Frau mit Griffel

Um das Jahr 50 gemaltes Fresko aus Pompeji, entdeckt 1760

(Quelle: Wikipedia)


Brief 251 | Fortsetzung der "Wirklichkeit"

Liebe B.,

Offener Ausgang

Ich glaube, ich verstehe einigermaßen, was du meinst. Also dass du es nicht als Spaltung empfindest. Trotzdem bin ich irgendwie erschrocken. Das hängt an diesem Satz:

Mein ganzes Bewußtsein ist darauf ausgerichtet, wie ich mich wohl(er) befinden kann […]

Selbst wenn das mehr oder minder selbstverständlich nebenherläuft – ist das nicht auf Dauer unglaublich anstrengend? Nie mal von sich selbst loslassen zu können? Nie mal einfach unbefangen zu sein, ganz ohne Bewertung oder Beobachtung? Nie mal das Gefühl haben: Ich muss nicht ständig auf mich aufpassen? Wie eingangs schon gesagt: Ich kann kaum glauben, dass du es wirklich in dieser Totalität meinst, wie du es ausgedrückt hast. Aber vielleicht ist es ja tatsächlich so bei dir? Und du empfindest es gar nicht als anstrengend?

Dann habe ich mich sehr mißverständlich ausgedrückt, denn ich habe diesen ersten Abschnitt in Verbindung mit dem letzten Abschnitt verstanden wissen wollen. Es ist also gerade andersherum. In einer Hinsicht zwar „total“ und in einer anderen Hinsicht aber „unmerklich“, „unangestrengt“, „begleitend“. Ich bin in meiner Betrachtungsweise wirklich auf eine einfachere Ebene gegangen, d.h. eher das „biologisch einprogrammierte Reiz- Reaktionsschema“, wie Du es am Ende Deines Briefes ausgedrückt hast. So wie eine Katze sich in die Wärme des Sonnenlichts legt, weil es ihr angenehmer ist als in der schattigen Kälte zu liegen (je nachdem, wie die Wärmeverhältnisse in der Wohnung nun gerade sind), so meinte ich es auf die Menschen und mich bezogen. Ich möchte zwar nicht ausschließen, dass ich den Selbstbeaufsichtungsmodus für normal halte, weil ich ihn mir angewöhnt habe, aber wahrnehmen tue ich ihn als nicht angestrengt, eben weil er ohne Mühe parallel und begleitend verläuft. Ich zitiere Dir aus einer KI-Anmerkung, die ich kürzlich bei einer Suche unter dem Begriff „Menschheit“ ausgeworfen bekam:

Da die Mitglieder unserer Gattung nicht kraft ihres Handelns aus Gründen eine besondere Aufgabe oder Verpflichtung haben, sondern einfach an ihren weltlichen Geschichten weitermachen wie andere Tiere, gibt es an ihnen nichts besonders Würdiges. „Menschheit“ ist ein Begriff ohne ehrenden Beiklang und ohne moralisches Gewicht, es ist ein Begriff wie „Entheit“. (Rüdiger Bittner)

Darauf bin ich gleich angesprungen, weil es meinem derzeitigen Verständnis so sehr zu entsprechen scheint. Wir Menschen und ich als ein Mensch streben nach dem Licht, wie es Pflanzen tun. Das geschieht einfach. Und es ist daran zwar nichts besonders Würdigendes, allerdings auch gar nichts Entwürdigendes :-).

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Das Obige schrieb ich am Beginn der Woche. Und irgendwie ließen mir aber Dein Hinweis und meine Antwort, ich könne mich auch täuschen, keine Ruhe bzw. tauchte dieser Gedanke immer wieder auf. Jetzt, am Ende der Woche, bin ich einfach nicht mehr sicher, ob ich den Modus der Selbstbeobachtung und Selbstbewachung nicht doch so zu einer Normalität habe werden lassen, dass es mir nicht mehr auffällt, dass ich mir was Anderes gar nicht mehr vorstellen kann. Wollte ich auch das nun wieder beobachten, würde daraus eine weitere Selbstbeobachtung folgen, wobei mir schon schwindelig im Kopf wird, wenn ich mir diese Spiralen nur vorstelle. Ich möchte mich daher nicht festlegen, sondern Deine Frage und meine Antworten einfach im Raum stehen lassen.

Wirklichkeit

Ich musste so lachen über die Vehemenz, mit der du das sagst! Dann geh mal in Gedanken einkaufen und versuche, eine Woche lang davon satt zu werden. :-))) [...] Ich habe diesen Abschnitt jetzt x-mal gelesen, aber ich komme da einfach nicht weiter. Was um Himmels Willen verstehst du unter Wirklichkeit? Alles, was du da schilderst, spielt sich doch nur in deinem Kopf ab! Natürlich habe ich wirklich Gedanken, und insofern sind sie ein Teil der Wirklichkeit. Aber im Vergleich zu allem, was außerhalb meines Kopfes existiert, einschließlich meines eigenen Körpers, sind Gedanken doch nur ein sehr geringer Teil der Wirklichkeit. Was unterschlägst du da alles!

Dann hatte ich Dich wohl mißverstanden bzw. hatte ich ja geschrieben, dass ich nicht verstehe, was Du meinst. Nur hatte ich bei meiner Antwort die Hälfte und das Entscheidende vergessen zu schreiben. Ich setze noch einmal neu an: Es regnet. Das ist eine Wirklichkeit, die zwar unabhängig von mir und meinen Gedanken existiert, die aber in mein Bewußtsein erst dann rückt, wenn ich in irgendeine Art von Beziehung zu ihr trete. Diesen, den elementaren Aspekt hatte ich nicht erwähnt. Ich denke es mir so, dass wir zu diesem „es regnet“ insofern eine Beziehung aufnehmen, als wir ihn sinnlich wahrnehmen. Mit den Augen, mit den Ohren wahrscheinlich auch. Verbunden dürfte es mit diffusen, nicht konturierbaren Empfindungen sein, vielleicht am ehesten sowas wie angenehm oder unangenehm, anziehend oder abstoßend. Kürzlich las ich den Ausdruck „affektive Intentionalität“ dafür. Auf diese Weise wird der Regen überhaupt bedeutsam für uns, sodaß er nicht wie eine leere Formel bleibt. Und dann in einem nächsten Schritt denken wir irgendetwas über den Regen. Du hast also recht, wären nur Gedanken über den Regen und sonst nichts, dann wäre er uns gleichgültig, die Gedanken müssen an körperliche und seelische Empfindungen geknüpft sein, weil wir sonst wie eine KI über den Regen denken würden. Wahrscheinlich gäbe es noch nicht einmal den Antrieb, irgendwas zu denken. Denn woher sollte er kommen! Insofern kann ich Deine Verwunderung gut nachvollziehen, wenn ich sinngemäß geschrieben habe, alle Wirklichkeit sei nur gedanklich.

Meine Gedanken möchte ich allerdings doch verteidigen :-). „Es regnet“, jetzt und hier im Umkreis von 20 oder 50 Kilometern. Dann ist das eine Wirklichkeit, die von Tausenden von Menschen auf ihre individuelle Weise zu ihrer Wirklichkeit wird. Schläft jemand oder ist vollständig absorbiert von irgendeiner Tätigkeit, dann dringt der Regen nicht ins Bewußtsein, er wird gar nicht wahrgenommen. Für mich wird er zu einem Behaglichkeitsgefühl führen, wenn ich daran denke, dass ich in meiner Wohnung bleiben kann und die Nässe nur in Gestalt von schönen Tropfen auf dem Fenster mitkriege. Denke ich daran, dass ich gleich raus muß und der Nässe ausgesetzt bin, finde ich ihn schon im Vorfeld unangenehm. Jetzt zitiere ich noch einmal das mir nicht Einsichtige, was Du schriebst:

Ja, seltsam, nicht wahr: Was wir denken, ist nicht die Wirklichkeit. :-))) Ich lache darüber, aber ich glaube, man kann die Tragweite dieser Erkenntnis gar nicht groß genug schätzen. Denn auch das, was wir über uns selbst denken oder was wir denken, was andere über uns denken mögen, ist nicht die Wirklichkeit. Diese Gedanken mögen der Wirklichkeit sehr nahe kommen, aber sie sind doch nichts anderes als Gedanken.  

Ich verstehe es so, als würdest Du von einer Wirklichkeit oder von Wirklichkeiten sprechen, die „an sich“ existieren. Das war und ist der Punkt meines Nicht-Verstehens und das war, wie ich nun merke, auch der Grund, warum ich die Gedanken derart betont und in den Vordergrund gerückt habe, als seien sie alles. Eine Wirklichkeit, die für mich nicht ist, die gar nicht in meinen Horizont tritt, scheint mir abstrakt und bedeutungslos. Natürlich weiß ich, dass es 10.000 km entfernt Wirklichkeit gibt; nur solange nicht über ein Bild aus der australischen Wüste oder sonst ein Ereignis oder einen Menschen diese Wirklichkeit eine Bedeutung für mich bekommt, ist sie leer. Zumindest aus dem, was Du an dieser Stelle über die Wirklichkeit schreibst, schließe ich, dass Wirklichkeit für Dich etwas ist, das wie ein Abstraktes „an sich“ existiert. Wirklichkeit ist das, was wir nicht denken, nicht fühlen, nicht wissen. Ein Unbekanntes, das wir trotzdem mit diesem Begriff benennen. Seltsam, wir sind bisher noch nie darüber gestolpert. 

Wenn ich nun zurückgehe auf die Erläuterung, die Du in Deinem letzten Brief gegeben hast, dann vermute ich, dass Du möglicherweise den gesamten Teil der Wirklichkeit meinst, den ich in meiner Antwort, alles seien Gedanken, unterschlagen hatte. Ich bezeichne ihn jetzt mal als den sinnlich-leiblichen Teil unserer Wahrnehmung. Sollte es so sein, dann gäbe es gar keinen Dissens …?

Ah ja, verstehe. Das Unscheinbare und Unspektakuläre, das mag ich ja auch so gern. Wobei Epikur (ich habe jetzt ein bisschen herumgelesen, um mein Wissen aufzufrischen) das mehr „biologische“ Reiz-Reaktions-Schema dieses Lebensprozesses, wie du es schilderst, ja wohl sehr schnell ins Denken verlagert, hin zu „rechter Einsicht“. Interessant fand ich die beiden Begriffe, mit denen das Ziel epikureischer Lebensführung beschrieben wird: Seelenruhe und Lebensfreude (wobei ich nicht weiß, ob das Begriffe sind, die bei Epikur selbst vorkommen). Jedenfalls fand ich es schön, dass hier zur Seelenruhe der Stoiker die Lebensfreude hinzukommt.

Der Ausdruck „Seelenruhe“ gefällt mir inzwischen auch sehr gut (ich glaube, dass ich ihn vor ungefähr 5 Jahren noch nicht gut fand); „gut gefallen“ heißt, dass ich angenehme Bilder dazu vor Augen habe, das Wasser eines nur minimal bewegten Teiches oder eines kleinen Sees. Sanft und befriedet liegt er im Halbschatten der Sonne. „Lebensfroh“ würde ich der „Lebensfreude“ vorziehen. Du hattest das Wort vor mehreren Jahren zur Charakterisierung einer Deiner Töchter benutzt (ich habe es nicht vergessen), und schon damals hatte ich sofort einen intensiven Eindruck nur alleine aufgrund dieses Wortes. Ich finde es besser, weil es für mich mehr eine grundlegende Haltung zum Leben ausdrückt, gleichgültig, wie sich die konkreten Ereignisse im Leben nun gestalten mögen. Dem Leben zugewandt, das Leben mit den Tiefen und Höhen bejahend, während ich bei „Lebensfreude“ eher an eine andauernde Freude zu leben denke. Solche Wörte sind bedeutungsreich und es ist wohl sehr subjektiv, je nachdem, was man mit ihnen assoziiert, welches man treffender und schöner findet. Ja, wohl auch eine Sache der Ästhetik.

F.

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Brief 250 | Was ist wirklich?

Liebe F.,

meine Antworten sind diesmal ziemlich kurz geraten, weil ich an zwei Stellen etwas ratlos vor deinen Äußerungen saß und nicht wusste, wie ich sie verstehen sollte. Damit du weißt, welche Stellen ich meine: 1. Mein ganzes Bewusstsein geht auf Wohlbefinden, und 2. Wirklichkeit ist nichts als Denken. Erst habe ich viel dazu geschrieben, aber dann alles wieder gelöscht, weil ich nicht glauben konnte, dass du das wirklich so wörtlich und ausschließlich gemeint hast, wie du es geschrieben hast. Ich warte also lieber ab, ob du noch ein bisschen mehr dazu sagst und das entweder bekräftigst oder relativierst.

 

Phänomenale Funktionen

Hatte ich Wittgenstein in diesem Zusammenhang auch schon einmal erwähnt? Ich paraphrasiere seine Aussage. Bevor wir anfangen zu überlegen, was „denken“ ist, haben wir es schon jahrelang zuvor getan. Bezieht man diese Äußerung auf einen einzelnen Menschen, dann ist es tatsächlich so, dass wir denken und denken und evtl. zufällig und beiläufig irgendwann einmal in unserem Leben diese Frage dann auftaucht. Vielleicht taucht sie auch nie auf als eine dezidierte Frage. Das finde ich mit dem „ich“ vergleichbar. Mir fällt jetzt der Sprung oder wohl richtiger „mein“ Sprung, auf, der Sprung vom Erstaunen darüber, was für ein unglaubliches Phänomen das „ich“ ist und auf die gegenüberliegende Seite, dass es sich um nichts Geheimnisvolles, wie Du es ausdrückst, handelt. Wir leben damit, meistens unhinterfragt. „Ich“ ist eine Funktion. Ah ja, auch in dieser Hinsicht wäre das Ergebnis vergleichbar dem Denken. Das Gehirn denkt, das ist seine Funktion, und auch diese Erkenntnis hattest Du an mich weiter vermittelt. Und dieser Vorgang begleitet unser Leben ebenso unbemerkt. Ein Mensch entwickelt irgendwann in seinem Leben dieses „ich“ und sofern man nicht am Ende des Lebens wieder wie ein Kind wird, bleibt dieses „ich“ bis zum Tod bestehen. Wie das Denken kann man es nicht auflösen, aber wie beim Denken tritt es auch wieder in den Hintergrund der Aufmerksamkeit, wenn man es einmal hervorgeholt und näher untersucht hat.

Ich hoffe, du hast bei diesem „Sprung“ nicht die Brücke hinter dir abgerissen, die es ja auch noch gibt. Ich meine damit, dass wir es ja auch hier nicht mit einem Entweder-Oder zu tun haben – auf der einen Seite das Ich als staunenswertes, geheimnisvolles Phänomen und auf der anderen Seite als simple Bewusstseinsfunktion. Sondern ich verstehe es schon als beides. Etwas als Funktion zu verstehen macht es ja nicht weniger staunenswert. Ich finde auch sämtliche anderen Lebensfunktionen erstaunlich und geheimnisvoll.

 

Anstrengend?

O, das ist spannend! Nein, „wer oder wie ich sein will“ ist nicht meine Frage. Das weiß ich sofort. „Damit es mir einigermaßen gut geht“, ja, da weiß ich sofort, dass es das ist :-). Mein ganzes Bewußtsein ist darauf ausgerichtet, wie ich mich wohl(er) befinden kann -und das wiederum tue ich, indem ich versuche, meine Empfindungen und meine Gedanken ohne Umwege anzusehen und zu fühlen. Es ist schwierig, das in Worte zu fassen – auch weil dies wie ein Erkennen von etwas ist, das ich bisher so klar gar nicht gesehen habe. Von der anderen Seite her aufgezogen erinnere ich mich an eine Äußerung von jemandem, der sagte, er habe sich inzwischen abgehärtet oder sei abgehärtet gegen Angriffe von außen, gegen unerfreuliche Gedanken von innen, und ich gehe den umgekehrten Weg. So weit wie möglich tue ich alles so, wie ich es eben tue und beobachte dieses Tun gleichzeitig, wobei ich unter „tun“ nicht die Handlungen selbst verstehe, sondern die Gedanken und die Gefühle. Ich erlebe das nicht wie eine Spaltung, sondern eher so wie eine sehr große Aufmerksamkeit, in der die beiden Teile -tun und betrachten- verbunden sind.

Ich glaube, ich verstehe einigermaßen, was du meinst. Also dass du es nicht als Spaltung empfindest. Trotzdem bin ich irgendwie erschrocken. Das hängt an diesem Satz:

Mein ganzes Bewußtsein ist darauf ausgerichtet, wie ich mich wohl(er) befinden kann […]

Selbst wenn das mehr oder minder selbstverständlich nebenherläuft – ist das nicht auf Dauer unglaublich anstrengend? Nie mal von sich selbst loslassen zu können? Nie mal einfach unbefangen zu sein, ganz ohne Bewertung oder Beobachtung? Nie mal das Gefühl haben: Ich muss nicht ständig auf mich aufpassen? Wie eingangs schon gesagt: Ich kann kaum glauben, dass du es wirklich in dieser Totalität meinst, wie du es ausgedrückt hast. Aber vielleicht ist es ja tatsächlich so bei dir? Und du empfindest es gar nicht als anstrengend?

 

Was ist wirklich?

Wieso verstehe ich nicht, was Du meinst?! :-))) Was soll denn dann noch Wirklichkeit sein, wenn sie nicht das ist, was wir denken?!

Ich musste so lachen über die Vehemenz, mit der du das sagst! Dann geh mal in Gedanken einkaufen und versuche, eine Woche lang davon satt zu werden. :-)))

Die Geschichte mit dem Sofa enthielt oder enthält für mich die Erkenntnis, dass eine vorwegnehmende Vorstellung, wie man sich befinden könnte, fehlgeht, weil man sich in dem Moment, in dem die Situation gegenwärtig ist, mitnichten so befindet wie antizipiert. Nur ist doch in jeder Situation das wirklich, was wir in dieser Situation jeweils denken? Es sind zwar alles Gedanken über, und besonders im Hinblick auf andere Menschen haben wir Null-Ahnung, ob unsere Gedanken auch nur annähernd die Gedanken der anderen Menschen erfassen, aber was uns selber angeht, so sind die Gedanken doch höchst wirklich. Denke ich, jemand fände mich toll, dann ist dies die Wirklichkeit. Meine Wirklichkeit und die Wirklichkeit sind ununterscheidbar. Gut, ich könnte nachfragen und es stellt sich heraus, dass ich mich geirrt habe. In dem Moment ändern sich meine Gedanken und die Wirklichkeit. Ich meine damit auch, dass wir mit unseren Gedanken unsere jeweilige Wirklichkeit schaffen. Mir ist nicht klar, ob ich an Dir vorbeirede, nur taucht Deine Überlegung für mich irgendwie ganz unvermutet und nicht nachvollziehbar vor meinen Augen auf … :-)

Ich habe diesen Abschnitt jetzt x-mal gelesen, aber ich komme da einfach nicht weiter. Was um Himmels Willen verstehst du unter Wirklichkeit? Alles, was du da schilderst, spielt sich doch nur in deinem Kopf ab! Natürlich habe ich wirklich Gedanken, und insofern sind sie ein Teil der Wirklichkeit. Aber im Vergleich zu allem, was außerhalb meines Kopfes existiert, einschließlich meines eigenen Körpers, sind Gedanken doch nur ein sehr geringer Teil der Wirklichkeit. Was unterschlägst du da alles!

 

Einfach

O, ich verstehe genau, was Du meinst! Ja, das Wort hört sich oberflächlich an oder langweilig, fällt mir weiter ein, oder wie ein lauwarmer Brei :-). Im vergangenen halben Jahr habe ich mich ein bißchen mit Epikur beschäftigt und aus dieser Beschäftigung ist der Ausdruck erwachsen. In der Übersetzung aus dem Lateinischen heißt es für gewöhnlich „Lust“ und „Unlust“; nur sind diese Begriffe, wie ich finde, zu irreführend. Die Theorie ist schlicht, dass Menschen grundsätzlich nach ihrem Wohlbefinden streben und dazu das Unwohlbefinden zu vermeiden, zu minimieren oder zu verkürzen suchen. Es ist ein ständiges Bestreben, das Unwohlempfinden in ein Wohlbefinden zu überführen. Wenn man sich eine Linie vergegenwärtigt, dann gibt es auf dieser Linie unzählige stufenlose Nuancen des Wohl- oder des Nicht-Wohlbefindens. Ich habe das Modell adaptiert, d.h. ich habe es auf mich angewendet. Es ist darin nichts Existentielles, nichts Dramatisches, nichts Grandioses, sondern eine bescheidene Ansicht auf mein Streben. Man könnte die Worte zwar ersetzen durch „Glück“ und „Unglück“, das wäre in der Sache gehupft wie gesprungen, nur assoziiert man mit diesen Worten Dramatik -und genau dies tut man mit einem so unscheinbaren Wort wie „Wohlbefinden“ nicht. Das heißt, mir hat der Ausdruck auf einmal deswegen so gut gefallen, weil er bescheiden und oberflächlich ist. Nach Wohlbefinden streben scheint mir vergleichbar mit dem Denken. Sitzt man am Laptop und bemerkt irgendwann, dass das übergeschlagene Bein schmerzt, dann ändert man die Sitzposition. Das tut man automatisch, ohne zu überlegen. Dieser Vorgang unterscheidet sich nicht grundsätzlich von einer Situation, in der man sich von unerfreulichen Gedanken löst, weil sie ein Unwohlbefinden auslösen, das man ändern möchte. Die Einfachheit dieses Lebensprozesses finde ich zur Zeit anziehend und angenehm zu denken.

Ah ja, verstehe. Das Unscheinbare und Unspektakuläre, das mag ich ja auch so gern. Wobei Epikur (ich habe jetzt ein bisschen herumgelesen, um mein Wissen aufzufrischen) das mehr „biologische“ Reiz-Reaktions-Schema dieses Lebensprozesses, wie du es schilderst, ja wohl sehr schnell ins Denken verlagert, hin zu „rechter Einsicht“. Interessant fand ich die beiden Begriffe, mit denen das Ziel epikureischer Lebensführung beschrieben wird: Seelenruhe und Lebensfreude (wobei ich nicht weiß, ob das Begriffe sind, die bei Epikur selbst vorkommen). Jedenfalls fand ich es schön, dass hier zur Seelenruhe der Stoiker die Lebensfreude hinzukommt.

Wohlbefinden ist so „einfach“, dass man es in vielen alltäglichen Situationen ganz leicht selbst herstellen kann. Da macht es auch nichts, wenn das nur eine kurze Zeit andauert, denn der Anspruch ist ja längst nicht so hoch wie beispielsweise bei Glück. Ein kleiner Moment des Wohlbefindens, den man wirklich bewusst spürt, bevor er sich wieder im Alltagsbefinden auflöst … und noch einer … und noch einer …

B.

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Brief 249 | Bescheidenheit

Liebe B.,

Bescheidenheit in vielerlei Hinsichten

Ja, und auch nicht weiter schlimm. Das Ich ist ja nicht etwas „Böses“, was es zu eliminieren gälte, auch wenn das manchmal so klingt, gerade im Buddhismus. Aber so, wie ich das von meinen Lehrern kennengelernt habe (und wie ich es jetzt versuche in meinen eigenen Worten wiederzugeben), genügt es zu erkennen, dass das, was wir „ich“ nennen (egal ob groß- oder kleingeschrieben), einfach eine Funktion unter vielen ist. Sie ist nützlich und notwendig für unser alltägliches Leben, aber ansonsten nichts weiter Geheimnisvolles. Worauf es ankommt, ist, das zu erkennen, dann darf gern alles so bleiben, wie es ist (wobei sich durch dieses Erkennen allerdings durchaus einiges verändert …) Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich auf zwei Lehrer gestoßen bin, die so pragmatisch mit dem Thema umgehen. Daraus, dass das Ich als eine Funktion verstanden wird und nicht als eine wie auch immer geartete „Substanz“, etwas Festes, folgt dann ja auch seine Beweglichkeit, seine Veränderlichkeit und Veränderbarkeit. Und – was für mich einer der Hauptpunkte ist: seine relative Unwichtigkeit. Womit ich wieder bei dem Satz wäre: „Es kommt nicht auf mich an“, nun in der Variante: „Es kommt nicht auf das Ich an.“ :-)

Hatte ich Wittgenstein in diesem Zusammenhang auch schon einmal erwähnt? Ich paraphrasiere seine Aussage. Bevor wir anfangen zu überlegen, was „denken“ ist, haben wir es schon jahrelang zuvor getan. Bezieht man diese Äußerung auf einen einzelnen Menschen, dann ist es tatsächlich so, dass wir denken und denken und evtl. zufällig und beiläufig irgendwann einmal in unserem Leben diese Frage dann auftaucht. Vielleicht taucht sie auch nie auf als eine dezidierte Frage. Das finde ich mit dem „ich“ vergleichbar. Mir fällt jetzt der Sprung oder wohl richtiger „mein“ Sprung, auf, der Sprung vom Erstaunen darüber, was für ein unglaubliches Phänomen das „ich“ ist und auf die gegenüberliegende Seite, dass es sich um nichts Geheimnisvolles, wie Du es ausdrückst, handelt. Wir leben damit, meistens unhinterfragt. „Ich“ ist eine Funktion. Ah ja, auch in dieser Hinsicht wäre das Ergebnis vergleichbar dem Denken. Das Gehirn denkt, das ist seine Funktion, und auch diese Erkenntnis hattest Du an mich weiter vermittelt. Und dieser Vorgang begleitet unser Leben ebenso unbemerkt. Ein Mensch entwickelt irgendwann in seinem Leben dieses „ich“ und sofern man nicht am Ende des Lebens wieder wie ein Kind wird, bleibt dieses „ich“ bis zum Tod bestehen. Wie das Denken kann man es nicht auflösen, aber wie beim Denken tritt es auch wieder in den Hintergrund der Aufmerksamkeit, wenn man es einmal hervorgeholt und näher untersucht hat.

Das heißt, wenn ich das richtig verstehe, dein Thema ist oder war nicht so sehr „wer bin ich?“, sondern „wer oder wie will ich sein?“ (damit es mir einigermaßen gut geht)? Ja, das ist ein ganz anderer Ansatz. Oder doch nicht? Denn in meiner Frage „Wer bin ich?“ schwang ja auch immer die Frage mit „Wer könnte ich noch sein?“. Allerdings nicht aus einem Leidensdruck heraus, sondern mehr aus Neugier. Ja, die allmähliche Auflösung der uralten Selbstzuschreibungen ist eine tolle Sache. Wobei vieles davon ja nicht falsch ist, Schüchternheit zum Beispiel ist ja wirklich ein Anteil in mir; falsch ist nur die Verabsolutierung. Und aus manchen ist man vielleicht im Laufe der Jahre auch einfach herausgewachsen, ohne es zu merken, läuft sich aber immer noch Blasen in nicht mehr passenden Schuhen, anstatt sie auszuziehen.

O, das ist spannend! Nein, „wer oder wie ich sein will“ ist nicht meine Frage. Das weiß ich sofort. „Damit es mir einigermaßen gut geht“, ja, da weiß ich sofort, dass es das ist :-). Mein ganzes Bewußtsein ist darauf ausgerichtet, wie ich mich wohl(er) befinden kann -und das wiederum tue ich, indem ich versuche, meine Empfindungen und meine Gedanken ohne Umwege anzusehen und zu fühlen. Es ist schwierig, das in Worte zu fassen – auch weil dies wie ein Erkennen von etwas ist, das ich bisher so klar gar nicht gesehen habe. Von der anderen Seite her aufgezogen erinnere ich mich an eine Äußerung von jemandem, der sagte, er habe sich inzwischen abgehärtet oder sei abgehärtet gegen Angriffe von außen, gegen unerfreuliche Gedanken von innen, und ich gehe den umgekehrten Weg. So weit wie möglich tue ich alles so, wie ich es eben tue und beobachte dieses Tun gleichzeitig, wobei ich unter „tun“ nicht die Handlungen selbst verstehe, sondern die Gedanken und die Gefühle. Ich erlebe das nicht wie eine Spaltung, sondern eher so wie eine sehr große Aufmerksamkeit, in der die beiden Teile -tun und betrachten- verbunden sind.

Ja, seltsam, nicht wahr: Was wir denken, ist nicht die Wirklichkeit. :-))) Ich lache darüber, aber ich glaube, man kann die Tragweite dieser Erkenntnis gar nicht groß genug schätzen. Denn auch das, was wir über uns selbst denken oder was wir denken, was andere über uns denken mögen, ist nicht die Wirklichkeit. Diese Gedanken mögen der Wirklichkeit sehr nahe kommen, aber sie sind doch nichts anderes als Gedanken.

Wieso verstehe ich nicht, was Du meinst?! :-))) Was soll denn dann noch Wirklichkeit sein, wenn sie nicht das ist, was wir denken?! Die Geschichte mit dem Sofa enthielt oder enthält für mich die Erkenntnis, dass eine vorwegnehmende Vorstellung, wie man sich befinden könnte, fehlgeht, weil man sich in dem Moment, in dem die Situation gegenwärtig ist, mitnichten so befindet wie antizipiert. Nur ist doch in jeder Situation das wirklich, was wir in dieser Situation jeweils denken? Es sind zwar alles Gedanken über, und besonders im Hinblick auf andere Menschen haben wir Null-Ahnung, ob unsere Gedanken auch nur annähernd die Gedanken der anderen Menschen erfassen, aber was uns selber angeht, so sind die Gedanken doch höchst wirklich. Denke ich, jemand fände mich toll, dann ist dies die Wirklichkeit. Meine Wirklichkeit und die Wirklichkeit sind ununterscheidbar. Gut, ich könnte nachfragen und es stellt sich heraus, dass ich mich geirrt habe. In dem Moment ändern sich meine Gedanken und die Wirklichkeit. Ich meine damit auch, dass wir mit unseren Gedanken unsere jeweilige Wirklichkeit schaffen. Mir ist nicht klar, ob ich an Dir vorbeirede, nur taucht Deine Überlegung für mich irgendwie ganz unvermutet und nicht nachvollziehbar vor meinen Augen auf … :-)

Du hast dich in deiner Jugend „nicht zu dir selber verhalten“? Ich stutze über diese merkwürdige Formulierung, unter der ich mir erst nicht recht etwas vorstellen konnte. Du meinst so etwas wie Selbstreflexion? Zumindest fällt mir das beim Thema Tagebuchschreiben ein. Bei mir war es gerade umgekehrt: Ich habe in der Pubertät Tagebuch geschrieben, eine Zeit, in der ich sehr viel mir mir selbst beschäftigt war, mit dem Versuch, meine Position in der Welt zu bestimmen oder überhaupt erst einmal eine zu finden. Bei mir ging es auch um mein Ungenügen in vielerlei Hinsicht, aber eher nicht darum, „wie ich sein sollte“, sondern „wie ich sein wollte“.

:-))) Manchmal komme ich auf Formulierungen, die mir eine Weile gut gefallen und die ich dann gerne gebrauche. Ja klar, man könnte es auch Selbstreflexion nennen, also ein Nachdenken über das, was man denkt und wie man sich fühlt, wozu dann auch sowas gehört, wie man sich im Ganzen der Welt sieht.

Wohlbefinden – ein „schnörkelloses“ Wort. Es ist immer gut, solch ein Wort gefunden zu haben, darüber hatten wir ja schon geschrieben. Und wenn du meinst, dass es passt, dann passt es auch. Trotzdem kommt es mir irgendwie nicht ganz stimmig vor. Es wirkt auf mich so … so oberflächlich … Nicht im Sinne von banal, sondern als wenn es nicht wirklich in die Tiefe geht, nicht den Kern der Sache trifft. – Aber wenn ich länger darüber nachdenke, dann muss es das ja vielleicht auch gar nicht. Was ist Oberfläche, was ist Tiefe? Ist in der „Tiefe“ nicht auch nur das, was wir uns denken, während die Wirklichkeit an der Oberfläche stattfindet? Na ja, das ist keine Aussage, die ich in Stein meißeln würde. Aber trotzdem schien es mir gerade völlig ausreichend, wenn man sich wirklich wohl befindet.

O, ich verstehe genau, was Du meinst! Ja, das Wort hört sich oberflächlich an oder langweilig, fällt mir weiter ein, oder wie ein lauwarmer Brei :-). Im vergangenen halben Jahr habe ich mich ein bißchen mit Epikur beschäftigt und aus dieser Beschäftigung ist der Ausdruck erwachsen. In der Übersetzung aus dem Lateinischen heißt es für gewöhnlich „Lust“ und „Unlust“; nur sind diese Begriffe, wie ich finde, zu irreführend. Die Theorie ist schlicht, dass Menschen grundsätzlich nach ihrem Wohlbefinden streben und dazu das Unwohlbefinden zu vermeiden, zu minimieren oder zu verkürzen suchen. Es ist ein ständiges Bestreben, das Unwohlempfinden in ein Wohlbefinden zu überführen. Wenn man sich eine Linie vergegenwärtigt, dann gibt es auf dieser Linie unzählige stufenlose Nuancen des Wohl- oder des Nicht-Wohlbefindens. Ich habe das Modell adaptiert, d.h. ich habe es auf mich angewendet. Es ist darin nichts Existentielles, nichts Dramatisches, nichts Grandioses, sondern eine bescheidene Ansicht auf mein Streben. Man könnte die Worte zwar ersetzen durch „Glück“ und „Unglück“, das wäre in der Sache gehupft wie gesprungen, nur assoziiert man mit diesen Worten Dramatik -und genau dies tut man mit einem so unscheinbaren Wort wie „Wohlbefinden“ nicht. Das heißt, mir hat der Ausdruck auf einmal deswegen so gut gefallen, weil er bescheiden und oberflächlich ist. Nach Wohlbefinden streben scheint mir vergleichbar mit dem Denken. Sitzt man am Laptop und bemerkt irgendwann, dass das übergeschlagene Bein schmerzt, dann ändert man die Sitzposition. Das tut man automatisch, ohne zu überlegen. Dieser Vorgang unterscheidet sich nicht grundsätzlich von einer Situation, in der man sich von unerfreulichen Gedanken löst, weil sie ein Unwohlbefinden auslösen, das man ändern möchte. Die Einfachheit dieses Lebensprozesses finde ich zur Zeit anziehend und angenehm zu denken.

F.

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Brief 248 | Wohlbefinden

Liebe F., 

Funktion

Das Selbstverständliche, ja, vielleicht hast Du recht und es ist so ähnlich wie über Beine und Arme zu sprechen und währenddessen festzustellen, dass man sie hat. Nein, noch besser vergleichbar ist es mit der Situation, wenn, während ich jetzt hier meinen Brief tippe, mich darüber erstaune, dass ich Finger und Hände habe. Finger und Hände sind die Voraussetzung dafür, dass ich tippe und deswegen kann man sie nicht wegdenken. Also ist das „ich“ nicht wegdenken zu können, kein „scheitern“, sondern nur logisch und konsequent :-).

Ja, und auch nicht weiter schlimm. Das Ich ist ja nicht etwas „Böses“, was es zu eliminieren gälte, auch wenn das manchmal so klingt, gerade im Buddhismus. Aber so, wie ich das von meinen Lehrern kennengelernt habe (und wie ich es jetzt versuche in meinen eigenen Worten wiederzugeben), genügt es zu erkennen, dass das, was wir „ich“ nennen (egal ob groß- oder kleingeschrieben), einfach eine Funktion unter vielen ist. Sie ist nützlich und notwendig für unser alltägliches Leben, aber ansonsten nichts weiter Geheimnisvolles. Worauf es ankommt, ist, das zu erkennen, dann darf gern alles so bleiben, wie es ist (wobei sich durch dieses Erkennen allerdings durchaus einiges verändert …) Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich auf zwei Lehrer gestoßen bin, die so pragmatisch mit dem Thema umgehen.

Daraus, dass das Ich als eine Funktion verstanden wird und nicht als eine wie auch immer geartete „Substanz“, etwas Festes, folgt dann ja auch seine Beweglichkeit, seine Veränderlichkeit und Veränderbarkeit. Und – was für mich einer der Hauptpunkte ist: seine relative Unwichtigkeit. Womit ich wieder bei dem Satz wäre: „Es kommt nicht auf mich an“, nun in der Variante: „Es kommt nicht auf das Ich an.“ :-)

 

Wohlbefinden

Als ich den Satz schrieb, dachte ich mir schon nebenbei, dass ich würde beantworten können müssen, ja, wie dann? :-) Das konnte ich nicht spontan und so ließ ich es im Nebel. Es stimmt, in der Formulierung „wer bin ich“ habe ich die Frage nie gestellt. Da ich nun darüber nachdenken muß, ist es eigentlich doch einfach, weil mein Antrieb und mein Ziel immer waren, wie ich in Frieden mit mir selber kommen kann. Wie kann ich die selbstablehnenden Anteile rausbefördern aus meinem Kopf und das, was ist, wohlwollend lassen, wie es ist. Es ist über lange Phasen immer ein Leidensdruck gewesen, der es mir nötig scheinen ließ, mich um mich selbst zu kümmern. Genau hinzusehen, was ich tue. Übrigens ist auch dieses Zerrissenfühlen ein Selbstbild, von dem ich unermüdlich erzählt habe und von dem ich mich auch schon gefragt habe, ob es nur deswegen wahr ist, weil ich daran festhalte :-). Weil Du nun aber nachfragst und ich ernsthaft überlege, kommt mir dieser Kampf mit mir doch wie ein roter Faden vor. Der Impuls für die Selbsterforschung ist also schlicht und einfach der Wunsch gewesen, dass ich mich besser fühlen möchte. Habe ich das Problem nun gelöst? Hm, auf einer höheren Ebene, würde ich sagen. Ich lasse die Spannung zwischen den kämpfenden Teilen so, wie sie ist und akzeptiere sie. Dadurch verlieren die ablehnenden Teile an Gewicht. „Frieden“ wäre übertrieben, aber friedlicher befinde ich mich schon. Auf den Anfang meines Briefes zurückgehend: Ich bin so und so – das ist nicht in Ordnung – beides bin ich. Die Streitenden sind in der Einheit aufgehoben :-))). Das ist das mir Eigene.

Das heißt, wenn ich das richtig verstehe, dein Thema ist oder war nicht so sehr „wer bin ich?“, sondern „wer oder wie will ich sein?“ (damit es mir einigermaßen gut geht)? Ja, das ist ein ganz anderer Ansatz. Oder doch nicht? Denn in meiner Frage „Wer bin ich?“ schwang ja auch immer die Frage mit „Wer könnte ich noch sein?“. Allerdings nicht aus einem Leidensdruck heraus, sondern mehr aus Neugier.

Ja, die allmähliche Auflösung der uralten Selbstzuschreibungen ist eine tolle Sache. Wobei vieles davon ja nicht falsch ist, Schüchternheit zum Beispiel ist ja wirklich ein Anteil in mir; falsch ist nur die Verabsolutierung. Und aus manchen ist man vielleicht im Laufe der Jahre auch einfach herausgewachsen, ohne es zu merken, läuft sich aber immer noch Blasen in nicht mehr passenden Schuhen, anstatt sie auszuziehen.

Ich hatte als junges Mädchen einmal ein Foto von Simone de Beauvoir gesehen, auf dem sie in ihrem Zimmer auf einem großen Bett sitzt, über das eine dicke samtige Decke in rötlichem Braunton geworfen war. In mein erstes WG-Zimmer legte ich eine große Schaumstoffmatratze, so wie es für Studenten damals gerade modern war und darauf eine kakaobraune Decke. Nur: Was mich verwunderte war, dass ich mich nicht so fühlte, wie ich phantasiert hatte, ich würde mich fühlen, säße ich in einem Zimmer auf einem großen Bett. Ich bin nicht sicher, ob ich es damals wirklich so wahrgenommen habe oder ob ich jetzt dazudichte, aber ich meine, dass mir das erste Mal der Unterschied zwischen Vorstellung und Realität bewußt geworden ist. Meine Realität war eine andere als die, von der ich phantasiert hatte. Dies aber nur nebenbei, weil das Bild nur für wenige Jahre existierte und auch nicht, wie bei Dir, auf eine mein Leben durchziehende Frage hinweist.

Ja, seltsam, nicht wahr: Was wir denken, ist nicht die Wirklichkeit. :-))) Ich lache darüber, aber ich glaube, man kann die Tragweite dieser Erkenntnis gar nicht groß genug schätzen. Denn auch das, was wir über uns selbst denken oder was wir denken, was andere über uns denken mögen, ist nicht die Wirklichkeit. Diese Gedanken mögen der Wirklichkeit sehr nahe kommen, aber sie sind doch nichts anderes als Gedanken.

Für mein Dauerthema, das mich fast mein ganzes Leben begleitet hat, fällt mir eine ganz schlichte Formulierung ein: „Wie komme ich zu mehr Wohlbefinden“? Während meiner ersten Beziehung mit einem Mann (23-31 Jahre) war ich noch zu unreflektiert, ich habe gelebt und bin einfach im Strudel der Ereignisse teils halb untergegangen, teils mitgeschwommen. Ich habe mich nicht zu mir selber verhalten, wie das wohl auch gar nichts Besonderes ist, besonders, wenn man jung ist. Danach aber, mit der ersten Therapieerfahrung und mit dem Kennenlernen meines Mannes setzte die Reflexion ein. Ich fing an Tagebuch zu schreiben und hatte, bis ich sie nach 10 Jahren ungefähr in den Müll warf, 13 DIN A4-Leitzordner vollgeschrieben. Alles drehte sich um mein Ungenügen, meine Häßlichkeit, mein Nichtsosein, wie ich sein sollte. Es gab natürlich auch längere Phasen, in denen ich mich insgesamt wohler mit mir fühlte, wenn ich mit meinem Mann alleine war, was ja meistens der Fall war, aber sobald wir mit anderen Leuten zusammen waren, fühlte ich mich unwert, unwohl. Die Suche nach Wohlbefinden, weil es in mir nicht war und ist, das würde ich mein Eigenes nennen.

Du hast dich in deiner Jugend „nicht zu dir selber verhalten“? Ich stutze über diese merkwürdige Formulierung, unter der ich mir erst nicht recht etwas vorstellen konnte. Du meinst so etwas wie Selbstreflexion? Zumindest fällt mir das beim Thema Tagebuchschreiben ein. Bei mir war es gerade umgekehrt: Ich habe in der Pubertät Tagebuch geschrieben, eine Zeit, in der ich sehr viel mir mir selbst beschäftigt war, mit dem Versuch, meine Position in der Welt zu bestimmen oder überhaupt erst einmal eine zu finden. Bei mir ging es auch um mein Ungenügen in vielerlei Hinsicht, aber eher nicht darum, „wie ich sein sollte“, sondern „wie ich sein wollte“.

Wohlbefinden – ein „schnörkelloses“ Wort. Es ist immer gut, solch ein Wort gefunden zu haben, darüber hatten wir ja schon geschrieben. Und wenn du meinst, dass es passt, dann passt es auch. Trotzdem kommt es mir irgendwie nicht ganz stimmig vor. Es wirkt auf mich so … so oberflächlich … Nicht im Sinne von banal, sondern als wenn es nicht wirklich in die Tiefe geht, nicht den Kern der Sache trifft. –

Aber wenn ich länger darüber nachdenke, dann muss es das ja vielleicht auch gar nicht. Was ist Oberfläche, was ist Tiefe? Ist in der „Tiefe“ nicht auch nur das, was wir uns denken, während die Wirklichkeit an der Oberfläche stattfindet? Na ja, das ist keine Aussage, die ich in Stein meißeln würde. Aber trotzdem schien es mir gerade völlig ausreichend, wenn man sich wirklich wohl befindet.

 

Unfertiges

:-) Oja, eigentlich sind sie sehr schön, aber ich würde sie auch nicht vor den Fenstern hängen haben wollen. Sie sehen wegen der Durchsichtigkeit nämlich eher wie Gardinen aus. Wenn sie wie bei Menzels Bild im Winde wehen, ist das schön, aber wenn sie die Sicht durchs geschlossene Fenster versperren, so nehme ich Gardinen wahr, dann möchte ich keine Gardinen. Habe ich auch nicht und hatte ich nie. Weiterhin habe ich an dem Bild zu monieren, dass die Wand wie nicht fertig gemalt aussieht. Ich vermute, dass der helle Fleck das durch die Balkontür einfallende Licht spiegeln soll, aber so wirkt es einfach nicht. Es wirkt wie eine Wand, die jemand angefangen hat, neu zu pinseln und dabei noch nicht fertig geworden ist. Menzels Zimmer zeigt natürlich eine sehr angenehme Atmosphäre, licht und entspannt und wie zur Schreibarbeit geschaffen …

Ja, du hast recht, es gibt Bilder mit gelungeneren Lichtflecken auf Wänden. Aber ich glaube, es handelt sich hier nur um eine Skizze. Guck dir das Sofa auf der linken Seite an, das ist nur ein graubrauner Farbfleck (im Gegensatz zu seinem Spiegelbild).

Ich habe jetzt noch mal in meinem Buch nachgeguckt – „Öl auf Pappe“, heißt es da, also wohl wirklich nur eine Skizze (auch wenn sich der Wikipedia-Artikel da nicht so ganz einig ist). Das, worauf es Menzel ankam, die sich bauschende Gardine, die das Licht einfängt, die hat er herausgearbeitet, der Rest war nicht so wichtig. Ich finde Skizzen oft sehr viel schöner als fertige Bilder, das Unfertige, Suchende ist oft viel lebendiger. Das fällt besonders auf, wenn es beides gibt, also nicht nur eine Skizze für sich, sondern eine Vorskizze zu einem Bild. Mir fällt jetzt aber leider gerade kein Beispiel ein, das ich dir zeigen könnte.

B.

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Brief 247 | Das Eigene


Liebe B., 

Aufheben“ – ja, natürlich! Dass mir das nicht eingefallen ist … Das ist ja einer der Schlüsselbegriffe der Hegelschen Dialektik. Die Gegensätze heben sich auf, was bedeutet, dass sie einerseits in etwas Drittem aufgehen (so wie das Sein und das Nichts im Werden), andererseits dadurch aber nicht verschwinden, sondern in dieses Dritte mitgenommen werden, darin aufgehoben sind. (Dieser dialektische Dreischritt hört sich oft recht schematisch an, ist aber, vermute ich, eine ziemlich komplexe Angelegenheit. Zumindest wünsche ich mir das :-), denn ansonsten bliebe das alles Theorie und wäre nicht auf die Wirklichkeit anwendbar, die nun einmal komplex ist.)

Und mir wiederum ist noch nicht einmal das eingefallen, während ich „aufheben“ unter den Januswörtern las. Es gibt noch eine andere Bedeutung des Wortes, die ich unmetaphorisch nennen würde. Man hebt etwas vom Fußboden auf, im Sinne von hoch-heben.

Das ist ja ein phänomenales Wort! Ich spiele ja auch gern mit Worten herum, aber diese Vielfalt ist mir noch nie aufgefallen.

Mir ist es auch das erstemal beim Unterrichten des Deutschen aufgefallen. Auf der unteren Niveaustufe wird nur das „Medium“ (meine Wortkreation) der dritte Modus neben aktiv und passiv gelehrt -und als ich mir die Übungen so ansah und durchging und mir die unzählichen weiteren Verbindungen in den Sinn kamen, wünschte ich mir, dass hoffentlich niemand auf die Idee kommt nachzufragen. Es hat keiner gefragt, zum Glück, das Nachfragen kommt meistens erst auf den höheren Niveaustufen. Unterschiede wie „laß mich in Ruhe“ und „laß mich das machen“ kann man nicht erklären. Man lernt ihren Gebrauch im Hören, denke ich. Ähnlich wie man das Benutzen einer Gabel auch am besten lernt, indem man zusieht, wann und wie andere Menschen sie benutzen.

Das Eigene

Nun ja, worauf auch sonst? habe ich spontan gedacht. Und dann versucht, mir ein nicht-ich-zentriertes Denken vorzustellen (vom Empfinden ganz zu schweigen), bin daran aber komplett gescheitert. Was ich deshalb hier jetzt einfach so stehenlasse. :-)

Das Selbstverständliche, ja, vielleicht hast Du recht und es ist so ähnlich wie über Beine und Arme zu sprechen und währenddessen festzustellen, dass man sie hat. Nein, noch besser vergleichbar ist es mit der Situation, wenn, während ich jetzt hier meinen Brief tippe, mich darüber erstaune, dass ich Finger und Hände habe. Finger und Hände sind die Voraussetzung dafür, dass ich tippe und deswegen kann man sie nicht wegdenken. Also ist das „ich“ nicht wegdenken zu können, kein „scheitern“, sondern nur logisch und konsequent :-).

Aber hängengeblieben bin ich vor allem an diesem Satz aus dem vorherigen Abschnitt:

So wie Du hatte ich die Frage sowieso überhaupt nie gestellt

[Also die Frage: Wer bin ich?] Das finde ich irgendwie bemerkenswert, denn du weißt über dich selbst ja so viel mehr als ich über mich, auch wenn du jetzt schreibst, dass du dir nicht mehr die Geschichte über dich selbst erzählen willst, du seist dir selbst vollkommen durchsichtig. Aber im Laufe unseres Briefwechsels habe ich immer wieder darüber gestaunt, wie präzise du über dich selbst Bescheid weißt, gerade wenn es um eher unangenehme Dinge geht, deine große Ehrlichkeit dir selbst gegenüber, wo ich oft lieber in Gedanken abbiege.

Als ich den Satz schrieb, dachte ich mir schon nebenbei, dass ich würde beantworten können müssen, ja, wie dann? :-) Das konnte ich nicht spontan und so ließ ich es im Nebel. Es stimmt, in der Formulierung „wer bin ich“ habe ich die Frage nie gestellt. Da ich nun darüber nachdenken muß, ist es eigentlich doch einfach, weil mein Antrieb und mein Ziel immer waren, wie ich in Frieden mit mir selber kommen kann. Wie kann ich die selbstablehnenden Anteile rausbefördern aus meinem Kopf und das, was ist, wohlwollend lassen, wie es ist. Es ist über lange Phasen immer ein Leidensdruck gewesen, der es mir nötig scheinen ließ, mich um mich selbst zu kümmern. Genau hinzusehen, was ich tue. Übrigens ist auch dieses Zerrissenfühlen ein Selbstbild, von dem ich unermüdlich erzählt habe und von dem ich mich auch schon gefragt habe, ob es nur deswegen wahr ist, weil ich daran festhalte :-). Weil Du nun aber nachfragst und ich ernsthaft überlege, kommt mir dieser Kampf mit mir doch wie ein roter Faden vor. Der Impuls für die Selbsterforschung ist also schlicht und einfach der Wunsch gewesen, dass ich mich besser fühlen möchte. Habe ich das Problem nun gelöst? Hm, auf einer höheren Ebene, würde ich sagen. Ich lasse die Spannung zwischen den kämpfenden Teilen so, wie sie ist und akzeptiere sie. Dadurch verlieren die ablehnenden Teile an Gewicht. „Frieden“ wäre übertrieben, aber friedlicher befinde ich mich schon. Auf den Anfang meines Briefes zurückgehend: Ich bin so und so – das ist nicht in Ordnung – beides bin ich. Die Streitenden sind in der Einheit aufgehoben :-))). Das ist das mir Eigene.

Mir ist dann plötzlich aufgefallen, dass diese Frage „Wer bin ich eigentlich – ich für mich allein?“ gar nicht erst nach dem Tod meines Mannes aufgetaucht ist, sondern sehr viel älter ist. Ich habe meinen Mann ja sehr früh kennengelernt, während des Studiums, als ich noch zu Hause wohnte. Als wir dann zusammenzogen, haben wir unsere (für beide erste) eigene Wohnung natürlich nach unserer beider Geschmack eingerichtet, haben also bei allem Kompromisse gesucht, was zum Glück nicht schwer war, weil unsere Geschmäcker ziemlich ähnlich waren. Trotzdem hat mich die Frage immer wieder beschäftigt: „Wie hätte meine erste eigene Wohnung ausgesehen, wenn ich sie ganz allein eingerichtet hätte?“ Und dabei ist mir immer wieder als Erstes etwas völlig Nebensächliches eingefallen: Welchen Vorhangstoff hätte ich gewählt?

Ich hatte als junges Mädchen einmal ein Foto von Simone de Beauvoir gesehen, auf dem sie in ihrem Zimmer auf einem großen Bett sitzt, über das eine dicke samtige Decke in rötlichem Braunton geworfen war. In mein erstes WG-Zimmer legte ich eine große Schaumstoffmatratze, so wie es für Studenten damals gerade modern war und darauf eine kakaobraune Decke. Nur: Was mich verwunderte war, dass ich mich nicht so fühlte, wie ich phantasiert hatte, ich würde mich fühlen, säße ich in einem Zimmer auf einem großen Bett. Ich bin nicht sicher, ob ich es damals wirklich so wahrgenommen habe oder ob ich jetzt dazudichte, aber ich meine, dass mir das erste Mal der Unterschied zwischen Vorstellung und Realität bewußt geworden ist. Meine Realität war eine andere als die, von der ich phantasiert hatte. Dies aber nur nebenbei, weil das Bild nur für wenige Jahre existierte und auch nicht, wie bei Dir, auf eine mein Leben durchziehende Frage hinweist.

Für mein Dauerthema, das mich fast mein ganzes Leben begleitet hat, fällt mir eine ganz schlichte Formulierung ein: „Wie komme ich zu mehr Wohlbefinden“? Während meiner ersten Beziehung mit einem Mann (23-31 Jahre) war ich noch zu unreflektiert, ich habe gelebt und bin einfach im Strudel der Ereignisse teils halb untergegangen, teils mitgeschwommen. Ich habe mich nicht zu mir selber verhalten, wie das wohl auch gar nichts Besonderes ist, besonders, wenn man jung ist. Danach aber, mit der ersten Therapieerfahrung und mit dem Kennenlernen meines Mannes setzte die Reflexion ein. Ich fing an Tagebuch zu schreiben und hatte, bis ich sie nach 10 Jahren ungefähr in den Müll warf, 13 DIN A4-Leitzordner vollgeschrieben. Alles drehte sich um mein Ungenügen, meine Häßlichkeit, mein Nichtsosein, wie ich sein sollte. Es gab natürlich auch längere Phasen, in denen ich mich insgesamt wohler mit mir fühlte, wenn ich mit meinem Mann alleine war, was ja meistens der Fall war, aber sobald wir mit anderen Leuten zusammen waren, fühlte ich mich unwert, unwohl. Die Suche nach Wohlbefinden, weil es in mir nicht war und ist, das würde ich mein Eigenes nennen.

Etwas, das so aussieht, wie man es nicht haben will :-)

Wieder aus Freude an einem schönen Bild hänge ich dieses Mal eines an, das mir beim Thema „duftige Vorhänge“ in Erinnerung kam, nämlich Menzels „Balkonzimmer“. Mein Zimmer war natürlich nicht annähernd so luxuriös, schon gar nicht mit Balkon. Ich hatte nur eine kleine Dachkammer. Aber die Vorhänge sehen schon ziemlich ähnlich aus wie die, die ich nicht haben wollte.

:-) Oja, eigentlich sind sie sehr schön, aber ich würde sie auch nicht vor den Fenstern hängen haben wollen. Sie sehen wegen der Durchsichtigkeit nämlich eher wie Gardinen aus. Wenn sie wie bei Menzels Bild im Winde wehen, ist das schön, aber wenn sie die Sicht durchs geschlossene Fenster versperren, so nehme ich Gardinen wahr, dann möchte ich keine Gardinen. Habe ich auch nicht und hatte ich nie. Weiterhin habe ich an dem Bild zu monieren, dass die Wand wie nicht fertig gemalt aussieht. Ich vermute, dass der helle Fleck das durch die Balkontür einfallende Licht spiegeln soll, aber so wirkt es einfach nicht. Es wirkt wie eine Wand, die jemand angefangen hat, neu zu pinseln und dabei noch nicht fertig geworden ist. Menzels Zimmer zeigt natürlich eine sehr angenehme Atmosphäre, licht und entspannt und wie zur Schreibarbeit geschaffen ...

F.

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Brief 246 | Vorhänge

Liebe F.,

Januswörter

An der Freude, die es Hegel gewährt, wollte ich teilhaben, und deshalb habe ich nachgesehen. Man nennt diese Wörter „Januswörter“ oder „Autoantonyme“. Zum Beispiel „umfahren“, was zum einen heißen kann, um ein Hindernis herumzufahren oder aber drüberzufahren. „Abdecken“ bedeutet, eine Plane über die Gartenstühle zu breiten, oder aber die Gartenstühle von der Plane zu befreien. Mit „aufheben“ ist gemeint, eine Sache aufzubewahren oder einen Beschluß wieder ungültig zu machen. Und als letztes „ausleihen“, was bedeuten kann, dass man etwas bekommt oder aber jemandem etwas gibt. Ja, das wußte ich nicht, denn ich hatte es noch nie irgendwo gelesen und mir selber ist es auch bisher nicht eingefallen.

„Aufheben“ – ja, natürlich! Dass mir das nicht eingefallen ist … Das ist ja einer der Schlüsselbegriffe der Hegelschen Dialektik. Die Gegensätze heben sich auf, was bedeutet, dass sie einerseits in etwas Drittem aufgehen (so wie das Sein und das Nichts im Werden), andererseits dadurch aber nicht verschwinden, sondern in dieses Dritte mitgenommen werden, darin aufgehoben sind. (Dieser dialektische Dreischritt hört sich oft recht schematisch an, ist aber, vermute ich, eine ziemlich komplexe Angelegenheit. Zumindest wünsche ich mir das :-), denn ansonsten bliebe das alles Theorie und wäre nicht auf die Wirklichkeit anwendbar, die nun einmal komplex ist.)

By the way – vor einiger Zeit bin ich auf das Phänomen des unscheinbaren Verbs „lassen“ gestoßen. Nicht nur ein dritter Modus zwischen „aktiv“ und „passiv“ wird damit ermöglicht (ich repariere das Handy, das Handy wird mir repariert, ich lasse das Handy reparieren), sondern es gibt so gut wie keine Vorsilbe oder Präfix, mit dem es nicht gebildet werden kann (entlassen, rauslassen, vorlassen, reinlassen, belassen, überlassen, unterlassen, verlassen, rüberlassen, auflassen, zulassen, zurücklassen, gelassen, anlassen, auslassen, ablassen, hinterlassen … gibt’s noch mehr? :-) Mir machen solche Wortbeobachtungen einfach Spaß – wie Hegel ... obwohl ich seine Schlußfolgerung ziemlich mutig finde :-))).

Das ist ja ein phänomenales Wort! Ich spiele ja auch gern mit Worten herum, aber diese Vielfalt ist mir noch nie aufgefallen.

 

Vorhänge

Und ja, wenn man es sprachlich betrachtet, dann verweist man mit dem „ich“ lediglich auf die eigene Person, so wie man mit „er“ oder „sie“ oder „man“ auf andere Personen oder eine unbestimmte Allgemeinheit verweist. Wenn man nun aber zusammenzählt, wieviele Male an einem Tag man mit „ich“ auf sich selbst verweist, dann ist es fast gar nicht zu glauben, wie oft in diesem „ich“ in einem Satz man auf sich verweist, so als drehe sich alles um die eigene Person bzw. so, als spräche die eigene Person ununterbrochen nur über ihre Eindrücke und Ansichten der Welt. Das meine ich wertfrei. Es ist nur eine Beobachtung, die sich für mich aus der Sprache ergibt. Immer geht man zurück auf die eigene Person.

Nun ja, worauf auch sonst? habe ich spontan gedacht. Und dann versucht, mir ein nicht-ich-zentriertes Denken vorzustellen (vom Empfinden ganz zu schweigen), bin daran aber komplett gescheitert. Was ich deshalb hier jetzt einfach so stehenlasse. :-)

Ja, vielen vielen Dank für Deine Aufmerksamkeit. Ich hatte diese beiden „ich“-Verständnisse miteinander verrührt, obwohl sie Unterschiedliches meinen. Im vorangehenden Abschnitt habe ich in diesem Brief ausschließlich das kleingeschriebene „ich“ thematisiert, weil mich das großgeschriebene „Ich“ inzwischen nicht mehr so interessiert. So wie Du hatte ich die Frage sowieso überhaupt nie gestellt, nur hat es sich im Gespräch so ergeben, dass ich angefangen hatte zu überlegen, was für eine Person ich eigentlich bin, welche Eigenschaften ich habe, welche davon ich als wesentlich erachte, welche nicht. „Wesentlich“ heißt, dass sie so zu mir gehören, dass ich eine andere Person würde, wenn sie nicht wären. Oder vielleicht noch besser, Eigenschaften, an denen ich nicht mehr rühre. Und im Zuge dessen habe ich in der letzten Zeit angefangen darauf zu achten, dass ich nicht immer wieder dieselben Geschichten über mich erzähle, dieselben Bilder wiederhole, die ich mir schon 100 Male erzählt habe. Man fängt irgendwann an, sie sich selber zu glauben :-). So zum Beispiel meine Erzählung, ich sei mir selber durchsichtig, ein Punkt, den Du neulich kritisch in einem mail-Brief angemerkt hattest. Nun ja, ich tappe zwar meistens nicht im Nebel, sondern schaue genau hin, und trotzdem habe ich diese Selbsterzählung nun korrigiert. Das Thema des großgeschriebenen „Ich“ hat sich im Laufe der Zeit ganz von selber aufgelöst.

Ich bin in letzter Zeit dabei, meine Selbsterzählung, ich sei schüchtern, zumindest zu hinterfragen, wenn ich sie auch noch nicht ganz auflösen kann. Über Jahrzehnte kam das Schüchternsein sehr viel häufiger vor, deshalb ist mein Selbstbild davon geprägt worden. Aber jetzt ist es umgekehrt: Ich bin nur noch manchmal schüchtern, aber meistens nicht. Das registriere ich zwar und freue mich darüber, aber diese Erkenntnis hat es anscheinend noch nicht geschafft, mein Selbstbild zu verändern. Mal gucken, ob sich daran etwas ändert, weil ich es nun ausgesprochen habe. Manchmal hilft sowas ja.

Aber hängengeblieben bin ich vor allem an diesem Satz aus dem vorherigen Abschnitt:

So wie Du hatte ich die Frage sowieso überhaupt nie gestellt

[Also die Frage: Wer bin ich?] Das finde ich irgendwie bemerkenswert, denn du weißt über dich selbst ja so viel mehr als ich über mich, auch wenn du jetzt schreibst, dass du dir nicht mehr die Geschichte über dich selbst erzählen willst, du seist dir selbst vollkommen durchsichtig. Aber im Laufe unseres Briefwechsels habe ich immer wieder darüber gestaunt, wie präzise du über dich selbst Bescheid weißt, gerade wenn es um eher unangenehme Dinge geht, deine große Ehrlichkeit dir selbst gegenüber, wo ich oft lieber in Gedanken abbiege.

Mir ist dann plötzlich aufgefallen, dass diese Frage „Wer bin ich eigentlich – ich für mich allein?“ gar nicht erst nach dem Tod meines Mannes aufgetaucht ist, sondern sehr viel älter ist. Ich habe meinen Mann ja sehr früh kennengelernt, während des Studiums, als ich noch zu Hause wohnte. Als wir dann zusammenzogen, haben wir unsere (für beide erste) eigene Wohnung natürlich nach unserer beider Geschmack eingerichtet, haben also bei allem Kompromisse gesucht, was zum Glück nicht schwer war, weil unsere Geschmäcker ziemlich ähnlich waren. Trotzdem hat mich die Frage immer wieder beschäftigt: „Wie hätte meine erste eigene Wohnung ausgesehen, wenn ich sie ganz allein eingerichtet hätte?“ Und dabei ist mir immer wieder als Erstes etwas völlig Nebensächliches eingefallen: Welchen Vorhangstoff hätte ich gewählt? Das geht zurück auf eine Begebenheit in meiner Kindheit, wie mir irgendwann klar wurde: Als meine Schwester und ich nach einem Umzug erstmals jede ein eigenes Zimmer bekamen, hat meine Mutter unter anderem die Vorhangstoffe ausgewählt, natürlich nach ihrem Geschmack, also so, vermute ich, wie sie sich als Jugendliche ein eigenes Zimmer erträumt hat, was sie nie hatte. Diese Vorhänge waren „blumig-duftig“. Aber ich war eine andere Generation und mir gefielen sie überhaupt nicht, worüber meine Mutter ziemlich enttäuscht war. Irgendwann (ich muss so 13 oder 14 Jahre alt gewesen sein) habe ich durchgesetzt, dass ich neue bekam – poppig-grafisch im Stil der 70er Jahre. Das war sowas wie ein erster Schritt in die Selbstständigkeit. Diesen Weg hätte ich eigentlich mit der ersten eigenen Wohnung fortsetzen müssen, aber dieser Schritt fiel aus, was ich später immer mal wieder bedauert habe.

Wieder aus Freude an einem schönen Bild hänge ich dieses Mal eines an, das mir beim Thema „duftige Vorhänge“ in Erinnerung kam, nämlich Menzels „Balkonzimmer“. Mein Zimmer war natürlich nicht annähernd so luxuriös, schon gar nicht mit Balkon. ich hatte nur eine kleine Dachkammer. Aber die Vorhänge sehen schon ziemlich ähnlich aus wie die, die ich nicht haben wollte.

Danke für die schöne „Bildmeditation“, de du zu „Hegels Ferien“ gefunden hast!

B.

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