Liebe F.,
Sinnkette
Deine Unterscheidung in die Sinngebung und den roten Faden oder das Narrativ verstehe ich so, dass die Episoden, das Flüchtige und schnell Verblassende in Deiner Einteilung die Sinngebung ausmachen, während der rote Faden diese Kleinigkeiten zusammenhält, sie miteinander verbindet. Das wäre dann auch die Interpretation bei Dir? Und für mich scheint es gerade andersherum zu sein. Die Sinngebung ist das mein Leben umfassende Große, das, was mein ganzes Leben durchzieht, man könnte es auch den roten Faden nennen, während die Episoden, die unzähligen Situationen, aus denen sich mein Leben zusammensetzt, die Interpretationen sind. An dieser Stelle, die mir hinten und vorne verquer schien, habe ich mich 2 Tage aufgehalten, bis ich ahnte, was Du sehr wahrscheinlich meinst („suchen wir nicht automatisch Sinn in allem“). „Sinngebung“ bedeutet bei Dir „Semantik“ (ein Wort, das ich neuerdings gerne benutze). Aus der Linguistik übernommen sind damit bedeutungstragende Einheiten gemeint, die man auch als „Sinn“-einheiten bezeichnen könnte. Wir versuchen beim Lesen eines Textes oder dem Hören von Sätzen, als erstes und automatisch sie als „sinn“voll zu verstehen. Deswegen korrigieren wir fehlende oder falsch geschriebene Worte, meist ohne es zu bemerken dahingehend, dass wir einen Sinn erkennen. Übertrage ich das auf die Ereignisse eines einzigen Tages, auf den ich am Abend zurückblicke, dann erkenne ich vielleicht den Zusammenhang von 4 kurzen Begegnungen unter dem „Sinn“ erfreulich oder angenehm, wobei diese Bewertung die Sinngebung wäre. Ebensogut hätte ich 3 andere Ereignisse verbinden können, zum Beispiel unter dem Aspekt, was sie für meine zu erledigenden Tätigkeiten am morgigen Tag bedeuten. Da ich nun meine, Dich verstanden zu haben, stimme ich Dir zu. Den Ausdruck „Sinngebung“ hatte ich in meinem eingeübten und festgefahrenen Verständnis interpretiert, in dem es um den „Sinn des Lebens“ geht -und war deswegen in Verwirrung geraten.
Doch, ich hatte Sinn schon genau so gemeint, wie du es auch verstehst, nämlich als einen großen, allumfassenden Zusammenhang, den berühmten „Sinn des Lebens“. Und genau den bezweifle ich, zumindest wenn man einen solchen Sinn als etwas „objektiv Existierendes“ versteht. Das (Mein) Leben HAT keinen Sinn, allenfalls GEBE ich ihm einen. Dieser Unterschied ist mir wichtig.
Ich war übrigens einigermaßen überrascht, dass du als Beispiel die Verknüpfung von Einzelereignissen eines Tages zu einer Sinnkette beschrieben hast. War das jetzt nur als Beispiel gemeint oder machst du das tatsächlich manchmal? Meine Überraschung zeigt mir an, dass ich das anscheinend eher nicht mache.
Dialektik (wieder einmal)
Ja :-) Das Unausdenkbare und das Nicht-Vorstellbare. Bei mir geht es auch nur, wenn nicht doch ein Begrenzendes da ist. Im Kleinen der Tontopf, dessen Hülle das Innere, die Leere umgibt. Und für die Beziehungen dient mir das Bild des Netzes auch am besten zu Veranschaulichung.
Ich habe das bisher immer als eine Art Unvermögen meinerseits betrachtet, dass ich Leere nicht ohne Etwas denken kann. Aber ist das wirklich so? Im Grunde ist das doch die umfassendere Sichtweise, oder? Leere ohne „Etwas“ wäre absolut und damit sinnlos. Beides zusammen macht die Wirklichkeit aus. Gegensätze schließen einander ja nicht aus, sondern bilden im Gegenteil eine Einheit. Auch mal wieder eine Binsenweisheit, die ich nur allzu schnell vergesse … Fällt wohl in die Kategorie meiner Gedanken zu „entweder-oder“ versus „sowohl-als auch“. Das binäre Denken ist so tief in unserer Kultur verwurzelt, es ist wirklich schwer sich daraus zu befreien. Deshalb finde ich – nur am Rande bemerkt – Hegel so toll, weil er das, jedenfalls soweit ich ihn verstehe (was zugegeben nur sehr, sehr wenig ist), in einem geistigen Kraftakt versucht hat – also das Befreien, meine ich. Auch wenn er irgendwann dann doch wieder beim Absoluten landet, nämlich dem absoluten Geist. Aber hier höre ich lieber auf, denn ich habe nicht den geringsten Schimmer, was er damit meint, ich demonstriere hier also nur mein Unwissen (neben meiner Faszination).
Ratespiel :-)
Und jetzt erweitere ich unser Gespräch um ein Ratespiel :-). Ich zitiere Dir den Text eines sehr bekannten Philosophen, von dem man nicht annehmen würde, er hätte so bilderreich getextet. Es gibt wenige Hinweise, die aber doch eine Spur legen, weil es ansonsten langweilig wäre. Es soll schon mehr als ein Würfeln der richtigen Lösung sein. Zeitlich geht es ein bißchen auch durch die Rechtschreibung einzukreisen:
„Wir haben jetzt das Land des reinen Verstandes nicht allein durchreiset und jeden Theil davon sorgfältig in Augenschein genommen, sondern es auch durchmessen und jedem Dinge auf demselben seine Stelle bestimmt. Dieses Land aber ist eine Insel und durch die Natur selbst in unveränderliche Grenzen eingeschlossen. Es ist das Land der Wahrheit (ein reizender Name), umgeben von einem weiten und stürmischen Oceane, dem eigentlichen Sitze des Scheins, wo manche Nebelbank und manches bald wegschmelzende Eis neue Länder lügt und, indem es den auf Entdeckungen herumschwärmenden Seefahrer unaufhörlich mit leeren Hoffnungen täuscht, ihn in Abenteuer verflechtet, von denen er niemals ablassen und sie doch auch niemals zu Ende bringen kann. Ehe wir uns aber auf dieses Meer wagen, um es nach allen Breiten zu durchsuchen und gewiß zu werden, ob etwas in ihnen zu hoffen sei, so wird es nützlich sein, zuvor noch einen Blick auf die Karte des Landes zu werfen, das wir eben verlassen wollen, und erstlich zu fragen, ob wir mit dem, was es in sich enthält, nicht allenfalls zufrieden sein könnten, oder auch aus Noth zufrieden sein müssen, wenn es sonst überall keinen Boden giebt, auf dem wir uns anbauen könnten; zweitens unter welchem Titel wir denn selbst dieses Land besitzen und uns wider alle feindselige Ansprüche gesichert halten können.“
Hast Du eine Idee?
Ich habe jetzt NICHT gegoogelt, das würde den Spaß verderben. :-) Mir kommt das Zitat aber vage bekannt vor, ich muss es irgendwann schon mal gelesen haben. Meine spontane Idee: Immanuel Kant, weil gleich zu Anfang vom „reinen Verstand“ die Rede ist. Im Weiteren kann man dann arg in Zweifel kommen, weil er ja gar nicht mehr aufhört mit Bildern, das ist schon sehr ungewöhnlich, jedenfalls soweit ich Texte von Kant kenne, was allerdings nicht all zu viele sind. Aber trotzdem: Ich tippe auf Kant. :-)
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Während der letzten Wochen ist mir übrigens immer stärker aufgefallen, wie weit wir uns inzwischen von unseren Anfängen hier im Blog entfernt haben. Die Unsicherheit nach dem Tod meines Mannes, die zögernde Rückkehr ins Leben, die Suche nach einer neuen Identität – das waren die Themen, die mich (oder uns) anfangs beschäftigt haben. Und jetzt? Philosophieren wir hier oft auf einer sehr abstrakten Höhe. Ich will das keineswegs kritisieren, im Gegenteil, mir macht das großen Spaß. Aber ich fragte mich plötzlich: Haben sich die mehr existentiellen Fragen mittlerweile erledigt? Oder sind sie immer noch da, nur in anderem Gewand? Ich hatte noch keine Muße darüber nachzudenken, ich stelle erst einmal nur die Frage,
B.
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