Liebe F.,
„Ich“ und „ich“
Ja, das Faszinierende ist, dass wir alle wissen, was „Zeit“ ist, und es uns dann wie Augustinus ergeht, wenn wir was Anständiges darüber sagen sollen. Sehr ähnlich oder genauso gibt es 100 Möglichkeiten, das „Bewußtsein“ oder das „Ich“ zu umschreiben, unter unterschiedlichen Aspekten. Auch diesbezüglich wissen wir alle, was damit gemeint ist, denn wir benutzen die Begriffe und verständigen uns mit ihnen gut untereinander, und können doch nicht sagen, was „Ich“, was „Bewußtsein“ ist. Wir haben uns ja auch über eine lange Zeit mit diesem Phänomen beschäftigt. Du bist irgendwann, soweit ich mich erinnere, auf den Pfaden des ZaZen zum Illusorischen oder Nichtigen des „Ich“ gewandelt -hm, also anflugweise :-), während ich „Ich“ für einen Begriff halte, mit dem man die eigene Person zu erfassen sucht oder besser, für den Teil der Person, der die Bewußtseinsinhalte verknotet. Die paradoxe Selbstbezüglichkeit, die in diesem Wort liegt, die fasziniert mich auch. Aber auch darüber haben wir in Verbindung mit der „Spiegel“-Metapher gesprochen. „Identität“ und „Selbst“ oder „Spiritualität“ könnte man auch noch unter diese phänomenalen Wörter einreihen. Man verständigt sich mit ihnen ganz gut :-), solange man nicht näher hinschaut.
Da bringe ich doch glatt wieder einmal einen meiner Lieblingsbegriffe ins Spiel, nämlich den der Begriffswolke. :-) Die meisten Wörter – und ich glaube, das gilt selbst für die Wissenschaftssprache – sind nicht eindeutig, sondern sind eher so etwas wie ein Bedeutungsfeld mit einer mehr oder minder kompakten Mitte, aber nach außen hin franst das immer weiter aus und wird diffus. Wie eine Wolke eben: Ein klar erkennbares Phänomen, das aber nirgendwo einen festen Kern hat und ständig in Bewegung ist. Diese Unschärfe der Begriffe ist kein Mangel, sondern gerade ihretwegen ist Sprache so reich.
Da ich jetzt ein wenig in Hegels „Wissenschaft der Logik“ geblättert habe, um herauszufinden, was es mit diesen Fußnoten auf sich hat, bin ich auf einen Abschnitt in der Vorrede gestoßen, in dem er schreibt, dass es in der deutschen Sprache Wörter gäbe, die nicht nur mehrere Bedeutungen haben, sondern sogar entgegengesetzte. Er sieht das als „lexikalisches“ Beispiel für die von ihm behauptete Einheit der Gegensätze, wie bei Sein und Nichts, und „es kann dem Denken eine Freude gewähren, auf solche Wörter zu stoßen“. Leider bringt er keine Beispiele, welche Wörter ihm da vorschweben. Trotzdem fand ich es irgendwie anrührend, dass er da von seiner Freude an Wörtern spricht.
„Ich“, „Bewusstsein“ – du hast in letzter Zeit mehrfach erwähnt, dass dich diese Begriffe momentan interessieren, aber ich bin nie so wirklich darauf eingegangen. Ja, wir haben dieses Thema schon öfter behandelt, aber ich habe den Eindruck, als ob das jetzt gerade wieder sehr aktuell bei dir ist und sozusagen auf einer neuen Ebene. Kannst du dazu etwas mehr erzählen, damit ich einen Anknüpfungspunkt habe? Wenn ich das richtig sehe, ist es die Selbstbezüglichkeit, die dich fasziniert?
Aber an dieser Stelle komme ich auf die Frage wegen der alten Fragen und der neuen Einkleidung zurück :-). Ganz zu Beginn war eine Deiner vordringlichsten Neugierden herauszufinden, wer denn Du alleine ohne Deinen Mann überhaupt bist. Dafür hattest Du die zusammengewachsenen Bäume als Bild genommen, aus deren Einheit/Zweiheit sich ein Ast herauslöst. Welche Wünsche, welche Interessen, welche Eigenschaften, welche Verhaltensweisen sind eigentlich meine – wenn ich alleine bin? Annähernd so einfach und klar war damals das „Ich“ von Dir erfaßt und eingekreist worden. Viele Monate oder auch Jahre später haben wir uns dem Phänomen des „Ich“ erneut zugewandt, diesmal, so wie ich es erinnere, in allgemeinerer Form, unter anderem auch so, dass wir die Frage gestellt haben, ja, was meinen wir denn eigentlich mit diesem Wort. Und jetzt denke ich, dass wir mit dem Ausschweifen in größere Gewässer eigentlich nichts anderes tun, als unsere „Ichs“ auszubauen … oder vielleicht noch besser, das Umherschweifen in Hegel oder dem Buddhismus oder den „Teilchen“ zeigt unsere „Ichs“, wie sie vielleicht schon immer waren oder wie sie sich entwickelt haben. Es sind ja nicht gänzlich neue Interessen, soweit ich sehe. Weder bei Dir noch bei mir. Sie machen sich derzeit nur verstärkt bemerkbar :-).
Das sind aber alles meine Interessen, die du da aufzählst. In welchen Gewässern schweifst du denn gerade umher?
Stutzig gemacht hat mich, dass du schreibst:
Welche Wünsche, welche Interessen, welche Eigenschaften, welche Verhaltensweisen sind eigentlich meine – wenn ich alleine bin? Annähernd so einfach und klar war damals das „Ich“ von Dir erfaßt und eingekreist worden.
Irgendwas stimmt hier nicht. Ich glaube, es ist der Unterschied zwischen „ich“ und „Ich“. Dieser stillschweigende Übergang von „wer bin ich“ zu „was ist mein Ich“ sieht so harmlos aus, aber für mein Gefühl sind das zwei völlig verschiedene Ebenen oder Kategorien oder wie immer man das bezeichnen will. „ich“ kleingeschrieben finde ich unproblematisch, das ist einfach die Bezugnahme auf dieses Konglomerat aus ständig wechselnden Beziehungen und Zusammensetzungen, wodurch ich mich von anderen und anderem mehr oder minder abhebe. Also ein Prozess. Das „Ich“ großgeschrieben ist dagegen die Postulierung einer festumrissenen Entität, und da bezweifle ich, dass es so etwas gibt.
Und jetzt eben, bei der Durchsicht des Briefes, sehe ich das "Bewußtsein" wie einen breiten fließenden Strom, darin das "Ich" wie einen kleinen Wasserwirbel, der mitfließt -und die erstaunliche Eigenschaft hat, sich selber beim Mittreiben im Strom zuzusehen.
Das ist ja ein verblüffendes Bild! Und ein schönes dazu. Ich musste dabei sofort an ein buddhistisches Bild denken: Wir sind wie Wasser und Eis, d.h. wir empfinden uns als etwas Getrenntes, Abgegrenztes, aber vom Prinzip her ist alles aus demselben Stoff (buddhistisch: Buddhanatur). Meinst du Ähnliches? „Das Ich“* ist nur eine kleine Spielart im Strom des Bewusstseins? „Spielart“ fast im wörtlichen Sinn: Hier spielt das Wasser, bildet hübsche kleine Wirbel, die sich um sich selbst drehen. So wie „das Ich“ sich unentwegt um sich selbst dreht.
* Ich lasse diese von mir eben monierte Bezeichnung hier mal stehen. Eigentlich müsste ich sagen „der Teil, der „ich“ sagt“ oder so ähnlich, aber das ist ja viel zu umständlich.
Hegels Ferien
Auch hierzu mußte ich das Internet zu Rate ziehen. Ich las also, dass Hegels Idealismus der Absolute genannt wird, was mir wie der totale Gegensatz zu Deinem Ausdruck „unterlaufen“ vorkam. Und dann aber wurde mir klar, dass es sich hier wahrscheinlich um genau das handelt, worüber wir sprechen. Die Gegensätze, wenn sie auf die Spitze getrieben werden, fallen zusammen. Das Sein geht im Nichts auf und das Nichts geht im Sein auf (Hegel paraphrasiert). Absolut und „unterlaufen“ sind die Gegensätze im Extrem und deswegen bilden sie keinen Widerspruch, sondern fallen zusammen. Nur an der Stelle des Ineinanderübergehens, der Bewegung, wird Erkenntnis sichtbar. Mit dem konkreten Bezug zur Realität, d.h. in einfacher Sprache, hast Du mir weitergeholfen, weil ich mit dem absoluten Weltgeist, der sich in der Realität entfaltet, so gar nichts anfangen konnte :-). Ich vermute, dass sich hier der Bezug zur Realität zeigt, nur in anderen Worten.
Mit diesem „Absoluten“ bei Hegel kann ich absolut nichts anfangen! :-) Ich habe mich ja nun wirklich eine ganze Weile ziemlich intensiv mit Hegel beschäftigt, aber was mit dem Absoluten gemeint sein könnte, habe ich auch nicht ansatzweise verstanden. Ich habe, ignorant, wie ich bin, den Begriff einfach immer ignoriert. :-) Und bewundere deswegen um so mehr, dass du was Sinnvolles dazu schreiben kannst.
Das ist ein solches Ungleichgewicht zwischen Text und Anmerkungen, dass ich neugierig bin. Sind es Fußnoten, die Hegel selber gesetzt und beschrieben hat, oder sind es Anmerkungen der späteren Redakteure? Ich merke, dass ich den Begriff nicht weiß, für diejenigen, die später eine Gesamtausgabe der Werke eines Autors zusammenstellen und für die Lesenden hilfreiche Anmerkungen machen, damit man weiß, auf wen sich der Autor in einem bestimmten Satz bezieht, oder in welcher Situation er die Schrift verfaßt hat, oder wo im Gesamtwerk er einen bestimmten Gedanken aufgreift und weiterführt usw.usf. Nein, ich kann mich zwar erinnern, Geschichtsbücher gelesen zu haben, bei denen auf einer Seite der Text ein Viertel Raum verbrauchte, während die Fußnoten dazu dreiviertel Raum einnahmen, aber eine derartige Unwucht im Verhältnis ist mir noch nie untergekommen.
Du meinst wahrscheinlich Herausgeber? – Nein, die Fußnoten sind von Hegel selbst. Ich war bisher immer davon ausgegangen, dass er diese Fußnoten erst in die zweite Auflage eingefügt hat, weil so viele Fragen zur ersten Auflage kamen. Aber nun habe ich in die erste Auflage geguckt (online, zu Hause habe ich die zweite), und da stehen die Fußnoten auch schon. Er muss also von Anfang an das Bedürfnis gehabt haben, diese äußerst knappen Beschreibungen von Sein, Nichts und Werden weiter auszuführen. Mehr weiß ich dazu auch nicht.
Ein kleiner Spaß am Rande: Das Bild von René Magritte „Hegels Ferien“. Macht Hegel Ferien vom dialektischen Denken? Spielt er mit ihr, stellt sie auf den Kopf? Oder stellt Magritte die Dialektik zurück auf den Kopf, nachdem Marx sie angeblich auf die Füße gestellt hatte? Ich weiß es nicht, ich finde das Bild einfach nur lustig. :-)
B.
René Magritte: Hegels Ferien
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