Frau mit Griffel

Um das Jahr 50 gemaltes Fresko aus Pompeji, entdeckt 1760

(Quelle: Wikipedia)


Brief 227 | Normalfall Störung

Liebe B.,

Kann ich mir das so vorstellen, dass du sozusagen Einzelbilder erinnerst, aber keine Zusammenhänge? Insofern passt das „fotografisch“ doch sehr gut. (Ich finde es spannend, wie Erinnerung funktioniert.)

O, Du hast erkannt, was ich nicht sah. Ja, die „Einzelbilder erinnern“ trifft meine Gedächtnisleistung exakt! Nur als Beispiel: Vereinbare ich an einem Tag 3 Termine bei verschiedenen Ärzten, dann schreibe ich sie in der Regel gar nicht auf. Ich weiß sie, Tag und Stunde … bis ich sie erledigt habe.

 

Frag Dr. Sommer“

Trotzdem würde ich sagen, dass das Alter hierfür nicht die entscheidende Rolle spielt. Es ist in jedem Lebensalter nicht so einfach einen Partner, eine Partnerin zu finden. Das hängt mehr damit zusammen, ob man unter Leute geht oder nicht. Als Jugendliche habe ich auch gedacht, ich werde nie einen Freund haben, weil ich als Introvertierte nirgendwohin ging, in keine Disco, zu keinen Freizeittreffs etc. Zu Hause findet einen halt niemand. Das ist der eine Punkt. Der andere ist, dass es ja nicht nur die älter werdenden Frauen gibt, sondern auch die älter werdenden Männer, d.h. rein statistisch gesehen gibt es auch in unserem Alter immer noch genauso viele Männer als potentielle Partner wie in jeder anderen Lebensphase. (Na ja, nicht ganz, weil Männer eine geringere Lebenserwartung haben.) Und viele von ihnen sehnen sich genau so nach Liebe wie du. Das ist keine Frage des Alters. – So, das war jetzt aus der Rubrik „Frag Dr. Sommer“. :-)

Verehrte Frau Dr. Sommer, es schien mir nicht unriskant, Ihnen meine ärgsten Befürchtungen, die sich kumuliert hatten, mitzuteilen, denn Sie hätten sie mir bestätigen können. Das haben Sie nicht getan, und dafür möchte ich mich herzlich bedanken. Es gibt Wahrscheinlichkeiten, Statistiken und allgemeine gesellschaftliche Bilder, die zusammengenommen meine düsteren Zukunftsgedanken ausmachen. Und daneben gibt es die Unberechenbarkeiten, die Nichtvorhersehbarkeiten und mich, die sich nicht beirren lassen möchte. Der Stand der Dinge ist allerdings der, dass ich zwischen dem düsteren Zukunftsbild und dem Bild des Erwartens von Besserem häufig hin- und herwechsle.

(Ich weiß gar nicht, ob es die Rubriken, die es in jeder illustrierten Zeitschrift gab, überhaupt noch gibt. Illustrierte lese ich allenfalls, wenn ich im Wartezimmer einer Praxis sitze und sie dort ausliegen. Ich weiß noch nicht einmal, ob es diese Sorte von Zeitschriften auch online zu lesen gibt. Aber als junges Mädchen, als meine Großmutter noch lebte und diese Zeitschriften regelmäßig mitbrachte, habe ich die Rubriken immer interessiert gelesen).

Ui – gleich 20 Jahre! :-))) Das ginge aber nur, wenn du auch 20 Jahre jünger bist. Ansonsten wäre die Diskrepanz zwischen Innen und Außen schon arg unschön. Mir werden auf Youtube in letzter Zeit dauernd Filmchen mit Stars angeboten „Früher – heute“ und einige davon habe ich mir angeguckt (wodurch der Algorithmus mir natürlich noch mehr anzeigt :-)). Und alle Leute, die nicht auch äußerlich sichtbar gealtert sind, sehen schrecklich aus. Nicht nur wegen der Verzerrung durch OPs, sondern weil sie irgendwie nicht „echt“ aussehen. Es ist für mich immer eine Wohltat, zwischen diesen alterslosen Leuten ab und zu auch mal einen „richtigen Menschen“ zu sehen. Die sind so schön!

Wie seltsam! Die Häufung wegen der Algorithmen ist eine Sache, aber wie ist es überhaupt zu der Annahme gekommen, Du könntest an „früher-heute“ Bildern interessiert sein?! Bei you tube bin ich selten, rechts und unten auf der Seite sehe ich sehr viel von mir nicht Erbetenes, aber ich klicke das niemals an. Ich empfinde mich selber als irgendwie gespalten: Auf der einen Seite bin ich ausgesprochen konsequent, d.h. ich lehne ab und zwar immer und beharrend; auf der anderen Seite ist meine „Blase“, in der ich mich bewege, dadurch auch wirklich sehr klein :-))). Mit dem, was ich nicht sehen, hören, wissen möchte, werde ich auch nicht konfrontiert. Wird meine Welt dadurch kleiner, enger? Hach, wenn ich’s näher bedenke, dann blende ich alles „Unschöne“ aus. Am Schönen bin ich durchaus interessiert.

 

Normalfall Störung

Ja, schert jemand aus, gibt’s eine Störung. Aber nach meiner wie gesagt laienhaften Vorstellung ist das eher der Normalfall als die Ausnahme. Keines der Teile in einem System arbeitet perfekt. Aber ein gutes System zeichnet sich dadurch aus, dass es all die vielen kleinen Störungen tolerieren oder ausgleichen kann, dadurch wird es robust und wenig anfällig. Wäre das System darauf ausgelegt, dass wirklich alles perfekt wie am Schnürchen läuft, dann wäre die geringste Abweichung eine Katastrophe und würde alles zusammenbrechen lassen.

Mein Lieblingsbeispiel hierfür ist das von der Gepäckförderanlage auf einem Flughafen. (Ich habe das vage Gefühl, dass ich davon schon mal erzählt habe.) Es ist Ewigkeiten her, dass ich davon gelesen habe, aber es hat mich sehr beeindruckt. Dabei ging es zwar um Redundanz, aber es passt auch in diesem Zusammenhang. Man hatte eine Reihe von Fachleuten darauf angesetzt die Gepäckförderanlage zu überarbeiten, mit dem Ziel, alles so ökonomisch und sparsam und zeitsparend wie möglich zu machen. Möglichst kurze Wege, keine überflüssigen Schleifen und Kreuzungen etc. Die Laufbandlänge konnte wirklich erheblich reduziert werden und alles klappte anfangs wunderbar, schnell und effizient. Bis zum ersten umgekippten Koffer, der irgendwas blockierte. Da ging plötzlich gar nichts mehr. Es gab keinen Plan B, keine Ausweichmöglichkeiten für Umleitungen, keine breiteren Durchlässe, um die übrigen Koffer an der blockierten Stelle vorbeilaufen zu lassen … Es gab nur diesen einen Lösungsweg, und das ganze System hing davon ab, dass dieser eine Weg funktionierte.

Nein, Du hast von diesem Beispiel noch niemals erzählt. Naja, ich erinnere es jedenfalls nicht :-).

Ich gehe davon aus, dass auch autopoietische Systeme (um noch einen schlauen Begriff zu bringen) fehlertolerant sind. Beziehungsweise dass Abweichungen gar nicht als Fehler gesehen werden, sondern als kreative Handlungsmöglichkeiten, die die Weiterentwicklung des Systems fördern. Gäbe es diese Abweichungen nicht, sondern liefe alles immer so, wie es einmal „programmiert“ worden ist, würde sich das System nie verändern.

Es ist fatal, so fatal :-), aber ich habe vor einiger Zeit einen Begriff für die Einplanung von Fehlern in einem System gelesen. Am Ende weiter dazu.

Auf einer einfachen Ebene denke ich zum Beispiel an einen Not-Akku in einer zentralen Heizungsanlage, der im Notfall, wenn der Strom ausfällt, die Heizung für eine geraume Zeit in Betrieb hält. Sodaß, falls es hohe Minusgrade hat, die Rohre nicht einfrieren. Oder noch simpler, die Taschenlampe, die man ersatzweise irgendwo griffbereit liegen hat, wenn der Strom in der Wohnung ausfällt. Jeder Fallschirm, glaube ich, trägt einen weiteren kleineren Fallschirm mit sich, falls sich der große Fallschirm einmal aus irgendwelchen Gründen nicht öffnet. Andersherum die Abschaltung eines Betriebssystems, die Sicherung, die den Stromkreis unterbricht, damit es nicht zu einem Kabelbrand und Brand kommt. Evtl. gehört auch das Abschalten eines Computers, wenn die Festplatte defekt ist, zu dem Mechanismus, größeren Schaden zu verhindern, indem das ganze System ausgeschaltet wird. Beim menschlichen Körper sind Schmerzen vielleicht dem Aufleuchten der Warnleuchte im Auto vergleichbar, wenn der Benzinvorrat sich langsam dem Ende zuneigt. Man rechnet also mit Störungen im normalen Ablauf und trägt Sorge, dass Störungen so wenig Schaden wie möglich anrichten können oder dass der normale Ablauf einigermaßen ungestört weiter funktioniert.

Vielleicht auf den Autobahnen die Standspur, weil Störungen eingeplant werden, oder die Ampelphasen, bei denen es kurze Pausen zwischen den Richtungswechseln gibt, falls jemand -Auto oder Fußgänger- noch irrtümlich unterwegs ist. Aber handelt es sich hier überhaupt um Systeme? Den menschlichen Körper würde ich für ein System ansehen. Dringen Bakterien in den Körper ein, die das Gewebe, egal an welcher Stelle, angreifen und entzünden, dann bilden sich Leukozyten, die die Funktion haben, sich die Bakterien einzuverleiben, sodaß sie nicht mehr wirken können. Das scheint schon gut organisiert, nur gelingt es den weißen Blutkörperchen nicht immer, die Bakterien zu beseitigen. Im schlimmsten Fall stirbt der menschliche Organismus.

Die ganze Woche habe ich mit dem Zusammentragen von möglichen Beispielen verbracht, aber sie fügen sich allesamt nicht ein in das, was Du „im Auge“ hattest. Mir fällt zu den grob arbeitenden Systemen, in denen kleinere Störungen ausgeglichen werden, dem schönen Gepäckförderungsbeispiel, einfach nichts Entsprechendes ein. Und außerdem hat dies alles leider auch nichts mit der Einkalkulierung von Störungen in einem System zu tun, wofür ich den Begriff las. Da geht es nämlich in Richtung der KI, d.h. ein System wird so programmiert, dass es Fehler eigenständig und somit kreativ beheben kann.

Das wiederum bringt mich zu dem Gedanken, dass vieles von dem, was wir so denken, sich auf einen (menschheitsgeschichtlich oder allgeschichtlich) extrem kurzen Zeitraum bezieht, wir aber schnell dabei sind, daraus allgemeingültige Regeln abzuleiten.

Bei dem Bierflaschenbeispiel hätte es sicher schon gereicht, die Versuchszeit um ein Jahr oder so zu verlängern. Es war bei der Beschreibung nämlich deutlich herauszulesen, dass ein „jetzt“ gemeint war, d.h. es war tatsächlich extrem kurzzeitig gedacht.

 

Ziellos

Mir fällt aber – wenn wir schon bei den Gedankensprüngen sind :-) – ein Gespräch ein, das ich vor ein paar Tagen mit meiner Tochter hatte, in dem es um Lebensziele ging. Ich erzählte ihr von einer Wohneinrichtung für psychisch instabile Menschen, die in regelmäßigen Abständen „evaluiert“ werden, welche Ziele sie sich setzen und wie weit sie diese Ziele schon erreicht haben. Und ich meinte, dass man das im normalen Alltagsleben eher nicht so explizit macht. Aber wir kamen dann überein, dass es durchaus sehr „zielstrebige“ Menschen gibt (zu denen wir beide nicht gehören), die sich Ziele setzen und sie konsequent verfolgen. Und mir fiel ein Gespräch mit einer Bekannten ein, die mich vor vielen Jahren einmal fragte, welche Ziele ich im Leben denn noch verwirklichen wolle, und die völlig erstaunt war, als ich ihr keines nennen konnte, zumindest keines, das über das Tagesgeschäft hinausging. Sie hätte immer irgendwelche Ziele.

Über das Tagesgeschäft hinaus“ trifft es schon recht gut. Ich würde den „Tag“ noch um einige Wochen vielleicht erweitern, vermute aber, dass Du es nicht anders meinst. Hatte ich einen Job gekündigt oder ist mir gekündigt worden, dann hatte ich das Ziel, einen neuen Job zu finden, oder das Ziel, eine neue Wohnung zu finden, weil es in der alten Wohnung Querelen mit dem Vermieter gab. Nur könnte man dies auch anders fassen und sagen, dass sich die Handlungen aus aktuellen Gegebenheiten ergaben und nicht länger- oder langfristig geplant waren.

Ein einziges Mal, so erinnere ich mich, bin ich nach einem Ziel gefragt worden und das war ebenfalls in therapeutischem Zusammenhang. Als ich meine Therapie begann, fragte mich die Therapeutin, mit welchem Ziel ich die Therapie gerne beenden würde wollen. Ich sagte, dass ich als ein neuer Mensch weggehen wolle :-). Was sie zu meiner Antwort sagte und ob sie überhaupt die Antwort kommentiert hat, das weiß ich nicht mehr. Dieses Ziel verschwand nach und nach aus meinem Kopf und wurde durch die Realität ersetzt. Die Realität meiner Person, meine ich. Wie Du es auch getan hast, in winzigen Schritten die Möglichkeiten, die man für sich selber sieht, zu erweitern und mit jedem Schrittchen wieder ein wenig mehr an Erweiterung zu erfahren. Rückblickend kommt mir die Idee, ein neuer und anderer Mensch sein zu wollen, richtig abstrus vor :-). So als könne man das eigene So-Sein austauschen und umkrempeln wie einen Pullover, oder den Schalter von einem Zustand A umlegen, sodaß Zustand B erscheint.

Um noch mal mit Plattitüden zu kommen: Wir sind in jeder Hinsicht begrenzt, vorläufig, unfertig, und das sehe ich nicht als Makel. Ist jetzt so mein Konzept :-)))

Ja, und ich erkenne an dieser Stelle meine Veränderung deutlich, denn ein neuer Mensch sein zu wollen, war verbunden mit dem Wunsch, etwas Abgeschlossenes, Fertiges, Perfektes sein zu wollen. Ein Mensch, an dem sich nichts mehr verändert. Heute lache ich darüber – jenseits der Lebenswirklichkeit war dieses Ziel!

F.

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Brief 226 | Platitüden und Konzepte

Liebe F.,

Darauf muß ich doch noch einmal reagieren, denn in der Tat hatte ich Dein „soso“ auf mich bezogen und dachte, ich müsse mich rechtfertigen. Das scheinst Du sehr richtig verstanden zu haben :-). Ich selber erinnere nur vage, dass Du einmal mit irgendwem -ich weiß tatsächlich auch nicht mehr, wer es war- rückblickend über die gemeinsame intensive Lektüre gesprochen hattest. Nun können wir diese Episode beschließen, denke ich …

Du hättest dich so oder so nicht zu rechtfertigen brauchen! :-)

nein, noch nicht ganz, denn in der letzten Zeit ist mir mein anscheinend in metaphorischem Sinne „fotografisches“ Gedächtnis häufiger in den Sinn gekommen. Ich merke mir zwar Daten und Fakten und oft auch sogar den Wortlaut, in dem sie mir jemand mitgeteilt hat -mühelos. Ich weiß sie einfach, selbst nach langer Zeit. Aber Informationen aus Lektüren, über Themen und Sachverhalte, die sind sehr oft wie aus meinem Gedächtnis nahezu vollkommmen gelöscht. Ähnlich wie bei Dir mit Luhmann, erginge es mir mit Platon z.B. Anderen Menschen gelingt es, Gedichte aufzusagen, die sie als Kinder oder Jugendliche auswendig gelernt haben – mehr als 2 Verse bekomme ich nie zusammen.

Kann ich mir das so vorstellen, dass du sozusagen Einzelbilder erinnerst, aber keine Zusammenhänge? Insofern passt das „fotografisch“ doch sehr gut. (Ich finde es spannend, wie Erinnerung funktioniert.)

 

Frag Dr. Sommer

Was darf ich noch erwarten? Welche Ansprüche darf ich noch stellen? Darf ich erwarten und hoffen, dass mich noch einmal ein Mann will? Das ist die Frage, die relevant für das Altersentsprechende ist. Bin ich so geschlechtslos, wie Du es nanntest, dass es einfach lächerlich ist, überhaupt nur daran zu denken? Darf ich selber nicht mehr lieben, s o lieben, wie man als Frau einen Mann liebt? Ich meine jetzt nicht, ob ich es dürfte, aber so, dass es auf eine Gegenliebe trifft. Darf ich von nun an den Rest meines Lebens nur noch verwalten, mich irgendwo unterbringen, im altersgerechtem Wohnen, mich nützlich machen, solange ich es noch körperlich und geistig kann? Nützlich machen und dafür akzeptiert werden, mehr jedoch nicht?! Bedeutet Letzteres, mir nichts vorzumachen?

Diese Gedanken und Befürchtungen kann ich alle einigermaßen nachvollziehen. Und wenn ich jetzt dagegen argumentiere, komme ich mir ein wenig platt vor. Trotzdem würde ich sagen, dass das Alter hierfür nicht die entscheidende Rolle spielt. Es ist in jedem Lebensalter nicht so einfach einen Partner, eine Partnerin zu finden. Das hängt mehr damit zusammen, ob man unter Leute geht oder nicht. Als Jugendliche habe ich auch gedacht, ich werde nie einen Freund haben, weil ich als Introvertierte nirgendwohin ging, in keine Disco, zu keinen Freizeittreffs etc. Zu Hause findet einen halt niemand. Das ist der eine Punkt. Der andere ist, dass es ja nicht nur die älter werdenden Frauen gibt, sondern auch die älter werdenden Männer, d.h. rein statistisch gesehen gibt es auch in unserem Alter immer noch genauso viele Männer als potentielle Partner wie in jeder anderen Lebensphase. (Na ja, nicht ganz, weil Männer eine geringere Lebenserwartung haben.) Und viele von ihnen sehnen sich genau so nach Liebe wie du. Das ist keine Frage des Alters. – So, das war jetzt aus der Rubrik „Frag Dr. Sommer“. :-)

Ich habe den Eindruck, Deine Frage nicht beantwortet zu haben. Nein, was Kleidung, Frisur, was meine Interessen, mein Tun betrifft, so spielt das Alter auch für mich nicht im Mindesten eine Rolle. Meine Kniee sind nicht mehr so schön wie früher, daher ziehe ich keine Miniröcke an. Ich bin nicht mehr so gangsicher wie früher, deswegen gehe ich vorsichtiger. Das sind Anpassungen an Altersphänomene, die ich so selbstverständlich nehme, dass ich sie kaum beachte. Hm, da Du Dich fragst, ob Du Dir was „vormachst“, möchte ich mein „kaum beachten“ ein bißchen verbessern. Mich nerven körperliche Einschränkungen, und ich sähe gerne 20 Jahre jünger aus. Das heißt, mein Wohlbefinden mit mir ist dadurch schon beeinträchtigt, aber nicht besonders stark :-).

Ui – gleich 20 Jahre! :-))) Das ginge aber nur, wenn du auch 20 Jahre jünger bist. Ansonsten wäre die Diskrepanz zwischen Innen und Außen schon arg unschön. Mir werden auf Youtube in letzter Zeit dauernd Filmchen mit Stars angeboten „Früher – heute“ und einige davon habe ich mir angeguckt (wodurch der Algorithmus mir natürlich noch mehr anzeigt :-)). Und alle Leute, die nicht auch äußerlich sichtbar gealtert sind, sehen schrecklich aus. Nicht nur wegen der Verzerrung durch OPs, sondern weil sie irgendwie nicht „echt“ aussehen. Es ist für mich immer eine Wohltat, zwischen diesen alterslosen Leuten ab und zu auch mal einen „richtigen Menschen“ zu sehen. Die sind so schön!

Aber gut, ich halte mich jetzt an das „nicht besonders stark“ und lasse es dabei bewenden. :-)

 

Normalfall Störung

Daran merkt man, dass und wie wenig Ahnung ich von jeder Art von Systemtheorie habe. Gut, wenn ich es mir so vorstelle, wie Du vorschlägst, dann sind die Akteure wie eine Menge von Menschen, die alle „Hand in Hand“ zusammen arbeiten, jeder und jede weiß, was seine/ihre Aufgabe ist. Schert jemand aus, dann gibt’s eine Störung :-).

An Systemtheorie hatte ich gar nicht gedacht, davon habe ich auch keine Ahnung (mehr). Das ist mehr meine laienhafte Weltvorstellung, zusammengesetzt aus Angelesenem, Gedachtem und Gefühltem.

Ja, schert jemand aus, gibt’s eine Störung. Aber nach meiner wie gesagt laienhaften Vorstellung ist das eher der Normalfall als die Ausnahme. Keines der Teile in einem System arbeitet perfekt. Aber ein gutes System zeichnet sich dadurch aus, dass es all die vielen kleinen Störungen tolerieren oder ausgleichen kann, dadurch wird es robust und wenig anfällig. Wäre das System darauf ausgelegt, dass wirklich alles perfekt wie am Schnürchen läuft, dann wäre die geringste Abweichung eine Katastrophe und würde alles zusammenbrechen lassen.

Mein Lieblingsbeispiel hierfür ist das von der Gepäckförderanlage auf einem Flughafen. (Ich habe das vage Gefühl, dass ich davon schon mal erzählt habe.) Es ist Ewigkeiten her, dass ich davon gelesen habe, aber es hat mich sehr beeindruckt. Dabei ging es zwar um Redundanz, aber es passt auch in diesem Zusammenhang. Man hatte eine Reihe von Fachleuten darauf angesetzt die Gepäckförderanlage zu überarbeiten, mit dem Ziel, alles so ökonomisch und sparsam und zeitsparend wie möglich zu machen. Möglichst kurze Wege, keine überflüssigen Schleifen und Kreuzungen etc. Die Laufbandlänge konnte wirklich erheblich reduziert werden und alles klappte anfangs wunderbar, schnell und effizient. Bis zum ersten umgekippten Koffer, der irgendwas blockierte. Da ging plötzlich gar nichts mehr. Es gab keinen Plan B, keine Ausweichmöglichkeiten für Umleitungen, keine breiteren Durchlässe, um die übrigen Koffer an der blockierten Stelle vorbeilaufen zu lassen … Es gab nur diesen einen Lösungsweg, und das ganze System hing davon ab, dass dieser eine Weg funktionierte.

Ich gehe davon aus, dass auch autopoietische Systeme (um noch einen schlauen Begriff zu bringen) fehlertolerant sind. Beziehungsweise dass Abweichungen gar nicht als Fehler gesehen werden, sondern als kreative Handlungsmöglichkeiten, die die Weiterentwicklung des Systems fördern. Gäbe es diese Abweichungen nicht, sondern liefe alles immer so, wie es einmal „programmiert“ worden ist, würde sich das System nie verändern.

Ach, ich könnte jetzt noch endlos so haltlos weiterschwadronieren, ich finde das Thema sehr spannend. Und es hat mich dazu inspiriert eines meiner Bücher zu diesem Thema wieder hervorzuholen und es noch einmal zu lesen. Darauf freue ich mich schon! :-)

Nun habe ich doch einmal im Netz nachgeblättert und finde zu den naturwissenschaftlichen Systemen die Möglichkeiten der Offenheit, der Geschlossenheit und der Abgeschlossenheit. Das geschlossene System läßt keine Materieveränderung zu, durchaus aber Veränderung der Energie. Eine geschlossene Bierflasche, die in eine wärmere Umgebung gestellt wird, läßt das Bier darin wärmer werden, und so entspräche diese Situation einem geschlossenen System. Isoliert man die Bierflasche, dann kann sich durch Wärmeeinwirkung das Bier auch nicht erwärmen. Das thermodynamische System interessiert uns zwar nicht :-), aber ich würde aus dieser Erklärung ableiten wollen, dass der Körper des Menschen sicher weder ein abgeschlossenes noch ein geschlossenes System darstellt. Wir wären uns also einig – sofern man das „sich selbst regulierend“ wegläßt, denn das eingeschlossen, verkompliziert sich die Sachlage ungemein.

Ich würde bestreiten, dass die geschlossene Bierflasche ein geschlossenes System ist. Oder vielleicht kommt es auf die Zeiträume an, die man betrachtet. Ich bin mir ziemlich sicher, dass selbst eine geschlossene Bierflasche nach ein paar Jahrzehnten leer ist, weil der Verschluss porös geworden ist oder korrodiert oder was weiß ich. Dadurch, dass zu diesem System nicht nur das Bier in der Flasche, sondern auch die Flasche selbst gehört, hat das System eine Verbindung mit der „Außenwelt“, die auf es einwirkt. – Dagegen fallen mir allerdings gerade hundert Jahre alte Cognacflaschen ein, die auf Auktionen zu horrenden Preisen gehandelt werden. Und vielleicht hat man sogar in alten Pharaonengräbern geschlossene Flaschen mit irgendwelchen Flüssigkeiten darin gefunden? Will ich nicht ausschließen! :-)

Das wiederum bringt mich zu dem Gedanken, dass vieles von dem, was wir so denken, sich auf einen (menschheitsgeschichtlich oder allgeschichtlich) extrem kurzen Zeitraum bezieht, wir aber schnell dabei sind, daraus allgemeingültige Regeln abzuleiten.

 

Konzeptionslos gehts auch :-) und ziellos auch :-)

Apropos „Konzept“ wechsle ich das Thema :-). In früheren, in jungen Jahren habe ich häufiger überlegt, was denn wohl das Geheimnis einer guten Ehe sei, mithin das Konzept. Je älter ich wurde und desto länger ich verheiratet war, kamen mir all die Weisheiten, die ich mir als Antworten ausgedacht hatte, zunehmend dümmer vor. Ich denke, dass viele Menschen die Frage des Handelns lebenspraktisch beantworten und das heißt, sie denken darüber nicht nach. Dann gibt es einige Menschen, die aus irgendwelchen Gründen darüber nachdenken -und sie werden, so nehme ich an, alle eine für sich geeignete Lösung finden. Vielleicht könnte man sogar von unterschiedlichem Gleichgewichtswohlbefinden ausgehen. Anders gesagt: Es gibt kein Patentkonzept/Rezept, das für alle Menschen gut ist. Du merkst, ich glaube an gar keine Konzepte mehr :-))). Sicher, wenn ich mir überlege, wie ich handle, dann kann ich Muster erkennen, die sich wiederholen. Zum Beispiel das längere gedankliche Umrunden eines Vorhabens, bis dann auf einmal, intuitiv, der Zeitpunkt da ist, an dem ich die geplante Handlung in ein Tun umsetze. Darauf kann ich mich verlassen, d.h. ich vertraue in mich, dass ich’s schon tun werde. Und aktionistisches Handeln habe ich reduzieren können. Vorher stocke ich kurz und denke mir „muß das sein?“ Beides aber folgt keinem Konzept, sondern ist eine Vorgehensweise, die mir erst im reflektierenden Bedenken bewußt wird.

Ich gehöre zu den Menschen, die nicht über irgendwelche Handlungskonzepte nachdenken, glaube ich, oder wenn, dann wie du im Nachhinein. Insofern kann ich dazu nicht viel sagen. Mir fällt aber – wenn wir schon bei den Gedankensprüngen sind :-) – ein Gespräch ein, das ich vor ein paar Tagen mit meiner Tochter hatte, in dem es um Lebensziele ging. Ich erzählte ihr von einer Wohneinrichtung für psychisch instabile Menschen, die in regelmäßigen Abständen „evaluiert“ werden, welche Ziele sie sich setzen und wie weit sie diese Ziele schon erreicht haben. Und ich meinte, dass man das im normalen Alltagsleben eher nicht so explizit macht. Aber wir kamen dann überein, dass es durchaus sehr „zielstrebige“ Menschen gibt (zu denen wir beide nicht gehören), die sich Ziele setzen und sie konsequent verfolgen. Und mir fiel ein Gespräch mit einer Bekannten ein, die mich vor vielen Jahren einmal fragte, welche Ziele ich im Leben denn noch verwirklichen wolle, und die völlig erstaunt war, als ich ihr keines nennen konnte, zumindest keines, das über das Tagesgeschäft hinausging. Sie hätte immer irgendwelche Ziele.

 

Ganz ohne Konzept geht es irgendwie doch nicht?! :-)

Irgendwann einmal hatte ich Dir von meinem Altersbild erzählt, davon, wie ich mit meinem Mann zusammen auf einer Bank am Rande eines Feldes sitzen würde, und in vollkommener Ruhe und Beschaulichkeit nichts weiter mehr tue als die Vergangenheit und die Gegenwart genießen. Spätestens mit dem Tod meines Mannes verschwand dieses Bild, und seltsamerweise oder auch nicht, habe ich das nicht bedauert. Es war s o nicht mehr möglich, und das war in Ordnung für mich. Überhaupt aber ist dieses Bild des endgültigen Beschlusses nie wieder und auch nicht in abgewandelter Weise aufgetaucht. Ich bin unmerklich zu einem Bild gewechselt, in dem ich bis zum letzten Atemzug nicht wie der „liebe Gott“ oder der „Buddha“ sein werde, d.h. ich gehe davon aus, dass bis zum Schluß immer noch gedankliche Bewegungen, Veränderungen sein werden, irgendetwas, das noch zu tun ist, keine Vollkommenheit -und ja, so wie Dich beunruhigt mich das auch in keiner Weise, im Gegenteil, mir ist diese Vorstellung überaus angenehm. Das widerspricht dem Bild, das ich oben düster gemalt habe – und schön, dass es mir noch auffällt, denn diese beiden Bilder zusammengenommen, im Wechsel jeweils, zeigen am besten die Unabgeschlossenheit …

Um noch mal mit Platitüden zu kommen: Wir sind in jeder Hinsicht begrenzt, vorläufig, unfertig, und das sehe ich nicht als Makel. Ist jetzt so mein Konzept :-)))

B.

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Brief 225 | Überhaupt keine Beunruhigung

Liebe B.,

Die Eigenwilligkeit der Gedächtnisse

Mein „soso“ bezog sich nicht auf dich, sondern auf mich, auf meine sprichwörtliche Vergesslichkeit. :-) Vielleicht habe ich das ja tatsächlich schon mal gelesen?!? Ich glaube, ich könnte nicht einen einzigen Gedanken von Luhmann wiedergeben, dabei habe ich mich mal wirklich ziemlich intensiv mit ihm auseinandergesetzt. Die Welt ist immer wieder neu und frisch für mich. :-)

Darauf muß ich doch noch einmal reagieren, denn in der Tat hatte ich Dein „soso“ auf mich bezogen und dachte, ich müsse mich rechtfertigen. Das scheinst Du sehr richtig verstanden zu haben :-). Ich selber erinnere nur vage, dass Du einmal mit irgendwem -ich weiß tatsächlich auch nicht mehr, wer es war- rückblickend über die gemeinsame intensive Lektüre gesprochen hattest. Nun können wir diese Episode beschließen, denke ich …

nein, noch nicht ganz, denn in der letzten Zeit ist mir mein anscheinend in metaphorischem Sinne „fotografisches“ Gedächtnis häufiger in den Sinn gekommen. Ich merke mir zwar Daten und Fakten und oft auch sogar den Wortlaut, in dem sie mir jemand mitgeteilt hat -mühelos. Ich weiß sie einfach, selbst nach langer Zeit. Aber Informationen aus Lektüren, über Themen und Sachverhalte, die sind sehr oft wie aus meinem Gedächtnis nahezu vollkommmen gelöscht. Ähnlich wie bei Dir mit Luhmann, erginge es mir mit Platon z.B. Anderen Menschen gelingt es, Gedichte aufzusagen, die sie als Kinder oder Jugendliche auswendig gelernt haben – mehr als 2 Verse bekomme ich nie zusammen.

 

Sich etwas vormachen“

„Altersentsprechend“ – ist das tatsächlich ein Kriterium für dich? Aber nein, du fragst ja rhetorisch … oder nicht? Ich weiß nicht, ob ich mir mal wieder selbst was vormache, aber mich hat das Wort eben dermaßen überrascht, dass ich doch sagen möchte, dass das eher keine Rolle für mich spielt. Ich wüsste überhaupt nicht, bei welch einer Gelegenheit. Außer vielleicht bei der Kleidung. Aber vielleicht helfen mir da ein paar Beispiele von dir auf die Sprünge.

Was darf ich noch erwarten? Welche Ansprüche darf ich noch stellen? Darf ich erwarten und hoffen, dass mich noch einmal ein Mann will? Das ist die Frage, die relevant für das Altersentsprechende ist. Bin ich so geschlechtslos, wie Du es nanntest, dass es einfach lächerlich ist, überhaupt nur daran zu denken? Darf ich selber nicht mehr lieben, s o lieben, wie man als Frau einen Mann liebt? Ich meine jetzt nicht, ob ich es dürfte, aber so, dass es auf eine Gegenliebe trifft. Darf ich von nun an den Rest meines Lebens nur noch verwalten, mich irgendwo unterbringen, im altersgerechtem Wohnen, mich nützlich machen, solange ich es noch körperlich und geistig kann? Nützlich machen und dafür akzeptiert werden, mehr jedoch nicht?! Bedeutet Letzteres, mir nichts vorzumachen?

Ich habe den Eindruck, Deine Frage nicht beantwortet zu haben. Nein, was Kleidung, Frisur, was meine Interessen, mein Tun betrifft, so spielt das Alter auch für mich nicht im Mindesten eine Rolle. Meine Kniee sind nicht mehr so schön wie früher, daher ziehe ich keine Miniröcke an. Ich bin nicht mehr so gangsicher wie früher, deswegen gehe ich vorsichtiger. Das sind Anpassungen an Altersphänomene, die ich so selbstverständlich nehme, dass ich sie kaum beachte. Hm, da Du Dich fragst, ob Du Dir was „vormachst“, möchte ich mein „kaum beachten“ ein bißchen verbessern. Mich nerven körperliche Einschränkungen, und ich sähe gerne 20 Jahre jünger aus. Das heißt, mein Wohlbefinden mit mir ist dadurch schon beeinträchtigt, aber nicht besonders stark :-).

Ich wusste gar nicht, dass das Alter solch ein Thema für dich ist. Und wo du schon selbst von Unsinnigkeit sprichst: Warum willst du nicht als die wahrgenommen werden, die du bist, inklusive deines Alters? (Wegen deines „Marktwerts als Frau“?)

Kurz und bündig: „Ja“. Wahrscheinlich oder sogar ziemlich sicher hätte ich früher etwas Anderes als Hürde oder Hindernis gesehen, aber nun ist es dies.

 

Exkurs(ion)

Dein Beispiel mit den Organismen verstehe ich nicht. Nach meinem Verständnis ist hier jedes einzelne Wesen ein Akteur, und in jedem dieser Wesen jedes Organ, und in diesen Organen jede Zelle … Die Akteure sind nicht außerhalb, sondern innerhalb des Systems, und sie sind ständig tätig und beeinflussen sich gegenseitig.

Daran merkt man, dass und wie wenig Ahnung ich von jeder Art von Systemtheorie habe. Gut, wenn ich es mir so vorstelle, wie Du vorschlägst, dann sind die Akteure wie eine Menge von Menschen, die alle „Hand in Hand“ zusammen arbeiten, jeder und jede weiß, was seine/ihre Aufgabe ist. Schert jemand aus, dann gibt’s eine Störung :-).

„Ohne Ursache und Grund“ möchte ich stark bezweifeln (ohne von den medizinischen Hintergründen eine Ahnung zu haben). Antikörper haben eine wichtige Funktion für das Immunsystem, die kommen nicht aus dem Nichts, die sind schon da bzw. bilden sich ständig und sind fleißig tätig, damit du gesund bleibst. Dass sie bei einer Autoimmunerkrankung überreagieren oder in die falsche Richtung tätig werden, hat mit Sicherheit vielfältige Gründe, wozu auch Akteure von außen gehören (Umwelteinflüsse, Viren, Bakterien …). Laienhaft bedacht :-) würde ich generell bestreiten wollen, dass ein sich selbst regulierendes System ein geschlossenes System ist. Vielleicht ist es relativ unabhängig von äußeren Einflüssen, aber Interaktionen finden doch statt, und selbst wenn sie minimal sind, so werden sie sich früher oder später bemerkbar machen.

Nun habe ich doch einmal im Netz nachgeblättert und finde zu den naturwissenschaftlichen Systemen die Möglichkeiten der Offenheit, der Geschlossenheit und der Abgeschlossenheit. Das geschlossene System läßt keine Materieveränderung zu, durchaus aber Veränderung der Energie. Eine geschlossene Bierflasche, die in eine wärmere Umgebung gestellt wird, läßt das Bier darin wärmer werden, und so entspräche diese Situation einem geschlossenen System. Isoliert man die Bierflasche, dann kann sich durch Wärmeeinwirkung das Bier auch nicht erwärmen. Das thermodynamische System interessiert uns zwar nicht :-), aber ich würde aus dieser Erklärung ableiten wollen, dass der Körper des Menschen sicher weder ein abgeschlossenes noch ein geschlossenes System darstellt. Wir wären uns also einig – sofern man das „sich selbst regulierend“ wegläßt, denn das eingeschlossen, verkompliziert sich die Sachlage ungemein.

 

Konzeptionslos gehts auch :-)

Du meinst das taoistische Wu Wei? Ja, hier ist es das Ziel, dass sich der Akteur so weit zurücknimmt, dass er fast verschwindet, ein Niemand wird, und die Dinge ihren „natürlichen“ Lauf nehmen können. Aber ich weiß nie so recht, was ich davon halten soll. Einerseits finde ich, dass das ein verlockendes Konzept ist, weil es sanft, achtsam, nicht-aktionistisch ist. Andererseits frage ich mich, was hier unter „natürlich“ verstanden wird und wieso ich oder der Mensch allgemein mit seinem Tun nicht zu dieser Natur gezählt wird, sondern als Störfaktor betrachtet wird. Was er ja oft auch ist – aber daraus ein Konzept machen …?

Apropos „Konzept“ wechsle ich das Thema :-). In früheren, in jungen Jahren habe ich häufiger überlegt, was denn wohl das Geheimnis einer guten Ehe sei, mithin das Konzept. Je älter ich wurde und desto länger ich verheiratet war, kamen mir all die Weisheiten, die ich mir als Antworten ausgedacht hatte, zunehmend dümmer vor. Ich denke, dass viele Menschen die Frage des Handelns lebenspraktisch beantworten und das heißt, sie denken darüber nicht nach. Dann gibt es einige Menschen, die aus irgendwelchen Gründen darüber nachdenken -und sie werden, so nehme ich an, alle eine für sich geeignete Lösung finden. Vielleicht könnte man sogar von unterschiedlichem Gleichgewichtswohlbefinden ausgehen. Anders gesagt: Es gibt kein Patentkonzept/Rezept, das für alle Menschen gut ist. Du merkst, ich glaube an gar keine Konzepte mehr :-))). Sicher, wenn ich mir überlege, wie ich handle, dann kann ich Muster erkennen, die sich wiederholen. Zum Beispiel das längere gedankliche Umrunden eines Vorhabens, bis dann auf einmal, intuitiv, der Zeitpunkt da ist, an dem ich die geplante Handlung in ein Tun umsetze. Darauf kann ich mich verlassen, d.h. ich vertraue in mich, dass ich’s schon tun werde. Und aktionistisches Handeln habe ich reduzieren können. Vorher stocke ich kurz und denke mir „muß das sein?“ Beides aber folgt keinem Konzept, sondern ist eine Vorgehensweise, die mir erst im reflektierenden Bedenken bewußt wird.

 

Nicht endend

Ich denke, hier gibt es auch keinen „Beschluss“, wir bewegen uns immer zwischen diesen Polen hin und her und müssen uns da irgendwie austarieren. Die Vorstellung, irgendetwas könne mal bis an einen festen, unveränderlichen Punkt gedacht werden, irgendwann würde mal „Ruhe einkehren“ im Denken, Fühlen, Handeln, kommt mir, im Gegensatz zu früher, inzwischen sehr merkwürdig vor. Und, wie ich mit Erstaunen feststelle, beunruhigt mich das in keiner Weise. :-).

Irgendwann einmal hatte ich Dir von meinem Altersbild erzählt, davon, wie ich mit meinem Mann zusammen auf einer Bank am Rande eines Feldes sitzen würde, und in vollkommener Ruhe und Beschaulichkeit nichts weiter mehr tue als die Vergangenheit und die Gegenwart genießen. Spätestens mit dem Tod meines Mannes verschwand dieses Bild, und seltsamerweise oder auch nicht, habe ich das nicht bedauert. Es war s o nicht mehr möglich, und das war in Ordnung für mich. Überhaupt aber ist dieses Bild des endgültigen Beschlusses nie wieder und auch nicht in abgewandelter Weise aufgetaucht. Ich bin unmerklich zu einem Bild gewechselt, in dem ich bis zum letzten Atemzug nicht wie der „liebe Gott“ oder der „Buddha“ sein werde, d.h. ich gehe davon aus, dass bis zum Schluß immer noch gedankliche Bewegungen, Veränderungen sein werden, irgendetwas, das noch zu tun ist, keine Vollkommenheit -und ja, so wie Dich beunruhigt mich das auch in keiner Weise, im Gegenteil, mir ist diese Vorstellung überaus angenehm. Das widerspricht dem Bild, das ich oben düster gemalt habe – und schön, dass es mir noch auffällt, denn diese beiden Bilder zusammengenommen, im Wechsel jeweils, zeigen am besten die Unabgeschlossenheit …

F.

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Brief 224 | Unruhige Systeme

Liebe F.,

ich setze dieses Mal keine Zwischenüberschriften, weil sich irgendwie ein Absatz aus dem nächsten ergeben hat, ohne scharfe Grenzen.

Zuvor eine Kleinigkeit am Rande:

Nunja, ich hatte mich ja bei wiki schlau machen müssen und dort las ich zu „Homöostase“ unter der Rubrik „Sozialwissenschaften“ 3 Namen, unter anderem den von Luhmann … zu dem mir einfiel, Du hättest ihn gelesen.

Mein „soso“ bezog sich nicht auf dich, sondern auf mich, auf meine sprichwörtliche Vergesslichkeit. :-) Vielleicht habe ich das ja tatsächlich schon mal gelesen?!? Ich glaube, ich könnte nicht einen einzigen Gedanken von Luhmann wiedergeben, dabei habe ich mich mal wirklich ziemlich intensiv mit ihm auseinandergesetzt. Die Welt ist immer wieder neu und frisch für mich. :-)

**********

Und jetzt aber, gegenwärtig und in diesem Moment frage ich mich rhetorisch, ob denn nicht alles, was man tut, sich daran orientiert, was man tun möchte. Nicht daran, ob es altersentsprechend ist, denn dies ist ein Kriterium, das ausschließlich vom Blick der anderen Menschen auf mich ausgeht. Was sie über mich denken könnten :-))). Das setze ich dann weiter unten fort. Natürlich muß man sich an den körperlichen Gegebenheiten orientieren, die im Laufe des Lebens einschränkender werden, nur im Grundsatz muß man sich immer an den körperlichen Gegebenheiten orientieren, gleich in welchem Alter man sich befindet.

„Altersentsprechend“ – ist das tatsächlich ein Kriterium für dich? Aber nein, du fragst ja rhetorisch … oder nicht? Ich weiß nicht, ob ich mir mal wieder selbst was vormache, aber mich hat das Wort eben dermaßen überrascht, dass ich doch sagen möchte, dass das eher keine Rolle für mich spielt. Ich wüsste überhaupt nicht, bei welch einer Gelegenheit. Außer vielleicht bei der Kleidung. Aber vielleicht helfen mir da ein paar Beispiele von dir auf die Sprünge.

Neinnein, das ist schon gut, weil ich meine stillen Fragen nicht aufgeschrieben hatte, und nun, da Du näher auf das „sich selbst regulierende System“, das sich beständig in Balance zu bringen bestrebt ist, eingehst, kann ich sie laut denken. Meine erste, ganz simple Überlegung war die, dass selbst bei einem so banalen, aus dem Alltag gegriffenen Beispiel wie dem Heizungsthermostat erforderlich ist, dass irgendjemand, also ein Akteur, das Thermostat andreht. Und auch bei dem Modell von 2 Kugeln, die nebeneinander auf einer Stange an einem Band befestigt sind und herunterhängen, sodaß sie sich gegenseitig durch Anstoßen dann dauerhaft in ein Hin- und Herschwingen versetzen, muß es einen „ersten Beweger“ geben. Gibt es den nicht, dann stehen die Kugeln still. Wie soll man es sich bei der Entfaltung von lebendigen pflanzlichen und tierischen Organismen vorstellen? Eine Entwicklungsstufe entfaltet sich aus der anderen, sowohl was die einzelnen Exemplare einer Gattung wie den Menschen :-) angeht als auch in größeren Ordnungen und Zeitdimensionen gedacht. Das scheint mir schon ein System, das ohne Akteure auskommt, nur käme man womöglich, wenn man immer weiter zurückgeht, doch auf sowas wie einen ersten Beweger … am Ende landet man beim Urknall oder Gott, oder wie? Aber vielleicht ist es auch so, dass jeder Fortpflanzungsvorgang Akteure benötigt.

Dein Beispiel mit den Organismen verstehe ich nicht. Nach meinem Verständnis ist hier jedes einzelne Wesen ein Akteur, und in jedem dieser Wesen jedes Organ, und in diesen Organen jede Zelle … Die Akteure sind nicht außerhalb, sondern innerhalb des Systems, und sie sind ständig tätig und beeinflussen sich gegenseitig.

Eine andere Frage, die mir schon beim letzten Mal einfiel, war die, was ein sich selbst regulierendes System eigentlich von einem Rückkoppelungsprozeß unterscheidet. Das würde ich ohne näheres Wissen so unterscheiden, dass das homöodynamische System insofern komplexer ist, als es mehr als Elemente enthält und dass die Verbindung und Zusammenarbeit aller seiner Bestandteile darauf ausgerichtet ist, zu einem Gleichgewicht zu kommen.

Ich hatte es immer so verstanden, als wenn innerhalb eines sich selbst regulierenden Systems Rückkoppelungsprozesse stattfinden. Das System ist das Ganze, Rückkoppelungen sind einzelne Schritte darin.

Von geschlossenen oder/und nicht geschlossenen Systemen habe ich keine Ahnung. Wenn ich mir das Ökosytem denke, von dem das menschliche und damit das soziale System ein Teil ist, dann würde ich auch meinen, dass es geschlossene Systeme nicht gibt. Andererseits, noch einmal das biologische Beispiel vom sich selbst regulierenden Schilddrüsensystem aufgreifend, das System kann phasenweise ins Ungleichgewicht geraten; sobald sich jedoch Antikörper bilden, spricht man von einer Autoimmunerkrankung. Da bildet sich also ein Antikörper, woher kommt der? Der taucht wie aus dem Nichts auf :-))). Ist das ein Akteur, der durch sein Eingreifen die ganze schöne Balance für die Lebensdauer des Organismus zerstört? Laienhaft bedacht würde ich dies als ein geschlossenes System begreifen, in dem ohne Grund und Ursache ein Element -innerhalb oder außerhalb, wäre hier die Frage, auftaucht, das die Funktionsweise des Systems außer Kraft setzt.

„Ohne Ursache und Grund“ möchte ich stark bezweifeln (ohne von den medizinischen Hintergründen eine Ahnung zu haben). Antikörper haben eine wichtige Funktion für das Immunsystem, die kommen nicht aus dem Nichts, die sind schon da bzw. bilden sich ständig und sind fleißig tätig, damit du gesund bleibst. Dass sie bei einer Autoimmunerkrankung überreagieren oder in die falsche Richtung tätig werden, hat mit Sicherheit vielfältige Gründe, wozu auch Akteure von außen gehören (Umwelteinflüsse, Viren, Bakterien …). Laienhaft bedacht :-) würde ich generell bestreiten wollen, dass ein sich selbst regulierendes System ein geschlossenes System ist. Vielleicht ist es relativ unabhängig von äußeren Einflüssen, aber Interaktionen finden doch statt, und selbst wenn sie minimal sind, so werden sie sich früher oder später bemerkbar machen.

Mir ist weiter das „Handeln durch Nicht-Handeln“ in den Sinn gekommen, einer Leitlinie, die ebenfalls fast ohne einen Akteur auskommt. Der Fortgang der Ereignisse scheint mir, wenn man sich an dieser Anweisung ausrichtet, auch einen Gleichgewichtszustand anzustreben. Man wird ja nicht gänzlich untätig, verliert sich auf der anderen Seite nicht in aktionistischem Tun. Man wartet auf den passenden Moment zu handeln, und das heißt nicht, in Lauerstellung dazusitzen, also ständig auf dem Sprung sein, um den richtigen Moment nur nicht verpassen :-). Ich stelle es mir eher auch wie ein beständiges Ausbalancieren vor. Wie eine Bewegung, die zum Ausgleich zwischen Tun und Nicht-Tun führt.

Ich bin mir nicht sicher, stimmt das Bild?

Du meinst das taoistische Wu Wei? Ja, hier ist es das Ziel, dass sich der Akteur so weit zurücknimmt, dass er fast verschwindet, ein Niemand wird, und die Dinge ihren „natürlichen“ Lauf nehmen können. Aber ich weiß nie so recht, was ich davon halten soll. Einerseits finde ich, dass das ein verlockendes Konzept ist, weil es sanft, achtsam, nicht-aktionistisch ist. Andererseits frage ich mich, was hier unter „natürlich“ verstanden wird und wieso ich oder der Mensch allgemein mit seinem Tun nicht zu dieser Natur gezählt wird, sondern als Störfaktor betrachtet wird. Was er ja oft auch ist – aber daraus ein Konzept machen …?

„Desinteressiert“ -“das kann man bedauern“, ich vermute mit einiger Gewißheit, dass die befreiende Komponente und Wirkung deswegen bei mir fehlt, weil ich vor allen Dingen „bedaure“. Ich möchte wahrgenommen und das heißt beachtet werden, weil ich das „Gesehenwerden“ brauche, die Anerkennung und Bestätigung meiner Person. Über diesen Unterschied zwischen uns haben wir ja schon öfter gesprochen. Nur ist für die Anerkennung und Bestätigung meiner Person nötig, dass ich auf positive Art und Weise gesehen werde. Ein auffälliges Verhalten, das einen kurz verwunderten halb interessierten, mehr desinteressierten Blick hervorruft, nützt mir nichts.

Aber dass ich für die anderen nicht im Mittelpunkt stehe, führt ja nicht dazu, dass ich überhaupt nicht von ihnen gesehen werde! Insofern ist mein Beispiel mit den beiläufigen Auffälligkeiten bei Fremden doch gar nicht so gut, denn um die kümmert man sich ja wirklich nicht weiter. Um die geht es mir aber auch gar nicht. Mein Ausgangspunkt war, dass ich nicht einem bestimmten Bild entsprechen muss, weil das gar keine so große Rolle spielt. Eine andere Formulierung davon ist, dass es nicht auf mich ankommt. Eben deshalb kann ich aber viel freier agieren, und ich kann mir vorstellen, dass das auch die Chancen erhöht positiv aufzufallen, wenn man das denn möchte. Ich mache mich ja nicht unsichtbar, ich befreie mich nur von einer unnötigen Last.

Ich will mich hier übrigens nicht so darstellen, als ob mir das positive Gesehenwerden und die Anerkennung von Anderen gleichgültig wäre, ganz und gar nicht. Aber das eine schließt das andere ja nicht aus.

Und nun führe ich das „Alter“ von oben hier fort. Wie muß ich mich verhalten, damit ich nicht als so alt wie ich bin wahrgenommen werde?! Alleine diese Frage von mir selber zu lesen, während ich sie schreibe, führt mir die Unsinnigkeit dieses beständigen Blickes auf mich und die anderen Menschen anschaulich vor Augen. Wie Andere mich sehen, das weiß ich nicht, das ist lauter Einbildungskraft.

Ich wusste gar nicht, dass das Alter solch ein Thema für dich ist. Und wo du schon selbst von Unsinnigkeit sprichst: Warum willst du nicht als die wahrgenommen werden, die du bist, inklusive deines Alters? (Wegen deines „Marktwerts als Frau“?)

Ach, jetzt fällt mir in einer kurzen und griffigen Formulierung ein, worum es geht: „Als ein niemand für jemanden alles sein“, das ist es. Es verläuft über eine Beziehung. Mein Alter, mein Marktwert als Frau egal, niemand sein müssen, alles sein (dürfen), das wäre so mit einer Beziehung. Niemand sein und alleine, das ist für mich wie verloren sein.

Ja, das ist wohl der Punkt, der den entscheidenden Unterschied macht. Ich kann mir gut vorstellen, dass dir dieses Niemand-Sein wie ein Abgrund an Einsamkeit erscheint, in den man da stürzt. Aber bei mir ist das anders.

Andererseits weiß ich schon sehr genau, was Du meinst. Mit dem Blick beständig auf andere Menschen schielen, wie könnte dies oder jenes an meinem Verhalten auf sie wirken, dadurch werde ich ja nicht vom „niemand“ zu „jemand“ :-))). Ich komme einfach zu keinem Beschluß, liebe B., ich tändele zwischen was bin ich „für mich“ und was bin ich „für andere“ hin und her.

Ich denke, hier gibt es auch keinen „Beschluss“, wir bewegen uns immer zwischen diesen Polen hin und her und müssen uns da irgendwie austarieren. Die Vorstellung, irgendetwas könne mal bis an einen festen, unveränderlichen Punkt gedacht werden, irgendwann würde mal „Ruhe einkehren“ im Denken, Fühlen, Handeln, kommt mir, im Gegensatz zu früher, inzwischen sehr merkwürdig vor. Und, wie ich mit Erstaunen feststelle, beunruhigt mich das in keiner Weise. :-)

B.

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Brief 223 | Getändel

Liebe B.,

So ungefähr ...

Das einzige, was mir einfällt, ist, dass ich oft Schwierigkeiten habe mein genaues Alter anzugeben. Ich habe im Sommer Geburtstag, aber in all den Monaten vorher bin ich in Gedanken immer schon eine Zahl weiter, weil ich nur nach dem Geburtsjahr rechne, aber nicht nach dem Geburtsmonat. Wenn ich also im Sommer 67 werde, dann denke ich schon zu Anfang des Jahres, dass ich 67 bin – oder etwa nicht? Oder doch? * grübel * Und wenn ich dann Geburtstag hatte – wie alt bin ich nun? 67 oder 68? Ich weiß also immer nur „so ungefähr“, wie alt ich bin. :-)

Eine Freundin von mir, kurz K., ist in einem winzigen Dorf in der Türkei geboren worden. Sie weiß den Tag ihrer Geburt nicht. Auch die Eltern haben den Tag nicht gewußt. Es gab oder gibt dort kein Amt, das ein Geburtenregister führt und zu dem man geht, um ein neugeborenes Kind eintragen zu lassen. Das Jahr allerdings weiß sie schon, das haben auch die Eltern sagen können. Als sie in Deutschland eine neue Identität bekam, ist ihr auch ein Geburtstag „verpaßt“ worden, wahrscheinlich der guten Ordnung halber. Man muß einen Geburtstag haben :-))). Das Geburtsjahr ist beim Ausstellen eines neuen Passes um einige Jahre nach hinten verschoben worden. Als ich die Geschichte hörte, fand ich sie sympathisch. Der Tag ist tatsächlich vage (irgendwann an einem Wintertag, als Schnee lag), und beim Jahr kann man sich daran gewöhnen, immer hin- und herzudenken. So alt bin ich tatsächlich, so alt bin ich laut der Beurkundung. Mein Alter habe ich doch meistens wie einen scharfen Schnitt empfunden, den ich aber gerne ein wenig verwischt hätte. So eine Art von gnädiger Verwaschenheit.

Und jetzt aber, gegenwärtig und in diesem Moment frage ich mich rhetorisch, ob denn nicht alles, was man tut, sich daran orientiert, was man tun möchte. Nicht daran, ob es altersentsprechend ist, denn dies ist ein Kriterium, das ausschließlich vom Blick der anderen Menschen auf mich ausgeht. Was sie über mich denken könnten :-))). Das setze ich dann weiter unten fort. Natürlich muß man sich an den körperlichen Gegebenheiten orientieren, die im Laufe des Lebens einschränkender werden, nur im Grundsatz muß man sich immer an den körperlichen Gegebenheiten orientieren, gleich in welchem Alter man sich befindet.

 

Minimalinvasiv

Soso, Luhmann hat das gesagt? :-) Homöodynamik gefällt mir auf jeden Fall sehr gut, denn Homöostase ist ja im Grunde der Versuch, statisch zu werden, während es (nach meinem Verständnis) gerade um ein immerwährendes Ausgleichen geht, das nie zum Stillstand kommt. Die Vorstellung, dass nicht Perfektion das Ziel ist, sondern mehr das aufmerksame Wahrnehmen des Ist-Zustandes, gefällt mir daran so.

Nunja, ich hatte mich ja bei wiki schlau machen müssen und dort las ich zu „Homöostase“ unter der Rubrik „Sozialwissenschaften“ 3 Namen, unter anderem den von Luhmann … zu dem mir einfiel, Du hättest ihn gelesen.

Ob ein solches System keinen Akteur benötigt, weiß ich nicht. Mag sein. (Klingt aber irgendwie nach einem unmöglichen Perpetuum mobile.) Entscheidender und realistischer finde ich zu berücksichtigen, dass immer ein Akteur da ist, der das System beeinflusst. Ich sage mal etwas vorlaut, dass es keine geschlossenen Systeme gibt, sondern in irgendeiner Form alles mit allem zusammenhängt, jedes System also einer Beeinflussung von außen ausgesetzt ist.

Ist das jetzt für irgendwas wichtig? Ich glaube, ich habe beim Theoretisieren und Spekulieren den Faden verloren …

Neinnein, das ist schon gut, weil ich meine stillen Fragen nicht aufgeschrieben hatte, und nun, da Du näher auf das „sich selbst regulierende System“, das sich beständig in Balance zu bringen bestrebt ist, eingehst, kann ich sie laut denken. Meine erste, ganz simple Überlegung war die, dass selbst bei einem so banalen, aus dem Alltag gegriffenen Beispiel wie dem Heizungsthermostat erforderlich ist, dass irgendjemand, also ein Akteur, das Thermostat andreht. Und auch bei dem Modell von 2 Kugeln, die nebeneinander auf einer Stange an einem Band befestigt sind und herunterhängen, sodaß sie sich gegenseitig durch Anstoßen dann dauerhaft in ein Hin- und Herschwingen versetzen, muß es einen „ersten Beweger“ geben. Gibt es den nicht, dann stehen die Kugeln still. Wie soll man es sich bei der Entfaltung von lebendigen pflanzlichen und tierischen Organismen vorstellen? Eine Entwicklungsstufe entfaltet sich aus der anderen, sowohl was die einzelnen Exemplare einer Gattung wie den Menschen :-) angeht als auch in größeren Ordnungen und Zeitdimensionen gedacht. Das scheint mir schon ein System, das ohne Akteure auskommt, nur käme man womöglich, wenn man immer weiter zurückgeht, doch auf sowas wie einen ersten Beweger … am Ende landet man beim Urknall oder Gott, oder wie? Aber vielleicht ist es auch so, dass jeder Fortpflanzungsvorgang Akteure benötigt.

Eine andere Frage, die mir schon beim letzten Mal einfiel, war die, was ein sich selbst regulierendes System eigentlich von einem Rückkoppelungsprozeß unterscheidet. Das würde ich ohne näheres Wissen so unterscheiden, dass das homöodynamische System insofern komplexer ist, als es mehr als Elemente enthält -und dass die Verbindung und Zusammenarbeit aller seiner Bestandteile darauf ausgerichtet ist, zu einem Gleichgewicht zu kommen.

Von geschlossenen oder/und nicht geschlossenen Systemen habe ich keine Ahnung. Wenn ich mir das Ökosytem denke, von dem das menschliche und damit das soziale System ein Teil ist, dann würde ich auch meinen, dass es geschlossene Systeme nicht gibt. Andererseits, noch einmal das biologische Beispiel vom sich selbst regulierenden Schilddrüsensystem aufgreifend, das System kann phasenweise ins Ungleichgewicht geraten; sobald sich jedoch Antikörper bilden, spricht man von einer Autoimmunerkrankung. Da bildet sich also ein Antikörper, woher kommt der? Der taucht wie aus dem Nichts auf :-))). Ist das ein Akteur, der durch sein Eingreifen die ganze schöne Balance für die Lebensdauer des Organismus zerstört? Laienhaft bedacht würde ich dies als ein geschlossenes System begreifen, in dem ohne Grund und Ursache ein Element -innerhalb oder außerhalb, wäre hier die Frage, auftaucht, das die Funktionsweise des Systems außer Kraft setzt.

Also zurück zu dem Satz, auf den ich eigentlich eingehen wollte: „Dieses Modell in Hinsicht auf die Ökonomie der herumwabernden und herumgeisternden Stimmungen anwenden zu können, wäre schön“.

Was meinst du damit? Ich habe so eine Ahnung, dass du dir davon eine Entlastung von deinen mehr negativ getönten Stimmungen versprichst, bin mir aber nicht sicher.

Hmja, ob es ganz ohne Akteur funktioniert, das glaube ich nicht. Aber es könnte mit minimalen Eingriffen -minimalinvasiv- funktionieren. Ich weiß zum Beispiel, dass die täglichen Phasen, in denen ich weder kreativ denken noch etwas tun kann, außer auf dem Bett liegen -fast immer irgendwann am Nachmittag, je nachdem, ob ich dann nicht einen Termin habe- vorübergehen, ohne dass ich mich anstrengen muß. Sie verschwinden einfach nach einiger Zeit wieder, spätestens am nächsten Morgen. Das heißt, ich habe bei dieser, nicht von mir aktiv herbeigeführten Befindlichkeit das Vertrauen, dass es sich um einen Prozeß handelt, der fast von alleine abläuft und der sich ebenso anstrengungslos ausbalanciert.

Mir ist weiter das „Handeln durch Nicht-Handeln“ in den Sinn gekommen, einer Leitlinie, die ebenfalls fast ohne einen Akteur auskommt. Der Fortgang der Ereignisse scheint mir, wenn man sich an dieser Anweisung ausrichtet, auch einen Gleichgewichtszustand anzustreben. Man wird ja nicht gänzlich untätig, verliert sich auf der anderen Seite nicht in aktionistischem Tun. Man wartet auf den passenden Moment zu handeln, und das heißt nicht, in Lauerstellung dazusitzen, also ständig auf dem Sprung sein, um den richtigen Moment nur nicht verpassen :-). Ich stelle es mir eher auch wie ein beständiges Ausbalancieren vor. Wie eine Bewegung, die zum Ausgleich zwischen Tun und Nicht-Tun führt.

Ich bin mir nicht sicher, stimmt das Bild?  

 

Getändel

Vielleicht war meine Beschreibung mit den gewohnten Verhaltensbahnen zu einengend. Es könnte sich auch um das Verhalten eines mir fremden Menschen handeln, dessen gewohntes Verhalten ich also gar nicht kenne, der sich aber – für mein Gefühl – irgendwie „anders“ verhält, als ich es erwarte. Wenn jemand z.B. auf der Straße anfängt zu singen. Oder eine Nachbarin trägt plötzlich immer einen schicken Hut. Oder jemand geht barfuß durch die Stadt (gestern tatsächlich gesehen, bei minus 4 Grad!). Oder jemand antwortet plötzlich nur noch auf Englisch. Lauter kleine Irritationen, die aber nicht mehr als ein leichtes Erstaunen bei mir auslösen und dann schon wieder wegrutschen. Wenn ich mir aber die umgekehrte Situation vorstelle – ich selbst fange plötzlich auf offener Straße an zu singen – dann würde ich bestimmt denken, achje, die Leute müssen mich ja für verrückt halten. Dabei denken sie vermutlich keine zwei Sekunden darüber nach. Ich weiß nicht, ob ich verständlich machen kann, was ich meine. Vielleicht geht es im Grunde darum, dass man sich selbst viel zu sehr in den Mittelpunkt stellt. Aber da steht man für die anderen gar nicht! Für die anderen „kommt es nicht auf mich an“. Das kann man einerseits bedauern, nach dem Motto „Es interessiert ja sowieso niemanden, was ich mache“. Es hat aber auch, jedenfalls für mich, eine starke befreiende Komponente. Das ist wohl ein Beispiel für die Paradoxien des Zen, die ich so mag: Wenn man „niemand“ ist, kann man „alles“ sein.

Ah ja, warum hast Du das nicht gleich gesagt! :-)). Du siehst andere Menschen, die sich nicht den Konventionen entsprechend verhalten oder anders gesagt, weil es nicht nur um Konventionen geht, Menschen, die sich auffällig verhalten. Man nimmt sie wahr, weil sie auf irgendeine Weise auffallen, aber man kümmert sich nicht weiter darum. Aus Deiner eigenen Reaktion schließt Du auf die Reaktion anderer Menschen, sollten sie Dich bei seltsam auffälligem Verhalten wahrnehmen :-). Geht es mir genau so? Ja! Ich halte mich auch nicht lange damit auf, wenn ich Menschen begegne oder zufällig sehe, die aus der Menge der anderen Menschen herausragen. Es ist davon auszugehen, dass ich von Anderen ebenso beiläufig, mehr oder weniger desinteressiert wahrgenommen werde.

„Desinteressiert“ -“das kann man bedauern“, ich vermute mit einiger Gewißheit, dass die befreiende Komponente und Wirkung deswegen bei mir fehlt, weil ich vor allen Dingen „bedaure“. Ich möchte wahrgenommen und das heißt beachtet werden, weil ich das „Gesehenwerden“ brauche, die Anerkennung und Bestätigung meiner Person. Über diesen Unterschied zwischen uns haben wir ja schon öfter gesprochen. Nur ist für die Anerkennung und Bestätigung meiner Person nötig, dass ich auf positive Art und Weise gesehen werde. Ein auffälliges Verhalten, das einen kurz verwunderten halb interessierten, mehr desinteressierten Blick hervorruft, nützt mir nichts.

Und nun führe ich das „Alter“ von oben hier fort. Wie muß ich mich verhalten, damit ich nicht als so alt wie ich bin wahrgenommen werde?! Alleine diese Frage von mir selber zu lesen, während ich sie schreibe, führt mir die Unsinnigkeit dieses beständigen Blickes auf mich und die anderen Menschen anschaulich vor Augen. Wie Andere mich sehen, das weiß ich nicht, das ist lauter Einbildungskraft.

Ach, jetzt fällt mir in einer kurzen und griffigen Formulierung ein, worum es geht: „Als ein niemand für jemanden alles sein“, das ist es. Es verläuft über eine Beziehung. Mein Alter, mein Marktwert als Frau egal, niemand sein müssen, alles sein (dürfen), das wäre so mit einer Beziehung. Niemand sein und alleine, das ist für mich wie verloren sein.

Andererseits weiß ich schon sehr genau, was Du meinst. Mit dem Blick beständig auf andere Menschen schielen, wie könnte dies oder jenes an meinem Verhalten auf sie wirken, dadurch werde ich ja nicht vom „niemand“ zu „jemand“ :-))). Ich komme einfach zu keinem Beschluß, liebe B., ich tändele zwischen was bin ich „für mich“ und was bin ich „für andere“ hin und her.

F.

 

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Brief 222 | Vage abstrakt :-)

Liebe F.,

So ungefähr ...

Hm, wenn ich es jetzt bedenke -was ich bisher noch nie getan habe- dann gab es für mich in jeder Altersstufe einen kleinen „Bruch“, der für mich „jung“ von „alt“ trennte. Das erste Mal war es kurz nach meiner Heirat, als es darum ging, ob mein Mann und ich ein Kind haben wollten. Unabhängig davon, dass es sowieso niemals eine Option für mich war, erinnere ich gut, dass ich mich mit meinen 32 oder 33 Jahren zu alt fühlte. Als wäre ich mit der Heirat an sich in eine andere Altersstufe gewechselt. Bevor ich mein zweites Studium mit Anfang 40 begann, fühlte ich mich zu alt -eigentlich- für eine Teilnahme als Studentin. In dem Moment, in dem ich studierte, entfiel diese Einschätzung völlig, und ich fühlte mich jung wie die Anderen. Mit Mitte 50 gab es ebenso einen Einschnitt, bei dem ich meinte, ich hätte einen Alterssprung getan, und danach verjüngte ich mich wieder. Nachdem mein Mann gestorben war, fand ich mich auf einmal auch wieder jünger als vorher.

Die Sprünge hin und her dürften also mit neuen Lebensumständen eher verbunden sein als mit dem tatsächlichen Alter. Und, wie ich auf den letzten Abschnitt, vorausblickend feststelle, sie haben sehr viel mit der Selbstwahrnehmung zu tun.

Außerdem bin ich auf Dich so gut wie nicht eingegangen. Ich habe einfach lose angeknüpft, indem ich den Gedanken nachgegangen bin, die Dein Schreiben bei mir ausgelöst haben.

Und ich knüpfe jetzt lose an den letzten Absatz deiner Gedanken zum Altersempfinden an, weil die anderen so gut wie nichts bei mir ausgelöst haben. :-) Das liegt nicht daran, dass mich nicht interessieren würde, was du geschrieben hast, sondern daran, dass mein Alter noch nie eine große Rolle für mich gespielt hat, ich also zu meinem eigenen Altersempfinden überhaupt nichts beitragen kann. Vielleicht kommt das daher, dass mein Leben auch nicht annähernd so abwechslungsreich verlaufen ist wie deines, sondern ziemlich geradlinig und bruchlos und ohne Sprünge? Das einzige, was mir einfällt, ist, dass ich oft Schwierigkeiten habe mein genaues Alter anzugeben. Ich habe im Sommer Geburtstag, aber in all den Monaten vorher bin ich in Gedanken immer schon eine Zahl weiter, weil ich nur nach dem Geburtsjahr rechne, aber nicht nach dem Geburtsmonat. Wenn ich also im Sommer 67 werde, dann denke ich schon zu Anfang des Jahres, dass ich 67 bin – oder etwa nicht? Oder doch? * grübel * Und wenn ich dann Geburtstag hatte – wie alt bin ich nun? 67 oder 68? Ich weiß also immer nur „so ungefähr“, wie alt ich bin. :-)

 

Homöodynamik!

Luhmann, den Du gelesen hast :-) ich nicht, ist einer derjenigen, die vorgeschlagen haben, für soziale Systeme den Begriff Homöstase durch Homöodynamik zu ersetzen, weil „stase“ eigentlich „Tod“, „Stillstand“, Starre“ bedeutet. Und nachdem ich mir den kurzen wikipedia-Artikel zu dem Begriff durchgelesen habe, weil ich es nicht kannte, finde ich die „Dynamik“ für alle Arten von System auch passender.

Soso, Luhmann hat das gesagt? :-) Homöodynamik gefällt mir auf jeden Fall sehr gut, denn Homöostase ist ja im Grunde der Versuch, statisch zu werden, während es (nach meinem Verständnis) gerade um ein immerwährendes Ausgleichen geht, das nie zum Stillstand kommt. Die Vorstellung, dass nicht Perfektion das Ziel ist, sondern mehr das aufmerksame Wahrnehmen des Ist-Zustandes, gefällt mir daran so.

Dieses Modell in Hinsicht auf die Ökonomie der herumwabernden und herumgeisternden Stimmungen anwenden zu können, wäre schön. Bei einem sich selbst regulierenden System wird ja kein Akteur benötigt. Es geschieht alles ganz von alleine. Die Bewegung, die das Gleichgewicht sucht, dabei aber fast nie den angestrebten Zustand erreicht, würde sich ohne eigenes Zutun ereignen. Mir fällt auf, dass ich passender den Ausdruck „Balance“ finde. Liegt es nur an meinem Sprachgefühl, dass ich mit dem „Gleichgewicht“ die exakte Ausgewogenheit verbinde, während „Balance“ das Unperfekte, das Du erwähnst, die Annäherung an einen stabilen Zustand, deutlicher zeigt.

Dein Sprachgefühl entspricht wohl auch dem meinen. Für mich liegt in der Balance das Balancieren, also eine Tätigkeit, während Gleichgewicht für mich nach einem erreichten Zustand klingt.

Ob ein solches System keinen Akteur benötigt, weiß ich nicht. Mag sein. (Klingt aber irgendwie nach einem unmöglichen Perpetuum mobile.) Entscheidender und realistischer finde ich zu berücksichtigen, dass immer ein Akteur da ist, der das System beeinflusst. Ich sage mal etwas vorlaut, dass es keine geschlossenen Systeme gibt, sondern in irgendeiner Form alles mit allem zusammenhängt, jedes System also einer Beeinflussung von außen ausgesetzt ist.

Ist das jetzt für irgendwas wichtig? Ich glaube, ich habe beim Theoretisieren und Spekulieren den Faden verloren … Also zurück zu dem Satz, auf den ich eigentlich eingehen wollte:

Dieses Modell in Hinsicht auf die Ökonomie der herumwabernden und herumgeisternden Stimmungen anwenden zu können, wäre schön.

Was meinst du damit? Ich habe so eine Ahnung, dass du dir davon eine Entlastung von deinen mehr negativ getönten Stimmungen versprichst, bin mir aber nicht sicher.

 

Niemand sein“

Um absehen zu können von dem, was man glaubt zu sein, muß man eine bestimmte Vorstellung von sich haben: Es kann ein Bild sein, es können bestimmte Eigenschaften sein, Fähigkeiten oder Unfähigkeiten, die man sich selber zuschreibt. Der Kick, das befreiende Moment ist nur möglich vor dem Hintergrund eines irgendwie Bestimmten, das man glaubt zu sein. Ist nichts da, kann man davon auch nicht absehen :-). Das ist aus meiner Sicht auch der Grund dafür, dass ein „ich bin“ dauerhaft nicht hält; man muß es immer wieder durch ein Bestimmtes ergänzen, das dann erneut variiert, ersetzt oder weggedacht werden kann.

Homöodynamik! :-)

Ich bin heute anscheinend etwas abstrakt unterwegs :-), denn mir ist beim Lesen des „dass ein „ich bin“ dauerhaft nicht hält“ eingefallen, dass dieses „Ich bin“ ja nur eine Theorie ist, dass das Leben sich aber nicht in Theorien pressen lässt. Sie sind immer nur Näherungen. Was will ich damit sagen? Ich weiß es nicht so genau. Ich bin also nicht nur abstrakt, sondern dazu auch noch vage unterwegs. :-))

Eben habe ich es zur Vereinfachung einmal an andere Menschen gedacht bzw. denken wollen, die ihre „gewohnten Verhaltensbahnen verlassen“ und selbst da, wo es nicht um mich geht, komme ich nicht weiter. Mir fällt niemand Fremdes ein, von dem ich dergleichen sagen könnte oder an dem ich’s wahrgenommen hätte. Wenn ich an mein Umfeld, mir bekannte Menschen denke, so ist tabula rasa in meinem Kopf. Das könnte einfach daran liegen, dass ich um die diversen Selbstbeschränkungen der Anderen natürlich gar nicht weiß, denn kennen tue ich nur meine.

Vielleicht war meine Beschreibung mit den gewohnten Verhaltensbahnen zu einengend. Es könnte sich auch um das Verhalten eines mir fremden Menschen handeln, dessen gewohntes Verhalten ich also gar nicht kenne, der sich aber – für mein Gefühl – irgendwie „anders“ verhält, als ich es erwarte. Wenn jemand z.B. auf der Straße anfängt zu singen. Oder eine Nachbarin trägt plötzlich immer einen schicken Hut. Oder jemand geht barfuß durch die Stadt (gestern tatsächlich gesehen, bei minus 4 Grad!). Oder jemand antwortet plötzlich nur noch auf Englisch. Lauter kleine Irritationen, die aber nicht mehr als ein leichtes Erstaunen bei mir auslösen und dann schon wieder wegrutschen. Wenn ich mir aber die umgekehrte Situation vorstelle – ich selbst fange plötzlich auf offener Straße an zu singen – dann würde ich bestimmt denken, achje, die Leute müssen mich ja für verrückt halten. Dabei denken sie vermutlich keine zwei Sekunden darüber nach. Ich weiß nicht, ob ich verständlich machen kann, was ich meine. Vielleicht geht es im Grunde darum, dass man sich selbst viel zu sehr in den Mittelpunkt stellt. Aber da steht man für die anderen gar nicht! Für die anderen „kommt es nicht auf mich an“. Das kann man einerseits bedauern, nach dem Motto „Es interessiert ja sowieso niemanden, was ich mache“. Es hat aber auch, jedenfalls für mich, eine starke befreiende Komponente. Das ist wohl ein Beispiel für die Paradoxien des Zen, die ich so mag: Wenn man „niemand“ ist, kann man „alles“ sein.

Und -hach- „es kommt auf mich nicht an“ ist eine Erfahrung, die ich immer wieder so gar nicht nachvollziehen kann :-). Wir haben ja schon öfter darüber gesprochen und müssen es, wie mir scheint, vorläufig und bis auf Weiteres einfach so von mir nicht verstanden, dabei belassen.

Ja, scheint so. Macht ja auch nichts. :-)

B.

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