Brief 242 | Schöner Humbug :-)

Liebe F.,

Das elegante Universum“

Das ist eine spannende Beobachtung, über die ich noch nie irgendwo etwas Näheres gelesen habe. Ich stelle nur fest, dass es mir ganz genauso ergeht. Kann man diesen Vorgang eine ganzheitliche Wahrnehmung nennen? Wir lesen Wörter, Sätze und Gedanken, die bei mir meistens unabsichtlich und beiläufig fast immer mit Bildern verbunden sind. Oft sind es abstrakte Bilder, wenn die Gedanken abstrakt sind. Linien, Formen, Quadrate, Dreiecke, Kreise, Diagonale usw. Das ist die Verarbeitung und Rezeption auf der sinnlichen Ebene. Das „Gefühl“ kann ich nicht mit einer der üblichen Gefühlsbezeichnungen identifizieren. Es ähnelt sehr den Gefühlen beim Betrachten eines Bildes. Schön, harmonisch, das Herz öffnend oder abstoßend, mißklingend, unschön. Ich weiß nicht, ob ich dem „dünnen Faden“ zustimme, denn wenn ich jetzt überlege, scheint es mir vielmehr so, als würden die gefühlsmäßigen Reaktionen, die sinnlichen Wahrnehmungen, die körperlichen Veränderungen sowie die Gedanken gleich ursprünglich zusammen auftreten, deswegen würde ich es einen ganzheitlichen Vorgang nennen.

Erstaunlicherweise habe ich mal bei einem Mathematiker (oder war es ein Physiker?) so etwas Ähnliches gelesen. Viele Mathematiker bemühen sich offenbar darum, nicht einfach nur eine Formel für etwas zu finden, sondern eine schöne Formel (in Mathematikeraugen :-)). Und andersherum sehen sie es einer Formel manchmal an, ob sie richtig ist oder nicht, einfach über die Form, noch vor einer genaueren Überprüfung. Der ästhetische Sinn scheint also auch hier eine Rolle zu spielen. „Das elegante Universum“ hieß das Buch bezeichnenderweise.

Ja, den Faden können wir uns ruhig ein wenig dicker vorstellen, da gebe ich dir Recht. Das Gefühl der Stimmigkeit oder Unstimmigkeit einer Formulierung kann bei mir ziemlich stark sein, vor allem, wenn ich versuche, einen meiner eigenen Gedanken zu formulieren. Ob das alles gleich ursprünglich geschieht, weiß ich allerdings nicht, mir scheinen zumindest bei mir selbst Sprünge oder Lücken da zu sein. Aber das ist wohl nicht so entscheidend.

Humbug?

Ja, das ist ein wundervolles Beispiel für die ganzheitliche Aufnahme eines Textes. Es ist so, als würde ich in einen warmen Fluß eintauchen und mit den Worten mitschwimmen -nichts verstehend :-). Übrigens geht es mir so, dass ich meine, die Aussagen des Textes eventuell verstehen zu können, wenn ich nicht zu nah dran gehe. Das heißt, wenn ich versuche, ihn gedanklich abstrakt zu erfassen, dann verhaken sich die Gedanken zu Knoten. Lese ich mit meinen Augen locker über die Worte hinweg, dann scheinen sich Gedanken eher zu Gedankenbündeln zu formen. Man muß auf Distanz bleiben, um nicht im Gestrüpp verheddert zu werden.

Das ist eine interessante Beobachtung. Ich muss dabei an den Satz von Augustinus über die Zeit denken – „Wenn ich nicht gefragt werde, weiß ich, was Zeit ist, aber wenn ich gefragt werde, weiß ich es nicht“ oder so ähnlich. So meine ich auch Hegels Text zu verstehen, solange ich nicht versuche, ihn im Einzelnen nachzuvollziehen.

Ich versuche dennoch einige Gedanken dazu. Einheiten können als Einheiten nur dann gedacht und gesehen werden, wenn sie sich unterscheiden. Es muß eine Differenz geben, damit sie als Einheit erscheinen oder gedacht werden können. „Sein“ und „Leere“ sind Einheiten, die jede für sich unerkennbar sind (im Anschauen und im Denken). Ihre Unterscheidung ist nur in dem Moment möglich, in dem das Eine in dem Anderen verschwindet. In der Bewegung.

Womit wir mittendrin in unserem Versuch oder vielmehr bei unserem Scheitern sind, uns die Leere, von der im Buddhismus die Rede ist, vorzustellen. Allein, also absolut, geht das einfach nicht.

Wahrnehmungspsychologisch kommt mir diese Überlegung plausibel vor. Im dichtesten Nebel oder wenn wir die Augen schließen, sehen wir nichts. Etwas als eine Einheit zu sehen funktioniert nur, wenn wir Unterschiede sehen. Mit dem Hören und mit den anderen Sinnesorganen ist es genauso.

Erkenntnistheoretisch, sind hier die Wahrheit und das Denken gemeint?, immerhin heißt der Buchtitel „Wissenschaft der Logik“, ja, „Sein“ und „Nichts“ sind ontologische Begriffe, Einheiten der Existenz -und so nehme ich an, dass es Hegel um die Möglichkeiten und Bedingungen der Erkenntnis des Ontologischen geht.

Ich hatte es bisher immer so verstanden (Achtung, wilde Spekulation meinerseits!), als wenn sein Ausgangspunkt die platonische Philosophie oder allgemeiner der Idealismus ist, in dem die tatsächliche Existenz solcher abstrakten Entitäten wie reines Sein ohne jegliche konkrete Bestimmung postuliert wird. Und dass er das unterläuft, indem er zeigt, dass reines Sein nicht unterschieden ist von reiner Leere und insofern sinnlos. In meiner einfachen Sprache: Denken ohne konkreten Bezug zur Welt (zu konkreten Bestimmungen) ist leer. Reine, abstrakte Begriffe haben keine Bedeutung. Und das mich Faszinierende dabei ist, dass er diesen konkreten Bezug zur Wirklichkeit auf eine hochabstrakte Weise ausdrückt.

Vermittels der Wahrheit, dem Moment der Bewegung, womit eigentlich nur die Sprache, die Begrifflichkeiten gemeint sein können, können wir ihre Unterschiedenheit bzw. Unterschiedenheit in ihrer Gegensätzlichkeit erkennen.

Das ist ja interessant. Du denkst hier an Sprache? Gerade bei diesem Moment der Bewegung bin ich immer über die Sprache und über das Denken hinaus in die Welt gegangen. Wieso eigentlich? Ich glaube, ich hatte hier immer das Bild vor Augen, wie aus unorganischer Materie Leben entsteht. Die Grundbausteine sind ja anorganisch – wieso ist deren Kombination irgendwann lebendig geworden, wieso hat das angefangen sich zu bewegen? Das sterile Sein und das sterile Nichts gehen ineinander über und geraten allmählich in eine Eigenbewegung, eine Schwingung. Die Unterschiede bleiben bestehen, sonst käme die Bewegung zum Stillstand; gleichzeitig gehen sie aber ineinander auf und bilden etwas Neues. So ungefähr …

Und siehe da – du kommst zu einem ganz ähnlichen Bild!:

Das Sein und das Nichts stoßen wie 2 Amöben aneinander und beide Amöben verschwimmen im Nu so miteinander, dass sie eine Einheit bilden. Dieser Moment, in dem die Grenzen aneinanderstoßen, der ist erkennbar, denn in diesem Moment geschieht „Bewegung“.

Was gehen mich Hegels Gedanken an? :-) Die Bemühung, mir gedanklich einen Weg durch den Dschungel zu bahnen, finde ich gerade in diesem Moment zum Lachen. Und zugleich empfinde ich, wieder ein Bild, das Mitgehen mit seinen Überlegungen wie eine Nahrung. So, als würde sie wie eine Milch oder ein Wasser -jedenfalls etwas Trinkbares, Flüssiges- in mich einfließen. Der Text ist wie Poesie. Es ist der Klang der Worte. Sie erzeugen Harmonie. Ohne dass mein Geist verstünde … :-).

:-))) Schön! Ja genau, irgendetwas an diesem Text ist nährend, ohne dass ich so genau weiß, was ich da eigentlich verdaue. Woran mag es liegen, dass ich nicht einfache sage, das ist Humbug?

Das Zitat, das ich gebracht habe, nimmt im Buch übrigens anderthalb Seiten ein. Danach folgen sage und schreibe 28 Seiten mit Anmerkungen dazu! Die habe ich dir erspart, denn was gehen uns Hegels Gedanken an?! :-))) Da ich jetzt aber nicht die Kurve zu einem neuen Thema kriege, überlasse ich das gern dir. :-)

B.

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