Liebe B.,
Offener Ausgang
Ich glaube, ich verstehe einigermaßen, was du meinst. Also dass du es nicht als Spaltung empfindest. Trotzdem bin ich irgendwie erschrocken. Das hängt an diesem Satz:
Mein ganzes Bewußtsein ist darauf ausgerichtet, wie ich mich wohl(er) befinden kann […]
Selbst wenn das mehr oder minder selbstverständlich nebenherläuft – ist das nicht auf Dauer unglaublich anstrengend? Nie mal von sich selbst loslassen zu können? Nie mal einfach unbefangen zu sein, ganz ohne Bewertung oder Beobachtung? Nie mal das Gefühl haben: Ich muss nicht ständig auf mich aufpassen? Wie eingangs schon gesagt: Ich kann kaum glauben, dass du es wirklich in dieser Totalität meinst, wie du es ausgedrückt hast. Aber vielleicht ist es ja tatsächlich so bei dir? Und du empfindest es gar nicht als anstrengend?
Dann habe ich mich sehr mißverständlich ausgedrückt, denn ich habe diesen ersten Abschnitt in Verbindung mit dem letzten Abschnitt verstanden wissen wollen. Es ist also gerade andersherum. In einer Hinsicht zwar „total“ und in einer anderen Hinsicht aber „unmerklich“, „unangestrengt“, „begleitend“. Ich bin in meiner Betrachtungsweise wirklich auf eine einfachere Ebene gegangen, d.h. eher das „biologisch einprogrammierte Reiz- Reaktionsschema“, wie Du es am Ende Deines Briefes ausgedrückt hast. So wie eine Katze sich in die Wärme des Sonnenlichts legt, weil es ihr angenehmer ist als in der schattigen Kälte zu liegen (je nachdem, wie die Wärmeverhältnisse in der Wohnung nun gerade sind), so meinte ich es auf die Menschen und mich bezogen. Ich möchte zwar nicht ausschließen, dass ich den Selbstbeaufsichtungsmodus für normal halte, weil ich ihn mir angewöhnt habe, aber wahrnehmen tue ich ihn als nicht angestrengt, eben weil er ohne Mühe parallel und begleitend verläuft. Ich zitiere Dir aus einer KI-Anmerkung, die ich kürzlich bei einer Suche unter dem Begriff „Menschheit“ ausgeworfen bekam:
Da die Mitglieder unserer Gattung nicht kraft ihres Handelns aus Gründen eine besondere Aufgabe oder Verpflichtung haben, sondern einfach an ihren weltlichen Geschichten weitermachen wie andere Tiere, gibt es an ihnen nichts besonders Würdiges. „Menschheit“ ist ein Begriff ohne ehrenden Beiklang und ohne moralisches Gewicht, es ist ein Begriff wie „Entheit“. (Rüdiger Bittner)
Darauf bin ich gleich angesprungen, weil es meinem derzeitigen Verständnis so sehr zu entsprechen scheint. Wir Menschen und ich als ein Mensch streben nach dem Licht, wie es Pflanzen tun. Das geschieht einfach. Und es ist daran zwar nichts besonders Würdigendes, allerdings auch gar nichts Entwürdigendes :-).
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Das Obige schrieb ich am Beginn der Woche. Und irgendwie ließen mir aber Dein Hinweis und meine Antwort, ich könne mich auch täuschen, keine Ruhe bzw. tauchte dieser Gedanke immer wieder auf. Jetzt, am Ende der Woche, bin ich einfach nicht mehr sicher, ob ich den Modus der Selbstbeobachtung und Selbstbewachung nicht doch so zu einer Normalität habe werden lassen, dass es mir nicht mehr auffällt, dass ich mir was Anderes gar nicht mehr vorstellen kann. Wollte ich auch das nun wieder beobachten, würde daraus eine weitere Selbstbeobachtung folgen, wobei mir schon schwindelig im Kopf wird, wenn ich mir diese Spiralen nur vorstelle. Ich möchte mich daher nicht festlegen, sondern Deine Frage und meine Antworten einfach im Raum stehen lassen.
Wirklichkeit
Ich musste so lachen über die Vehemenz, mit der du das sagst! Dann geh mal in Gedanken einkaufen und versuche, eine Woche lang davon satt zu werden. :-))) [...] Ich habe diesen Abschnitt jetzt x-mal gelesen, aber ich komme da einfach nicht weiter. Was um Himmels Willen verstehst du unter Wirklichkeit? Alles, was du da schilderst, spielt sich doch nur in deinem Kopf ab! Natürlich habe ich wirklich Gedanken, und insofern sind sie ein Teil der Wirklichkeit. Aber im Vergleich zu allem, was außerhalb meines Kopfes existiert, einschließlich meines eigenen Körpers, sind Gedanken doch nur ein sehr geringer Teil der Wirklichkeit. Was unterschlägst du da alles!
Dann hatte ich Dich wohl mißverstanden bzw. hatte ich ja geschrieben, dass ich nicht verstehe, was Du meinst. Nur hatte ich bei meiner Antwort die Hälfte und das Entscheidende vergessen zu schreiben. Ich setze noch einmal neu an: Es regnet. Das ist eine Wirklichkeit, die zwar unabhängig von mir und meinen Gedanken existiert, die aber in mein Bewußtsein erst dann rückt, wenn ich in irgendeine Art von Beziehung zu ihr trete. Diesen, den elementaren Aspekt hatte ich nicht erwähnt. Ich denke es mir so, dass wir zu diesem „es regnet“ insofern eine Beziehung aufnehmen, als wir ihn sinnlich wahrnehmen. Mit den Augen, mit den Ohren wahrscheinlich auch. Verbunden dürfte es mit diffusen, nicht konturierbaren Empfindungen sein, vielleicht am ehesten sowas wie angenehm oder unangenehm, anziehend oder abstoßend. Kürzlich las ich den Ausdruck „affektive Intentionalität“ dafür. Auf diese Weise wird der Regen überhaupt bedeutsam für uns, sodaß er nicht wie eine leere Formel bleibt. Und dann in einem nächsten Schritt denken wir irgendetwas über den Regen. Du hast also recht, wären nur Gedanken über den Regen und sonst nichts, dann wäre er uns gleichgültig, die Gedanken müssen an körperliche und seelische Empfindungen geknüpft sein, weil wir sonst wie eine KI über den Regen denken würden. Wahrscheinlich gäbe es noch nicht einmal den Antrieb, irgendwas zu denken. Denn woher sollte er kommen! Insofern kann ich Deine Verwunderung gut nachvollziehen, wenn ich sinngemäß geschrieben habe, alle Wirklichkeit sei nur gedanklich.
Meine Gedanken möchte ich allerdings doch verteidigen :-). „Es regnet“, jetzt und hier im Umkreis von 20 oder 50 Kilometern. Dann ist das eine Wirklichkeit, die von Tausenden von Menschen auf ihre individuelle Weise zu ihrer Wirklichkeit wird. Schläft jemand oder ist vollständig absorbiert von irgendeiner Tätigkeit, dann dringt der Regen nicht ins Bewußtsein, er wird gar nicht wahrgenommen. Für mich wird er zu einem Behaglichkeitsgefühl führen, wenn ich daran denke, dass ich in meiner Wohnung bleiben kann und die Nässe nur in Gestalt von schönen Tropfen auf dem Fenster mitkriege. Denke ich daran, dass ich gleich raus muß und der Nässe ausgesetzt bin, finde ich ihn schon im Vorfeld unangenehm. Jetzt zitiere ich noch einmal das mir nicht Einsichtige, was Du schriebst:
Ja, seltsam, nicht wahr: Was wir denken, ist nicht die Wirklichkeit. :-))) Ich lache darüber, aber ich glaube, man kann die Tragweite dieser Erkenntnis gar nicht groß genug schätzen. Denn auch das, was wir über uns selbst denken oder was wir denken, was andere über uns denken mögen, ist nicht die Wirklichkeit. Diese Gedanken mögen der Wirklichkeit sehr nahe kommen, aber sie sind doch nichts anderes als Gedanken.
Ich verstehe es so, als würdest Du von einer Wirklichkeit oder von Wirklichkeiten sprechen, die „an sich“ existieren. Das war und ist der Punkt meines Nicht-Verstehens und das war, wie ich nun merke, auch der Grund, warum ich die Gedanken derart betont und in den Vordergrund gerückt habe, als seien sie alles. Eine Wirklichkeit, die für mich nicht ist, die gar nicht in meinen Horizont tritt, scheint mir abstrakt und bedeutungslos. Natürlich weiß ich, dass es 10.000 km entfernt Wirklichkeit gibt; nur solange nicht über ein Bild aus der australischen Wüste oder sonst ein Ereignis oder einen Menschen diese Wirklichkeit eine Bedeutung für mich bekommt, ist sie leer. Zumindest aus dem, was Du an dieser Stelle über die Wirklichkeit schreibst, schließe ich, dass Wirklichkeit für Dich etwas ist, das wie ein Abstraktes „an sich“ existiert. Wirklichkeit ist das, was wir nicht denken, nicht fühlen, nicht wissen. Ein Unbekanntes, das wir trotzdem mit diesem Begriff benennen. Seltsam, wir sind bisher noch nie darüber gestolpert.
Wenn ich nun zurückgehe auf die Erläuterung, die Du in Deinem letzten Brief gegeben hast, dann vermute ich, dass Du möglicherweise den gesamten Teil der Wirklichkeit meinst, den ich in meiner Antwort, alles seien Gedanken, unterschlagen hatte. Ich bezeichne ihn jetzt mal als den sinnlich-leiblichen Teil unserer Wahrnehmung. Sollte es so sein, dann gäbe es gar keinen Dissens …?
Ah ja, verstehe. Das Unscheinbare und Unspektakuläre, das mag ich ja auch so gern. Wobei Epikur (ich habe jetzt ein bisschen herumgelesen, um mein Wissen aufzufrischen) das mehr „biologische“ Reiz-Reaktions-Schema dieses Lebensprozesses, wie du es schilderst, ja wohl sehr schnell ins Denken verlagert, hin zu „rechter Einsicht“. Interessant fand ich die beiden Begriffe, mit denen das Ziel epikureischer Lebensführung beschrieben wird: Seelenruhe und Lebensfreude (wobei ich nicht weiß, ob das Begriffe sind, die bei Epikur selbst vorkommen). Jedenfalls fand ich es schön, dass hier zur Seelenruhe der Stoiker die Lebensfreude hinzukommt.
Der Ausdruck „Seelenruhe“ gefällt mir inzwischen auch sehr gut (ich glaube, dass ich ihn vor ungefähr 5 Jahren noch nicht gut fand); „gut gefallen“ heißt, dass ich angenehme Bilder dazu vor Augen habe, das Wasser eines nur minimal bewegten Teiches oder eines kleinen Sees. Sanft und befriedet liegt er im Halbschatten der Sonne. „Lebensfroh“ würde ich der „Lebensfreude“ vorziehen. Du hattest das Wort vor mehreren Jahren zur Charakterisierung einer Deiner Töchter benutzt (ich habe es nicht vergessen), und schon damals hatte ich sofort einen intensiven Eindruck nur alleine aufgrund dieses Wortes. Ich finde es besser, weil es für mich mehr eine grundlegende Haltung zum Leben ausdrückt, gleichgültig, wie sich die konkreten Ereignisse im Leben nun gestalten mögen. Dem Leben zugewandt, das Leben mit den Tiefen und Höhen bejahend, während ich bei „Lebensfreude“ eher an eine andauernde Freude zu leben denke. Solche Wörte sind bedeutungsreich und es ist wohl sehr subjektiv, je nachdem, was man mit ihnen assoziiert, welches man treffender und schöner findet. Ja, wohl auch eine Sache der Ästhetik.
F.
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