Brief 239 | Neue Gewänder?

Liebe B.,

Sinn-Geben

Doch, ich hatte Sinn schon genau so gemeint, wie du es auch verstehst, nämlich als einen großen, allumfassenden Zusammenhang, den berühmten „Sinn des Lebens“. Und genau den bezweifle ich, zumindest wenn man einen solchen Sinn als etwas „objektiv Existierendes“ versteht. Das (Mein) Leben HAT keinen Sinn, allenfalls GEBE ich ihm einen. Dieser Unterschied ist mir wichtig.

Ah ja, jetzt verstehe ich Dich! Und sofort überlegte ich, ob denn dieser „Sinn“ des Lebens nicht notwendig die Erkenntnis von etwas Äußerem sein muß, mit dem man übereinstimmt, weil andernfalls der Zweck des Sinns wegfiele. Ich gehe darauf nicht näher ein, weil mir in einem zweiten Gedankenschritt klar wurde, dass ich es so sehe wie Du. Wir geben diesen Sinn -falls wir den Bedarf einer Sinngebung haben. Er ist nichts, das „objektiv existiert“. Selbst wenn wir dieses objektiv Existierende zu erkennen meinen, so ist es doch von uns gegeben. Der „Sinn des Lebens“ schwebt nirgendwo herum, sodaß wir ihn entdecken könnten. Immer ist es unser Geist, der möglicherweise zu „entdecken“ vermeint. Das Leben hat keinen Sinn. Ich stimme Dir zu!

Ich war übrigens einigermaßen überrascht, dass du als Beispiel die Verknüpfung von Einzelereignissen eines Tages zu einer Sinnkette beschrieben hast. War das jetzt nur als Beispiel gemeint oder machst du das tatsächlich manchmal? Meine Überraschung zeigt mir an, dass ich das anscheinend eher nicht mache.

Ich tue es nicht nur manchmal, sondern regelmäßig. Daß ich es tue und dies auch noch regelmäßig, merke ich natürlich erst jetzt, da wir darüber sprechen. Es ist keine Absicht dahinter und nichts, das ich unter dieser Überschrift bewußt tue oder getan habe. Abends bevor ich einschlafe und morgens, nachdem ich aufgewacht bin, schwirren so viele Gedanken durch meinen Kopf, die ich zu Episoden zusammenfasse, die Episoden dann aneinanderreihe -und ich würde sagen, dass ich sie wie in kleine Schubladen einsortiere. Die Schubladen sind beschriftet mit „angenehm“, „freudig“, „belebend“, „verstörend“, „belastend“, „unangenehm“.

Neue Gewänder

Die Überschrift setze ich an diese Stelle, weil die beiden folgenden Abschnitte ohne Pause ineinander übergehen. So wie beim Triplekonzert von Beethoven der 3. Satz nahtlos auf den 2. Satz folgt :-).

Ich habe das bisher immer als eine Art Unvermögen meinerseits betrachtet, dass ich Leere nicht ohne Etwas denken kann. Aber ist das wirklich so? Im Grunde ist das doch die umfassendere Sichtweise, oder? Leere ohne „Etwas“ wäre absolut und damit sinnlos. Beides zusammen macht die Wirklichkeit aus. Gegensätze schließen einander ja nicht aus, sondern bilden im Gegenteil eine Einheit. Auch mal wieder eine Binsenweisheit, die ich nur allzu schnell vergesse … Fällt wohl in die Kategorie meiner Gedanken zu „entweder-oder“ versus „sowohl-als auch“. Das binäre Denken ist so tief in unserer Kultur verwurzelt, es ist wirklich schwer sich daraus zu befreien. Deshalb finde ich – nur am Rande bemerkt – Hegel so toll, weil er das, jedenfalls soweit ich ihn verstehe (was zugegeben nur sehr, sehr wenig ist), in einem geistigen Kraftakt versucht hat – also das Befreien, meine ich. Auch wenn er irgendwann dann doch wieder beim Absoluten landet, nämlich dem absoluten Geist. Aber hier höre ich lieber auf, denn ich habe nicht den geringsten Schimmer, was er damit meint, ich demonstriere hier also nur mein Unwissen (neben meiner Faszination).

„In unserer Kultur verwurzelt“, ja, die Verstandeslogik, mit der wir dann auch uns selbst und die alltäglichen Kleinigkeiten beurteilen. Du sagst „Unvermögen“ und auch dies impliziert die Zweiteilung in „Vermögen“ sowie „Unvermögen“. Eigentlich zeigt Dein Weiterdenken die Aufhebung auch dieser Zweiteilung. Einem Unvermögen zu irgendetwas, ganz gleichgültig, was es sei, korrespondiert ja gleichzeitig immer ein Vermögen zu irgendetwas. In diesem konkreten Beispiel oben bedeutet das Vermögen, die Einheit der Gegensätze zu erkennen. Das ist fürchterlich abstrakt, so abstrakt, dass es mir schon selber verquast vorkommt. Mein Verstand versteht meine eigenen Worte nicht.

Ich setze neu und anders an. Wenn man davon ausgeht, dass die Gegensätze eine Einheit bilden, dann müßte man überlegen, was denn die Einheit ist. Ein Drittes? Das Ganze? Etwas, das die Gegensätze umfaßt, zusammenhält? Das gefällt mir nicht, weil es am Ende doch wieder auf „Eines“ hinausliefe. Ich sehe es so, dass wir nur in der Unterschiedenheit oder Unterscheidung die Gegensätze als Gegensätze wahrnehmen können. Aber wahrscheinlich meinst Du es nicht anders, wenn Du schreibst, eine „Leere“ ohne „Etwas“ wäre sinnlos. Damit wir einen der beiden Pole erkennen können, benötigen wir den anderen Pol. Andernfalls ist alles ein Einheitsbrei, weil wir nicht unterscheiden könnten. Gefallen tut mir die Idee, dass beispielsweise in der Leere das Etwas in seiner Abwesenheit anwesend ist, oder umgekehrt herum, dass im Etwas die Abwesenheit der Leere anwesend ist. Auf diese Weise sind die Gegensätze miteinander verwoben. „Sowohl als auch“ trifft es schon, nur ist es mir zu begrifflich, abstrakt gehalten. Ich komme jetzt noch einmal auf das Daedejing 11 zurück. Es ist gewiß sehr viel vielschichtiger als meine schlichte Sichtweise dies hergibt, aber mit der Leere, die den Tontopf macht, entsteht ein Bild vor meinem inneren Auge. Oder aber wenn ich mir in der Freude den Schmerz als abwesend anwesend vorstelle bzw. die Freude im Schmerz in ihrer Abwesenheit als anwesend, dann bekomme ich auch gefühlsmäßig eher einen Zugang zu dem Gemeinten. --- Ah und nun sehe ich auch das Folgende auf einmal in klarerem Lichte ...

Während der letzten Wochen ist mir übrigens immer stärker aufgefallen, wie weit wir uns inzwischen von unseren Anfängen hier im Blog entfernt haben. Die Unsicherheit nach dem Tod meines Mannes, die zögernde Rückkehr ins Leben, die Suche nach einer neuen Identität – das waren die Themen, die mich (oder uns) anfangs beschäftigt haben. Und jetzt? Philosophieren wir hier oft auf einer sehr abstrakten Höhe. Ich will das keineswegs kritisieren, im Gegenteil, mir macht das großen Spaß. Aber ich fragte mich plötzlich: Haben sich die mehr existentiellen Fragen mittlerweile erledigt? Oder sind sie immer noch da, nur in anderem Gewand? Ich hatte noch keine Muße darüber nachzudenken, ich stelle erst einmal nur die Frage.

Eine spannende Frage! Besonders in den letzten Wochen oder fast schon Monaten haben wir verstärkt Philosophisches thematisiert. Das ist mir auch aufgefallen. Nun könnte ich von mir sagen, dass über abstraktere Themen nachzudenken und mein Wissen zu bereichern mir schon seit längerer Zeit wieder ausnehmend Spaß macht. Es ist also hier im Blog mit Dir im Gespräch ein schönes weiteres Bedenkfeld. Nur wäre dies eine allgemeinere Einordnung, bei der Deine Frage nach dem neuen Kleide für existentiell Bedeutsames nur am Rande eine Rolle spielen würde.

In einem Geistesblitz der Bilder sehe ich uns beide in den vergangenen 6 Jahren. Du gehst in kleinen Schritten einen Weg voran ohne zu wissen, wohin genau Du gehen willst. Es gibt kein bestimmtes Ziel, lediglich kleinere Etappenziele, aber wie es dort aussieht, wo der Weg endet, das weißt Du nicht. Ich befinde mich nunmehr im 4. Jahr im Wartemodus, d.h. ich habe ein Ziel, für das ich nichts tun kann als mich auf irgendeine Weise immer wieder darauf einzustimmen und nicht abzudriften. Währenddessen bewege auch ich mich in kleinen Schritten, denn irgendwas muß man ja tun, sofern man lebt. Der Radius ist durch den Wartemodus begrenzt. Im Unterschied zum Bild, das ich von Deinem Weg habe, verläuft mein Weg kreisförmig.

Das war nur ein Einschub. Anknüpfend an die Überlegungen zur Einheit der Gegensätze bin ich auf einmal ziemlich sicher, dass ich oder dass wir den Horizont unserer Interessen erweitert haben und erweitern. Hm, ich meine es so, dass wir die Gebiete „Systeme“ oder „Teilchenphysik“ streifen, weniger oder gar nicht aus akademischen Ambitionen, sondern weil wir nach den Erkundungen der eigenen Person hinaussehen auf das Größere uns Umgebende. Für mich, soweit ich es überblicke im Moment, geht der Bezug zu mir und meinem Leben nie verloren. Das oder die Muster, mit denen ich den Makrokosmos betrachte, mit denselben Mustern betrachte ich die Mikrowelt meiner Person. Wenn wir jetzt auf anderen Wegen gerade wieder bei dem „entweder-oder“ angekommen sind, auf neue Weise, dann kann ich von der groß angelegten Metaphysik des Zen-Buddhismus dieses Sichtmuster auf meine Sicht im alltäglichen Leben übertragen.

Der Antwort auf Deine Frage wegen des neuen Gewandes bin ich nicht näher gekommen, oder doch?

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Ich habe jetzt NICHT gegoogelt, das würde den Spaß verderben. :-) Mir kommt das Zitat aber vage bekannt vor, ich muss es irgendwann schon mal gelesen haben. Meine spontane Idee: Immanuel Kant, weil gleich zu Anfang vom „reinen Verstand“ die Rede ist. Im Weiteren kann man dann arg in Zweifel kommen, weil er ja gar nicht mehr aufhört mit Bildern, das ist schon sehr ungewöhnlich, jedenfalls soweit ich Texte von Kant kenne, was allerdings nicht all zu viele sind. Aber trotzdem: Ich tippe auf Kant. :-)

Ja, es ist die „Kritik der reinen Vernunft“, 2. Auflage, S. 202. Ein einziges Wort „rein“ setzt die Spur. Zeitlich kann man es, glaube ich, einordnen, wenn auch nur vage, wegen der „h’s“ hinter „Noth“ und „Theil“. Zumindest im Zusammenhang mit den gesamten Stil und Vokabular, kann es kein Text vor dem 18. Jahrhundert und wohl auch keiner des 20. Jahrhunderts sein. „Die Bilder hören gar nicht mehr auf“ :-), ja, es sind mehrere metaphorische Ebenen, das Reisen, die Landnahme, der sichere Boden, die Seefahrt.

F.

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