Brief 243 | Ansichten eines Phänomens

Liebe B., 

Erstaunlicherweise habe ich mal bei einem Mathematiker (oder war es ein Physiker?) so etwas Ähnliches gelesen. Viele Mathematiker bemühen sich offenbar darum, nicht einfach nur eine Formel für etwas zu finden, sondern eine schöne Formel (in Mathematikeraugen :-)). Und andersherum sehen sie es einer Formel manchmal an, ob sie richtig ist oder nicht, einfach über die Form, noch vor einer genaueren Überprüfung. Der ästhetische Sinn scheint also auch hier eine Rolle zu spielen. „Das elegante Universum“ hieß das Buch bezeichnenderweise.

Brian Greene heißt der Autor, wie ich bei wiki erfahre, und das Buch ist auch verfilmt worden. Greene ist Mathematiker und theoretischer Physiker (was unterscheidet theoretische von praktischer Physik?) Es ist eine Darstellung der Stringtheorie (Greene), der Quantenphysik und der Einstein’schen Relativitätsthorie. Die ursprüngliche Stringtheorie geht von 10 Dimensionen aus, von denen der Mensch 4 fähig sei wahrzunehmen. Nun gibt es inzwischen eine Fortführung der Stringtheorie, die sogenannte „M-Theorie“ die 11 Dimensionen annimmt. Der Witz besteht darin, soweit ich den Artikel verstehe, dass mit der Stringtheorie vielleicht eine Formel gefunden werden könnte, die das Verhalten des Mikro- und Makrokosmos erklärt. Einsteins Traum. Das erzähle ich lediglich nach, ohne zu verstehen. Mein Defizit liegt wohl darin, dass mir nie einsichtig wurde, dass die Physik mehr ist als mathematische Formeln zu schreiben. Daß man mit ihr „erkennt“. Das dürfte auch der Grund sein, dass man sie praktisch im Alltag für ein Stromkabel anwenden kann, genauso wie man das riesige Universum mit ihr untersuchen und „erkennen“ kann.

Ansichten eines Phänomens

Das ist eine interessante Beobachtung. Ich muss dabei an den Satz von Augustinus über die Zeit denken – „Wenn ich nicht gefragt werde, weiß ich, was Zeit ist, aber wenn ich gefragt werde, weiß ich es nicht“ oder so ähnlich. So meine ich auch Hegels Text zu verstehen, solange ich nicht versuche, ihn im Einzelnen nachzuvollziehen.

Ja, das Faszinierende ist, dass wir alle wissen, was „Zeit“ ist, und es uns dann wie Augustinus ergeht, wenn wir was Anständiges darüber sagen sollen. Sehr ähnlich oder genauso gibt es 100 Möglichkeiten, das „Bewußtsein“ oder das „Ich“ zu umschreiben, unter unterschiedlichen Aspekten. Auch diesbezüglich wissen wir alle, was damit gemeint ist, denn wir benutzen die Begriffe und verständigen uns mit ihnen gut untereinander, und können doch nicht sagen, was „Ich“, was „Bewußtsein“ ist. Wir haben uns ja auch über eine lange Zeit mit diesem Phänomen beschäftigt. Du bist irgendwann, soweit ich mich erinnere, auf den Pfaden des ZaZen zum Illusorischen oder Nichtigen des „Ich“ gewandelt -hm, also anflugweise :-), während ich „Ich“ für einen Begriff halte, mit dem man die eigene Person zu erfassen sucht oder besser, für den Teil der Person, der die Bewußtseinsinhalte verknotet. Die paradoxe Selbstbezüglichkeit, die in diesem Wort liegt, die fasziniert mich auch. Aber auch darüber haben wir in Verbindung mit der „Spiegel“-Metapher gesprochen. „Identität“ und „Selbst“ oder „Spiritualität“ könnte man auch noch unter diese phänomenalen Wörter einreihen. Man verständigt sich mit ihnen ganz gut :-), solange man nicht näher hinschaut.

Aber an dieser Stelle komme ich auf die Frage wegen der alten Fragen und der neuen Einkleidung zurück :-). Ganz zu Beginn war eine Deiner vordringlichsten Neugierden herauszufinden, wer denn Du alleine ohne Deinen Mann überhaupt bist. Dafür hattest Du die zusammengewachsenen Bäume als Bild genommen, aus deren Einheit/Zweiheit sich ein Ast herauslöst. Welche Wünsche, welche Interessen, welche Eigenschaften, welche Verhaltensweisen sind eigentlich meine – wenn ich alleine bin? Annähernd so einfach und klar war damals das „Ich“ von Dir erfaßt und eingekreist worden. Viele Monate oder auch Jahre später haben wir uns dem Phänomen des „Ich“ erneut zugewandt, diesmal, so wie ich es erinnere, in allgemeinerer Form, unter anderem auch so, dass wir die Frage gestellt haben, ja, was meinen wir denn eigentlich mit diesem Wort. Und jetzt denke ich, dass wir mit dem Ausschweifen in größere Gewässer eigentlich nichts anderes tun, als unsere „Ichs“ auszubauen … oder vielleicht noch besser, das Umherschweifen in Hegel oder dem Buddhismus oder den „Teilchen“ zeigt unsere „Ichs“, wie sie vielleicht schon immer waren oder wie sie sich entwickelt haben. Es sind ja nicht gänzlich neue Interessen, soweit ich sehe. Weder bei Dir noch bei mir. Sie machen sich derzeit nur verstärkt bemerkbar :-).

Und jetzt eben, bei der Durchsicht des Briefes, sehe ich das "Bewußtsein" wie einen breiten fließenden Strom, darin das "Ich" wie einen kleinen Wasserwirbel, der mitfließt -und die erstaunliche Eigenschaft hat, sich selber beim Mittreiben im Strom zuzusehen.  

Wir spekulieren

Ich hatte es bisher immer so verstanden (Achtung, wilde Spekulation meinerseits!), als wenn sein Ausgangspunkt die platonische Philosophie oder allgemeiner der Idealismus ist, in dem die tatsächliche Existenz solcher abstrakten Entitäten wie reines Sein ohne jegliche konkrete Bestimmung postuliert wird. Und dass er das unterläuft, indem er zeigt, dass reines Sein nicht unterschieden ist von reiner Leere und insofern sinnlos. In meiner einfachen Sprache: Denken ohne konkreten Bezug zur Welt (zu konkreten Bestimmungen) ist leer. Reine, abstrakte Begriffe haben keine Bedeutung. Und das mich Faszinierende dabei ist, dass er diesen konkreten Bezug zur Wirklichkeit auf eine hochabstrakte Weise ausdrückt.

Auch hierzu mußte ich das Internet zu Rate ziehen. Ich las also, dass Hegels Idealismus der Absolute genannt wird, was mir wie der totale Gegensatz zu Deinem Ausdruck „unterlaufen“ vorkam. Und dann aber wurde mir klar, dass es sich hier wahrscheinlich um genau das handelt, worüber wir sprechen. Die Gegensätze, wenn sie auf die Spitze getrieben werden, fallen zusammen. Das Sein geht im Nichts auf und das Nichts geht im Sein auf (Hegel paraphrasiert). Absolut und „unterlaufen“ sind die Gegensätze im Extrem und deswegen bilden sie keinen Widerspruch, sondern fallen zusammen. Nur an der Stelle des Ineinanderübergehens, der Bewegung, wird Erkenntnis sichtbar. Mit dem konkreten Bezug zur Realität, d.h. in einfacher Sprache, hast Du mir weitergeholfen, weil ich mit dem absoluten Weltgeist, der sich in der Realität entfaltet, so gar nichts anfangen konnte :-). Ich vermute, dass sich hier der Bezug zur Realität zeigt, nur in anderen Worten.

[…] Gerade bei diesem Moment der Bewegung bin ich immer über die Sprache und über das Denken hinaus in die Welt gegangen. Wieso eigentlich? Ich glaube, ich hatte hier immer das Bild vor Augen, wie aus unorganischer Materie Leben entsteht. Die Grundbausteine sind ja anorganisch – wieso ist deren Kombination irgendwann lebendig geworden, wieso hat das angefangen sich zu bewegen? Das sterile Sein und das sterile Nichts gehen ineinander über und geraten allmählich in eine Eigenbewegung, eine Schwingung. Die Unterschiede bleiben bestehen, sonst käme die Bewegung zum Stillstand; gleichzeitig gehen sie aber ineinander auf und bilden etwas Neues. So ungefähr …

Ich bin schwer beeindruckt! Das meine ich ernst, mich besticht der Vergleich – Man könnte den von Dir beschriebenen Prozess zwar auch unter „Emergenz“ fassen, über die wir vor einiger Zeit gesprochen haben, aber bei Dir erscheint es mehr wie die Umsetzung der Hegel’schen Dialektik ins Konkrete.

:-))) Schön! Ja genau, irgendetwas an diesem Text ist nährend, ohne dass ich so genau weiß, was ich da eigentlich verdaue. Woran mag es liegen, dass ich nicht einfach sage, das ist Humbug?

Das Zitat, das ich gebracht habe, nimmt im Buch übrigens anderthalb Seiten ein. Danach folgen sage und schreibe 28 Seiten mit Anmerkungen dazu! Die habe ich dir erspart, denn was gehen uns Hegels Gedanken an?! :-))) 

Zum Nährenden des Textes denke ich mir, dass Hegel die Welt umfassend zu erklären scheint … ich meine, man hat das Gefühl, man bekäme eine Erklärung, die alle Rätsel der Welt löst. Obwohl man nichts oder nicht viel versteht. Naja, wahrscheinlich gerade aus diesem Grunde. Sonst wären die geheimnisvollen Worte und Sätze entzaubert.

Das ist ein solches Ungleichgewicht zwischen Text und Anmerkungen, dass ich neugierig bin. Sind es Fußnoten, die Hegel selber gesetzt und beschrieben hat, oder sind es Anmerkungen der späteren Redakteure? Ich merke, dass ich den Begriff nicht weiß, für diejenigen, die später eine Gesamtausgabe der Werke eines Autors zusammenstellen und für die Lesenden hilfreiche Anmerkungen machen, damit man weiß, auf wen sich der Autor in einem bestimmten Satz bezieht, oder in welcher Situation er die Schrift verfaßt hat, oder wo im Gesamtwerk er einen bestimmten Gedanken aufgreift und weiterführt usw.usf. Nein, ich kann mich zwar erinnern, Geschichtsbücher gelesen zu haben, bei denen auf einer Seite der Text ein Viertel Raum verbrauchte, während die Fußnoten dazu dreiviertel Raum einnahmen, aber eine derartige Unwucht im Verhältnis ist mir noch nie untergekommen.

F.

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