Brief 246 | Vorhänge

Liebe F.,

Januswörter

An der Freude, die es Hegel gewährt, wollte ich teilhaben, und deshalb habe ich nachgesehen. Man nennt diese Wörter „Januswörter“ oder „Autoantonyme“. Zum Beispiel „umfahren“, was zum einen heißen kann, um ein Hindernis herumzufahren oder aber drüberzufahren. „Abdecken“ bedeutet, eine Plane über die Gartenstühle zu breiten, oder aber die Gartenstühle von der Plane zu befreien. Mit „aufheben“ ist gemeint, eine Sache aufzubewahren oder einen Beschluß wieder ungültig zu machen. Und als letztes „ausleihen“, was bedeuten kann, dass man etwas bekommt oder aber jemandem etwas gibt. Ja, das wußte ich nicht, denn ich hatte es noch nie irgendwo gelesen und mir selber ist es auch bisher nicht eingefallen.

„Aufheben“ – ja, natürlich! Dass mir das nicht eingefallen ist … Das ist ja einer der Schlüsselbegriffe der Hegelschen Dialektik. Die Gegensätze heben sich auf, was bedeutet, dass sie einerseits in etwas Drittem aufgehen (so wie das Sein und das Nichts im Werden), andererseits dadurch aber nicht verschwinden, sondern in dieses Dritte mitgenommen werden, darin aufgehoben sind. (Dieser dialektische Dreischritt hört sich oft recht schematisch an, ist aber, vermute ich, eine ziemlich komplexe Angelegenheit. Zumindest wünsche ich mir das :-), denn ansonsten bliebe das alles Theorie und wäre nicht auf die Wirklichkeit anwendbar, die nun einmal komplex ist.)

By the way – vor einiger Zeit bin ich auf das Phänomen des unscheinbaren Verbs „lassen“ gestoßen. Nicht nur ein dritter Modus zwischen „aktiv“ und „passiv“ wird damit ermöglicht (ich repariere das Handy, das Handy wird mir repariert, ich lasse das Handy reparieren), sondern es gibt so gut wie keine Vorsilbe oder Präfix, mit dem es nicht gebildet werden kann (entlassen, rauslassen, vorlassen, reinlassen, belassen, überlassen, unterlassen, verlassen, rüberlassen, auflassen, zulassen, zurücklassen, gelassen, anlassen, auslassen, ablassen, hinterlassen … gibt’s noch mehr? :-) Mir machen solche Wortbeobachtungen einfach Spaß – wie Hegel ... obwohl ich seine Schlußfolgerung ziemlich mutig finde :-))).

Das ist ja ein phänomenales Wort! Ich spiele ja auch gern mit Worten herum, aber diese Vielfalt ist mir noch nie aufgefallen.

 

Vorhänge

Und ja, wenn man es sprachlich betrachtet, dann verweist man mit dem „ich“ lediglich auf die eigene Person, so wie man mit „er“ oder „sie“ oder „man“ auf andere Personen oder eine unbestimmte Allgemeinheit verweist. Wenn man nun aber zusammenzählt, wieviele Male an einem Tag man mit „ich“ auf sich selbst verweist, dann ist es fast gar nicht zu glauben, wie oft in diesem „ich“ in einem Satz man auf sich verweist, so als drehe sich alles um die eigene Person bzw. so, als spräche die eigene Person ununterbrochen nur über ihre Eindrücke und Ansichten der Welt. Das meine ich wertfrei. Es ist nur eine Beobachtung, die sich für mich aus der Sprache ergibt. Immer geht man zurück auf die eigene Person.

Nun ja, worauf auch sonst? habe ich spontan gedacht. Und dann versucht, mir ein nicht-ich-zentriertes Denken vorzustellen (vom Empfinden ganz zu schweigen), bin daran aber komplett gescheitert. Was ich deshalb hier jetzt einfach so stehenlasse. :-)

Ja, vielen vielen Dank für Deine Aufmerksamkeit. Ich hatte diese beiden „ich“-Verständnisse miteinander verrührt, obwohl sie Unterschiedliches meinen. Im vorangehenden Abschnitt habe ich in diesem Brief ausschließlich das kleingeschriebene „ich“ thematisiert, weil mich das großgeschriebene „Ich“ inzwischen nicht mehr so interessiert. So wie Du hatte ich die Frage sowieso überhaupt nie gestellt, nur hat es sich im Gespräch so ergeben, dass ich angefangen hatte zu überlegen, was für eine Person ich eigentlich bin, welche Eigenschaften ich habe, welche davon ich als wesentlich erachte, welche nicht. „Wesentlich“ heißt, dass sie so zu mir gehören, dass ich eine andere Person würde, wenn sie nicht wären. Oder vielleicht noch besser, Eigenschaften, an denen ich nicht mehr rühre. Und im Zuge dessen habe ich in der letzten Zeit angefangen darauf zu achten, dass ich nicht immer wieder dieselben Geschichten über mich erzähle, dieselben Bilder wiederhole, die ich mir schon 100 Male erzählt habe. Man fängt irgendwann an, sie sich selber zu glauben :-). So zum Beispiel meine Erzählung, ich sei mir selber durchsichtig, ein Punkt, den Du neulich kritisch in einem mail-Brief angemerkt hattest. Nun ja, ich tappe zwar meistens nicht im Nebel, sondern schaue genau hin, und trotzdem habe ich diese Selbsterzählung nun korrigiert. Das Thema des großgeschriebenen „Ich“ hat sich im Laufe der Zeit ganz von selber aufgelöst.

Ich bin in letzter Zeit dabei, meine Selbsterzählung, ich sei schüchtern, zumindest zu hinterfragen, wenn ich sie auch noch nicht ganz auflösen kann. Über Jahrzehnte kam das Schüchternsein sehr viel häufiger vor, deshalb ist mein Selbstbild davon geprägt worden. Aber jetzt ist es umgekehrt: Ich bin nur noch manchmal schüchtern, aber meistens nicht. Das registriere ich zwar und freue mich darüber, aber diese Erkenntnis hat es anscheinend noch nicht geschafft, mein Selbstbild zu verändern. Mal gucken, ob sich daran etwas ändert, weil ich es nun ausgesprochen habe. Manchmal hilft sowas ja.

Aber hängengeblieben bin ich vor allem an diesem Satz aus dem vorherigen Abschnitt:

So wie Du hatte ich die Frage sowieso überhaupt nie gestellt

[Also die Frage: Wer bin ich?] Das finde ich irgendwie bemerkenswert, denn du weißt über dich selbst ja so viel mehr als ich über mich, auch wenn du jetzt schreibst, dass du dir nicht mehr die Geschichte über dich selbst erzählen willst, du seist dir selbst vollkommen durchsichtig. Aber im Laufe unseres Briefwechsels habe ich immer wieder darüber gestaunt, wie präzise du über dich selbst Bescheid weißt, gerade wenn es um eher unangenehme Dinge geht, deine große Ehrlichkeit dir selbst gegenüber, wo ich oft lieber in Gedanken abbiege.

Mir ist dann plötzlich aufgefallen, dass diese Frage „Wer bin ich eigentlich – ich für mich allein?“ gar nicht erst nach dem Tod meines Mannes aufgetaucht ist, sondern sehr viel älter ist. Ich habe meinen Mann ja sehr früh kennengelernt, während des Studiums, als ich noch zu Hause wohnte. Als wir dann zusammenzogen, haben wir unsere (für beide erste) eigene Wohnung natürlich nach unserer beider Geschmack eingerichtet, haben also bei allem Kompromisse gesucht, was zum Glück nicht schwer war, weil unsere Geschmäcker ziemlich ähnlich waren. Trotzdem hat mich die Frage immer wieder beschäftigt: „Wie hätte meine erste eigene Wohnung ausgesehen, wenn ich sie ganz allein eingerichtet hätte?“ Und dabei ist mir immer wieder als Erstes etwas völlig Nebensächliches eingefallen: Welchen Vorhangstoff hätte ich gewählt? Das geht zurück auf eine Begebenheit in meiner Kindheit, wie mir irgendwann klar wurde: Als meine Schwester und ich nach einem Umzug erstmals jede ein eigenes Zimmer bekamen, hat meine Mutter unter anderem die Vorhangstoffe ausgewählt, natürlich nach ihrem Geschmack, also so, vermute ich, wie sie sich als Jugendliche ein eigenes Zimmer erträumt hat, was sie nie hatte. Diese Vorhänge waren „blumig-duftig“. Aber ich war eine andere Generation und mir gefielen sie überhaupt nicht, worüber meine Mutter ziemlich enttäuscht war. Irgendwann (ich muss so 13 oder 14 Jahre alt gewesen sein) habe ich durchgesetzt, dass ich neue bekam – poppig-grafisch im Stil der 70er Jahre. Das war sowas wie ein erster Schritt in die Selbstständigkeit. Diesen Weg hätte ich eigentlich mit der ersten eigenen Wohnung fortsetzen müssen, aber dieser Schritt fiel aus, was ich später immer mal wieder bedauert habe.

Wieder aus Freude an einem schönen Bild hänge ich dieses Mal eines an, das mir beim Thema „duftige Vorhänge“ in Erinnerung kam, nämlich Menzels „Balkonzimmer“. Mein Zimmer war natürlich nicht annähernd so luxuriös, schon gar nicht mit Balkon. ich hatte nur eine kleine Dachkammer. Aber die Vorhänge sehen schon ziemlich ähnlich aus wie die, die ich nicht haben wollte.

Danke für die schöne „Bildmeditation“, de du zu „Hegels Ferien“ gefunden hast!

B.

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