Brief 236 | Schwindelig

Liebe F.,

Fantasie

Dieses Bild für die Verknüpfung einzelner Sterne-Punkte zu bedeut-samen Ereignissen finde ich deswegen auf irgendeine Weise befreiend, weil ich aufhöre zu verknüpfen. Nun gut, nicht vollständig, aber insgesamt ergibt sich für mich daraus eine Art von Loslösung, weil ich die einzelnen Vorgänge, die ich im Alltag erlebe, nicht mehr zusammenzufügen suche. Sie sind, wie sie sind.

Eine interessante Wendung, denn mein Punkt bei diesem Bild ist ja gerade, dass man hier aktiv Verknüpfungen und Verbindungen herstellt, die von sich aus nicht unbedingt da sind. Du gehst jetzt einen Schritt weiter, wenn ich das richtig verstehe, und lässt das Verknüpfen mehr oder weniger hinter dir, weil es ohnehin willkürlich ist?

Ich frage mich aber, ob das wirklich möglich ist. Suchen wir nicht automatisch Sinn in allem, was uns widerfährt? Oder vielleicht sollte man hier unterscheiden zwischen Sinngebung auf der einen Seite und der Verknüpfung zu einem einigermaßen kohärenten Narrativ auf der anderen Seite? Es muss nicht alles in einen Sinnzusammenhang gequetscht werden, aber unser Leben sollte doch wenigstens erzählerisch einen roten Faden haben und nicht aus lauter zusammenhanglosen Episoden bestehen. Eine Erzählung kann Ungereimtheiten enthalten, Widersprüche, Sprünge, auch Sinnlosigkeiten, und trotzdem fügt sie sich zu einer Einheit. Eine Erzählung kann sich Fantasie erlauben. (Kann ich mein Leben mit Fantasie betrachten? Hm … überraschende Frage.)

Dein letzter Satz weist aber in eine ganz andere Richtung. Die Ereignisse sind, wie sie sind. Das heißt, du musst sie nicht mehr bewerten? Und hierin liegt für dich die Befreiung, wenn ich das richtig interpretiere?

Ich kenne den Ausdruck der/das „Narrativ“ nur als neuere Bezeichnung für eine kurze, eingängige Zusammenfassung eines politischen Ereignisses, die ins allgemeine gesellschaftliche Bewußtsein eindringt. Was fällt mir ein? Karl der Große war der Begründer des westeuropäischen Kultur- und Nationenkreises. Das ist eine starke These, die einfach zu behalten ist und aber lediglich eine mögliche Interpretation der Entwicklung Westeuropas vom 9. bis zum 20. Jahrhundert darstellt. Viele Punkte, die zu einer Verbindungslinie vereint werden. In diesem Sinne kann man den Begriff auch auf die persönliche Biographie anwenden. Je älter man wird, desto mehr verschwinden sowieso all die kleinen und auch größeren Ereignisse aus der Bedeutungsgebung und man erfindet ein Narrativ, das wie eine dicke Überschrift über dem ganzen Leben steht, oder es durchzieht. Wichtig am Narrativ ist, dass es nur einen gibt, er muß stimmig sein, sodaß man ihn für „wahr“ halten kann. Und man ist sich bewußt, dass es sich um eine Interpretation handelt.

Dass ich diesen Gedanken des Narrativs, der Geschichte, die wir uns von unserem eigenen Leben erzählen, so überraschend fand, zeigt mir, dass ich mir dieser Interpretation keineswegs bewusst gewesen bin.

Schwindelig

Ja, das ist eine Erkenntnis, die mich in ihrer Einfachheit besticht: Die Erklärung der Welt über das, was nicht ist. Mir wird ganz schwindelig, wenn ich versuche, dieses Nichts zu begreifen. Aber ich begreife nun, diesmal im Sinne „rational“, daß die Veranschaulichung in Bildern wie dem des Rades oder dem des Tontopfes das helfende Werkzeug ist, den Schwindel nicht aufkommen zu lassen, sondern sich dem Verstehen zu nähern.

Kann einen die Materie nicht im Grunde auch schwindelig machen? Ich denke da an den Satz von Leibniz: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ So gesehen wäre das Seiende das größere Wunder.

Wenn ich versuche mir das Nichts vorzustellen, dann eigentlich nie als vollkommenes Nichts, sondern eher als Teil eines Ganzen, wenn auch den größeren oder grundlegenderen Teil. Der leere Raum, in dem Seiendes überhaupt erst möglich ist. Oder das unsichtbare Netz der Beziehungen zwischen allem, ohne das nicht einmal Atome da wären, wie viel weniger alles andere. Nicht das Vorhandensein von Neutronen, Protonen etc. machen die Materie aus, sondern ihre Beziehung zueinander. Nicht das bloße Vorhandensein von Menschen macht eine Liebe oder eine Gesellschaft aus, sondern die Beziehungen zwischen ihnen. Natürlich kann man fragen, ob Raum, ob Beziehungen „nichts“ sind, aber damit wird nun mir schwindelig. :-). Ich kann mir „Nichts“ immer nur ganz naiv als Abwesenheit von Materie vorstellen, aber auch nicht ohne Materie, weil das Nichts sonst keinen Sinn ergeben würde. – Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich damit das buddhistische Konzept des Nichts noch nicht einmal ankratze.

Außerdem meine ich nun auch eine Verbindung zwischen den vorsokratischen Versuchen, die Welt zu erklären mit dem Erklärungsversuch, der im Daedejing-Spruch 11 aufgeschrieben ist, zu erkennen. Nicht das sie Unterscheidende, sondern das Gemeinsame. Die Vorsokratiker haben die Naturphänomene beobachtet, und ihre Erklärungen sind aber zugleich metaphysische Erklärungen gewesen, Naturwissenschaft und Metaphysik sind ununterschieden. Im Fragment 2, dem sogenannten Flußfragment von Heraklit heißt es: Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht. Die Beobachtung des Flusses wird als Bild benutzt, das für das Sein steht. Es ist also ein Doppeltes. Der Fluß ist einer und doch nie derselbe, so wie der Mensch einer ist und doch nie derselbe. Ein helfendes Werkzeug ist dieser Satz, weil er eine Aussage trifft und sie zugleich in einem Bild veranschaulicht. Im Daedejing-Vers 11 sind es Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs, die der Veranschaulichung dienen. Es sind aber gleichfalls Bilder, die für das Ganze stehen. Da „Sein“ wohl nur die Begrifflichkeit der Ontologie in der westlichen Kultur ist, habe ich anstelle dessen „Ganzes“ eingesetzt. Ob das richtig ist, weiß ich nicht :-).

Das ist sehr schön gedacht, diese Gemeinsamkeit zwischen den Gegensätzen. Und vielleicht muss alle tiefe Philosophie früher oder später auf Bilder zurückgreifen, weil die klare, eindeutige, unterscheidende Sprache nicht weit genug reicht. Um den Preis, dass sich damit das Tor der Spekulation weit öffnet …

B.

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