Liebe B.,
Bescheidenheit in vielerlei Hinsichten
Ja, und auch nicht weiter schlimm. Das Ich ist ja nicht etwas „Böses“, was es zu eliminieren gälte, auch wenn das manchmal so klingt, gerade im Buddhismus. Aber so, wie ich das von meinen Lehrern kennengelernt habe (und wie ich es jetzt versuche in meinen eigenen Worten wiederzugeben), genügt es zu erkennen, dass das, was wir „ich“ nennen (egal ob groß- oder kleingeschrieben), einfach eine Funktion unter vielen ist. Sie ist nützlich und notwendig für unser alltägliches Leben, aber ansonsten nichts weiter Geheimnisvolles. Worauf es ankommt, ist, das zu erkennen, dann darf gern alles so bleiben, wie es ist (wobei sich durch dieses Erkennen allerdings durchaus einiges verändert …) Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich auf zwei Lehrer gestoßen bin, die so pragmatisch mit dem Thema umgehen. Daraus, dass das Ich als eine Funktion verstanden wird und nicht als eine wie auch immer geartete „Substanz“, etwas Festes, folgt dann ja auch seine Beweglichkeit, seine Veränderlichkeit und Veränderbarkeit. Und – was für mich einer der Hauptpunkte ist: seine relative Unwichtigkeit. Womit ich wieder bei dem Satz wäre: „Es kommt nicht auf mich an“, nun in der Variante: „Es kommt nicht auf das Ich an.“ :-)
Hatte ich Wittgenstein in diesem Zusammenhang auch schon einmal erwähnt? Ich paraphrasiere seine Aussage. Bevor wir anfangen zu überlegen, was „denken“ ist, haben wir es schon jahrelang zuvor getan. Bezieht man diese Äußerung auf einen einzelnen Menschen, dann ist es tatsächlich so, dass wir denken und denken und evtl. zufällig und beiläufig irgendwann einmal in unserem Leben diese Frage dann auftaucht. Vielleicht taucht sie auch nie auf als eine dezidierte Frage. Das finde ich mit dem „ich“ vergleichbar. Mir fällt jetzt der Sprung oder wohl richtiger „mein“ Sprung, auf, der Sprung vom Erstaunen darüber, was für ein unglaubliches Phänomen das „ich“ ist und auf die gegenüberliegende Seite, dass es sich um nichts Geheimnisvolles, wie Du es ausdrückst, handelt. Wir leben damit, meistens unhinterfragt. „Ich“ ist eine Funktion. Ah ja, auch in dieser Hinsicht wäre das Ergebnis vergleichbar dem Denken. Das Gehirn denkt, das ist seine Funktion, und auch diese Erkenntnis hattest Du an mich weiter vermittelt. Und dieser Vorgang begleitet unser Leben ebenso unbemerkt. Ein Mensch entwickelt irgendwann in seinem Leben dieses „ich“ und sofern man nicht am Ende des Lebens wieder wie ein Kind wird, bleibt dieses „ich“ bis zum Tod bestehen. Wie das Denken kann man es nicht auflösen, aber wie beim Denken tritt es auch wieder in den Hintergrund der Aufmerksamkeit, wenn man es einmal hervorgeholt und näher untersucht hat.
Das heißt, wenn ich das richtig verstehe, dein Thema ist oder war nicht so sehr „wer bin ich?“, sondern „wer oder wie will ich sein?“ (damit es mir einigermaßen gut geht)? Ja, das ist ein ganz anderer Ansatz. Oder doch nicht? Denn in meiner Frage „Wer bin ich?“ schwang ja auch immer die Frage mit „Wer könnte ich noch sein?“. Allerdings nicht aus einem Leidensdruck heraus, sondern mehr aus Neugier. Ja, die allmähliche Auflösung der uralten Selbstzuschreibungen ist eine tolle Sache. Wobei vieles davon ja nicht falsch ist, Schüchternheit zum Beispiel ist ja wirklich ein Anteil in mir; falsch ist nur die Verabsolutierung. Und aus manchen ist man vielleicht im Laufe der Jahre auch einfach herausgewachsen, ohne es zu merken, läuft sich aber immer noch Blasen in nicht mehr passenden Schuhen, anstatt sie auszuziehen.
O, das ist spannend! Nein, „wer oder wie ich sein will“ ist nicht meine Frage. Das weiß ich sofort. „Damit es mir einigermaßen gut geht“, ja, da weiß ich sofort, dass es das ist :-). Mein ganzes Bewußtsein ist darauf ausgerichtet, wie ich mich wohl(er) befinden kann -und das wiederum tue ich, indem ich versuche, meine Empfindungen und meine Gedanken ohne Umwege anzusehen und zu fühlen. Es ist schwierig, das in Worte zu fassen – auch weil dies wie ein Erkennen von etwas ist, das ich bisher so klar gar nicht gesehen habe. Von der anderen Seite her aufgezogen erinnere ich mich an eine Äußerung von jemandem, der sagte, er habe sich inzwischen abgehärtet oder sei abgehärtet gegen Angriffe von außen, gegen unerfreuliche Gedanken von innen, und ich gehe den umgekehrten Weg. So weit wie möglich tue ich alles so, wie ich es eben tue und beobachte dieses Tun gleichzeitig, wobei ich unter „tun“ nicht die Handlungen selbst verstehe, sondern die Gedanken und die Gefühle. Ich erlebe das nicht wie eine Spaltung, sondern eher so wie eine sehr große Aufmerksamkeit, in der die beiden Teile -tun und betrachten- verbunden sind.
Ja, seltsam, nicht wahr: Was wir denken, ist nicht die Wirklichkeit. :-))) Ich lache darüber, aber ich glaube, man kann die Tragweite dieser Erkenntnis gar nicht groß genug schätzen. Denn auch das, was wir über uns selbst denken oder was wir denken, was andere über uns denken mögen, ist nicht die Wirklichkeit. Diese Gedanken mögen der Wirklichkeit sehr nahe kommen, aber sie sind doch nichts anderes als Gedanken.
Wieso verstehe ich nicht, was Du meinst?! :-))) Was soll denn dann noch Wirklichkeit sein, wenn sie nicht das ist, was wir denken?! Die Geschichte mit dem Sofa enthielt oder enthält für mich die Erkenntnis, dass eine vorwegnehmende Vorstellung, wie man sich befinden könnte, fehlgeht, weil man sich in dem Moment, in dem die Situation gegenwärtig ist, mitnichten so befindet wie antizipiert. Nur ist doch in jeder Situation das wirklich, was wir in dieser Situation jeweils denken? Es sind zwar alles Gedanken über, und besonders im Hinblick auf andere Menschen haben wir Null-Ahnung, ob unsere Gedanken auch nur annähernd die Gedanken der anderen Menschen erfassen, aber was uns selber angeht, so sind die Gedanken doch höchst wirklich. Denke ich, jemand fände mich toll, dann ist dies die Wirklichkeit. Meine Wirklichkeit und die Wirklichkeit sind ununterscheidbar. Gut, ich könnte nachfragen und es stellt sich heraus, dass ich mich geirrt habe. In dem Moment ändern sich meine Gedanken und die Wirklichkeit. Ich meine damit auch, dass wir mit unseren Gedanken unsere jeweilige Wirklichkeit schaffen. Mir ist nicht klar, ob ich an Dir vorbeirede, nur taucht Deine Überlegung für mich irgendwie ganz unvermutet und nicht nachvollziehbar vor meinen Augen auf … :-)
Du hast dich in deiner Jugend „nicht zu dir selber verhalten“? Ich stutze über diese merkwürdige Formulierung, unter der ich mir erst nicht recht etwas vorstellen konnte. Du meinst so etwas wie Selbstreflexion? Zumindest fällt mir das beim Thema Tagebuchschreiben ein. Bei mir war es gerade umgekehrt: Ich habe in der Pubertät Tagebuch geschrieben, eine Zeit, in der ich sehr viel mir mir selbst beschäftigt war, mit dem Versuch, meine Position in der Welt zu bestimmen oder überhaupt erst einmal eine zu finden. Bei mir ging es auch um mein Ungenügen in vielerlei Hinsicht, aber eher nicht darum, „wie ich sein sollte“, sondern „wie ich sein wollte“.
:-))) Manchmal komme ich auf Formulierungen, die mir eine Weile gut gefallen und die ich dann gerne gebrauche. Ja klar, man könnte es auch Selbstreflexion nennen, also ein Nachdenken über das, was man denkt und wie man sich fühlt, wozu dann auch sowas gehört, wie man sich im Ganzen der Welt sieht.
Wohlbefinden – ein „schnörkelloses“ Wort. Es ist immer gut, solch ein Wort gefunden zu haben, darüber hatten wir ja schon geschrieben. Und wenn du meinst, dass es passt, dann passt es auch. Trotzdem kommt es mir irgendwie nicht ganz stimmig vor. Es wirkt auf mich so … so oberflächlich … Nicht im Sinne von banal, sondern als wenn es nicht wirklich in die Tiefe geht, nicht den Kern der Sache trifft. – Aber wenn ich länger darüber nachdenke, dann muss es das ja vielleicht auch gar nicht. Was ist Oberfläche, was ist Tiefe? Ist in der „Tiefe“ nicht auch nur das, was wir uns denken, während die Wirklichkeit an der Oberfläche stattfindet? Na ja, das ist keine Aussage, die ich in Stein meißeln würde. Aber trotzdem schien es mir gerade völlig ausreichend, wenn man sich wirklich wohl befindet.
O, ich verstehe genau, was Du meinst! Ja, das Wort hört sich oberflächlich an oder langweilig, fällt mir weiter ein, oder wie ein lauwarmer Brei :-). Im vergangenen halben Jahr habe ich mich ein bißchen mit Epikur beschäftigt und aus dieser Beschäftigung ist der Ausdruck erwachsen. In der Übersetzung aus dem Lateinischen heißt es für gewöhnlich „Lust“ und „Unlust“; nur sind diese Begriffe, wie ich finde, zu irreführend. Die Theorie ist schlicht, dass Menschen grundsätzlich nach ihrem Wohlbefinden streben und dazu das Unwohlbefinden zu vermeiden, zu minimieren oder zu verkürzen suchen. Es ist ein ständiges Bestreben, das Unwohlempfinden in ein Wohlbefinden zu überführen. Wenn man sich eine Linie vergegenwärtigt, dann gibt es auf dieser Linie unzählige stufenlose Nuancen des Wohl- oder des Nicht-Wohlbefindens. Ich habe das Modell adaptiert, d.h. ich habe es auf mich angewendet. Es ist darin nichts Existentielles, nichts Dramatisches, nichts Grandioses, sondern eine bescheidene Ansicht auf mein Streben. Man könnte die Worte zwar ersetzen durch „Glück“ und „Unglück“, das wäre in der Sache gehupft wie gesprungen, nur assoziiert man mit diesen Worten Dramatik -und genau dies tut man mit einem so unscheinbaren Wort wie „Wohlbefinden“ nicht. Das heißt, mir hat der Ausdruck auf einmal deswegen so gut gefallen, weil er bescheiden und oberflächlich ist. Nach Wohlbefinden streben scheint mir vergleichbar mit dem Denken. Sitzt man am Laptop und bemerkt irgendwann, dass das übergeschlagene Bein schmerzt, dann ändert man die Sitzposition. Das tut man automatisch, ohne zu überlegen. Dieser Vorgang unterscheidet sich nicht grundsätzlich von einer Situation, in der man sich von unerfreulichen Gedanken löst, weil sie ein Unwohlbefinden auslösen, das man ändern möchte. Die Einfachheit dieses Lebensprozesses finde ich zur Zeit anziehend und angenehm zu denken.
F.
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