Frau mit Griffel

Um das Jahr 50 gemaltes Fresko aus Pompeji, entdeckt 1760

(Quelle: Wikipedia)


Brief 255 | Verbundenheit

Liebe B.,

[…] Und ich verstehe auch überhaupt nicht, worum es dabei gehen soll, wofür dieser Unterschied bedeutsam ist, auch mit deinem Beispiel des Wäschetrockners nicht. Kannst du das noch ein wenig mehr ausführen?

Vielleicht nehme ich zur Verdeutlichung ein anderes Beispiel. Angenommen, Du beträtest meine Wohnung, gingest zu einem der Fenster, die hinten in den Hof blicken lassen und sagst erstaunt „ah, da rechts neben der Magnolie steht ja ein Walnussbäumchen!“ Dann würde ich daraufhin sagen „ach, den habe ich noch nie gesehen“. Die Realität, die man per Fotografie ablichtet oder ablichten könnte, würde ein Walnussbäumchen neben einer Magnolie zeigen. Meine Wirklichkeit, das, was auf mich wirkt, ereignet sich ohne dieses Walnussbäumchen, weil ich es nie bewußt zur Kenntnis genommen habe. Einfach übersehen habe ich es die ganze Zeit. Mit dem Wäschetrockner verhält es sich vergleichbar. Du betrittst meine Küche und rufst aus „Oh, du hast keinen Wäschetrockner! In jeden modernen Haushalt gehört ein Wäschetrockner“. Die Realität ist die Küche ohne einen Wäschetrockner, auch hiervon könnte man ein Bild anfertigen zu ihrem Beweis. Meine Wirklichkeit jedoch kommt hundertprozentig ohne den Wäschetrockner aus, weil ich nie daran denke, es könnte überhaupt in meiner Küche ein solches Gerät stehen.

Während ich mich in meine Beispiele vertieft und auch nach anderen Varianten gesucht habe, kamen mir selber schon Einwände gegen meine Theorie :-). Zum Beispiel der, dass ich fragte, wer denn überhaupt sagt, was Realität ist. Real dürften ja nicht nur abzubildende Dinge, wie ich sie angeführt habe, sein. Falls ich jetzt verständlicher erklärt habe, was ich meine, überlasse ich die Einwände aber auch gerne Dir.

Verbundenheit

Es geht mir dabei, um das deutlich zu sagen, nicht nur um die Verbundenheit mit allen Personen, sondern überhaupt mit allem, was da ist. Inwieweit das bei mir mehr ist als eine theoretische Einsicht, also tatsächlich ein Lebensgefühl, weiß ich nicht, da komme ich erst einmal ins Grübeln. Spontan fällt mir dazu ein, dass ich bei meinen Fototouren oft, wenn ich so ein kleines unscheinbares Insekt sehe, wie es da geschäftig herumkrabbelt, mit einer gewissen Zärtlichkeit denke (oder oft auch sage, denn ich rede manchmal mit ihnen): Du lebst dein kleines Leben, genau wie ich. Und dann fühle ich tatsächlich eine Verbundenheit und Ähnlichkeit mit diesem kleinen Wesen. Aber das ist natürlich nur sehr punktuell.

Ja, dass es um die Verbundenheit mit der Welt geht, das hatte ich auch so verstanden. Ich habe länger überlegt, ob ich nicht doch irgendwas, ein Tier zum Beispiel finde, aber mir ist diese Art von Beziehung fremd. Am ehesten noch so, wie man das Verhältnis von Menschen zu Tieren manchmal beschreibt, wenn die Tiere Kindchenschema und wuscheliges Fell haben. Die finde ich anziehend und niedlich. Ansonsten würde ich meine Beziehung zu den Tieren als distanziert bezeichnen.

Aber gerade diese Insektenfotografiererei hat mir die Augen dafür geöffnet, mit wie vielen Lebewesen wir diese Welt teilen, selbst einen so durch und durch menschengeprägten Lebensraum wie die Stadt. Das ist nicht nur mein Lebensraum und der der anderen Menschen und meinetwegen noch der viel zu vielen Hunde und Katzen. Sondern hier leben Millionen anderer Lebewesen direkt neben mir, von denen ich im Regelfall überhaupt nichts mitbekomme. Und selbst in mir drinnen, beispielsweise in meinem Darm, leben ja Millionen anderer Lebewesen – was ich nicht zum ersten Mal erzähle, denn das fasziniert mich sehr. ***Update: Ups – von wegen Millionen … Laut Wikipedia wird ein gesunder Mensch von ca. 39 Billionen! Mikroorganismen bewohnt.*** Oder wenn ich Vögel über der Stadt fliegen sehe, denke ich oft, dass sich dieser Lebensraum, den ich für so selbstverständlich halte, für sie völlig anders ausnimmt, ganz andere Strukturen hat, mit ganz anderen Orientierungspunkten versehen ist etc. Keine der beiden Sichtweisen hat irgendeinen Vorrang vor der anderen; die Welt, die ich so sehr als meine empfinde, mit ihren Straßen und Häusern und Bussen und Supermärkten, ist überhaupt nicht meine, ich teile sie.

:-) Ja, die „Billionen“ sind beeindruckend. Ich habe die Zahl mit wievielen Nullen? in letzter Zeit nur in Verbindung mit Geldsummen gelesen. Mir vorzustellen oder überhaupt auf die Idee mir vorzustellen, wie andere Lebewesen meine oder die menschliche Welt erleben, welches ihre Perspektive darauf sein könnte, das ist mir noch nie in den Sinn gekommen. Lustig, spontan fallen mir lediglich meine 3 Zimmerpflanzen ein, bei denen ich manchmal denke, wie sich die Wärme und das Licht für sie anfühlen. Ich habe nun überlegt, ob ich mein „Gefühl“, wie ich mich in der Welt befinde, beschreiben könnte. Im Moment kann ich nur sagen, dass ich es nicht weiß :-). Es ist wie eine „tabula rasa“. Was ich tun könnte, das wäre mein Lebensgefühl so zu beschreiben, wie ich es vor 5 oder 6 Jahren getan habe. Allerdings wäre das ein Wiederkäuen dessen, was einmal so war -und ob das nun gegenwärtig überhaupt noch zutrifft, das weiß ich nicht. Das ist ähnlich dem Selbstbild, das man zu irgendeinem Zeitpunkt festlegt und dieses Bild wird dann zum unveränderlichen Bild, indem man es immer wieder neu malt. Darüber haben wir ja öfter gesprochen. Deswegen achte ich jetzt darauf, nicht aus Gewohnheit aufs Alte zurückzugreifen, sondern lieber hinzusehen, wie es jetzt ist. Wie ich mich in der Welt befinde, das ist also vergleichbar einem weißen Blatt Papier. Jedenfalls, was ich bewußt wahrnehme, sodaß ich es äußern könnte.

Yin und Yang

[…] Vielleicht könnte man sagen, dass ich mich mehr berühren lassen möchte – ohne dabei allerdings die Seelenruhe zu verlieren. Es gehört wohl im weitesten Sinne mit zum Komplex der Öffnung den Menschen gegenüber, eine Entwicklung, die nach dem Tod meines Mannes eingesetzt hat.

Entschuldige, dass ich jetzt unversehens von der Seelenruhe zu Adorno rüberspringe :-). Das Yin- und Yang-Symbol veranschaulicht, wie ich finde, perfekt sein Modell von der Negation der Negation. Mit jeder Setzung wird ein anderer Teil gesetzt, der die Setzung nicht ist, sondern das Gegenteil von ihr. Aus diesem Grunde sind beide Teile nicht unabhängig voneinander, sondern bedingen einander gegenseitig. In jedem der beiden Teile ist zugleich ihr Gegenteil enthalten. Das war ein superkurzer Exkurs, den ich gerne einfügen wollte, weil ich das erste Mal wirklich verstanden habe, was Adorno meint. Mit Bildern, hier dem Yin-Yang-Symbol, erschließen sich logische Gedanken manchmal auf Anhieb.

So stelle ich mir vor, dass auch du „vollständiger“ werden möchtest, in dem Sinne, dass dein Verhaltensrepertoire größer wird und du nicht jeder Aufgeregtheit und jeder Angst hilflos ausgeliefert bist. Das hätte dann eine sehr viel konkretere, existenziellere Bedeutung für dich als meine eher abstrakte Beschäftigung damit.

Ah, das Yin-Yang-Symbol veranschaulicht darüberhinaus, das ist die attraktive Entdeckung, sowohl die Verbundenheit mit allem als auch die Vollständigkeit. Wenn Du schreibst, „sich berühren lassen“ und zugleich eine Ruhe der Seele zu empfinden, dann ist darin zwar wieder das unzulängliche Bild von einem Innen und Außen impliziert, aber behelfsweise nehme ich es für die Idee, äußere Teile in die inneren Teile mit hineinzunehmen. Sie bilden dann zusammen die Einheit der Person und die Einheit von Person und Welt.

Wenn ich an mich denke, dann gefällt mir das Symbol auch ausgezeichnet, weil man mit ihm die verschiedenen einander widerstreitenden (Seelen-) Regungen veranschaulichen kann. Die Ängste und die Aufregungen, die nun mal da sind und sich nicht per Willensentschluß vertreiben lassen, werden nicht abgespalten, sondern sind in der Seele untereinander verbunden. Die Ruhe bildet den Gegenpol zur Unruhe/Aufregung. Eines bringt das andere hervor und das Neue, es ist im jeweils anderen enthalten. Das heißt, auch auf das innere Erleben bezogen, symbolisiert Yin und Yang Vollständigkeit und Verbundenheit. Und in einem letzten Gedankenschritt stelle ich fest, dass mir die Verbundenheit mit allem, was ist, die tabula rasa, über das Symbol gar nicht mehr wie eine leere Tafel scheint. Das berührt weder mein Lebensgefühl noch nehme ich es in meiner Beziehung zum Mikrokosmos wahr -was den größeren, den geteilten Lebensraum angeht, der nun nicht mehr nur Lebewesen, sondern auch Häuser und Straßen, von Menschen Erschaffenes, umfaßt, bekomme ich ein Gefühl dafür :-).

Mir ist eben erst, beim letzten Durchlesen meines Briefes, die schillernde Bedeutung des Wortes „geteilt“ aufgefallen :-). Du hattest es im Sinne eines Raumes, in dem sehr unterschiedliche Dinge (Bakterien, Vögel, Igel, Menschen, Blüten) gemeinsam leben, gemeint -und man könnte es ebenso gut als das Trennen eines Raumes in verschiedene Segmente verstehen. Deswegen werde ich in meinem Brieftitel das Verbindende hervorheben.

F.

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Brief 254 | Geteilte Welt

Liebe F.,

Geteilte Welt

Was für eine tolle Erklärung, wie man „Wirklichkeit“ verstehen kann. Nämlich wörtlich. Mir ist dieses Verständnis noch nie, glaube ich, über den Weg gelaufen. Das, was wirksam ist. Übrigens könnte man von dieser Erklärung ausgehend, auch mühelos zu einer Erklärung des Unterschiedes zwischen dem, was man unter „Realität“ und dem, was man unter „Wirklichkeit“ versteht, übergehen. Die Realität ist, dass kein Wäschetrockner in meiner Küche steht :-); die Wirklichkeit ist, dass ein Wäschetrockner, als fehlend oder vorhanden, in meiner Wirklichkeit nicht auftaucht. Meine Wirklichkeit ist indifferent dem Wäschetrockner gegenüber. Ich bin sehr angetan, denn wie oft habe ich über diesen Unterschied mit anderen Menschen gesprochen oder auch darüber gelesen, und dies ist nicht nur eine ganz einfache Erklärung, die sich am Wort orientiert, sondern sie beinhaltet zudem die Möglichkeit der Unterscheidung zur „Realität“.

Worte wörtlich zu nehmen ist bei mir oft der erste Ansatz (eines meiner Lieblingsbücher ist das etymologische Wörterbuch! :-)), insofern finde ich das naheliegend. Aber ich glaube nicht, dass dieses Verständnis von Wirk-lichkeit auf meinem eigenen Mist gewachsen ist, das habe ich bestimmt auch schon irgendwo gelesen.

Du hast schon oft mit Leuten über den Unterschied von Wirklichkeit und Realität gesprochen oder darüber gelesen? Das ist nun wiederum ein Thema, das mir gänzlich unbekannt ist. Und ich verstehe auch überhaupt nicht, worum es dabei gehen soll, wofür dieser Unterschied bedeutsam ist, auch mit deinem Beispiel des Wäschetrockners nicht. Kannst du das noch ein wenig mehr ausführen?

Es ist gut, dass Du Deinen Verdacht des Solipsismus ein zweites Mal erwähnst :-). Und bei Dir, wenn Du für Dich sprichst, tritt ein zweites Mal „mittendrin“ auf. Wenn ich es näher überlege, dann meine ich zwar auch, dass alles mit allem verbunden ist, dass „innen“ und „außen“ unzutreffende Begriffe sind, aber ich fühle diese Vernetztheit meiner selbst mit dem mich Umgebenden nicht, nicht „wirklich“. Es ist eine Annahme, die hauptsächlich im Kopf bleibt, eine Annahme, die ich für plausibel halte. „So wird es schon sein“. Du hast recht, in allem, was ich über die Wirklichkeit schreibe, kommt zum Ausdruck, dass ich der Wahrnehmung, dem Bewußtsein eine dominierende Rolle einräume. Die Verbundenheit oder die Vernetztheit meiner und aller Personen entspricht nicht meinem Empfinden, obwohl ich sie theoretisch für zutreffend halte. Eine interessante Beobachtung! Das war mir gar nicht klar.

Es geht mir dabei, um das deutlich zu sagen, nicht nur um die Verbundenheit mit allen Personen, sondern überhaupt mit allem, was da ist. Inwieweit das bei mir mehr ist als eine theoretische Einsicht, also tatsächlich ein Lebensgefühl, weiß ich nicht, da komme ich erst einmal ins Grübeln. Spontan fällt mir dazu ein, dass ich bei meinen Fototouren oft, wenn ich so ein kleines unscheinbares Insekt sehe, wie es da geschäftig herumkrabbelt, mit einer gewissen Zärtlichkeit denke (oder oft auch sage, denn ich rede manchmal mit ihnen): Du lebst dein kleines Leben, genau wie ich. Und dann fühle ich tatsächlich eine Verbundenheit und Ähnlichkeit mit diesem kleinen Wesen. Aber das ist natürlich nur sehr punktuell.

Aber gerade diese Insektenfotografiererei hat mir die Augen dafür geöffnet, mit wie vielen Lebewesen wir diese Welt teilen, selbst einen so durch und durch menschengeprägten Lebensraum wie die Stadt. Das ist nicht nur mein Lebensraum und der der anderen Menschen und meinetwegen noch der viel zu vielen Hunde und Katzen. Sondern hier leben Millionen anderer Lebewesen direkt neben mir, von denen ich im Regelfall überhaupt nichts mitbekomme. Und selbst in mir drinnen, beispielsweise in meinem Darm, leben ja Millionen anderer Lebewesen – was ich nicht zum ersten Mal erzähle, denn das fasziniert mich sehr. ***Update: Ups – von wegen Millionen … Laut Wikipedia wird ein gesunder Mensch von ca. 39 Billionen! Mikroorganismen bewohnt.*** Oder wenn ich Vögel über der Stadt fliegen sehe, denke ich oft, dass sich dieser Lebensraum, den ich für so selbstverständlich halte, für sie völlig anders ausnimmt, ganz andere Strukturen hat, mit ganz anderen Orientierungspunkten versehen ist etc. Keine der beiden Sichtweisen hat irgendeinen Vorrang vor der anderen; die Welt, die ich so sehr als meine empfinde, mit ihren Straßen und Häusern und Bussen und Supermärkten, ist überhaupt nicht meine, ich teile sie.

Aber ich schweife ab und weiß gar nicht, ob ich überhaupt noch beim Thema bin.

 

Yin und Yang

Ich schreibe die zentrale Eigenschaft, die ich mit dem Ausdruck verbinde, und das ist Unaufgeregtheit. Ja, gleichgültig, in welcher Situation man sich befindet, man ist ruhig und gleich-mütig. Also im Gleichgewicht. Was mir im Zusammenhang mit dem, was Du vorher geschrieben hast, einfällt, das ist … nicht Statik oder Eingeschränktheit, sondern möglicherweise kommt der Aspekt des „Mittendrinseins“ zu kurz bei der Seelenruhe? Geh’ in den Regen. Erlebe ihn. Das von Dir beschriebene Bild in der S-Bahn zeigt, wie ich finde, gut, wofür Du die Ausdrücke „statisch“ usw. verwendet hast. Man sitzt „unbewegt“, unbeeinflußt und unberührt von der Welt um sich herum, einfach nur da und konzentriert sich ruhig auf das eigene Tun. Mich zieht dieser Gedanke derzeit an, aber vor dem Hintergrund dessen, was Du geschrieben hast, meine ich verstehen zu können, was Du mit dem „darüber hinausgehen“ meinen könntest. Es ist eine Abgeschlossenheit, Verschlossenheit in der Situation in der S-Bahn. Ich alleine -und drumherum der Rest der Welt. Der Fels in der Brandung. Die Seelenruhe wäre somit verknüpft mit einer starken Grenzziehung, die Du ja gerade nicht möchtest bzw. auch nicht empfindest. Wenn ich für mich noch ein wenig weiter überlege, dann geht es nicht nur um die Unaufgeregtheit angesichts äußeren Trubels, sondern hauptsächlich immer noch um die innere Ausgeglichenheit und Ruhe. Einen sicheren Punkt in mir, der von den hastigen Gedanken drumherum nicht berührt wird. Das S-Bahn-Bild auf das Innenleben übertragen, ins Innenleben verlegt … so würde ich sagen.

Ich habe jetzt länger darüber nachgedacht, welcher der vielen Begriffe, die du da von mir zitierst oder selbst ins Spiel bringst, es denn nun trifft, was ich meine, komme aber zu keinem befriedigenden Ergebnis. Daraus schließe ich, dass ich das Thema selbst noch nicht richtig durchdacht habe, sondern mich ihm erst nur annähere. Langweilig finde ich Seelenruhe jedenfalls nicht, ganz im Gegenteil, für mich ist sie immer noch ein sehr erstrebenswertes Ziel. Mir geht es mehr darum, „vollständiger“ zu werden. Ich glaube, das hatten wir schon mal. Das Yin- und Yang-Symbol fällt mir ein, das zwar eine Einheit bildet, aber in sich immer auch das Gegenteil enthält, im Weißen das Schwarz und im Schwarzen das Weiß. Dass du das S-Bahn-Bild als unbewegt und unberührt gedeutet hast, zeigt ja, wo die Seelenruhe im Extremfall landen kann, nämlich bei der Gleichgültigkeit. Vielleicht könnte man sagen, dass ich mich mehr berühren lassen möchte – ohne dabei allerdings die Seelenruhe zu verlieren. Es gehört wohl im weitesten Sinne mit zum Komplex der Öffnung den Menschen gegenüber, eine Entwicklung, die nach dem Tod meines Mannes eingesetzt hat.

So stelle ich mir vor, dass auch du „vollständiger“ werden möchtest, in dem Sinne, dass dein Verhaltensrepertoire größer wird und du nicht jeder Aufgeregtheit und jeder Angst hilflos ausgeliefert bist. Das hätte dann eine sehr viel konkretere, existenziellere Bedeutung für dich als meine eher abstrakte Beschäftigung damit.

B.

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Brief 253 | Der Fels in der Brandung

Liebe B.,

[…] Auf jeden Fall ist dieses Verhalten also etwas, was alle Lebewesen mehr oder minder gemeinsam haben, würde ich sagen, während ich gedacht hatte, du wolltest auf eine Besonderheit deines eigenen, ganz persönlichen Lebensverhaltens hinaus. So hatte dein Satz für mich geklungen, den ich ja nur halb zitiert hatte. Vollständig lautet er:

Mein ganzes Bewußtsein ist darauf ausgerichtet, wie ich mich wohl(er) befinden kann -und das wiederum tue ich, indem ich versuche, meine Empfindungen und meine Gedanken ohne Umwege anzusehen und zu fühlen.

Und das hörte sich für mich schon nach etwas mehr als biologischem Automatismus an.

Aber ich lasse das jetzt auch einfach so stehen, ohne es weiter zu zerdenken. Vielleicht ist es ja einfach beides bei dir und man kann das gar nicht so genau aufdröseln. Muss man ja auch nicht … :-)

Nein, das muß man nicht, aber weil Du jetzt noch einmal den vollständigen Satz von mir zitiert hast, kann ich erläuternd dazu sagen, dass ich mit dem zweiten Teil des Satzes sagen wollte, wie ich verfahre. Die Methode, die nichts weiter beinhaltet als das, was da ist, zur Kenntnis zu nehmen und zu akzeptieren. Dies wiederum ist das Mittel der Wahl, zu einem Einverständnis mit mir zu kommen. Wenn das Wohl-er-befinden am stärksten, wie ich denke, durch ein inneres Gespanntsein gestört ist, dann löst die Ent-zweiung das Nicht-Wohlbefinden. So simpel augedrückt wie es simpler nicht geht: Aus 2 mache 1 :-).

Mittendrin

Zumindest aus dem, was Du an dieser Stelle über die Wirklichkeit schreibst, schließe ich, dass Wirklichkeit für Dich etwas ist, das wie ein Abstraktes „an sich“ existiert. Wirklichkeit ist das, was wir nicht denken, nicht fühlen, nicht wissen. Ein Unbekanntes, das wir trotzdem mit diesem Begriff benennen. Seltsam, wir sind bisher noch nie darüber gestolpert. 

Du hast mich hier also beim unerkennbaren „Ding an sich“ verortet, und ich hatte gedacht, du seist jetzt unter die radikalen Solipsisten gegangen! :-) Ja, das wäre in der Tat seltsam gewesen, wenn wir darüber im Laufe der Jahre nicht irgendwann gestolpert wären.

Also den Begriff „Solipsismus“ habe ich nachsehen müssen. Irgendwie ist das auch lustig mit solchen Begriffen. Sie sind wie Schubladen, auf denen vorne der Begriff steht und man weiß -falls man nicht nachsehen muß- was drin ist – so wie bei Strümpfen, Besteck oder Nähzeug. Es verkürzt und vereinfacht die Zuordnung. „Bist du Solipsist“ – „ja“, das ähnelt der Nachfrage, ob man einen Kaffee trinken möchte :-)). Ich weiß auch nicht, warum mir diese profanen Vergleiche jetzt einfallen.

Aber ich verstehe, wie du darauf gekommen bist. Wenn ich sage „Gedanken sind nicht die Wirklichkeit“, dann ist das natürlich Quatsch, da habe ich auch was unterschlagen. Unter Wirklichkeit verstehe ich, wie ich im letzten Brief ja schon angedeutet hatte, unbedingt auch unsere Gedanken. Und selbstverständlich auch alles, was wir fühlen und wissen. „Wirklichkeit“ ist uns nicht unbekannt, ganz im Gegenteil, sie ist nach meinem Verständnis ja gerade das, mit dem wir ständig umgehen. Ich verstehe den Begriff ganz wörtlich, als das, was auf mich einwirkt und auf das ich einwirke. Wir stehen zueinander in Beziehung, wobei das auch falsch ausgedrückt ist, denn ich bin ein untrennbarer Teil dieser Wirklichkeit, es gibt da keine prinzipielle Grenze zwischen „mir“ auf der einen Seite und dem „Rest der Wirklichkeit“ auf der anderen, und dann stelle ich eine Beziehung her. Ich bin ja immer schon mittendrin.

Was für eine tolle Erklärung, wie man „Wirklichkeit“ verstehen kann. Nämlich wörtlich. Mir ist dieses Verständnis noch nie, glaube ich, über den Weg gelaufen. Das, was wirksam ist. Übrigens könnte man von dieser Erklärung ausgehend, auch mühelos zu einer Erklärung des Unterschiedes zwischen dem, was man unter „Realität“ und dem, was man unter „Wirklichkeit“ versteht, übergehen. Die Realität ist, dass kein Wäschetrockner in meiner Küche steht :-); die Wirklichkeit ist, dass ein Wäschetrockner, als fehlend oder vorhanden, in meiner Wirklichkeit nicht auftaucht. Meine Wirklichkeit ist indifferent dem Wäschetrockner gegenüber. Ich bin sehr angetan, denn wie oft habe ich über diesen Unterschied mit anderen Menschen gesprochen oder auch darüber gelesen, und dies ist nicht nur eine ganz einfache Erklärung, die sich am Wort orientiert, sondern sie beinhaltet zudem die Möglichkeit der Unterscheidung zur „Realität“.

Ja genau, das gehört für mich zur Wirklichkeit dazu. Und es ist mir absolut schleierhaft, wie man diesen Teil unterschlagen kann. :-) Wobei ich mir jetzt plötzlich nicht so sicher bin, ob wir hier wirklich dasselbe meinen. Denn „Wahrnehmung“ klingt schon wieder so nach „Innenwelt“. Natürlich weiß ich nur dann von etwas in der Welt, wenn es auf irgendeine Weise in meine Wahrnehmung oder in mein Bewusstsein fällt. Aber ich habe im Laufe der Jahre gemerkt, dass ich immer weniger weiß, wo ich die Grenze zwischen „innen“ und „außen“ ziehen soll … Wie gesagt: Nach meinem Verständnis bin ich mittendrin.

Es ist gut, dass Du Deinen Verdacht des Solipsismus ein zweites Mal erwähnst :-). Und bei Dir, wenn Du für Dich sprichst, tritt ein zweites Mal „mittendrin“ auf. Wenn ich es näher überlege, dann meine ich zwar auch, dass alles mit allem verbunden ist, dass „innen“ und „außen“ unzutreffende Begriffe sind, aber ich fühle diese Vernetztheit meiner selbst mit dem mich Umgebenden nicht, nicht „wirklich“. Es ist eine Annahme, die hauptsächlich im Kopf bleibt, eine Annahme, die ich für plausibel halte. „So wird es schon sein“. Du hast recht, in allem, was ich über die Wirklichkeit schreibe, kommt zum Ausdruck, dass ich der Wahrnehmung, dem Bewußtsein eine dominierende Rolle einräume. Die Verbundenheit oder die Vernetztheit meiner und aller Personen entspricht nicht meinem Empfinden, obwohl ich sie theoretisch für zutreffend halte. Eine interessante Beobachtung! Das war mir gar nicht klar.

Der Fels in der Brandung

Diese Unterscheidung von „Lebensfreude“ und „lebensfroh“ finde ich sehr schön, ich kann sie sehr gut nachvollziehen. Wobei eine gewisse Lebensfreude vermutlich daraus folgt, wenn man generell lebensfroh ist.

Ja :-).

Meine Assoziation bei „Seelenruhe“ war spontan ein Mensch, der in einer vollen, lauten S-Bahn sitzt und seelenruhig sein Buch liest. Das wäre dann mehr die Alltagsverwendung des Wortes. Auf jeden Fall geht es mir gerade andersherum als dir: Früher war Seelenruhe ein großes Ziel für mich, aber inzwischen nicht mehr so sehr. Ich weiß nicht, ob der Gedanke vermessen ist, aber ich kann mir vorstellen, dass das daran liegt, dass ich diese Seelenruhe bis zu einem gewissen Grade erreicht habe. Und nun habe ich das Gefühl, als ob ich darüber hinausgehen müsste oder möchte, weil das sonst zu statisch, einseitig, eingeschränkt wird.

Ich schreibe die zentrale Eigenschaft, die ich mit dem Ausdruck verbinde, und das ist Unaufgeregtheit. Ja, gleichgültig, in welcher Situation man sich befindet, man ist ruhig und gleich-mütig. Also im Gleichgewicht. Was mir im Zusammenhang mit dem, was Du vorher geschrieben hast, einfällt, das ist … nicht Statik oder Eingeschränktheit, sondern möglicherweise kommt der Aspekt des „Mittendrinseins“ zu kurz bei der Seelenruhe? Geh’ in den Regen. Erlebe ihn. Das von Dir beschriebene Bild in der S-Bahn zeigt, wie ich finde, gut, wofür Du die Ausdrücke „statisch“ usw. verwendet hast. Man sitzt „unbewegt“, unbeeinflußt und unberührt von der Welt um sich herum, einfach nur da und konzentriert sich ruhig auf das eigene Tun. Mich zieht dieser Gedanke derzeit an, aber vor dem Hintergrund dessen, was Du geschrieben hast, meine ich verstehen zu können, was Du mit dem „darüber hinausgehen“ meinen könntest. Es ist eine Abgeschlossenheit, Verschlossenheit in der Situation in der S-Bahn. Ich alleine -und drumherum der Rest der Welt. Der Fels in der Brandung. Die Seelenruhe wäre somit verknüpft mit einer starken Grenzziehung, die Du ja gerade nicht möchtest bzw. auch nicht empfindest. Wenn ich für mich noch ein wenig weiter überlege, dann geht es nicht nur um die Unaufgeregtheit angesichts äußeren Trubels, sondern hauptsächlich immer noch um die innere Ausgeglichenheit und Ruhe. Einen sicheren Punkt in mir, der von den hastigen Gedanken drumherum nicht berührt wird. Das S-Bahn-Bild auf das Innenleben übertragen, ins Innenleben verlegt … so würde ich sagen.

Nochmal zurück zum Wunsch „darüber hinauszugehen“. Ich hatte den verknüpfenden Punkt spontan im „mittendrin“ vermutet. Wenn ich nun das eindrückliche S-Bahn-Bild, mich und die Seelenruhe verbinde, dann könnte man vielleicht auch sagen, ein Zustand der Seelenruhe sei einfach langweilig. Man langweilt sich in der Beständigkeit der Ruhe :-). Darüber hinausgehen würde nicht bedeuten, sich vom umgebenden Trubel stören und in ihn hineinziehen zu lassen; auf diese Weise wäre man zwar mittendrin, aber eben genauso unruhig wie’s draußen zugeht. Vielleicht geht es darum, mehr Einfluß darauf zu haben, wo man eintaucht und mit-lebt und in welchen Situationen man sich entzieht und lieber „außen vor“ bleibt …

Daran, wie kompliziert ich die letzten Sätze gebildet habe, sieht man schon, dass ich diesen Gedanken noch nicht so richtig durchdacht habe (auch das ist eine verquere Formulierung: einen Gedanken durchdenken …), es war eher eine spontane Eingebung, die ich erst einmal so stehenlasse.

Dieses einfach erst mal Stehenlassen eines Gedankens gefällt mir übrigens sehr gut. Du hast das schon öfter gemacht, für mich ist das etwas Neues, glaube ich. Ich empfinde es als ein Stück Freiheit.

Hm, als ich die letzten Sätze gelesen habe, fand ich sie gar nicht kompliziert gebildet – die Anstrengung, unklare Gedanken in verständliche Sprache zu übersetzen, hat sich nicht in der Schrift niedergeschlagen … finde ich:-).

Wie eigenartig! Das ist mir überhaupt nicht bewußt gewesen, dass ich öfter Unausgegorenes so unausgegoren stehenlasse.

F.

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Brief 252 | Stehenlassen

Liebe F.,

Missverständnisse

Dann habe ich mich sehr mißverständlich ausgedrückt, denn ich habe diesen ersten Abschnitt in Verbindung mit dem letzten Abschnitt verstanden wissen wollen. Es ist also gerade andersherum. In einer Hinsicht zwar „total“ und in einer anderen Hinsicht aber „unmerklich“, „unangestrengt“, „begleitend“. Ich bin in meiner Betrachtungsweise wirklich auf eine einfachere Ebene gegangen, d.h. eher das „biologisch einprogrammierte Reiz- Reaktionsschema“, wie Du es am Ende Deines Briefes ausgedrückt hast. So wie eine Katze sich in die Wärme des Sonnenlichts legt, weil es ihr angenehmer ist als in der schattigen Kälte zu liegen (je nachdem, wie die Wärmeverhältnisse in der Wohnung nun gerade sind), so meinte ich es auf die Menschen und mich bezogen.

Dann hat mich der Ausdruck „mein ganzes Bewusstsein“ auf eine falsche Fährte gelockt, denn so, wie du es jetzt beschreibst, würde ich – und du ja anscheinend auch – das eher auf einer Ebene darunter ansiedeln („biologisch“), und dann läuft es vielleicht wirklich unangestrengt-automatisch ab. Wobei die Ebenen natürlich alle ineinandergreifen, aber darauf kommt es mir jetzt nicht an. Auf jeden Fall ist dieses Verhalten also etwas, was alle Lebewesen mehr oder minder gemeinsam haben, würde ich sagen, während ich gedacht hatte, du wolltest auf eine Besonderheit deines eigenen, ganz persönlichen Lebensverhaltens hinaus. So hatte dein Satz für mich geklungen, den ich ja nur halb zitiert hatte. Vollständig lautet er:

Mein ganzes Bewußtsein ist darauf ausgerichtet, wie ich mich wohl(er) befinden kann -und das wiederum tue ich, indem ich versuche, meine Empfindungen und meine Gedanken ohne Umwege anzusehen und zu fühlen.

Und das hörte sich für mich schon nach etwas mehr als biologischem Automatismus an.

Aber ich lasse das jetzt auch einfach so stehen, ohne es weiter zu zerdenken. Vielleicht ist es ja einfach beides bei dir und man kann das gar nicht so genau aufdröseln. Muss man ja auch nicht … :-)

 

Unterschlagungen

Was du an Interessantem und Klugem zum Thema Wirklichkeit geschrieben hast, ist so viel an Stoff, dass ich gar nicht weiß, wo ich ansetzen soll. Ich zitiere das jetzt nicht in Gänze, denn das wäre viel zu lang. Ich werde einfach hin und herspringen und auf einzelne Abschnitte eingehen, zu denen mir spontan etwas einfällt. Ich hoffe, dass das am Ende so etwas wie ein stimmiges Gesamtbild ergibt. Wenn nicht – auch gut. :-)

Zumindest aus dem, was Du an dieser Stelle über die Wirklichkeit schreibst, schließe ich, dass Wirklichkeit für Dich etwas ist, das wie ein Abstraktes „an sich“ existiert. Wirklichkeit ist das, was wir nicht denken, nicht fühlen, nicht wissen. Ein Unbekanntes, das wir trotzdem mit diesem Begriff benennen. Seltsam, wir sind bisher noch nie darüber gestolpert. 

Du hast mich hier also beim unerkennbaren „Ding an sich“ verortet, und ich hatte gedacht, du seist jetzt unter die radikalen Solipsisten gegangen! :-) Ja, das wäre in der Tat seltsam gewesen, wenn wir darüber im Laufe der Jahre nicht irgendwann gestolpert wären.

Aber ich verstehe, wie du darauf gekommen bist. Wenn ich sage „Gedanken sind nicht die Wirklichkeit“, dann ist das natürlich Quatsch, da habe ich auch was unterschlagen. Unter Wirklichkeit verstehe ich, wie ich im letzten Brief ja schon angedeutet hatte, unbedingt auch unsere Gedanken. Und selbstverständlich auch alles, was wir fühlen und wissen. „Wirklichkeit“ ist uns nicht unbekannt, ganz im Gegenteil, sie ist nach meinem Verständnis ja gerade das, mit dem wir ständig umgehen. Ich verstehe den Begriff ganz wörtlich, als das, was auf mich einwirkt und auf das ich einwirke. Wir stehen zueinander in Beziehung, wobei das auch falsch ausgedrückt ist, denn ich bin ein untrennbarer Teil dieser Wirklichkeit, es gibt da keine prinzipielle Grenze zwischen „mir“ auf der einen Seite und dem „Rest der Wirklichkeit“ auf der anderen, und dann stelle ich eine Beziehung her. Ich bin ja immer schon mittendrin.

Wenn ich nun zurückgehe auf die Erläuterung, die Du in Deinem letzten Brief gegeben hast, dann vermute ich, dass Du möglicherweise den gesamten Teil der Wirklichkeit meinst, den ich in meiner Antwort, alles seien Gedanken, unterschlagen hatte. Ich bezeichne ihn jetzt mal als den sinnlich-leiblichen Teil unserer Wahrnehmung. Sollte es so sein, dann gäbe es gar keinen Dissens …?

Ja genau, das gehört für mich zur Wirklichkeit dazu. Und es ist mir absolut schleierhaft, wie man diesen Teil unterschlagen kann. :-) Wobei ich mir jetzt plötzlich nicht so sicher bin, ob wir hier wirklich dasselbe meinen. Denn „Wahrnehmung“ klingt schon wieder so nach „Innenwelt“. Natürlich weiß ich nur dann von etwas in der Welt, wenn es auf irgendeine Weise in meine Wahrnehmung oder in mein Bewusstsein fällt. Aber ich habe im Laufe der Jahre gemerkt, dass ich immer weniger weiß, wo ich die Grenze zwischen „innen“ und „außen“ ziehen soll … Wie gesagt: Nach meinem Verständnis bin ich mittendrin.

Ich setze noch einmal neu an: Es regnet. Das ist eine Wirklichkeit, die zwar unabhängig von mir und meinen Gedanken existiert, die aber in mein Bewußtsein erst dann rückt, wenn ich in irgendeine Art von Beziehung zu ihr trete. Diesen, den elementaren Aspekt hatte ich nicht erwähnt. Ich denke es mir so, dass wir zu diesem „es regnet“ insofern eine Beziehung aufnehmen, als wir ihn sinnlich wahrnehmen. Mit den Augen, mit den Ohren wahrscheinlich auch. Verbunden dürfte es mit diffusen, nicht konturierbaren Empfindungen sein, vielleicht am ehesten sowas wie angenehm oder unangenehm, anziehend oder abstoßend. Kürzlich las ich den Ausdruck „affektive Intentionalität“ dafür. Auf diese Weise wird der Regen überhaupt bedeutsam für uns, sodaß er nicht wie eine leere Formel bleibt. Und dann in einem nächsten Schritt denken wir irgendetwas über den Regen. Du hast also recht, wären nur Gedanken über den Regen und sonst nichts, dann wäre er uns gleichgültig, die Gedanken müssen an körperliche und seelische Empfindungen geknüpft sein, weil wir sonst wie eine KI über den Regen denken würden. Wahrscheinlich gäbe es noch nicht einmal den Antrieb, irgendwas zu denken. Denn woher sollte er kommen! Insofern kann ich Deine Verwunderung gut nachvollziehen, wenn ich sinngemäß geschrieben habe, alle Wirklichkeit sei nur gedanklich.

Ich und die Wirklichkeit des Regens … Ich habe früher Erkenntnistheorie geliebt, aber jetzt bin ich versucht zu sagen: Geh raus und lass dich nassregnen, dann weißt du, wie wirklich Regen ist.

Damit würgt man natürlich jedes weitere Nachdenken ab, was nicht meine Absicht ist. Aber mehr fällt mir im Moment tatsächlich nicht dazu ein.

 

Seelenruhig stehenlassen :-)

Der Ausdruck „Seelenruhe“ gefällt mir inzwischen auch sehr gut (ich glaube, dass ich ihn vor ungefähr 5 Jahren noch nicht gut fand); „gut gefallen“ heißt, dass ich angenehme Bilder dazu vor Augen habe, das Wasser eines nur minimal bewegten Teiches oder eines kleinen Sees. Sanft und befriedet liegt er im Halbschatten der Sonne. „Lebensfroh“ würde ich der „Lebensfreude“ vorziehen. Du hattest das Wort vor mehreren Jahren zur Charakterisierung einer Deiner Töchter benutzt (ich habe es nicht vergessen), und schon damals hatte ich sofort einen intensiven Eindruck nur alleine aufgrund dieses Wortes. Ich finde es besser, weil es für mich mehr eine grundlegende Haltung zum Leben ausdrückt, gleichgültig, wie sich die konkreten Ereignisse im Leben nun gestalten mögen. Dem Leben zugewandt, das Leben mit den Tiefen und Höhen bejahend, während ich bei „Lebensfreude“ eher an eine andauernde Freude zu leben denke. Solche Wörter sind bedeutungsreich und es ist wohl sehr subjektiv, je nachdem, was man mit ihnen assoziiert, welches man treffender und schöner findet. Ja, wohl auch eine Sache der Ästhetik.

Diese Unterscheidung von „Lebensfreude“ und „lebensfroh“ finde ich sehr schön, ich kann sie sehr gut nachvollziehen. Wobei eine gewisse Lebensfreude vermutlich daraus folgt, wenn man generell lebensfroh ist.

Meine Assoziation bei „Seelenruhe“ war spontan ein Mensch, der in einer vollen, lauten S-Bahn sitzt und seelenruhig sein Buch liest. Das wäre dann mehr die Alltagsverwendung des Wortes. Auf jeden Fall geht es mir gerade andersherum als dir: Früher war Seelenruhe ein großes Ziel für mich, aber inzwischen nicht mehr so sehr. Ich weiß nicht, ob der Gedanke vermessen ist, aber ich kann mir vorstellen, dass das daran liegt, dass ich diese Seelenruhe bis zu einem gewissen Grade erreicht habe. Und nun habe ich das Gefühl, als ob ich darüber hinausgehen müsste oder möchte, weil das sonst zu statisch, einseitig, eingeschränkt wird.

Daran, wie kompliziert ich die letzten Sätze gebildet habe, sieht man schon, dass ich diesen Gedanken noch nicht so richtig durchdacht habe (auch das ist eine verquere Formulierung: einen Gedanken durchdenken …), es war eher eine spontane Eingebung, die ich erst einmal so stehenlasse.

Dieses einfach erst mal Stehenlassen eines Gedankens gefällt mir übrigens sehr gut. Du hast das schon öfter gemacht, für mich ist das etwas Neues, glaube ich. Ich empfinde es als ein Stück Freiheit.

B.

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Brief 251 | Fortsetzung der "Wirklichkeit"

Liebe B.,

Offener Ausgang

Ich glaube, ich verstehe einigermaßen, was du meinst. Also dass du es nicht als Spaltung empfindest. Trotzdem bin ich irgendwie erschrocken. Das hängt an diesem Satz:

Mein ganzes Bewußtsein ist darauf ausgerichtet, wie ich mich wohl(er) befinden kann […]

Selbst wenn das mehr oder minder selbstverständlich nebenherläuft – ist das nicht auf Dauer unglaublich anstrengend? Nie mal von sich selbst loslassen zu können? Nie mal einfach unbefangen zu sein, ganz ohne Bewertung oder Beobachtung? Nie mal das Gefühl haben: Ich muss nicht ständig auf mich aufpassen? Wie eingangs schon gesagt: Ich kann kaum glauben, dass du es wirklich in dieser Totalität meinst, wie du es ausgedrückt hast. Aber vielleicht ist es ja tatsächlich so bei dir? Und du empfindest es gar nicht als anstrengend?

Dann habe ich mich sehr mißverständlich ausgedrückt, denn ich habe diesen ersten Abschnitt in Verbindung mit dem letzten Abschnitt verstanden wissen wollen. Es ist also gerade andersherum. In einer Hinsicht zwar „total“ und in einer anderen Hinsicht aber „unmerklich“, „unangestrengt“, „begleitend“. Ich bin in meiner Betrachtungsweise wirklich auf eine einfachere Ebene gegangen, d.h. eher das „biologisch einprogrammierte Reiz- Reaktionsschema“, wie Du es am Ende Deines Briefes ausgedrückt hast. So wie eine Katze sich in die Wärme des Sonnenlichts legt, weil es ihr angenehmer ist als in der schattigen Kälte zu liegen (je nachdem, wie die Wärmeverhältnisse in der Wohnung nun gerade sind), so meinte ich es auf die Menschen und mich bezogen. Ich möchte zwar nicht ausschließen, dass ich den Selbstbeaufsichtungsmodus für normal halte, weil ich ihn mir angewöhnt habe, aber wahrnehmen tue ich ihn als nicht angestrengt, eben weil er ohne Mühe parallel und begleitend verläuft. Ich zitiere Dir aus einer KI-Anmerkung, die ich kürzlich bei einer Suche unter dem Begriff „Menschheit“ ausgeworfen bekam:

Da die Mitglieder unserer Gattung nicht kraft ihres Handelns aus Gründen eine besondere Aufgabe oder Verpflichtung haben, sondern einfach an ihren weltlichen Geschichten weitermachen wie andere Tiere, gibt es an ihnen nichts besonders Würdiges. „Menschheit“ ist ein Begriff ohne ehrenden Beiklang und ohne moralisches Gewicht, es ist ein Begriff wie „Entheit“. (Rüdiger Bittner)

Darauf bin ich gleich angesprungen, weil es meinem derzeitigen Verständnis so sehr zu entsprechen scheint. Wir Menschen und ich als ein Mensch streben nach dem Licht, wie es Pflanzen tun. Das geschieht einfach. Und es ist daran zwar nichts besonders Würdigendes, allerdings auch gar nichts Entwürdigendes :-).

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Das Obige schrieb ich am Beginn der Woche. Und irgendwie ließen mir aber Dein Hinweis und meine Antwort, ich könne mich auch täuschen, keine Ruhe bzw. tauchte dieser Gedanke immer wieder auf. Jetzt, am Ende der Woche, bin ich einfach nicht mehr sicher, ob ich den Modus der Selbstbeobachtung und Selbstbewachung nicht doch so zu einer Normalität habe werden lassen, dass es mir nicht mehr auffällt, dass ich mir was Anderes gar nicht mehr vorstellen kann. Wollte ich auch das nun wieder beobachten, würde daraus eine weitere Selbstbeobachtung folgen, wobei mir schon schwindelig im Kopf wird, wenn ich mir diese Spiralen nur vorstelle. Ich möchte mich daher nicht festlegen, sondern Deine Frage und meine Antworten einfach im Raum stehen lassen.

Wirklichkeit

Ich musste so lachen über die Vehemenz, mit der du das sagst! Dann geh mal in Gedanken einkaufen und versuche, eine Woche lang davon satt zu werden. :-))) [...] Ich habe diesen Abschnitt jetzt x-mal gelesen, aber ich komme da einfach nicht weiter. Was um Himmels Willen verstehst du unter Wirklichkeit? Alles, was du da schilderst, spielt sich doch nur in deinem Kopf ab! Natürlich habe ich wirklich Gedanken, und insofern sind sie ein Teil der Wirklichkeit. Aber im Vergleich zu allem, was außerhalb meines Kopfes existiert, einschließlich meines eigenen Körpers, sind Gedanken doch nur ein sehr geringer Teil der Wirklichkeit. Was unterschlägst du da alles!

Dann hatte ich Dich wohl mißverstanden bzw. hatte ich ja geschrieben, dass ich nicht verstehe, was Du meinst. Nur hatte ich bei meiner Antwort die Hälfte und das Entscheidende vergessen zu schreiben. Ich setze noch einmal neu an: Es regnet. Das ist eine Wirklichkeit, die zwar unabhängig von mir und meinen Gedanken existiert, die aber in mein Bewußtsein erst dann rückt, wenn ich in irgendeine Art von Beziehung zu ihr trete. Diesen, den elementaren Aspekt hatte ich nicht erwähnt. Ich denke es mir so, dass wir zu diesem „es regnet“ insofern eine Beziehung aufnehmen, als wir ihn sinnlich wahrnehmen. Mit den Augen, mit den Ohren wahrscheinlich auch. Verbunden dürfte es mit diffusen, nicht konturierbaren Empfindungen sein, vielleicht am ehesten sowas wie angenehm oder unangenehm, anziehend oder abstoßend. Kürzlich las ich den Ausdruck „affektive Intentionalität“ dafür. Auf diese Weise wird der Regen überhaupt bedeutsam für uns, sodaß er nicht wie eine leere Formel bleibt. Und dann in einem nächsten Schritt denken wir irgendetwas über den Regen. Du hast also recht, wären nur Gedanken über den Regen und sonst nichts, dann wäre er uns gleichgültig, die Gedanken müssen an körperliche und seelische Empfindungen geknüpft sein, weil wir sonst wie eine KI über den Regen denken würden. Wahrscheinlich gäbe es noch nicht einmal den Antrieb, irgendwas zu denken. Denn woher sollte er kommen! Insofern kann ich Deine Verwunderung gut nachvollziehen, wenn ich sinngemäß geschrieben habe, alle Wirklichkeit sei nur gedanklich.

Meine Gedanken möchte ich allerdings doch verteidigen :-). „Es regnet“, jetzt und hier im Umkreis von 20 oder 50 Kilometern. Dann ist das eine Wirklichkeit, die von Tausenden von Menschen auf ihre individuelle Weise zu ihrer Wirklichkeit wird. Schläft jemand oder ist vollständig absorbiert von irgendeiner Tätigkeit, dann dringt der Regen nicht ins Bewußtsein, er wird gar nicht wahrgenommen. Für mich wird er zu einem Behaglichkeitsgefühl führen, wenn ich daran denke, dass ich in meiner Wohnung bleiben kann und die Nässe nur in Gestalt von schönen Tropfen auf dem Fenster mitkriege. Denke ich daran, dass ich gleich raus muß und der Nässe ausgesetzt bin, finde ich ihn schon im Vorfeld unangenehm. Jetzt zitiere ich noch einmal das mir nicht Einsichtige, was Du schriebst:

Ja, seltsam, nicht wahr: Was wir denken, ist nicht die Wirklichkeit. :-))) Ich lache darüber, aber ich glaube, man kann die Tragweite dieser Erkenntnis gar nicht groß genug schätzen. Denn auch das, was wir über uns selbst denken oder was wir denken, was andere über uns denken mögen, ist nicht die Wirklichkeit. Diese Gedanken mögen der Wirklichkeit sehr nahe kommen, aber sie sind doch nichts anderes als Gedanken.  

Ich verstehe es so, als würdest Du von einer Wirklichkeit oder von Wirklichkeiten sprechen, die „an sich“ existieren. Das war und ist der Punkt meines Nicht-Verstehens und das war, wie ich nun merke, auch der Grund, warum ich die Gedanken derart betont und in den Vordergrund gerückt habe, als seien sie alles. Eine Wirklichkeit, die für mich nicht ist, die gar nicht in meinen Horizont tritt, scheint mir abstrakt und bedeutungslos. Natürlich weiß ich, dass es 10.000 km entfernt Wirklichkeit gibt; nur solange nicht über ein Bild aus der australischen Wüste oder sonst ein Ereignis oder einen Menschen diese Wirklichkeit eine Bedeutung für mich bekommt, ist sie leer. Zumindest aus dem, was Du an dieser Stelle über die Wirklichkeit schreibst, schließe ich, dass Wirklichkeit für Dich etwas ist, das wie ein Abstraktes „an sich“ existiert. Wirklichkeit ist das, was wir nicht denken, nicht fühlen, nicht wissen. Ein Unbekanntes, das wir trotzdem mit diesem Begriff benennen. Seltsam, wir sind bisher noch nie darüber gestolpert. 

Wenn ich nun zurückgehe auf die Erläuterung, die Du in Deinem letzten Brief gegeben hast, dann vermute ich, dass Du möglicherweise den gesamten Teil der Wirklichkeit meinst, den ich in meiner Antwort, alles seien Gedanken, unterschlagen hatte. Ich bezeichne ihn jetzt mal als den sinnlich-leiblichen Teil unserer Wahrnehmung. Sollte es so sein, dann gäbe es gar keinen Dissens …?

Ah ja, verstehe. Das Unscheinbare und Unspektakuläre, das mag ich ja auch so gern. Wobei Epikur (ich habe jetzt ein bisschen herumgelesen, um mein Wissen aufzufrischen) das mehr „biologische“ Reiz-Reaktions-Schema dieses Lebensprozesses, wie du es schilderst, ja wohl sehr schnell ins Denken verlagert, hin zu „rechter Einsicht“. Interessant fand ich die beiden Begriffe, mit denen das Ziel epikureischer Lebensführung beschrieben wird: Seelenruhe und Lebensfreude (wobei ich nicht weiß, ob das Begriffe sind, die bei Epikur selbst vorkommen). Jedenfalls fand ich es schön, dass hier zur Seelenruhe der Stoiker die Lebensfreude hinzukommt.

Der Ausdruck „Seelenruhe“ gefällt mir inzwischen auch sehr gut (ich glaube, dass ich ihn vor ungefähr 5 Jahren noch nicht gut fand); „gut gefallen“ heißt, dass ich angenehme Bilder dazu vor Augen habe, das Wasser eines nur minimal bewegten Teiches oder eines kleinen Sees. Sanft und befriedet liegt er im Halbschatten der Sonne. „Lebensfroh“ würde ich der „Lebensfreude“ vorziehen. Du hattest das Wort vor mehreren Jahren zur Charakterisierung einer Deiner Töchter benutzt (ich habe es nicht vergessen), und schon damals hatte ich sofort einen intensiven Eindruck nur alleine aufgrund dieses Wortes. Ich finde es besser, weil es für mich mehr eine grundlegende Haltung zum Leben ausdrückt, gleichgültig, wie sich die konkreten Ereignisse im Leben nun gestalten mögen. Dem Leben zugewandt, das Leben mit den Tiefen und Höhen bejahend, während ich bei „Lebensfreude“ eher an eine andauernde Freude zu leben denke. Solche Wörter sind bedeutungsreich und es ist wohl sehr subjektiv, je nachdem, was man mit ihnen assoziiert, welches man treffender und schöner findet. Ja, wohl auch eine Sache der Ästhetik.

F.

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Brief 250 | Was ist wirklich?

Liebe F.,

meine Antworten sind diesmal ziemlich kurz geraten, weil ich an zwei Stellen etwas ratlos vor deinen Äußerungen saß und nicht wusste, wie ich sie verstehen sollte. Damit du weißt, welche Stellen ich meine: 1. Mein ganzes Bewusstsein geht auf Wohlbefinden, und 2. Wirklichkeit ist nichts als Denken. Erst habe ich viel dazu geschrieben, aber dann alles wieder gelöscht, weil ich nicht glauben konnte, dass du das wirklich so wörtlich und ausschließlich gemeint hast, wie du es geschrieben hast. Ich warte also lieber ab, ob du noch ein bisschen mehr dazu sagst und das entweder bekräftigst oder relativierst.

 

Phänomenale Funktionen

Hatte ich Wittgenstein in diesem Zusammenhang auch schon einmal erwähnt? Ich paraphrasiere seine Aussage. Bevor wir anfangen zu überlegen, was „denken“ ist, haben wir es schon jahrelang zuvor getan. Bezieht man diese Äußerung auf einen einzelnen Menschen, dann ist es tatsächlich so, dass wir denken und denken und evtl. zufällig und beiläufig irgendwann einmal in unserem Leben diese Frage dann auftaucht. Vielleicht taucht sie auch nie auf als eine dezidierte Frage. Das finde ich mit dem „ich“ vergleichbar. Mir fällt jetzt der Sprung oder wohl richtiger „mein“ Sprung, auf, der Sprung vom Erstaunen darüber, was für ein unglaubliches Phänomen das „ich“ ist und auf die gegenüberliegende Seite, dass es sich um nichts Geheimnisvolles, wie Du es ausdrückst, handelt. Wir leben damit, meistens unhinterfragt. „Ich“ ist eine Funktion. Ah ja, auch in dieser Hinsicht wäre das Ergebnis vergleichbar dem Denken. Das Gehirn denkt, das ist seine Funktion, und auch diese Erkenntnis hattest Du an mich weiter vermittelt. Und dieser Vorgang begleitet unser Leben ebenso unbemerkt. Ein Mensch entwickelt irgendwann in seinem Leben dieses „ich“ und sofern man nicht am Ende des Lebens wieder wie ein Kind wird, bleibt dieses „ich“ bis zum Tod bestehen. Wie das Denken kann man es nicht auflösen, aber wie beim Denken tritt es auch wieder in den Hintergrund der Aufmerksamkeit, wenn man es einmal hervorgeholt und näher untersucht hat.

Ich hoffe, du hast bei diesem „Sprung“ nicht die Brücke hinter dir abgerissen, die es ja auch noch gibt. Ich meine damit, dass wir es ja auch hier nicht mit einem Entweder-Oder zu tun haben – auf der einen Seite das Ich als staunenswertes, geheimnisvolles Phänomen und auf der anderen Seite als simple Bewusstseinsfunktion. Sondern ich verstehe es schon als beides. Etwas als Funktion zu verstehen macht es ja nicht weniger staunenswert. Ich finde auch sämtliche anderen Lebensfunktionen erstaunlich und geheimnisvoll.

 

Anstrengend?

O, das ist spannend! Nein, „wer oder wie ich sein will“ ist nicht meine Frage. Das weiß ich sofort. „Damit es mir einigermaßen gut geht“, ja, da weiß ich sofort, dass es das ist :-). Mein ganzes Bewußtsein ist darauf ausgerichtet, wie ich mich wohl(er) befinden kann -und das wiederum tue ich, indem ich versuche, meine Empfindungen und meine Gedanken ohne Umwege anzusehen und zu fühlen. Es ist schwierig, das in Worte zu fassen – auch weil dies wie ein Erkennen von etwas ist, das ich bisher so klar gar nicht gesehen habe. Von der anderen Seite her aufgezogen erinnere ich mich an eine Äußerung von jemandem, der sagte, er habe sich inzwischen abgehärtet oder sei abgehärtet gegen Angriffe von außen, gegen unerfreuliche Gedanken von innen, und ich gehe den umgekehrten Weg. So weit wie möglich tue ich alles so, wie ich es eben tue und beobachte dieses Tun gleichzeitig, wobei ich unter „tun“ nicht die Handlungen selbst verstehe, sondern die Gedanken und die Gefühle. Ich erlebe das nicht wie eine Spaltung, sondern eher so wie eine sehr große Aufmerksamkeit, in der die beiden Teile -tun und betrachten- verbunden sind.

Ich glaube, ich verstehe einigermaßen, was du meinst. Also dass du es nicht als Spaltung empfindest. Trotzdem bin ich irgendwie erschrocken. Das hängt an diesem Satz:

Mein ganzes Bewußtsein ist darauf ausgerichtet, wie ich mich wohl(er) befinden kann […]

Selbst wenn das mehr oder minder selbstverständlich nebenherläuft – ist das nicht auf Dauer unglaublich anstrengend? Nie mal von sich selbst loslassen zu können? Nie mal einfach unbefangen zu sein, ganz ohne Bewertung oder Beobachtung? Nie mal das Gefühl haben: Ich muss nicht ständig auf mich aufpassen? Wie eingangs schon gesagt: Ich kann kaum glauben, dass du es wirklich in dieser Totalität meinst, wie du es ausgedrückt hast. Aber vielleicht ist es ja tatsächlich so bei dir? Und du empfindest es gar nicht als anstrengend?

 

Was ist wirklich?

Wieso verstehe ich nicht, was Du meinst?! :-))) Was soll denn dann noch Wirklichkeit sein, wenn sie nicht das ist, was wir denken?!

Ich musste so lachen über die Vehemenz, mit der du das sagst! Dann geh mal in Gedanken einkaufen und versuche, eine Woche lang davon satt zu werden. :-)))

Die Geschichte mit dem Sofa enthielt oder enthält für mich die Erkenntnis, dass eine vorwegnehmende Vorstellung, wie man sich befinden könnte, fehlgeht, weil man sich in dem Moment, in dem die Situation gegenwärtig ist, mitnichten so befindet wie antizipiert. Nur ist doch in jeder Situation das wirklich, was wir in dieser Situation jeweils denken? Es sind zwar alles Gedanken über, und besonders im Hinblick auf andere Menschen haben wir Null-Ahnung, ob unsere Gedanken auch nur annähernd die Gedanken der anderen Menschen erfassen, aber was uns selber angeht, so sind die Gedanken doch höchst wirklich. Denke ich, jemand fände mich toll, dann ist dies die Wirklichkeit. Meine Wirklichkeit und die Wirklichkeit sind ununterscheidbar. Gut, ich könnte nachfragen und es stellt sich heraus, dass ich mich geirrt habe. In dem Moment ändern sich meine Gedanken und die Wirklichkeit. Ich meine damit auch, dass wir mit unseren Gedanken unsere jeweilige Wirklichkeit schaffen. Mir ist nicht klar, ob ich an Dir vorbeirede, nur taucht Deine Überlegung für mich irgendwie ganz unvermutet und nicht nachvollziehbar vor meinen Augen auf … :-)

Ich habe diesen Abschnitt jetzt x-mal gelesen, aber ich komme da einfach nicht weiter. Was um Himmels Willen verstehst du unter Wirklichkeit? Alles, was du da schilderst, spielt sich doch nur in deinem Kopf ab! Natürlich habe ich wirklich Gedanken, und insofern sind sie ein Teil der Wirklichkeit. Aber im Vergleich zu allem, was außerhalb meines Kopfes existiert, einschließlich meines eigenen Körpers, sind Gedanken doch nur ein sehr geringer Teil der Wirklichkeit. Was unterschlägst du da alles!

 

Einfach

O, ich verstehe genau, was Du meinst! Ja, das Wort hört sich oberflächlich an oder langweilig, fällt mir weiter ein, oder wie ein lauwarmer Brei :-). Im vergangenen halben Jahr habe ich mich ein bißchen mit Epikur beschäftigt und aus dieser Beschäftigung ist der Ausdruck erwachsen. In der Übersetzung aus dem Lateinischen heißt es für gewöhnlich „Lust“ und „Unlust“; nur sind diese Begriffe, wie ich finde, zu irreführend. Die Theorie ist schlicht, dass Menschen grundsätzlich nach ihrem Wohlbefinden streben und dazu das Unwohlbefinden zu vermeiden, zu minimieren oder zu verkürzen suchen. Es ist ein ständiges Bestreben, das Unwohlempfinden in ein Wohlbefinden zu überführen. Wenn man sich eine Linie vergegenwärtigt, dann gibt es auf dieser Linie unzählige stufenlose Nuancen des Wohl- oder des Nicht-Wohlbefindens. Ich habe das Modell adaptiert, d.h. ich habe es auf mich angewendet. Es ist darin nichts Existentielles, nichts Dramatisches, nichts Grandioses, sondern eine bescheidene Ansicht auf mein Streben. Man könnte die Worte zwar ersetzen durch „Glück“ und „Unglück“, das wäre in der Sache gehupft wie gesprungen, nur assoziiert man mit diesen Worten Dramatik -und genau dies tut man mit einem so unscheinbaren Wort wie „Wohlbefinden“ nicht. Das heißt, mir hat der Ausdruck auf einmal deswegen so gut gefallen, weil er bescheiden und oberflächlich ist. Nach Wohlbefinden streben scheint mir vergleichbar mit dem Denken. Sitzt man am Laptop und bemerkt irgendwann, dass das übergeschlagene Bein schmerzt, dann ändert man die Sitzposition. Das tut man automatisch, ohne zu überlegen. Dieser Vorgang unterscheidet sich nicht grundsätzlich von einer Situation, in der man sich von unerfreulichen Gedanken löst, weil sie ein Unwohlbefinden auslösen, das man ändern möchte. Die Einfachheit dieses Lebensprozesses finde ich zur Zeit anziehend und angenehm zu denken.

Ah ja, verstehe. Das Unscheinbare und Unspektakuläre, das mag ich ja auch so gern. Wobei Epikur (ich habe jetzt ein bisschen herumgelesen, um mein Wissen aufzufrischen) das mehr „biologische“ Reiz-Reaktions-Schema dieses Lebensprozesses, wie du es schilderst, ja wohl sehr schnell ins Denken verlagert, hin zu „rechter Einsicht“. Interessant fand ich die beiden Begriffe, mit denen das Ziel epikureischer Lebensführung beschrieben wird: Seelenruhe und Lebensfreude (wobei ich nicht weiß, ob das Begriffe sind, die bei Epikur selbst vorkommen). Jedenfalls fand ich es schön, dass hier zur Seelenruhe der Stoiker die Lebensfreude hinzukommt.

Wohlbefinden ist so „einfach“, dass man es in vielen alltäglichen Situationen ganz leicht selbst herstellen kann. Da macht es auch nichts, wenn das nur eine kurze Zeit andauert, denn der Anspruch ist ja längst nicht so hoch wie beispielsweise bei Glück. Ein kleiner Moment des Wohlbefindens, den man wirklich bewusst spürt, bevor er sich wieder im Alltagsbefinden auflöst … und noch einer … und noch einer …

B.

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