Liebe F.,
meine Antworten sind diesmal ziemlich kurz geraten, weil ich an zwei Stellen etwas ratlos vor deinen Äußerungen saß und nicht wusste, wie ich sie verstehen sollte. Damit du weißt, welche Stellen ich meine: 1. Mein ganzes Bewusstsein geht auf Wohlbefinden, und 2. Wirklichkeit ist nichts als Denken. Erst habe ich viel dazu geschrieben, aber dann alles wieder gelöscht, weil ich nicht glauben konnte, dass du das wirklich so wörtlich und ausschließlich gemeint hast, wie du es geschrieben hast. Ich warte also lieber ab, ob du noch ein bisschen mehr dazu sagst und das entweder bekräftigst oder relativierst.
Phänomenale Funktionen
Hatte ich Wittgenstein in diesem Zusammenhang auch schon einmal erwähnt? Ich paraphrasiere seine Aussage. Bevor wir anfangen zu überlegen, was „denken“ ist, haben wir es schon jahrelang zuvor getan. Bezieht man diese Äußerung auf einen einzelnen Menschen, dann ist es tatsächlich so, dass wir denken und denken und evtl. zufällig und beiläufig irgendwann einmal in unserem Leben diese Frage dann auftaucht. Vielleicht taucht sie auch nie auf als eine dezidierte Frage. Das finde ich mit dem „ich“ vergleichbar. Mir fällt jetzt der Sprung oder wohl richtiger „mein“ Sprung, auf, der Sprung vom Erstaunen darüber, was für ein unglaubliches Phänomen das „ich“ ist und auf die gegenüberliegende Seite, dass es sich um nichts Geheimnisvolles, wie Du es ausdrückst, handelt. Wir leben damit, meistens unhinterfragt. „Ich“ ist eine Funktion. Ah ja, auch in dieser Hinsicht wäre das Ergebnis vergleichbar dem Denken. Das Gehirn denkt, das ist seine Funktion, und auch diese Erkenntnis hattest Du an mich weiter vermittelt. Und dieser Vorgang begleitet unser Leben ebenso unbemerkt. Ein Mensch entwickelt irgendwann in seinem Leben dieses „ich“ und sofern man nicht am Ende des Lebens wieder wie ein Kind wird, bleibt dieses „ich“ bis zum Tod bestehen. Wie das Denken kann man es nicht auflösen, aber wie beim Denken tritt es auch wieder in den Hintergrund der Aufmerksamkeit, wenn man es einmal hervorgeholt und näher untersucht hat.
Ich hoffe, du hast bei diesem „Sprung“ nicht die Brücke hinter dir abgerissen, die es ja auch noch gibt. Ich meine damit, dass wir es ja auch hier nicht mit einem Entweder-Oder zu tun haben – auf der einen Seite das Ich als staunenswertes, geheimnisvolles Phänomen und auf der anderen Seite als simple Bewusstseinsfunktion. Sondern ich verstehe es schon als beides. Etwas als Funktion zu verstehen macht es ja nicht weniger staunenswert. Ich finde auch sämtliche anderen Lebensfunktionen erstaunlich und geheimnisvoll.
Anstrengend?
O, das ist spannend! Nein, „wer oder wie ich sein will“ ist nicht meine Frage. Das weiß ich sofort. „Damit es mir einigermaßen gut geht“, ja, da weiß ich sofort, dass es das ist :-). Mein ganzes Bewußtsein ist darauf ausgerichtet, wie ich mich wohl(er) befinden kann -und das wiederum tue ich, indem ich versuche, meine Empfindungen und meine Gedanken ohne Umwege anzusehen und zu fühlen. Es ist schwierig, das in Worte zu fassen – auch weil dies wie ein Erkennen von etwas ist, das ich bisher so klar gar nicht gesehen habe. Von der anderen Seite her aufgezogen erinnere ich mich an eine Äußerung von jemandem, der sagte, er habe sich inzwischen abgehärtet oder sei abgehärtet gegen Angriffe von außen, gegen unerfreuliche Gedanken von innen, und ich gehe den umgekehrten Weg. So weit wie möglich tue ich alles so, wie ich es eben tue und beobachte dieses Tun gleichzeitig, wobei ich unter „tun“ nicht die Handlungen selbst verstehe, sondern die Gedanken und die Gefühle. Ich erlebe das nicht wie eine Spaltung, sondern eher so wie eine sehr große Aufmerksamkeit, in der die beiden Teile -tun und betrachten- verbunden sind.
Ich glaube, ich verstehe einigermaßen, was du meinst. Also dass du es nicht als Spaltung empfindest. Trotzdem bin ich irgendwie erschrocken. Das hängt an diesem Satz:
Mein ganzes Bewußtsein ist darauf ausgerichtet, wie ich mich wohl(er) befinden kann […]
Selbst wenn das mehr oder minder selbstverständlich nebenherläuft – ist das nicht auf Dauer unglaublich anstrengend? Nie mal von sich selbst loslassen zu können? Nie mal einfach unbefangen zu sein, ganz ohne Bewertung oder Beobachtung? Nie mal das Gefühl haben: Ich muss nicht ständig auf mich aufpassen? Wie eingangs schon gesagt: Ich kann kaum glauben, dass du es wirklich in dieser Totalität meinst, wie du es ausgedrückt hast. Aber vielleicht ist es ja tatsächlich so bei dir? Und du empfindest es gar nicht als anstrengend?
Was ist wirklich?
Wieso verstehe ich nicht, was Du meinst?! :-))) Was soll denn dann noch Wirklichkeit sein, wenn sie nicht das ist, was wir denken?!
Ich musste so lachen über die Vehemenz, mit der du das sagst! Dann geh mal in Gedanken einkaufen und versuche, eine Woche lang davon satt zu werden. :-)))
Die Geschichte mit dem Sofa enthielt oder enthält für mich die Erkenntnis, dass eine vorwegnehmende Vorstellung, wie man sich befinden könnte, fehlgeht, weil man sich in dem Moment, in dem die Situation gegenwärtig ist, mitnichten so befindet wie antizipiert. Nur ist doch in jeder Situation das wirklich, was wir in dieser Situation jeweils denken? Es sind zwar alles Gedanken über, und besonders im Hinblick auf andere Menschen haben wir Null-Ahnung, ob unsere Gedanken auch nur annähernd die Gedanken der anderen Menschen erfassen, aber was uns selber angeht, so sind die Gedanken doch höchst wirklich. Denke ich, jemand fände mich toll, dann ist dies die Wirklichkeit. Meine Wirklichkeit und die Wirklichkeit sind ununterscheidbar. Gut, ich könnte nachfragen und es stellt sich heraus, dass ich mich geirrt habe. In dem Moment ändern sich meine Gedanken und die Wirklichkeit. Ich meine damit auch, dass wir mit unseren Gedanken unsere jeweilige Wirklichkeit schaffen. Mir ist nicht klar, ob ich an Dir vorbeirede, nur taucht Deine Überlegung für mich irgendwie ganz unvermutet und nicht nachvollziehbar vor meinen Augen auf … :-)
Ich habe diesen Abschnitt jetzt x-mal gelesen, aber ich komme da einfach nicht weiter. Was um Himmels Willen verstehst du unter Wirklichkeit? Alles, was du da schilderst, spielt sich doch nur in deinem Kopf ab! Natürlich habe ich wirklich Gedanken, und insofern sind sie ein Teil der Wirklichkeit. Aber im Vergleich zu allem, was außerhalb meines Kopfes existiert, einschließlich meines eigenen Körpers, sind Gedanken doch nur ein sehr geringer Teil der Wirklichkeit. Was unterschlägst du da alles!
Einfach
O, ich verstehe genau, was Du meinst! Ja, das Wort hört sich oberflächlich an oder langweilig, fällt mir weiter ein, oder wie ein lauwarmer Brei :-). Im vergangenen halben Jahr habe ich mich ein bißchen mit Epikur beschäftigt und aus dieser Beschäftigung ist der Ausdruck erwachsen. In der Übersetzung aus dem Lateinischen heißt es für gewöhnlich „Lust“ und „Unlust“; nur sind diese Begriffe, wie ich finde, zu irreführend. Die Theorie ist schlicht, dass Menschen grundsätzlich nach ihrem Wohlbefinden streben und dazu das Unwohlbefinden zu vermeiden, zu minimieren oder zu verkürzen suchen. Es ist ein ständiges Bestreben, das Unwohlempfinden in ein Wohlbefinden zu überführen. Wenn man sich eine Linie vergegenwärtigt, dann gibt es auf dieser Linie unzählige stufenlose Nuancen des Wohl- oder des Nicht-Wohlbefindens. Ich habe das Modell adaptiert, d.h. ich habe es auf mich angewendet. Es ist darin nichts Existentielles, nichts Dramatisches, nichts Grandioses, sondern eine bescheidene Ansicht auf mein Streben. Man könnte die Worte zwar ersetzen durch „Glück“ und „Unglück“, das wäre in der Sache gehupft wie gesprungen, nur assoziiert man mit diesen Worten Dramatik -und genau dies tut man mit einem so unscheinbaren Wort wie „Wohlbefinden“ nicht. Das heißt, mir hat der Ausdruck auf einmal deswegen so gut gefallen, weil er bescheiden und oberflächlich ist. Nach Wohlbefinden streben scheint mir vergleichbar mit dem Denken. Sitzt man am Laptop und bemerkt irgendwann, dass das übergeschlagene Bein schmerzt, dann ändert man die Sitzposition. Das tut man automatisch, ohne zu überlegen. Dieser Vorgang unterscheidet sich nicht grundsätzlich von einer Situation, in der man sich von unerfreulichen Gedanken löst, weil sie ein Unwohlbefinden auslösen, das man ändern möchte. Die Einfachheit dieses Lebensprozesses finde ich zur Zeit anziehend und angenehm zu denken.
Ah ja, verstehe. Das Unscheinbare und Unspektakuläre, das mag ich ja auch so gern. Wobei Epikur (ich habe jetzt ein bisschen herumgelesen, um mein Wissen aufzufrischen) das mehr „biologische“ Reiz-Reaktions-Schema dieses Lebensprozesses, wie du es schilderst, ja wohl sehr schnell ins Denken verlagert, hin zu „rechter Einsicht“. Interessant fand ich die beiden Begriffe, mit denen das Ziel epikureischer Lebensführung beschrieben wird: Seelenruhe und Lebensfreude (wobei ich nicht weiß, ob das Begriffe sind, die bei Epikur selbst vorkommen). Jedenfalls fand ich es schön, dass hier zur Seelenruhe der Stoiker die Lebensfreude hinzukommt.
Wohlbefinden ist so „einfach“, dass man es in vielen alltäglichen Situationen ganz leicht selbst herstellen kann. Da macht es auch nichts, wenn das nur eine kurze Zeit andauert, denn der Anspruch ist ja längst nicht so hoch wie beispielsweise bei Glück. Ein kleiner Moment des Wohlbefindens, den man wirklich bewusst spürt, bevor er sich wieder im Alltagsbefinden auflöst … und noch einer … und noch einer …
B.
Kommentar hinzufügen
Kommentare