Liebe B.,
Vermeintliche Defizite
Wenn jemand von sich behauptet, er oder sie fühle sich „mit allem Lebendigen verbunden“ (gar noch „wir sind alle eins!“), dann hört sich das für mich erst einmal nach esoterischem Kitsch an. Insofern kann ich deine Reserviertheit bei dem Thema gut nachvollziehen.
Aber ist es nicht seltsam, wie schnell wir geneigt sind zu meinen, wir hätten irgendeine Art Defizit, nur weil bei uns etwas anders ist als bei jemand anderem? Mir geht das ja auch manchmal so. Aber das nur am Rande.
Ich greife den „Rand“ auf, weil mich zum Beispiel das Thema „Egoismus“ und „Altruismus“ immer wieder einholt. Heute früh erinnerte ich mich an die letzten Jahre mit meiner Mutter, und an welchen Stellen ich hätte anders handeln sollen als ich es getan habe. Es geht dabei konkret um den Zeitpunkt, an dem ich hätte erkennen müssen, dass sie Hilfe in Form eines Pflegedienstes benötigt und mich dann um die Organisation dieser Art von Unterstützung hätte kümmern müssen. An welchen Stellen also habe ich mir selber leugnen wollen, dass sie zunehmend desorientiert wird. Diese Erinnerung taucht öfter mal auf und quält mich. Nunja, und heute früh sprang „jemand“, ein Teil von mir, für mich ein, nahm Partei für mich und meine Situation und hatte Verständnis mit mir. Es ist ja nicht so, dass immer nur ich ihr etwas schuldig geblieben bin, während all das, was ich in den letzten Jahren für sie getan habe, für die „Katz ist“. Dieser Schwenk veränderte einfach mein Gefühl an diesem Morgen.
Mittendrin
Dass sich die vorher verdrängende Größe des Menschen verringert, finde ich ausgesprochen treffend formuliert für das, was ich meine, die Vogelperspektive dagegen nicht. Denn damit stelle ich mich ja wieder außerhalb des Ganzen, hebe die Verbundenheit wieder auf. Außerdem suggeriert die Vogelperspektive, dass ich in irgendeiner Form den Überblick habe, das alles über- und durchschaue, Bescheid weiß, einordnen kann … Ich „erhebe“ mich über das Ganze. Aber so ist es bei mir ganz und gar nicht, sondern das ist mehr mit dem Gefühl der Demut verbunden, um dieses schöne Wort einmal wieder zu verwenden.
Oja, das ist eine feine Beobachtung. Ich versuche noch einmal, mir zu vergegenwärtigen, wie ich denn auf die Vogelperspektive gekommen bin. Mein Blick ging hoch zu den Vögeln, ich sah mich den Raum mit den Vögeln teilen; aber Du hast recht, nur mit den Vögeln, denn ich flog wie sie über die Dächern und die Straßen und die Bäume. Der Raum lag unter mir, mit den Implikationen, die Du erwähnst, d.h. dem Verlust des Verbundenheitsgefühls und dem, wie ich es jetzt nach einiger Überlegung nennen würde, Gewinn eines Kontrollgefühls über das Ganze, d.h. mit der Übersicht. Ich verstehe, was Du mit „Demut“ meinst, obwohl ich diese Haltung oder das Gefühl selber nicht habe.
Auf dem Dachboden
Ach was. :-))) Das bezieht sich auf beides: Weder kann ich mich daran erinnern, dass wir den Titel schon einmal hatten, noch wäre ich je darauf gekommen, deine Schreibweise als hart und zackig zu empfinden, meine dagegen als weich und weiblich. Ich bin total perplex. Wie mein Stil auf andere wirkt, kann ich natürlich nicht beurteilen; deiner wirkt auf mich jedenfalls auf alle möglichen Arten, aber ganz gewiss nicht hart und zackig.
Hm, irgendwie hast Du mich mißverstanden, glaube ich. Oder ich habe mich mißverständlich ausgedrückt. Das kann natürlich auch sein :-). Ich hatte nicht gedacht, Du hättest die Überschrift gewählt, weil sie schon einmal in unseren Briefen aufgetaucht ist, sondern mir war so, als hätten wir sie schon einmal als Überschrift gehabt – was sich dann bei der Durchsicht aller Überschriften als richtig erwies. Tja, und ich habe mich in der letzten Zeit öfter gefragt, wie mein Schreiben wohl rüberkommt, also wie es auf andere Menschen wirkt. Unter anderem natürlich auf Dich. Ich finde mich kurz angebunden … wie seltsam, es scheint mir auf einmal wie ein Mangel. Nicht verschnörkelt oder erzählerisch genug, und auch nicht gründlich genug. Solche Anwandlungen über mein Schreiben und mein Reden hatte ich noch nie. Ich kann es nicht einordnen.
Von dieser Rückschau hast du schon einmal berichtet, wenn auch mit einem anderen Bild, an das ich mich aber nicht mehr erinnere (Perlen an einer Schnur kommen mir in den Sinn). Und damals wie heute ist mir das sehr fremd. Um auch mit einem Bild zu arbeiten: Für mich ist meine Vergangenheit ein sehr unordentlicher Dachboden, da wandert alles hin, was vergangen ist, und wird in der Regel nicht wieder in die Hand genommen. Ich brauche das für mein Leben unten im Haus nicht, deshalb kümmere ich mich darum nicht, und entsprechend sieht es auf dem Dachboden dann auch aus. Ich könnte also nur mit sehr viel Mühe ordentliche Häufchen daraus machen, um mir einen Überblick zu verschaffen, wozu ich aber gar keine Lust habe. Das ist jetzt sehr überspitzt formuliert, eben auch ganz schnell und intuitiv. Aber es ist wohl nicht ganz falsch, denn ich erinnere mich an etliche Diskussionen mit meinem Mann über dieses Thema. Er hat meine Einstellung zur Vergangenheit oder vielmehr meine kaum vorhandene Beziehung dazu sehr bedauert, denn er hatte das im Gegensatz zu mir immer präsent und ist sehr gern im Geiste darin herumgewandert. *** Nachtrag: Vielleicht ist der Dachboden aber auch fast leer? Weil das meiste, was dorthin wandert, sich sehr schnell verdünnisiert? Das gefällt mir!
Oh, das Dachbodenbild paßt wie der Deckel auf den Topf. Auf meinem realen Dachboden stehen einige leere Umzugskartons, ein Besen und ein großer Ventilator, den ich manchmal im Sommer für einige Tage in die Wohnung runterbringe, damit ich notfalls ein wenig Kühlung habe. Das heißt, mein Dachboden ist leer. Und übrigens sind auch die Lebens- oder Altersstufen im imaginierten Bild fast leer. Die Möblierung auf den Treppen ist sparsamst. Schade, dass Du das Bild nicht mehr weißt, in das ich meine Vergangenheit gefaßt hatte, denn ich weiß es auch nicht mehr. Hm, wenn ich es nicht mehr weiß, ist es wohl auch nicht mehr wichtig :-).
Insgesamt finde ich meine Beziehung zur Vergangenheit auch eher blaß. Phasenweise erinnere ich viele Ereignisse und auch ausgesprochen lebendig, also gar nicht blaß, sondern intensiv. während ich in anderen Phasen kaum etwas erinnere oder wenn doch, dann nur kurz und beiläufig. Die Treppchen waren tatsächlich nach einer langen Zeit ein Bild, mit dem ich mir Übersicht verschafft habe. Daß meine Vergangenheit wie ein unaufgeräumter, vollgestellter Dachboden aussehen könnte, den ich nur nicht betrete, auf die Idee bin ich noch nie gekommen.
Wie ist denn meine Beziehung zu meiner Vergangenheit? Einerseits, darüber sprachen wir schon, bin ich gegenwärtig das Ergebnis von 70 gelebten Jahren. An das Schiff des Theseus zu denken liegt nahe, finde ich. Aus diesem Grunde ist ein Auseinanderklamüsern völlig unmöglich, d.h. ein Analysieren meiner heutigen Zusammensetzung, um die Einzelteile zu sehen, die im Verlaufe der Jahrzehnte ausgebessert und verändert wurden. Insofern kümmere ich mich einfach nicht um die Vergangenheit. Die Episoden, die ich gelegentlich intensiv erinnere und dann auch wieder vergesse, passen schon zum Bild des unaufgeräumten und vollgestellten Dachbodens, aber das stört mich nicht. Obwohl ich ein wenig erstaunt bin, dass die Vergangenheit Dich so wenig interessiert, empfinde ich es so, wie Du es beschreibst. Mein jetziges Leben ist davon nicht betroffen und beeinflußt. Ich brauche die Erinnerungen nicht. Und die Übersicht, die ist, wie schon erwähnt, minimalistisch.
Warum bin ich erstaunt, dass Du die Vergangenheit auf dem Dachboden für Dein Leben unten in der Wohnung nicht benötigst? Wenn ich zurückdenke, was Du erzählt hast, dann gibt es keinen Grund zum Erstaunen. Vielleicht sind es meine Eindrücke, wenn Du gelegentlich Episoden aus der Kindheit erzählt hast. Sie schienen mir im Detail erinnert und naja, Du hast sicher über die Ereignisse berichtet, die nachhaltige Spuren hinterlassen haben und die Du lebhaft erinnertest. Das dürfte einen Bruchteil der gesamten Erinnerungen ausmachen. Ja, und genau so empfinde ich es bei mir auch.
Was sind das übrigens für Bilder von Lebensstufen in Form von Treppen, die du da gesehen hast?.
Ich habe die „Altersstufen des Mannes“ von Fridolin Leiber in diesen Brief kopiert. Leiber war ein deutscher Maler, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehrere Bilder mit diesem Motiv gemalt hat. Übrigens hat er die Altersstufen auch für die Frau gemalt. Nur sind alle Drucke, die ich fand, von der Qualität her schlechter, d.h. ziemlich dunkel. Aus diesem Grunde habe ich die Männer gewählt :-). Seine Bilder sind romantisch bis kitschig; sie ähneln Bildchen, die wir früher in unsere Poesiealben geklebt haben. Aber er war ein anerkannter Maler.
F.
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