren Durchlässe, um die übrigen Koffer an der blockierten Stelle vorbeilaufen zu lassen … Es gab nur diesen einen Lösungsweg, und das ganze System hing davon ab, dass dieser eine Weg funktionierte.
Nein, Du hast von diesem Beispiel noch niemals erzählt. Naja, ich erinnere es jedenfalls nicht :-).
Ich gehe davon aus, dass auch autopoietische Systeme (um noch einen schlauen Begriff zu bringen) fehlertolerant sind. Beziehungsweise dass Abweichungen gar nicht als Fehler gesehen werden, sondern als kreative Handlungsmöglichkeiten, die die Weiterentwicklung des Systems fördern. Gäbe es diese Abweichungen nicht, sondern liefe alles immer so, wie es einmal „programmiert“ worden ist, würde sich das System nie verändern.
Es ist fatal, so fatal :-), aber ich habe vor einiger Zeit einen Begriff für die Einplanung von Fehlern in einem System gelesen. Am Ende weiter dazu.
Auf einer einfachen Ebene denke ich zum Beispiel an einen Not-Akku in einer zentralen Heizungsanlage, der im Notfall, wenn der Strom ausfällt, die Heizung für eine geraume Zeit in Betrieb hält. Sodaß, falls es hohe Minusgrade hat, die Rohre nicht einfrieren. Oder noch simpler, die Taschenlampe, die man ersatzweise irgendwo griffbereit liegen hat, wenn der Strom in der Wohnung ausfällt. Jeder Fallschirm, glaube ich, trägt einen weiteren kleineren Fallschirm mit sich, falls sich der große Fallschirm einmal aus irgendwelchen Gründen nicht öffnet. Andersherum die Abschaltung eines Betriebssystems, die Sicherung, die den Stromkreis unterbricht, damit es nicht zu einem Kabelbrand und Brand kommt. Evtl. gehört auch das Abschalten eines Computers, wenn die Festplatte defekt ist, zu dem Mechanismus, größeren Schaden zu verhindern, indem das ganze System ausgeschaltet wird. Beim menschlichen Körper sind Schmerzen vielleicht dem Aufleuchten der Warnleuchte im Auto vergleichbar, wenn der Benzinvorrat sich langsam dem Ende zuneigt. Man rechnet also mit Störungen im normalen Ablauf und trägt Sorge, dass Störungen so wenig Schaden wie möglich anrichten können oder dass der normale Ablauf einigermaßen ungestört weiter funktioniert.
Vielleicht auf den Autobahnen die Standspur, weil Störungen eingeplant werden, oder die Ampelphasen, bei denen es kurze Pausen zwischen den Richtungswechseln gibt, falls jemand -Auto oder Fußgänger- noch irrtümlich unterwegs ist. Aber handelt es sich hier überhaupt um Systeme? Den menschlichen Körper würde ich für ein System ansehen. Dringen Bakterien in den Körper ein, die das Gewebe, egal an welcher Stelle, angreifen und entzünden, dann bilden sich Leukozyten, die die Funktion haben, sich die Bakterien einzuverleiben, sodaß sie nicht mehr wirken können. Das scheint schon gut organisiert, nur gelingt es den weißen Blutkörperchen nicht immer, die Bakterien zu beseitigen. Im schlimmsten Fall stirbt der menschliche Organismus.
Die ganze Woche habe ich mit dem Zusammentragen von möglichen Beispielen verbracht, aber sie fügen sich allesamt nicht ein in das, was Du „im Auge“ hattest. Mir fällt zu den grob arbeitenden Systemen, in denen kleinere Störungen ausgeglichen werden, dem schönen Gepäckförderungsbeispiel, einfach nichts Entsprechendes ein. Und außerdem hat dies alles leider auch nichts mit der Einkalkulierung von Störungen in einem System zu tun, wofür ich den Begriff las. Da geht es nämlich in Richtung der KI, d.h. ein System wird so programmiert, dass es Fehler eigenständig und somit kreativ beheben kann.
Das wiederum bringt mich zu dem Gedanken, dass vieles von dem, was wir so denken, sich auf einen (menschheitsgeschichtlich oder allgeschichtlich) extrem kurzen Zeitraum bezieht, wir aber schnell dabei sind, daraus allgemeingültige Regeln abzuleiten.
Bei dem Bierflaschenbeispiel hätte es sicher schon gereicht, die Versuchszeit um ein Jahr oder so zu verlängern. Es war bei der Beschreibung nämlich deutlich herauszulesen, dass ein „jetzt“ gemeint war, d.h. es war tatsächlich extrem kurzzeitig gedacht.
Ziellos
Mir fällt aber – wenn wir schon bei den Gedankensprüngen sind :-) – ein Gespräch ein, das ich vor ein paar Tagen mit meiner Tochter hatte, in dem es um Lebensziele ging. Ich erzählte ihr von einer Wohneinrichtung für psychisch instabile Menschen, die in regelmäßigen Abständen „evaluiert“ werden, welche Ziele sie sich setzen und wie weit sie diese Ziele schon erreicht haben. Und ich meinte, dass man das im normalen Alltagsleben eher nicht so explizit macht. Aber wir kamen dann überein, dass es durchaus sehr „zielstrebige“ Menschen gibt (zu denen wir beide nicht gehören), die sich Ziele setzen und sie konsequent verfolgen. Und mir fiel ein Gespräch mit einer Bekannten ein, die mich vor vielen Jahren einmal fragte, welche Ziele ich im Leben denn noch verwirklichen wolle, und die völlig erstaunt war, als ich ihr keines nennen konnte, zumindest keines, das über das Tagesgeschäft hinausging. Sie hätte immer irgendwelche Ziele.
„Über das Tagesgeschäft hinaus“ trifft es schon recht gut. Ich würde den „Tag“ noch um einige Wochen vielleicht erweitern, vermute aber, dass Du es nicht anders meinst. Hatte ich einen Job gekündigt oder ist mir gekündigt worden, dann hatte ich das Ziel, einen neuen Job zu finden, oder das Ziel, eine neue Wohnung zu finden, weil es in der alten Wohnung Querelen mit dem Vermieter gab. Nur könnte man dies auch anders fassen und sagen, dass sich die Handlungen aus aktuellen Gegebenheiten ergaben und nicht länger- oder langfristig geplant waren.
Ein einziges Mal, so erinnere ich mich, bin ich nach einem Ziel gefragt worden und das war ebenfalls in therapeutischem Zusammenhang. Als ich meine Therapie begann, fragte mich die Therapeutin, mit welchem Ziel ich die Therapie gerne beenden würde wollen. Ich sagte, dass ich als ein neuer Mensch weggehen wolle :-). Was sie zu meiner Antwort sagte und ob sie überhaupt die Antwort kommentiert hat, das weiß ich nicht mehr. Dieses Ziel verschwand nach und nach aus meinem Kopf und wurde durch die Realität ersetzt. Die Realität meiner Person, meine ich. Wie Du es auch getan hast, in winzigen Schritten die Möglichkeiten, die man für sich selber sieht, zu erweitern und mit jedem Schrittchen wieder ein wenig mehr an Erweiterung zu erfahren. Rückblickend kommt mir die Idee, ein neuer und anderer Mensch sein zu wollen, richtig abstrus vor :-). So als könne man das eigene So-Sein austauschen und umkrempeln wie einen Pullover, oder den Schalter von einem Zustand A umlegen, sodaß Zustand B erscheint.
Um noch mal mit Plattitüden zu kommen: Wir sind in jeder Hinsicht begrenzt, vorläufig, unfertig, und das sehe ich nicht als Makel. Ist jetzt so mein Konzept :-)))
Ja, und ich erkenne an dieser Stelle meine Veränderung deutlich, denn ein neuer Mensch sein zu wollen, war verbunden mit dem Wunsch, etwas Abgeschlossenes, Fertiges, Perfektes sein zu wollen. Ein Mensch, an dem sich nichts mehr verändert. Heute lache ich darüber – jenseits der Lebenswirklichkeit war dieses Ziel!
F.
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