Brief 247 | Das Eigene


Liebe B., 

Aufheben“ – ja, natürlich! Dass mir das nicht eingefallen ist … Das ist ja einer der Schlüsselbegriffe der Hegelschen Dialektik. Die Gegensätze heben sich auf, was bedeutet, dass sie einerseits in etwas Drittem aufgehen (so wie das Sein und das Nichts im Werden), andererseits dadurch aber nicht verschwinden, sondern in dieses Dritte mitgenommen werden, darin aufgehoben sind. (Dieser dialektische Dreischritt hört sich oft recht schematisch an, ist aber, vermute ich, eine ziemlich komplexe Angelegenheit. Zumindest wünsche ich mir das :-), denn ansonsten bliebe das alles Theorie und wäre nicht auf die Wirklichkeit anwendbar, die nun einmal komplex ist.)

Und mir wiederum ist noch nicht einmal das eingefallen, während ich „aufheben“ unter den Januswörtern las. Es gibt noch eine andere Bedeutung des Wortes, die ich unmetaphorisch nennen würde. Man hebt etwas vom Fußboden auf, im Sinne von hoch-heben.

Das ist ja ein phänomenales Wort! Ich spiele ja auch gern mit Worten herum, aber diese Vielfalt ist mir noch nie aufgefallen.

Mir ist es auch das erstemal beim Unterrichten des Deutschen aufgefallen. Auf der unteren Niveaustufe wird nur das „Medium“ (meine Wortkreation) der dritte Modus neben aktiv und passiv gelehrt -und als ich mir die Übungen so ansah und durchging und mir die unzählichen weiteren Verbindungen in den Sinn kamen, wünschte ich mir, dass hoffentlich niemand auf die Idee kommt nachzufragen. Es hat keiner gefragt, zum Glück, das Nachfragen kommt meistens erst auf den höheren Niveaustufen. Unterschiede wie „laß mich in Ruhe“ und „laß mich das machen“ kann man nicht erklären. Man lernt ihren Gebrauch im Hören, denke ich. Ähnlich wie man das Benutzen einer Gabel auch am besten lernt, indem man zusieht, wann und wie andere Menschen sie benutzen.

Das Eigene

Nun ja, worauf auch sonst? habe ich spontan gedacht. Und dann versucht, mir ein nicht-ich-zentriertes Denken vorzustellen (vom Empfinden ganz zu schweigen), bin daran aber komplett gescheitert. Was ich deshalb hier jetzt einfach so stehenlasse. :-)

Das Selbstverständliche, ja, vielleicht hast Du recht und es ist so ähnlich wie über Beine und Arme zu sprechen und währenddessen festzustellen, dass man sie hat. Nein, noch besser vergleichbar ist es mit der Situation, wenn, während ich jetzt hier meinen Brief tippe, mich darüber erstaune, dass ich Finger und Hände habe. Finger und Hände sind die Voraussetzung dafür, dass ich tippe und deswegen kann man sie nicht wegdenken. Also ist das „ich“ nicht wegdenken zu können, kein „scheitern“, sondern nur logisch und konsequent :-).

Aber hängengeblieben bin ich vor allem an diesem Satz aus dem vorherigen Abschnitt:

So wie Du hatte ich die Frage sowieso überhaupt nie gestellt

[Also die Frage: Wer bin ich?] Das finde ich irgendwie bemerkenswert, denn du weißt über dich selbst ja so viel mehr als ich über mich, auch wenn du jetzt schreibst, dass du dir nicht mehr die Geschichte über dich selbst erzählen willst, du seist dir selbst vollkommen durchsichtig. Aber im Laufe unseres Briefwechsels habe ich immer wieder darüber gestaunt, wie präzise du über dich selbst Bescheid weißt, gerade wenn es um eher unangenehme Dinge geht, deine große Ehrlichkeit dir selbst gegenüber, wo ich oft lieber in Gedanken abbiege.

Als ich den Satz schrieb, dachte ich mir schon nebenbei, dass ich würde beantworten können müssen, ja, wie dann? :-) Das konnte ich nicht spontan und so ließ ich es im Nebel. Es stimmt, in der Formulierung „wer bin ich“ habe ich die Frage nie gestellt. Da ich nun darüber nachdenken muß, ist es eigentlich doch einfach, weil mein Antrieb und mein Ziel immer waren, wie ich in Frieden mit mir selber kommen kann. Wie kann ich die selbstablehnenden Anteile rausbefördern aus meinem Kopf und das, was ist, wohlwollend lassen, wie es ist. Es ist über lange Phasen immer ein Leidensdruck gewesen, der es mir nötig scheinen ließ, mich um mich selbst zu kümmern. Genau hinzusehen, was ich tue. Übrigens ist auch dieses Zerrissenfühlen ein Selbstbild, von dem ich unermüdlich erzählt habe und von dem ich mich auch schon gefragt habe, ob es nur deswegen wahr ist, weil ich daran festhalte :-). Weil Du nun aber nachfragst und ich ernsthaft überlege, kommt mir dieser Kampf mit mir doch wie ein roter Faden vor. Der Impuls für die Selbsterforschung ist also schlicht und einfach der Wunsch gewesen, dass ich mich besser fühlen möchte. Habe ich das Problem nun gelöst? Hm, auf einer höheren Ebene, würde ich sagen. Ich lasse die Spannung zwischen den kämpfenden Teilen so, wie sie ist und akzeptiere sie. Dadurch verlieren die ablehnenden Teile an Gewicht. „Frieden“ wäre übertrieben, aber friedlicher befinde ich mich schon. Auf den Anfang meines Briefes zurückgehend: Ich bin so und so – das ist nicht in Ordnung – beides bin ich. Die Streitenden sind in der Einheit aufgehoben :-))). Das ist das mir Eigene.

Mir ist dann plötzlich aufgefallen, dass diese Frage „Wer bin ich eigentlich – ich für mich allein?“ gar nicht erst nach dem Tod meines Mannes aufgetaucht ist, sondern sehr viel älter ist. Ich habe meinen Mann ja sehr früh kennengelernt, während des Studiums, als ich noch zu Hause wohnte. Als wir dann zusammenzogen, haben wir unsere (für beide erste) eigene Wohnung natürlich nach unserer beider Geschmack eingerichtet, haben also bei allem Kompromisse gesucht, was zum Glück nicht schwer war, weil unsere Geschmäcker ziemlich ähnlich waren. Trotzdem hat mich die Frage immer wieder beschäftigt: „Wie hätte meine erste eigene Wohnung ausgesehen, wenn ich sie ganz allein eingerichtet hätte?“ Und dabei ist mir immer wieder als Erstes etwas völlig Nebensächliches eingefallen: Welchen Vorhangstoff hätte ich gewählt?

Ich hatte als junges Mädchen einmal ein Foto von Simone de Beauvoir gesehen, auf dem sie in ihrem Zimmer auf einem großen Bett sitzt, über das eine dicke samtige Decke in rötlichem Braunton geworfen war. In mein erstes WG-Zimmer legte ich eine große Schaumstoffmatratze, so wie es für Studenten damals gerade modern war und darauf eine kakaobraune Decke. Nur: Was mich verwunderte war, dass ich mich nicht so fühlte, wie ich phantasiert hatte, ich würde mich fühlen, säße ich in einem Zimmer auf einem großen Bett. Ich bin nicht sicher, ob ich es damals wirklich so wahrgenommen habe oder ob ich jetzt dazudichte, aber ich meine, dass mir das erste Mal der Unterschied zwischen Vorstellung und Realität bewußt geworden ist. Meine Realität war eine andere als die, von der ich phantasiert hatte. Dies aber nur nebenbei, weil das Bild nur für wenige Jahre existierte und auch nicht, wie bei Dir, auf eine mein Leben durchziehende Frage hinweist.

Für mein Dauerthema, das mich fast mein ganzes Leben begleitet hat, fällt mir eine ganz schlichte Formulierung ein: „Wie komme ich zu mehr Wohlbefinden“? Während meiner ersten Beziehung mit einem Mann (23-31 Jahre) war ich noch zu unreflektiert, ich habe gelebt und bin einfach im Strudel der Ereignisse teils halb untergegangen, teils mitgeschwommen. Ich habe mich nicht zu mir selber verhalten, wie das wohl auch gar nichts Besonderes ist, besonders, wenn man jung ist. Danach aber, mit der ersten Therapieerfahrung und mit dem Kennenlernen meines Mannes setzte die Reflexion ein. Ich fing an Tagebuch zu schreiben und hatte, bis ich sie nach 10 Jahren ungefähr in den Müll warf, 13 DIN A4-Leitzordner vollgeschrieben. Alles drehte sich um mein Ungenügen, meine Häßlichkeit, mein Nichtsosein, wie ich sein sollte. Es gab natürlich auch längere Phasen, in denen ich mich insgesamt wohler mit mir fühlte, wenn ich mit meinem Mann alleine war, was ja meistens der Fall war, aber sobald wir mit anderen Leuten zusammen waren, fühlte ich mich unwert, unwohl. Die Suche nach Wohlbefinden, weil es in mir nicht war und ist, das würde ich mein Eigenes nennen.

Etwas, das so aussieht, wie man es nicht haben will :-)

Wieder aus Freude an einem schönen Bild hänge ich dieses Mal eines an, das mir beim Thema „duftige Vorhänge“ in Erinnerung kam, nämlich Menzels „Balkonzimmer“. Mein Zimmer war natürlich nicht annähernd so luxuriös, schon gar nicht mit Balkon. Ich hatte nur eine kleine Dachkammer. Aber die Vorhänge sehen schon ziemlich ähnlich aus wie die, die ich nicht haben wollte.

:-) Oja, eigentlich sind sie sehr schön, aber ich würde sie auch nicht vor den Fenstern hängen haben wollen. Sie sehen wegen der Durchsichtigkeit nämlich eher wie Gardinen aus. Wenn sie wie bei Menzels Bild im Winde wehen, ist das schön, aber wenn sie die Sicht durchs geschlossene Fenster versperren, so nehme ich Gardinen wahr, dann möchte ich keine Gardinen. Habe ich auch nicht und hatte ich nie. Weiterhin habe ich an dem Bild zu monieren, dass die Wand wie nicht fertig gemalt aussieht. Ich vermute, dass der helle Fleck das durch die Balkontür einfallende Licht spiegeln soll, aber so wirkt es einfach nicht. Es wirkt wie eine Wand, die jemand angefangen hat, neu zu pinseln und dabei noch nicht fertig geworden ist. Menzels Zimmer zeigt natürlich eine sehr angenehme Atmosphäre, licht und entspannt und wie zur Schreibarbeit geschaffen ...

F.

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