Brief 245 | Die kleine Freude

Liebe B.,

Kleine Freuden

Da ich jetzt ein wenig in Hegels „Wissenschaft der Logik“ geblättert habe, um herauszufinden, was es mit diesen Fußnoten auf sich hat, bin ich auf einen Abschnitt in der Vorrede gestoßen, in dem er schreibt, dass es in der deutschen Sprache Wörter gäbe, die nicht nur mehrere Bedeutungen haben, sondern sogar entgegengesetzte. Er sieht das als „lexikalisches“ Beispiel für die von ihm behauptete Einheit der Gegensätze, wie bei Sein und Nichts, und „es kann dem Denken eine Freude gewähren, auf solche Wörter zu stoßen“. Leider bringt er keine Beispiele, welche Wörter ihm da vorschweben. Trotzdem fand ich es irgendwie anrührend, dass er da von seiner Freude an Wörtern spricht.

An der Freude, die es Hegel gewährt, wollte ich teilhaben, und deshalb habe ich nachgesehen. Man nennt diese Wörter „Januswörter“ oder „Autoantonyme“. Zum Beispiel „umfahren“, was zum einen heißen kann, um ein Hindernis herumzufahren oder aber drüberzufahren. „Abdecken“ bedeutet, eine Plane über die Gartenstühle zu breiten, oder aber die Gartenstühle von der Plane zu befreien. Mit „aufheben“ ist gemeint, eine Sache aufzubewahren oder einen Beschluß wieder ungültig zu machen. Und als letztes „ausleihen“, was bedeuten kann, dass man etwas bekommt oder aber jemandem etwas gibt. Ja, das wußte ich nicht, denn ich hatte es noch nie irgendwo gelesen und mir selber ist es auch bisher nicht eingefallen.

By the way – vor einiger Zeit bin ich auf das Phänomen des unscheinbaren Verbs „lassen“ gestoßen. Nicht nur ein dritter Modus zwischen „aktiv“ und „passiv“ wird damit ermöglicht (ich repariere das Handy, das Handy wird mir repariert, ich lasse das Handy reparieren), sondern es gibt so gut wie keine Vorsilbe oder Präfix, mit dem es nicht gebildet werden kann (entlassen, rauslassen, vorlassen, reinlassen, belassen, überlassen, unterlassen, verlassen, rüberlassen, auflassen, zulassen, zurücklassen, gelassen, anlassen, auslassen, ablassen, hinterlassen … gibt’s noch mehr? :-) Mir machen solche Wortbeobachtungen einfach Spaß – wie Hegel ... obwohl ich seine Schlußfolgerung ziemlich mutig finde :-))).

"ich" und "Ich"

„Ich“, „Bewusstsein“ – du hast in letzter Zeit mehrfach erwähnt, dass dich diese Begriffe momentan interessieren, aber ich bin nie so wirklich darauf eingegangen. Ja, wir haben dieses Thema schon öfter behandelt, aber ich habe den Eindruck, als ob das jetzt gerade wieder sehr aktuell bei dir ist und sozusagen auf einer neuen Ebene. Kannst du dazu etwas mehr erzählen, damit ich einen Anknüpfungspunkt habe? Wenn ich das richtig sehe, ist es die Selbstbezüglichkeit, die dich fasziniert?

Allgemein hatte ich in einem Philosophieforum in der letzten Zeit viel darüber gelesen, und für mich war tatsächlich eine neue und mich entlastende Erkenntnis, dass es über die beiden Begriffe so viele Theorien gibt wie Sand am Meer. Das heißt, ich bin frei auszuwählen, welche ich für brauchbar halte. Es gibt nichts Richtigeres oder Falscheres :-). Eigentlich ist es zunächst also ein verstärktes Interesse auf einer unpersönlichen Ebene.

Und ja, wenn man es sprachlich betrachtet, dann verweist man mit dem „ich“ lediglich auf die eigene Person, so wie man mit „er“ oder „sie“ oder „man“ auf andere Personen oder eine unbestimmte Allgemeinheit verweist. Wenn man nun aber zusammenzählt, wieviele Male an einem Tag man mit „ich“ auf sich selbst verweist, dann ist es fast gar nicht zu glauben, wie oft in diesem „ich“ in einem Satz man auf sich verweist, so als drehe sich alles um die eigene Person bzw. so, als spräche die eigene Person ununterbrochen nur über ihre Eindrücke und Ansichten der Welt. Das meine ich wertfrei. Es ist nur eine Beobachtung, die sich für mich aus der Sprache ergibt. Immer geht man zurück auf die eigene Person.

Außerdem zeigt man nicht nur auf die eigene Person, sondern man ist sie gleichzeitig, denn wenn man über eine Wahrnehmung spricht, einen Blumengarten oder eine Straße draußen, außerhalb der eigenen Person, dann ist es ja immer man selbst, die das Schöne oder das Häßliche auf diese oder jene Weise sieht und empfindet. Das kleingeschriebene „ich“, dieses unscheinbare Wort (wie „lassen“) verknüpft eigentlich alle Eindrücke, Gedanken, sinnliche und emotionale Wahrnehmungen, was man auch Bewußtsein nennen könnte, indem es [das „ich“] sie auf die eigene Person bezieht. Es ist wie ein Knotenpunkt, in dem alle Bewußtseinsinhalte zusammengeführt werden.

Irgendwas stimmt hier nicht. Ich glaube, es ist der Unterschied zwischen „ich“ und „Ich“. Dieser stillschweigende Übergang von „wer bin ich“ zu „was ist mein Ich“ sieht so harmlos aus, aber für mein Gefühl sind das zwei völlig verschiedene Ebenen oder Kategorien oder wie immer man das bezeichnen will. „ich“ kleingeschrieben finde ich unproblematisch, das ist einfach die Bezugnahme auf dieses Konglomerat aus ständig wechselnden Beziehungen und Zusammensetzungen, wodurch ich mich von anderen und anderem mehr oder minder abhebe. Also ein Prozess. Das „Ich“ großgeschrieben ist dagegen die Postulierung einer festumrissenen Entität, und da bezweifle ich, dass es so etwas gibt.

Ja, vielen vielen Dank für Deine Aufmerksamkeit. Ich hatte diese beiden „ich“-Verständnisse miteinander verrührt, obwohl sie Unterschiedliches meinen. Im vorangehenden Abschnitt habe ich in diesem Brief ausschließlich das kleingeschriebene „ich“ thematisiert, weil mich das großgeschriebene „Ich“ inzwischen nicht mehr so interessiert. So wie Du hatte ich die Frage sowieso überhaupt nie gestellt, nur hat es sich im Gespräch so ergeben, dass ich angefangen hatte zu überlegen, was für eine Person ich eigentlich bin, welche Eigenschaften ich habe, welche davon ich als wesentlich erachte, welche nicht. „Wesentlich“ heißt, dass sie so zu mir gehören, dass ich eine andere Person würde, wenn sie nicht wären. Oder vielleicht noch besser, Eigenschaften, an denen ich nicht mehr rühre. Und im Zuge dessen habe ich in der letzten Zeit angefangen darauf zu achten, dass ich nicht immer wieder dieselben Geschichten über mich erzähle, dieselben Bilder wiederhole, die ich mir schon 100 Male erzählt habe. Man fängt irgendwann an, sie sich selber zu glauben :-). So zum Beispiel meine Erzählung, ich sei mir selber durchsichtig, ein Punkt, den Du neulich kritisch in einem mail-Brief angemerkt hattest. Nun ja, ich tappe zwar meistens nicht im Nebel, sondern schaue genau hin, und trotzdem habe ich diese Selbsterzählung nun korrigiert. Das Thema des großgeschriebenen „Ich“ hat sich im Laufe der Zeit ganz von selber aufgelöst.

Hegels Ferien

Ein kleiner Spaß am Rande: Das Bild von René Magritte „Hegels Ferien“. Macht Hegel Ferien vom dialektischen Denken? Spielt er mit ihr, stellt sie auf den Kopf? Oder stellt Magritte die Dialektik zurück auf den Kopf, nachdem Marx sie angeblich auf die Füße gestellt hatte? Ich weiß es nicht, ich finde das Bild einfach nur lustig. :-)

Ich konnte mich nicht beherrschen und habe gegoogelt, was mich zu einer Bildmeditation zu „Hegels Ferien“ führte, die mich überzeugt hat :-). Der Name „Hegel“ ist eine Chiffre für die Sache der Dialektik, und die Ferien sind eine Chiffre für Freizeit und Vergnügen. So verbinden sich im Titel des Bildes beide Seiten, die eine gute Philosophie ausmachen: Belehrung und Unterhaltung. Man sieht zwei Gebrauchsgegenstände, die das „Wasser“ eint. Der Schirm stößt das Regenwasser ab und schützt den Menschen vorm Naßwerden, während das Glas mit Wasser zum Trinken ist, die Lebensquelle des Menschen. Wasser kann den Tod bringen und Wasser ermöglicht das Leben. Das Glas oben auf dem Regenschirm zeigt die verschränkte Verschiedenheit der Dinge, das Wasser zeigt die Einheit in der Verschiedenheit, man könnte auch sagen, die Ambivalenz oder das Gegensätzliche. Wenn beide Gegenstände für die gegensätzlichen Bedeutungen des Wassers stehen, dann können sie als Sinnbilder für die Dialektik verstanden werden. Man wird über die beiden Gebrauchsgegenstände zum Nachdenken über die Abstoßung und die Anziehung, der Einheit in den Gegensätzen angeregt.

Ganz sicher kann man das Bild auch ganz anders lesen :-). Da ich aber zu faul war, zuerst selber zu denken und dann zu suchen, ist es nun geschehen -und jetzt, anschließend, fällt mir nichts Eigenes mehr ein. Übrigens schreibt der Autor, Joachim Kahl, Magritte habe 100-150 Skizzen angefertigt, bevor er das Bild malte. Das geht aus einem Brief des Malers an eine Verehrerin, die Madame Gablik, hervor. Mir gefällt das Bild sehr. Ja, es hat Witz und die Einfachheit der 2 Gebrauchsgegenstände, die nur komisch wirken in ihrer ungebräuchlichen Zusammensetzung, finde ich anziehend.

F.

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