Liebe B.,
Binden und Lösen
Eine interessante Wendung, denn mein Punkt bei diesem Bild ist ja gerade, dass man hier aktiv Verknüpfungen und Verbindungen herstellt, die von sich aus nicht unbedingt da sind. Du gehst jetzt einen Schritt weiter, wenn ich das richtig verstehe, und lässt das Verknüpfen mehr oder weniger hinter dir, weil es ohnehin willkürlich ist?
„Willkürlich“ paßt für mich nicht ganz; stattdessen würde ich lieber sagen „kontingent“. Wichtig ist mir, dass wir selber es sind, die den „Sinn“ durch die Verknüpfungen schaffen -und ja, das Sternenbild fand ich in dieser Hinsicht bestechend klar: Wir können die hergestellten Verknüpfungen genau s o wieder lösen, wie wir sie zuvor hergestellt. Es ist darin nichts Zwingendes oder Notwendiges.
Ich frage mich aber, ob das wirklich möglich ist. Suchen wir nicht automatisch Sinn in allem, was uns widerfährt? Oder vielleicht sollte man hier unterscheiden zwischen Sinngebung auf der einen Seite und der Verknüpfung zu einem einigermaßen kohärenten Narrativ auf der anderen Seite? Es muss nicht alles in einen Sinnzusammenhang gequetscht werden, aber unser Leben sollte doch wenigstens erzählerisch einen roten Faden haben und nicht aus lauter zusammenhanglosen Episoden bestehen. Eine Erzählung kann Ungereimtheiten enthalten, Widersprüche, Sprünge, auch Sinnlosigkeiten, und trotzdem fügt sie sich zu einer Einheit. Eine Erzählung kann sich Fantasie erlauben. (Kann ich mein Leben mit Fantasie betrachten? Hm … überraschende Frage.)
Dein letzter Satz weist aber in eine ganz andere Richtung. Die Ereignisse sind, wie sie sind. Das heißt, du musst sie nicht mehr bewerten? Und hierin liegt für dich die Befreiung, wenn ich das richtig interpretiere?
Das Nicht-Bewerten ist, glaube ich, eher nachrangig, obwohl es zu meinem Entlastungsempfinden dazugehört. Hm, wenn ich es weiter bedenke, hast Du doch nicht unrecht. Wenn das Notwendige entfällt, dann hat man mehrere oder viele Optionen für das Verbinden. Und vielleicht auch ein wichtiger Aspekt: Das Sternenbild ist eine veranschaulichende Metapher, für die ich zwar „Sinngebung“ einsetzen kann, wodurch das Äußere dieser Sinngebung aber irgendwie deutlicher wird. So wie Du einmal geschrieben hattest, dass man Romane um sich schreiben kann -oder einfach leben, dasein. Es läuft also doch darauf hinaus, dass die Vorstellung, man würde sich das Sternenbild, den Roman oder Sinngebung wie ein Kleid anziehen, das Werten zwar nicht völlig wegnimmt, aber ich kann die Geschichten, die ich um mein Leben erzähle, doch mehr spielerisch betrachten.
Deine Unterscheidung in die Sinngebung und den roten Faden oder das Narrativ verstehe ich so, dass die Episoden, das Flüchtige und schnell Verblassende in Deiner Einteilung die Sinngebung ausmachen, während der rote Faden diese Kleinigkeiten zusammenhält, sie miteinander verbindet. Das wäre dann auch die Interpretation bei Dir? Und für mich scheint es gerade andersherum zu sein. Die Sinngebung ist das mein Leben umfassende Große, das, was mein ganzes Leben durchzieht, man könnte es auch den roten Faden nennen, während die Episoden, die unzähligen Situationen, aus denen sich mein Leben zusammensetzt, die Interpretationen sind. An dieser Stelle, die mir hinten und vorne verquer schien, habe ich mich 2 Tage aufgehalten, bis ich ahnte, was Du sehr wahrscheinlich meinst („suchen wir nicht automatisch Sinn in allem“). „Sinngebung“ bedeutet bei Dir „Semantik“ (ein Wort, das ich neuerdings gerne benutze). Aus der Linguistik übernommen sind damit bedeutungstragende Einheiten gemeint, die man auch als „Sinn“-einheiten bezeichnen könnte. Wir versuchen beim Lesen eines Textes oder dem Hören von Sätzen, als erstes und automatisch sie als „sinn“voll zu verstehen. Deswegen korrigieren wir fehlende oder falsch geschriebene Worte, meist ohne es zu bemerken dahingehend, dass wir einen Sinn erkennen. Übertrage ich das auf die Ereignisse eines einzigen Tages, auf den ich am Abend zurückblicke, dann erkenne ich vielleicht den Zusammenhang von 4 kurzen Begegnungen unter dem „Sinn“ erfreulich oder angenehm, wobei diese Bewertung die Sinngebung wäre. Ebensogut hätte ich 3 andere Ereignisse verbinden können, zum Beispiel unter dem Aspekt, was sie für meine zu erledigenden Tätigkeiten am morgigen Tag bedeuten. Da ich nun meine, Dich verstanden zu haben, stimme ich Dir zu. Den Ausdruck „Sinngebung“ hatte ich in meinem eingeübten und festgefahrenen Verständnis interpretiert, in dem es um den „Sinn des Lebens“ geht -und war deswegen in Verwirrung geraten.
Metaphern
Kann einen die Materie nicht im Grunde auch schwindelig machen? Ich denke da an den Satz von Leibniz: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ So gesehen wäre das Seiende das größere Wunder.
:-) Du weißt, der Anblick des Sternenhimmels hat mich nie so fasziniert wie Dich oder Kant oder viele Menschen. Und der Sternenhimmel ist ja auch lediglich, so wie ich es verstehe, ein Ausschnitt oder vielleicht besser, das Paradigma für das Wunder des Seienden. Deswegen ist es für mich intuitiv nicht umkehrbar. Die Löcher in der Materie, das Nichts erstaunen mich mehr als das, was vorhanden ist. Vielleicht ist es ähnlich wie mit Ereignissen, von denen ich keine Kenntnis habe. Praktisch und direkt aus dem Alltag gegriffen die Suchmaschinen, die bestimmte Meldungen aus Opportunitätsgründen nicht veröffentlichen. Ausgehen kann man nur von dem, was man sieht, hört, liest, schwarz auf weiß. Was nicht gemeldet wird, davon weiß man nicht, dass es existiert. Ich versuche nur zu erklären, warum mir das Existierende selbstverständlicher scheint als das, was nicht ist :-).
Wenn ich versuche mir das Nichts vorzustellen, dann eigentlich nie als vollkommenes Nichts, sondern eher als Teil eines Ganzen, wenn auch den größeren oder grundlegenderen Teil. Der leere Raum, in dem Seiendes überhaupt erst möglich ist. Oder das unsichtbare Netz der Beziehungen zwischen allem, ohne das nicht einmal Atome da wären, wie viel weniger alles andere. Nicht das Vorhandensein von Neutronen, Protonen etc. machen die Materie aus, sondern ihre Beziehung zueinander. Nicht das bloße Vorhandensein von Menschen macht eine Liebe oder eine Gesellschaft aus, sondern die Beziehungen zwischen ihnen. Natürlich kann man fragen, ob Raum, ob Beziehungen „nichts“ sind, aber damit wird nun mir schwindelig. :-). Ich kann mir „Nichts“ immer nur ganz naiv als Abwesenheit von Materie vorstellen, aber auch nicht ohne Materie, weil das Nichts sonst keinen Sinn ergeben würde. – Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich damit das buddhistische Konzept des Nichts noch nicht einmal ankratze.
Ja :-) Das Unausdenkbare und das Nicht-Vorstellbare. Bei mir geht es auch nur, wenn nicht doch ein Begrenzendes da ist. Im Kleinen der Tontopf, dessen Hülle das Innere, die Leere umgibt. Und für die Beziehungen dient mir das Bild des Netzes auch am besten zu Veranschaulichung.
Das ist sehr schön gedacht, diese Gemeinsamkeit zwischen den Gegensätzen. Und vielleicht muss alle tiefe Philosophie früher oder später auf Bilder zurückgreifen, weil die klare, eindeutige, unterscheidende Sprache nicht weit genug reicht. Um den Preis, dass sich damit das Tor der Spekulation weit öffnet …
Achja, in der Nachfolge des Metaphernspezialisten Hans Blumenberg gibt es inzwischen eine Reihe von philosophischen und literaturwissenschaftlichen Arbeiten, die philosophische Texte auf ihren Metaphernreichtum hin untersuchen. Das meintest Du gar nicht? Du meintest bildhafte Bilder? Gemalte Bilder vor dem inneren Auge? Ich selber nehme sie öfter zu Hilfe, um mir Gedanken verständlich zu machen. Was die Sprachbilder betrifft, so stellt sich heraus, dass Philosophen sie in Hülle und Fülle benutzen, ohne dies überhaupt zu bemerken. Die Wissenschaftssprache tendiert zur Eindeutigkeit, wobei dies hauptsächlich die Naturwissenschaften betrifft; die Alltagssprache ist mehr- bzw. sogar vieldeutig, damit man mit wenig(er) Worten möglichst viele verschiedene Sachverhalte benennen kann. Die Philosophie nimmt einen mittleren Platz ein. Metaphern aber sind natürlich auch nicht beliebig. Interessant ist auch, mit welchen Sprachbildern man die Metaphern selbst wieder beschreibt. Nietzsche schrieb von einem „Heer der Metaphern“, d.h. er benutzte ein Wort aus dem militärischen Repertoire, während man gegenwärtig meist über das „Netz der Metaphern“ spricht, d.h. einem Begriff, der inzwischen für die gesamte digitale Welt steht.
Und jetzt erweitere ich unser Gespräch um ein Ratespiel :-). Ich zitiere Dir den Text eines sehr bekannten Philosophen, von dem man nicht annehmen würde, er hätte so bilderreich getextet. Es gibt wenige Hinweise, die aber doch eine Spur legen, weil es ansonsten langweilig wäre. Es soll schon mehr als ein Würfeln der richtigen Lösung sein. Zeitlich geht es ein bißchen auch durch die Rechtschreibung einzukreisen:
„Wir haben jetzt das Land des reinen Verstandes nicht allein durchreiset und jeden Theil davon sorgfältig in Augenschein genommen, sondern es auch durchmessen und jedem Dinge auf demselben seine Stelle bestimmt. Dieses Land aber ist eine Insel und durch die Natur selbst in unveränderliche Grenzen eingeschlossen. Es ist das Land der Wahrheit (ein reizender Name), umgeben von einem weiten und stürmischen Oceane, dem eigentlichen Sitze des Scheins, wo manche Nebelbank und manches bald wegschmelzende Eis neue Länder lügt und, indem es den auf Entdeckungen herumschwärmenden Seefahrer unaufhörlich mit leeren Hoffnungen täuscht, ihn in Abenteuer verflechtet, von denen er niemals ablassen und sie doch auch niemals zu Ende bringen kann. Ehe wir uns aber auf dieses Meer wagen, um es nach allen Breiten zu durchsuchen und gewiß zu werden, ob etwas in ihnen zu hoffen sei, so wird es nützlich sein, zuvor noch einen Blick auf die Karte des Landes zu werfen, das wir eben verlassen wollen, und erstlich zu fragen, ob wir mit dem, was es in sich enthält, nicht allenfalls zufrieden sein könnten, oder auch aus Noth zufrieden sein müssen, wenn es sonst überall keinen Boden giebt, auf dem wir uns anbauen könnten; zweitens unter welchem Titel wir denn selbst dieses Land besitzen und uns wider alle feindselige Ansprüche gesichert halten können.“
Hast Du eine Idee?
F.
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