Liebe F.,
Zusammenhänge
Ah ja, jetzt verstehe ich Dich! Und sofort überlegte ich, ob denn dieser „Sinn“ des Lebens nicht notwendig die Erkenntnis von etwas Äußerem sein muß, mit dem man übereinstimmt, weil andernfalls der Zweck des Sinns wegfiele. Ich gehe darauf nicht näher ein, weil mir in einem zweiten Gedankenschritt klar wurde, dass ich es so sehe wie Du. Wir geben diesen Sinn -falls wir den Bedarf einer Sinngebung haben. Er ist nichts, das „objektiv existiert“. Selbst wenn wir dieses objektiv Existierende zu erkennen meinen, so ist es doch von uns gegeben. Der „Sinn des Lebens“ schwebt nirgendwo herum, sodaß wir ihn entdecken könnten. Immer ist es unser Geist, der möglicherweise zu „entdecken“ vermeint. Das Leben hat keinen Sinn. Ich stimme Dir zu!
Wahrscheinlich ist das eine recht moderne Sichtweise, weil sie davon ausgeht, dass wir in keinen größeren Zusammenhang eingebettet sind. Solch einen objektiv vorhandenen „größeren Zusammenhang“ kann ich mir immer nur als etwas Religiöses vorstellen, was anderes fiele mir da gar nicht ein.
Ich tue es nicht nur manchmal, sondern regelmäßig. Daß ich es tue und dies auch noch regelmäßig, merke ich natürlich erst jetzt, da wir darüber sprechen. Es ist keine Absicht dahinter und nichts, das ich unter dieser Überschrift bewußt tue oder getan habe. Abends bevor ich einschlafe und morgens, nachdem ich aufgewacht bin, schwirren so viele Gedanken durch meinen Kopf, die ich zu Episoden zusammenfasse, die Episoden dann aneinanderreihe -und ich würde sagen, dass ich sie wie in kleine Schubladen einsortiere. Die Schubladen sind beschriftet mit „angenehm“, „freudig“, „belebend“, „verstörend“, „belastend“, „unangenehm“.
Falls ich nicht vor Müdigkeit sofort einschlafe, sowie ich mein Buch weglege (was meistens der Fall ist), kommen mir auch allerlei Ereignisse des Tages noch mal in den Sinn, und über manche freue ich mich, während mir andere vielleicht unangenehm sind. Soweit ist es also ähnlich wie bei dir. Ich glaube aber nicht, dass ich schon einmal die verstreuten angenehmen Ereignisse zu einer Einheit zusammengefasst habe oder die unangenehmen etc. Ich weiß gar nicht, warum ich so darüber staune, dass du das machst – aber fest steht: ich staune! :-)
Während ich eben nach einer Überschrift für diese Abschnitte suchte, kam mir plötzlich der Gedanke, dass du mit deinem Verknüpfen vielleicht auch so etwas wie Sinnzusammenhänge suchst oder versuchst herzustellen …?
Staunen
Ich setze neu und anders an. Wenn man davon ausgeht, dass die Gegensätze eine Einheit bilden, dann müßte man überlegen, was denn die Einheit ist. Ein Drittes? Das Ganze? Etwas, das die Gegensätze umfaßt, zusammenhält? Das gefällt mir nicht, weil es am Ende doch wieder auf „Eines“ hinausliefe. Ich sehe es so, dass wir nur in der Unterschiedenheit oder Unterscheidung die Gegensätze als Gegensätze wahrnehmen können. Aber wahrscheinlich meinst Du es nicht anders, wenn Du schreibst, eine „Leere“ ohne „Etwas“ wäre sinnlos. Damit wir einen der beiden Pole erkennen können, benötigen wir den anderen Pol. Andernfalls ist alles ein Einheitsbrei, weil wir nicht unterscheiden könnten. Gefallen tut mir die Idee, dass beispielsweise in der Leere das Etwas in seiner Abwesenheit anwesend ist, oder umgekehrt herum, dass im Etwas die Abwesenheit der Leere anwesend ist. Auf diese Weise sind die Gegensätze miteinander verwoben. „Sowohl als auch“ trifft es schon, nur ist es mir zu begrifflich, abstrakt gehalten. Ich komme jetzt noch einmal auf das Daedejing 11 zurück. Es ist gewiß sehr viel vielschichtiger als meine schlichte Sichtweise dies hergibt, aber mit der Leere, die den Tontopf macht, entsteht ein Bild vor meinem inneren Auge. Oder aber wenn ich mir in der Freude den Schmerz als abwesend anwesend vorstelle bzw. die Freude im Schmerz in ihrer Abwesenheit als anwesend, dann bekomme ich auch gefühlsmäßig eher einen Zugang zu dem Gemeinten.
Ich greife aus diesen Überlegungen (denen ich in allen Punkten zustimme) nur einen einzigen beiläufigen Halbsatz heraus: „Das gefällt mir nicht …“ - weil der mir gefällt! :-) Das Denken kann noch so abstrakt sein, es ist doch immer, wenn auch vielleicht nur über einen dünnen Faden, mit unserem Gefühlsleben verbunden. Ich erlebe das ziemlich häufig, dass mir einer meiner Gedankengänge rein vom Ästhetischen her irgendwie schief oder misstönend vorkommt, und fast immer geht das einher mit einem inhaltlichen Missfallen, wie ich dann aber erst später merke. Das heißt, die gefühlsmäßige Reaktion kommt zuerst.
Umgekehrt funktioniert das genau so: Mir kommt manchmal ein Gedankengang einfach schön vor, auch wenn ich ihn nicht oder nur ansatzweise verstehe. Und da mich in der zweiten Hälfte dieser Woche ziemlich die Migräne im Griff hat und ich deswegen nicht sehr viel Sinnvolles mehr zusammenbringe, setze ich hier jetzt auch ein Zitat hin, aber nicht als Rätsel, sondern weil es mir beim Thema von Nichts und Etwas unentwegt in den Sinn kommt. Es ist eine meiner Lieblingsstellen der Philosophie.
Hegel, „Wissenschaft der Logik“, 1,1:
„A. Sein.
Sein, reines Sein, – ohne alle weitere Bestimmung. In seiner unbestimmten Unmittelbarkeit ist es nur sich selbst gleich und auch nicht ungleich gegen Anderes, hat keine Verschiedenheit innerhalb seiner noch nach Außen. Durch irgend eine Bestimmung oder Inhalt, der in ihm unterschieden oder wodurch es als unterschieden von einem Anderen gesetzt würde, würde es nicht in seiner Reinheit festgehalten. Es ist die reine Unbestimmtheit und Leere. – Es ist nichts in ihm anzuschauen, wenn von Anschauen hier gesprochen werden kann; oder es ist nur dies reine, leere Anschauen selbst. Es ist eben so wenig etwas in ihm zu denken, oder es ist ebenso nur dies leere Denken. Das Sein, das unbestimmte Unmittelbare ist in der Tat Nichts, und nicht mehr noch weniger als Nichts.
B. Nichts.
Nichts, das reine Nichts; es ist einfache Gleichheit mit sich selbst, vollkommene Leerheit, Bestimmungs- und Inhaltslosigkeit; Ununterschiedenheit in ihm selbst. – Insofern Anschauen oder Denken hier erwähnt werden kann, so gilt es als ein Unterschied, ob etwas oder nichts angeschaut oder gedacht wird. Nichts Anschauen oder Denken hat also eine Bedeutung; beide werden unterschieden, so ist (existiert) Nichts in unserem Anschauen oder Denken; oder vielmehr ist es das leere Anschauen und Denken selbst und dasselbe leere Anschauen oder Denken als das reine Sein. – Nichts ist somit dieselbe Bestimmung oder vielmehr Bestimmungslosigkeit und damit überhaupt dasselbe, was das reine Sein ist.
C. Werden.
1. Einheit des Seins und Nichts.
Das reine Sein und das reine Nichts ist also dasselbe. Was die Wahrheit ist, ist weder das Sein noch das Nichts, sondern daß das Sein in Nichts, und das Nichts in Sein, – nicht übergeht, – sondern übergegangen ist. Aber eben so sehr ist die Wahrheit nicht ihre Ununterschiedenheit, sondern daß sie nicht dasselbe, daß sie absolut unterschieden, aber ebenso ungetrennt und untrennbar sind, und unmittelbar jedes in seinem Gegenteil verschwindet. Ihre Wahrheit ist also diese Bewegung des unmittelbaren Verschwindens des einen in dem andern;
das Werden; eine Bewegung, worin beide unterschieden sind, aber durch einen Unterschied, der sich ebenso unmittelbar aufgelöst hat.“
Das ist viel mehr als nur die Einheit der Gegensätze im Sinne von zwei Seiten einer Medaille. Aber auch an lichteren, nicht migränegeplagten Tagen komme ich über ein staunendes Ahnen, was hier gemeint sein könnte, nicht hinaus. Treibt Hegel das binäre Denken auf die Spitze? Übersteigt er es damit? Wenn ja, wohin?
Geistesblitze
In einem Geistesblitz der Bilder sehe ich uns beide in den vergangenen 6 Jahren. Du gehst in kleinen Schritten einen Weg voran ohne zu wissen, wohin genau Du gehen willst. Es gibt kein bestimmtes Ziel, lediglich kleinere Etappenziele, aber wie es dort aussieht, wo der Weg endet, das weißt Du nicht. Ich befinde mich nunmehr im 4. Jahr im Wartemodus, d.h. ich habe ein Ziel, für das ich nichts tun kann als mich auf irgendeine Weise immer wieder darauf einzustimmen und nicht abzudriften. Währenddessen bewege auch ich mich in kleinen Schritten, denn irgendwas muß man ja tun, sofern man lebt. Der Radius ist durch den Wartemodus begrenzt. Im Unterschied zum Bild, das ich von Deinem Weg habe, verläuft mein Weg kreisförmig.
Das war nur ein Einschub. Anknüpfend an die Überlegungen zur Einheit der Gegensätze bin ich auf einmal ziemlich sicher, dass ich oder dass wir den Horizont unserer Interessen erweitert haben und erweitern. Hm, ich meine es so, dass wir die Gebiete „Systeme“ oder „Teilchenphysik“ streifen, weniger oder gar nicht aus akademischen Ambitionen, sondern weil wir nach den Erkundungen der eigenen Person hinaussehen auf das Größere uns Umgebende. Für mich, soweit ich es überblicke im Moment, geht der Bezug zu mir und meinem Leben nie verloren. Das oder die Muster, mit denen ich den Makrokosmos betrachte, mit denselben Mustern betrachte ich die Mikrowelt meiner Person. Wenn wir jetzt auf anderen Wegen gerade wieder bei dem „entweder-oder“ angekommen sind, auf neue Weise, dann kann ich von der groß angelegten Metaphysik des Zen-Buddhismus dieses Sichtmuster auf meine Sicht im alltäglichen Leben übertragen.
Der Antwort auf Deine Frage wegen des neuen Gewandes bin ich nicht näher gekommen, oder doch?
Doch, ich glaube schon. Alles, was wir hier schreiben „geht uns irgendwie an“, das sehe ich auch so. Aber ich vertage dieses Thema heute. Ich wollte nur schnell noch sagen, dass mir dein Bild von mir, dass ich in kleinen Schritten vorangehe, ohne ein konkretes Ziel zu haben, gefällt. :-) Wobei ich – ebenfalls in einer Art Geistesblitz – das Gefühl habe, dass der Unterschied zwischen uns beiden gar nicht so sehr in den Richtungen oder Reichweiten liegt, sondern eher in so etwas wie der Offenheit des Blicks. Ich sehe dich mit Scheuklappen gehen, den Blick auf ein einziges Ziel gerichtet, während mein Blick nichts Spezielles sucht.
B.
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