Liebe B.,
Mit der Lupe
Falls ich nicht vor Müdigkeit sofort einschlafe, sowie ich mein Buch weglege (was meistens der Fall ist), kommen mir auch allerlei Ereignisse des Tages noch mal in den Sinn, und über manche freue ich mich, während mir andere vielleicht unangenehm sind. Soweit ist es also ähnlich wie bei dir. Ich glaube aber nicht, dass ich schon einmal die verstreuten angenehmen Ereignisse zu einer Einheit zusammengefasst habe oder die unangenehmen etc. Ich weiß gar nicht, warum ich so darüber staune, dass du das machst – aber fest steht: ich staune! :-)
Während ich eben nach einer Überschrift für diese Abschnitte suchte, kam mir plötzlich der Gedanke, dass du mit deinem Verknüpfen vielleicht auch so etwas wie Sinnzusammenhänge suchst oder versuchst herzustellen …?
Naja, da ich mich nicht an der Müdigkeit, sondern an der Zeit orientiere, wann ich mich zum Schlafen hinlege, dauert es, glaube ich, meistens eine längere Zeit, bis ich einschlafe. Nur empfinde ich diesen Dämmerzustand, wie ich schon einmal erzählte, als überaus angenehm. Einfach nur daliegen und die Gedanken durch den Kopf ziehen lassen. Ohne gezielte Bemühung, sie auf ein Thema zu konzentrieren. Und bevor wir nicht angefangen hatten, darüber zu sprechen, hatte ich auch noch nie überlegt, was ich in dieser Phase des schönen Dämmerns eigentlich genau tue. Die Einteilung und Sortierung passiert in einem ähnlichen Zustand des Halbwachseins :-) - das ist das Ergebnis der Beobachtung mit der Lupe. Weil ich in den vergangenen Monaten verstärkt zu der sehr schlichten Auffassung gelangt bin, dass wir unser Befinden in ein „wohlfühlen“ und „nicht wohlfühlen“ einteilen können -selbstverständlich mit etlichen Abstufungen dazwischen- wäre das die ebenso schlichte Sinngebung: Mehr oder weniger Wohlfühlen am vorübergegangenen Tag! Vor 15 oder 20 Jahren hätte und hatte ich nie Gedanken solch kleinteiliger Betrachtungen. Ist das eine Folge des Alleinelebens oder des Älterwerdens? Vielleicht beides. :-)
Ganzheitlich
Ich greife aus diesen Überlegungen (denen ich in allen Punkten zustimme) nur einen einzigen beiläufigen Halbsatz heraus: „Das gefällt mir nicht …“ - weil der mir gefällt! :-) Das Denken kann noch so abstrakt sein, es ist doch immer, wenn auch vielleicht nur über einen dünnen Faden, mit unserem Gefühlsleben verbunden. Ich erlebe das ziemlich häufig, dass mir einer meiner Gedankengänge rein vom Ästhetischen her irgendwie schief oder misstönend vorkommt, und fast immer geht das einher mit einem inhaltlichen Missfallen, wie ich dann aber erst später merke. Das heißt, die gefühlsmäßige Reaktion kommt zuerst.
Umgekehrt funktioniert das genau so: Mir kommt manchmal ein Gedankengang einfach schön vor, auch wenn ich ihn nicht oder nur ansatzweise verstehe. Und da mich in der zweiten Hälfte dieser Woche ziemlich die Migräne im Griff hat und ich deswegen nicht sehr viel Sinnvolles mehr zusammenbringe, setze ich hier jetzt auch ein Zitat hin, aber nicht als Rätsel, sondern weil es mir beim Thema von Nichts und Etwas unentwegt in den Sinn kommt. Es ist eine meiner Lieblingsstellen der Philosophie.
Das ist eine spannende Beobachtung, über die ich noch nie irgendwo etwas Näheres gelesen habe. Ich stelle nur fest, dass es mir ganz genauso ergeht. Kann man diesen Vorgang eine ganzheitliche Wahrnehmung nennen? Wir lesen Wörter, Sätze und Gedanken, die bei mir meistens unabsichtlich und beiläufig fast immer mit Bildern verbunden sind. Oft sind es abstrakte Bilder, wenn die Gedanken abstrakt sind. Linien, Formen, Quadrate, Dreiecke, Kreise, Diagonale usw. Das ist die Verarbeitung und Rezeption auf der sinnlichen Ebene. Das „Gefühl“ kann ich nicht mit einer der üblichen Gefühlsbezeichnungen identifizieren. Es ähnelt sehr den Gefühlen beim Betrachten eines Bildes. Schön, harmonisch, das Herz öffnend oder abstoßend, mißklingend, unschön. Ich weiß nicht, ob ich dem „dünnen Faden“ zustimme, denn wenn ich jetzt überlege, scheint es mir vielmehr so, als würden die gefühlsmäßigen Reaktionen, die sinnlichen Wahrnehmungen, die körperlichen Veränderungen sowie die Gedanken gleich ursprünglich zusammen auftreten, deswegen würde ich es einen ganzheitlichen Vorgang nennen.
Die folgenden Hegel-Zitate übernehme ich, weil sonst die Bezüge verlorengehen.
Hegel, „Wissenschaft der Logik“, 1,1:
„A. Sein.
Sein, reines Sein, – ohne alle weitere Bestimmung. In seiner unbestimmten Unmittelbarkeit ist es nur sich selbst gleich und auch nicht ungleich gegen Anderes, hat keine Verschiedenheit innerhalb seiner noch nach Außen. Durch irgend eine Bestimmung oder Inhalt, der in ihm unterschieden oder wodurch es als unterschieden von einem Anderen gesetzt würde, würde es nicht in seiner Reinheit festgehalten. Es ist die reine Unbestimmtheit und Leere. – Es ist nichts in ihm anzuschauen, wenn von Anschauen hier gesprochen werden kann; oder es ist nur dies reine, leere Anschauen selbst. Es ist eben so wenig etwas in ihm zu denken, oder es ist ebenso nur dies leere Denken. Das Sein, das unbestimmte Unmittelbare ist in der Tat Nichts, und nicht mehr noch weniger als Nichts.
B. Nichts.
Nichts, das reine Nichts; es ist einfache Gleichheit mit sich selbst, vollkommene Leerheit, Bestimmungs- und Inhaltslosigkeit; Ununterschiedenheit in ihm selbst. – Insofern Anschauen oder Denken hier erwähnt werden kann, so gilt es als ein Unterschied, ob etwas oder nichts angeschaut oder gedacht wird. Nichts Anschauen oder Denken hat also eine Bedeutung; beide werden unterschieden, so ist (existiert) Nichts in unserem Anschauen oder Denken; oder vielmehr ist es das leere Anschauen und Denken selbst und dasselbe leere Anschauen oder Denken als das reine Sein. – Nichts ist somit dieselbe Bestimmung oder vielmehr Bestimmungslosigkeit und damit überhaupt dasselbe, was das reine Sein ist.
C. Werden.
1. Einheit des Seins und Nichts.
Das reine Sein und das reine Nichts ist also dasselbe. Was die Wahrheit ist, ist weder das Sein noch das Nichts, sondern daß das Sein in Nichts, und das Nichts in Sein, – nicht übergeht, – sondern übergegangen ist. Aber eben so sehr ist die Wahrheit nicht ihre Ununterschiedenheit, sondern daß sie nicht dasselbe, daß sie absolut unterschieden, aber ebenso ungetrennt und untrennbar sind, und unmittelbar jedes in seinem Gegenteil verschwindet. Ihre Wahrheit ist also diese Bewegung des unmittelbaren Verschwindens des einen in dem andern; das Werden; eine Bewegung, worin beide unterschieden sind, aber durch einen Unterschied, der sich ebenso unmittelbar aufgelöst hat.“
Ja, das ist ein wundervolles Beispiel für die ganzheitliche Aufnahme eines Textes. Es ist so, als würde ich in einen warmen Fluß eintauchen und mit den Worten mitschwimmen -nichts verstehend :-). Übrigens geht es mir so, dass ich meine, die Aussagen des Textes eventuell verstehen zu können, wenn ich nicht zu nah dran gehe. Das heißt, wenn ich versuche, ihn gedanklich abstrakt zu erfassen, dann verhaken sich die Gedanken zu Knoten. Lese ich mit meinen Augen locker über die Worte hinweg, dann scheinen sich Gedanken eher zu Gedankenbündeln zu formen. Man muß auf Distanz bleiben, um nicht im Gestrüpp verheddert zu werden.
Ich versuche dennoch einige Gedanken dazu. Einheiten können als Einheiten nur dann gedacht und gesehen werden, wenn sie sich unterscheiden. Es muß eine Differenz geben, damit sie als Einheit erscheinen oder gedacht werden können. „Sein“ und „Leere“ sind Einheiten, die jede für sich unerkennbar sind (im Anschauen und im Denken). Ihre Unterscheidung ist nur in dem Moment möglich, in dem das Eine in dem Anderen verschwindet. In der Bewegung. Wahrnehmungspsychologisch kommt mir diese Überlegung plausibel vor. Im dichtesten Nebel oder wenn wir die Augen schließen, sehen wir nichts. Etwas als eine Einheit zu sehen funktioniert nur, wenn wir Unterschiede sehen. Mit dem Hören und mit den anderen Sinnesorganen ist es genauso. Erkenntnistheoretisch, sind hier die Wahrheit und das Denken gemeint?, immerhin heißt der Buchtitel „Wissenschaft der Logik“, ja, „Sein“ und „Nichts“ sind ontologische Begriffe, Einheiten der Existenz -und so nehme ich an, dass es Hegel um die Möglichkeiten und Bedingungen der Erkenntnis des Ontologischen geht. Vermittels der Wahrheit, dem Moment der Bewegung, womit eigentlich nur die Sprache, die Begrifflichkeiten gemeint sein können, können wir ihre Unterschiedenheit bzw. Unterschiedenheit in ihrer Gegensätzlichkeit erkennen. Den allerletzten von Dir zitierten Satz kann ich wieder überhaupt nur als ein Bild sehen . Das Sein und das Nichts stoßen wie 2 Amöben aneinander und beide Amöben verschwimmen im Nu so miteinander, dass sie eine Einheit bilden. Dieser Moment, in dem die Grenzen aneinanderstoßen, der ist erkennbar, denn in diesem Moment geschieht „Bewegung“.
Was gehen mich Hegels Gedanken an? :-) Die Bemühung, mir gedanklich einen Weg durch den Dschungel zu bahnen, finde ich gerade in diesem Moment zum Lachen. Und zugleich empfinde ich, wieder ein Bild, das Mitgehen mit seinen Überlegungen wie eine Nahrung. So, als würde sie wie eine Milch oder ein Wasser -jedenfalls etwas Trinkbares, Flüssiges- in mich einfließen. Der Text ist wie Poesie. Es ist der Klang der Worte. Sie erzeugen Harmonie. Ohne dass mein Geist verstünde … :-).
F.
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