Liebe F.,
Funktion
Das Selbstverständliche, ja, vielleicht hast Du recht und es ist so ähnlich wie über Beine und Arme zu sprechen und währenddessen festzustellen, dass man sie hat. Nein, noch besser vergleichbar ist es mit der Situation, wenn, während ich jetzt hier meinen Brief tippe, mich darüber erstaune, dass ich Finger und Hände habe. Finger und Hände sind die Voraussetzung dafür, dass ich tippe und deswegen kann man sie nicht wegdenken. Also ist das „ich“ nicht wegdenken zu können, kein „scheitern“, sondern nur logisch und konsequent :-).
Ja, und auch nicht weiter schlimm. Das Ich ist ja nicht etwas „Böses“, was es zu eliminieren gälte, auch wenn das manchmal so klingt, gerade im Buddhismus. Aber so, wie ich das von meinen Lehrern kennengelernt habe (und wie ich es jetzt versuche in meinen eigenen Worten wiederzugeben), genügt es zu erkennen, dass das, was wir „ich“ nennen (egal ob groß- oder kleingeschrieben), einfach eine Funktion unter vielen ist. Sie ist nützlich und notwendig für unser alltägliches Leben, aber ansonsten nichts weiter Geheimnisvolles. Worauf es ankommt, ist, das zu erkennen, dann darf gern alles so bleiben, wie es ist (wobei sich durch dieses Erkennen allerdings durchaus einiges verändert …) Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich auf zwei Lehrer gestoßen bin, die so pragmatisch mit dem Thema umgehen.
Daraus, dass das Ich als eine Funktion verstanden wird und nicht als eine wie auch immer geartete „Substanz“, etwas Festes, folgt dann ja auch seine Beweglichkeit, seine Veränderlichkeit und Veränderbarkeit. Und – was für mich einer der Hauptpunkte ist: seine relative Unwichtigkeit. Womit ich wieder bei dem Satz wäre: „Es kommt nicht auf mich an“, nun in der Variante: „Es kommt nicht auf das Ich an.“ :-)
Wohlbefinden
Als ich den Satz schrieb, dachte ich mir schon nebenbei, dass ich würde beantworten können müssen, ja, wie dann? :-) Das konnte ich nicht spontan und so ließ ich es im Nebel. Es stimmt, in der Formulierung „wer bin ich“ habe ich die Frage nie gestellt. Da ich nun darüber nachdenken muß, ist es eigentlich doch einfach, weil mein Antrieb und mein Ziel immer waren, wie ich in Frieden mit mir selber kommen kann. Wie kann ich die selbstablehnenden Anteile rausbefördern aus meinem Kopf und das, was ist, wohlwollend lassen, wie es ist. Es ist über lange Phasen immer ein Leidensdruck gewesen, der es mir nötig scheinen ließ, mich um mich selbst zu kümmern. Genau hinzusehen, was ich tue. Übrigens ist auch dieses Zerrissenfühlen ein Selbstbild, von dem ich unermüdlich erzählt habe und von dem ich mich auch schon gefragt habe, ob es nur deswegen wahr ist, weil ich daran festhalte :-). Weil Du nun aber nachfragst und ich ernsthaft überlege, kommt mir dieser Kampf mit mir doch wie ein roter Faden vor. Der Impuls für die Selbsterforschung ist also schlicht und einfach der Wunsch gewesen, dass ich mich besser fühlen möchte. Habe ich das Problem nun gelöst? Hm, auf einer höheren Ebene, würde ich sagen. Ich lasse die Spannung zwischen den kämpfenden Teilen so, wie sie ist und akzeptiere sie. Dadurch verlieren die ablehnenden Teile an Gewicht. „Frieden“ wäre übertrieben, aber friedlicher befinde ich mich schon. Auf den Anfang meines Briefes zurückgehend: Ich bin so und so – das ist nicht in Ordnung – beides bin ich. Die Streitenden sind in der Einheit aufgehoben :-))). Das ist das mir Eigene.
Das heißt, wenn ich das richtig verstehe, dein Thema ist oder war nicht so sehr „wer bin ich?“, sondern „wer oder wie will ich sein?“ (damit es mir einigermaßen gut geht)? Ja, das ist ein ganz anderer Ansatz. Oder doch nicht? Denn in meiner Frage „Wer bin ich?“ schwang ja auch immer die Frage mit „Wer könnte ich noch sein?“. Allerdings nicht aus einem Leidensdruck heraus, sondern mehr aus Neugier.
Ja, die allmähliche Auflösung der uralten Selbstzuschreibungen ist eine tolle Sache. Wobei vieles davon ja nicht falsch ist, Schüchternheit zum Beispiel ist ja wirklich ein Anteil in mir; falsch ist nur die Verabsolutierung. Und aus manchen ist man vielleicht im Laufe der Jahre auch einfach herausgewachsen, ohne es zu merken, läuft sich aber immer noch Blasen in nicht mehr passenden Schuhen, anstatt sie auszuziehen.
Ich hatte als junges Mädchen einmal ein Foto von Simone de Beauvoir gesehen, auf dem sie in ihrem Zimmer auf einem großen Bett sitzt, über das eine dicke samtige Decke in rötlichem Braunton geworfen war. In mein erstes WG-Zimmer legte ich eine große Schaumstoffmatratze, so wie es für Studenten damals gerade modern war und darauf eine kakaobraune Decke. Nur: Was mich verwunderte war, dass ich mich nicht so fühlte, wie ich phantasiert hatte, ich würde mich fühlen, säße ich in einem Zimmer auf einem großen Bett. Ich bin nicht sicher, ob ich es damals wirklich so wahrgenommen habe oder ob ich jetzt dazudichte, aber ich meine, dass mir das erste Mal der Unterschied zwischen Vorstellung und Realität bewußt geworden ist. Meine Realität war eine andere als die, von der ich phantasiert hatte. Dies aber nur nebenbei, weil das Bild nur für wenige Jahre existierte und auch nicht, wie bei Dir, auf eine mein Leben durchziehende Frage hinweist.
Ja, seltsam, nicht wahr: Was wir denken, ist nicht die Wirklichkeit. :-))) Ich lache darüber, aber ich glaube, man kann die Tragweite dieser Erkenntnis gar nicht groß genug schätzen. Denn auch das, was wir über uns selbst denken oder was wir denken, was andere über uns denken mögen, ist nicht die Wirklichkeit. Diese Gedanken mögen der Wirklichkeit sehr nahe kommen, aber sie sind doch nichts anderes als Gedanken.
Für mein Dauerthema, das mich fast mein ganzes Leben begleitet hat, fällt mir eine ganz schlichte Formulierung ein: „Wie komme ich zu mehr Wohlbefinden“? Während meiner ersten Beziehung mit einem Mann (23-31 Jahre) war ich noch zu unreflektiert, ich habe gelebt und bin einfach im Strudel der Ereignisse teils halb untergegangen, teils mitgeschwommen. Ich habe mich nicht zu mir selber verhalten, wie das wohl auch gar nichts Besonderes ist, besonders, wenn man jung ist. Danach aber, mit der ersten Therapieerfahrung und mit dem Kennenlernen meines Mannes setzte die Reflexion ein. Ich fing an Tagebuch zu schreiben und hatte, bis ich sie nach 10 Jahren ungefähr in den Müll warf, 13 DIN A4-Leitzordner vollgeschrieben. Alles drehte sich um mein Ungenügen, meine Häßlichkeit, mein Nichtsosein, wie ich sein sollte. Es gab natürlich auch längere Phasen, in denen ich mich insgesamt wohler mit mir fühlte, wenn ich mit meinem Mann alleine war, was ja meistens der Fall war, aber sobald wir mit anderen Leuten zusammen waren, fühlte ich mich unwert, unwohl. Die Suche nach Wohlbefinden, weil es in mir nicht war und ist, das würde ich mein Eigenes nennen.
Du hast dich in deiner Jugend „nicht zu dir selber verhalten“? Ich stutze über diese merkwürdige Formulierung, unter der ich mir erst nicht recht etwas vorstellen konnte. Du meinst so etwas wie Selbstreflexion? Zumindest fällt mir das beim Thema Tagebuchschreiben ein. Bei mir war es gerade umgekehrt: Ich habe in der Pubertät Tagebuch geschrieben, eine Zeit, in der ich sehr viel mir mir selbst beschäftigt war, mit dem Versuch, meine Position in der Welt zu bestimmen oder überhaupt erst einmal eine zu finden. Bei mir ging es auch um mein Ungenügen in vielerlei Hinsicht, aber eher nicht darum, „wie ich sein sollte“, sondern „wie ich sein wollte“.
Wohlbefinden – ein „schnörkelloses“ Wort. Es ist immer gut, solch ein Wort gefunden zu haben, darüber hatten wir ja schon geschrieben. Und wenn du meinst, dass es passt, dann passt es auch. Trotzdem kommt es mir irgendwie nicht ganz stimmig vor. Es wirkt auf mich so … so oberflächlich … Nicht im Sinne von banal, sondern als wenn es nicht wirklich in die Tiefe geht, nicht den Kern der Sache trifft. –
Aber wenn ich länger darüber nachdenke, dann muss es das ja vielleicht auch gar nicht. Was ist Oberfläche, was ist Tiefe? Ist in der „Tiefe“ nicht auch nur das, was wir uns denken, während die Wirklichkeit an der Oberfläche stattfindet? Na ja, das ist keine Aussage, die ich in Stein meißeln würde. Aber trotzdem schien es mir gerade völlig ausreichend, wenn man sich wirklich wohl befindet.
Unfertiges
:-) Oja, eigentlich sind sie sehr schön, aber ich würde sie auch nicht vor den Fenstern hängen haben wollen. Sie sehen wegen der Durchsichtigkeit nämlich eher wie Gardinen aus. Wenn sie wie bei Menzels Bild im Winde wehen, ist das schön, aber wenn sie die Sicht durchs geschlossene Fenster versperren, so nehme ich Gardinen wahr, dann möchte ich keine Gardinen. Habe ich auch nicht und hatte ich nie. Weiterhin habe ich an dem Bild zu monieren, dass die Wand wie nicht fertig gemalt aussieht. Ich vermute, dass der helle Fleck das durch die Balkontür einfallende Licht spiegeln soll, aber so wirkt es einfach nicht. Es wirkt wie eine Wand, die jemand angefangen hat, neu zu pinseln und dabei noch nicht fertig geworden ist. Menzels Zimmer zeigt natürlich eine sehr angenehme Atmosphäre, licht und entspannt und wie zur Schreibarbeit geschaffen …
Ja, du hast recht, es gibt Bilder mit gelungeneren Lichtflecken auf Wänden. Aber ich glaube, es handelt sich hier nur um eine Skizze. Guck dir das Sofa auf der linken Seite an, das ist nur ein graubrauner Farbfleck (im Gegensatz zu seinem Spiegelbild).
Ich habe jetzt noch mal in meinem Buch nachgeguckt – „Öl auf Pappe“, heißt es da, also wohl wirklich nur eine Skizze (auch wenn sich der Wikipedia-Artikel da nicht so ganz einig ist). Das, worauf es Menzel ankam, die sich bauschende Gardine, die das Licht einfängt, die hat er herausgearbeitet, der Rest war nicht so wichtig. Ich finde Skizzen oft sehr viel schöner als fertige Bilder, das Unfertige, Suchende ist oft viel lebendiger. Das fällt besonders auf, wenn es beides gibt, also nicht nur eine Skizze für sich, sondern eine Vorskizze zu einem Bild. Mir fällt jetzt aber leider gerade kein Beispiel ein, das ich dir zeigen könnte.
B.
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