Liebe F.,
Wirkungen
Achso :-). Ja, ich hatte vor dem Hintergrund einer Gleichsetzung geschrieben. Auf Deine Erläuterung, Wirklichkeit sei, was wirksam ist, folgte meine spontane Idee, dass genau hierin der Unterschied besteht. Es war so wie ein Aha-Erlebnis für mich, jetzt festzustellen, dass beides nicht dasselbe ist, und dass ich auch endlich den Grund hierfür gefunden habe. Der Gleichsetzung von Wirklichkeit und Realität, die ich öfter im Gespräch gehört hatte und für die argumentiert wurde, hatte ich nie etwas entgegenhalten können. Dies war also der Hintergrund, und wenn ich jetzt noch einmal überlege, warum mir selber die Unterscheidung wichtig ist, dann fällt mir ein Beispiel ein, das Du irgendwann vor einigen Jahren erwähnt hattest. Man geht auf dem Fußweg und die 3 jungen Leute, die miteinander ins Gespräch vertieft sind, machen keine Anstalten, beiseite zu treten, weil sie überhaupt nicht merken, dass jemand auf derselben Spurrille läuft wie sie. Man kann nun entweder selber einfach einen Schritt zur Seite gehen, um freie Bahn zu haben oder man echauffiert sich über die Rücksichtslosigkeit der jungen Leute. Es ging damals um die Realität und wie stark wir sie mit unseren Gedanken beeinflussen. Mit einem anderen Ausdruck kann man das, was die Situation für uns bedeutet, Indifferenz oder Ärger, auch als die Wirklichkeit bezeichnen. In einer Kurzformel, die mir gerade in den Kopf kommt: Wirklichkeit ist die interpretierte Realität.
Achso :-).
Ich verstehe das „Wirken“ der Wirklichkeit anscheinend sehr viel basaler als du, nämlich auf einer ganz unteren Ebene erst einmal nur physisch. Also nicht „Wie wirkt das auf mich?“ im Sinne von „Was fühle/denke ich dabei?“, sondern „Was wirkt auf mich ein?“ Die Interpretation käme bei mir erst später hinzu. In deinem/meinem Beispiel: Die Wirklichkeit ist, dass mir drei Leute entgegenkommen. Mehr nicht. Wie man das dann nennen will, wenn die Interpretation hinzukommt – ob ebenfalls Wirklichkeit oder Realität oder wie auch immer, finde ich nicht so entscheidend. Wahrscheinlich kann man das sowieso nicht so fein säuberlich trennen, wie ich das gerade getan habe, ich nehme an, dass jede Wahr-nehmung einer Wirk-lichkeit immer schon auf die eine oder andere Weise interpretiert ist. Das ist also nur ein Modell, mit allen Verlusten, die solch eine Komplexitätsreduktion mit sich bringt. – Aber ich fürchte, ich vernebele dein Aha-Erlebnis gerade wieder. :-) Also Schluss damit.
Mittendrin, nicht drüber
Sehr schön :-). Ich fühle mich spontan entlastet. Es ist jedesmal dasselbe, dass ich mich bei Erzählungen über die Verbundenheit mit allem Lebendigen irgendwie als falsch und unliebevoll empfinde. So, als sei an der Stelle ein Defekt, der mich zu einem unsozialen Mitglied der Gesellschaft macht. Das ist jetzt ein bißchen übertrieben, weil ich weiß, dass es s o nicht ist. Aber wenn Du sagst, dass es ein unmittelbares zugeneigtes Gefühl bei Dir auch nicht immer ist, dann wird der Abstand zwischen unseren Empfindungen geringer.
Wenn jemand von sich behauptet, er oder sie fühle sich „mit allem Lebendigen verbunden“ (gar noch „wir sind alle eins!“), dann hört sich das für mich erst einmal nach esoterischem Kitsch an. Insofern kann ich deine Reserviertheit bei dem Thema gut nachvollziehen.
Aber ist es nicht seltsam, wie schnell wir geneigt sind zu meinen, wir hätten irgendeine Art Defizit, nur weil bei uns etwas anders ist als bei jemand anderem? Mir geht das ja auch manchmal so. Aber das nur am Rande.
Ja, diesen Aspekt verstehe ich auf Anhieb, und außerdem kann ich ihn nachvollziehen. Der Raum wird nicht enger, weil man die Lebewesen näher an sich heranzieht, sondern der Raum wird weiter, weil alle Lebewesen einschließlich der Menschen an ihrem Ort verbleiben. Oder anders und noch treffender: Der Raum verändert sich unter den Perspektiven gar nicht. Er ist immer gleich groß. Wenn ich ihn gefüllt sehe von allem Lebendigen einschließlich des Menschen, dann verringert sich die vorher verdrängende Größe des Menschen. Hm, man könnte es vielleicht auch die Vogelperspektive nennen, die dadurch ermöglicht wird. Das gefällt mir sehr gut!
Dass sich die vorher verdrängende Größe des Menschen verringert, finde ich ausgesprochen treffend formuliert für das, was ich meine, die Vogelperspektive dagegen nicht. Denn damit stelle ich mich ja wieder außerhalb des Ganzen, hebe die Verbundenheit wieder auf. Außerdem suggeriert die Vogelperspektive, dass ich in irgendeiner Form den Überblick habe, das alles über- und durchschaue, Bescheid weiß, einordnen kann … Ich „erhebe“ mich über das Ganze. Aber so ist es bei mir ganz und gar nicht, sondern das ist mehr mit dem Gefühl der Demut verbunden, um dieses schöne Wort einmal wieder zu verwenden.
Passt
Unter dem Lebensgefühl verstehe ich etwas Grundlegendes, es ist eine Art Fundament, auf dem man steht. Eine die Wirklichkeit durchdringende Befindlichkeit. Ja, vor ungefähr 5 oder 6 Jahren habe ich mein Lebensgefühl in dem Bild eines auf der Wiese alleine ausgesetzten Kindes ausgedrückt. Das hätte ich jetzt wiedergekäut, obwohl es nicht mehr das zutreffende Bild ist. Ein neues jedoch habe ich nicht. Die Welt in mir? Nein, so empfinde ich meinen Platz in der Welt nicht. Eher schon die Welt außerhalb von mir, aber „sitzen“ wie ein maßgeschneidertes Kleid tut dieses Bild ebenfalls nicht.
Ein „Gefühl für etwas bekommen“ ist noch kein Lebensgefühl, es ist nur erst einmal wie eine zaghafte Annäherung. Ach, das Kleiderbild gefällt mir. Das Symbol des Yin und Yang ist wie die Anprobe eines neuen Kleides. Ja, ich probiere, wie fühlt es sich beim Tragen an, wie sehe ich darin aus, steht es mir, fühle ich mich in ihm wohl? Die Welt in mir dagegen, das ist ein Kleid, mit dem ich kurz vor den Spiegel trete, es vor mich hinhalte -und dann den Kopf schüttele. Nein, das paßt mir nicht, und es paßt auch nicht zu mir.
Schön, dieses Eintauchen in ein Bild. :-) Es erinnert mich an mein Empfinden, als ich zum ersten Mal den nun schon so oft zitierten Satz von Montaigne mit den flatternden Fahnen gelesen habe. Da hatte ich auch sofort das Gefühl: Das passt (zu) mir.
Auf dem Dachboden
Da ich mich vage erinnerte, habe ich nachgesehen und tatsächlich: Dem 9. Brief vom 20.5.2021 hatte ich den Titel „Positionsbestimmung“ gegeben. Ich weiß nicht, ob ich deswegen über Deine Überschrift irritiert war, glaube aber mehr, dass ich den Ausdruck charakteristischer für mich als für Dich finde und deswegen irritiert war. Und zwar genau aus dem Grunde, den Du oben schreibst. Er wirkt zackig und hart, was, wie ich finde, mehr meiner Art entspricht. Du hingegen schreibst weicher. Zwar sehr viel sicherer und selbstbestimmter als noch vor 6 Jahren, aber die weiche, weibliche Tonart ist, wie ich finde, geblieben.
Ach was. :-))) Das bezieht sich auf beides: Weder kann ich mich daran erinnern, dass wir den Titel schon einmal hatten, noch wäre ich je darauf gekommen, deine Schreibweise als hart und zackig zu empfinden, meine dagegen als weich und weiblich. Ich bin total perplex. Wie mein Stil auf andere wirkt, kann ich natürlich nicht beurteilen; deiner wirkt auf mich jedenfalls auf alle möglichen Arten, aber ganz gewiss nicht hart und zackig.
Bei der Positionsbestimmung denke auch ich zuerst an ein Schiff, obwohl ja Flugzeuge ebenfalls mit diesem Werkzeug arbeiten -und bei Flugzeugen dauert das Verweilen an einem Standort keine Sekunde :-). Ich habe mich noch weiter informieren lassen, weil mich die Sache interessierte. Beim Fliegen ist es tatsächlich so, dass man ständig Standortbestimmungen durchführt, denn würde man vom eingeschlagenen Kurs abkommen, so ginge das ziemlich rasch wegen der Geschwindigkeit. Bei Schiffen braucht man das nicht so häufig zu tun. Ja, und bei Menschen … ? Ich sah kürzlich Bilder, die man „Lebensstufen“ nennt, Treppen im Seitenschnitt, früher ab dem 17. Jahrhundert ein beliebtes Motiv und während des 18. und 19 Jahrhunderts hatten sie ihre Blütezeit. Sie zeigen Zehnerstufen, und ich hatte sofort die Idee, mein Leben in Zehnjahresstufen zu übersehen. Das ging intuitiv total schnell und ohne Überlegung. Ich habe nicht gemalt, auch nicht geschrieben, sondern einfach nur still gedacht :-). Es waren nur wenige, sehr wenige Ereignisse und das heißt, die Perspektive war eine aus weiter Ferne. Aus der Vogelperspektive. Der Raum war weit. Zur Zeit bin ich auf dem 7. Treppchen.
Von dieser Rückschau hast du schon einmal berichtet, wenn auch mit einem anderen Bild, an das ich mich aber nicht mehr erinnere (Perlen an einer Schnur kommen mir in den Sinn). Und damals wie heute ist mir das sehr fremd. Um auch mit einem Bild zu arbeiten: Für mich ist meine Vergangenheit ein sehr unordentlicher Dachboden, da wandert alles hin, was vergangen ist, und wird in der Regel nicht wieder in die Hand genommen. Ich brauche das für mein Leben unten im Haus nicht, deshalb kümmere ich mich darum nicht, und entsprechend sieht es auf dem Dachboden dann auch aus. Ich könnte also nur mit sehr viel Mühe ordentliche Häufchen daraus machen, um mir einen Überblick zu verschaffen, wozu ich aber gar keine Lust habe. Das ist jetzt sehr überspitzt formuliert, eben auch ganz schnell und intuitiv. Aber es ist wohl nicht ganz falsch, denn ich erinnere mich an etliche Diskussionen mit meinem Mann über dieses Thema. Er hat meine Einstellung zur Vergangenheit oder vielmehr meine kaum vorhandene Beziehung dazu sehr bedauert, denn er hatte das im Gegensatz zu mir immer präsent und ist sehr gern im Geiste darin herumgewandert. *** Nachtrag: Vielleicht ist der Dachboden aber auch fast leer? Weil das meiste, was dorthin wandert, sich sehr schnell verdünnisiert? Das gefällt mir!
Was sind das übrigens für Bilder von Lebensstufen in Form von Treppen, die du da gesehen hast? Mir fällt aus dem 19. Jahrhundert nur Caspar David Friedrichs Bild „Lebensstufen“ ein, aber das ist nicht treppenartig aufgebaut, zumindest nicht auf den ersten Blick.
B.
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