Liebe B.,
Was du meinst, hatte ich schon verstanden, aber mir ist nicht klar, wofür diese Unterscheidung von Realität und Wirklichkeit von Bedeutung ist. Mir erscheint sie trivial, aber wenn du sagst, du habest schon öfter mit Leuten darüber diskutiert, dann muss da ja irgendwas strittig sein. (Gerade in scheinbar trivialen Themen liegen ja oft ungeahnte Tücken verborgen.)
Achso :-). Ja, ich hatte vor dem Hintergrund einer Gleichsetzung geschrieben. Auf Deine Erläuterung, Wirklichkeit sei, was wirksam ist, folgte meine spontane Idee, dass genau hierin der Unterschied besteht. Es war so wie ein Aha-Erlebnis für mich, jetzt festzustellen, dass beides nicht dasselbe ist, und dass ich auch endlich den Grund hierfür gefunden habe. Der Gleichsetzung von Wirklichkeit und Realität, die ich öfter im Gespräch gehört hatte und für die argumentiert wurde, hatte ich nie etwas entgegenhalten können. Dies war also der Hintergrund, und wenn ich jetzt noch einmal überlege, warum mir selber die Unterscheidung wichtig ist, dann fällt mir ein Beispiel ein, das Du irgendwann vor einigen Jahren erwähnt hattest. Man geht auf dem Fußweg und die 3 jungen Leute, die miteinander ins Gespräch vertieft sind, machen keine Anstalten, beiseite zu treten, weil sie überhaupt nicht merken, dass jemand auf derselben Spurrille läuft wie sie. Man kann nun entweder selber einfach einen Schritt zur Seite gehen, um freie Bahn zu haben oder man echauffiert sich über die Rücksichtslosigkeit der jungen Leute. Es ging damals um die Realität und wie stark wir sie mit unseren Gedanken beeinflussen. Mit einem anderen Ausdruck kann man das, was die Situation für uns bedeutet, Indifferenz oder Ärger, auch als die Wirklichkeit bezeichnen. In einer Kurzformel, die mir gerade in den Kopf kommt: Wirklichkeit ist die interpretierte Realität.
Raumwahrnehmung
Als ich das las, fragte ich mich plötzlich, ob die Verbundenheit, von der ich geschrieben habe, und die Distanz, von der du schreibst, sich eigentlich gegenseitig ausschließen? Wobei die Antwort auf diese Frage spontan in Richtung „Nein“ ging. Die Verbundenheit, die ich manchmal spüre, geht längst nicht immer mit diesem Gefühl der Zärtlichkeit einher, das ich bei manchen Insekten habe. Bei Tieren, die dem Kindchenschema entsprechen, fällt es einem natürlich leichter, eine emotionale Verbindung herzustellen. Aber Spinnen z. B., obwohl ich mich mittlerweile einigermaßen an sie gewöhnt habe, lösen bei mir meistens immer noch eine instinktive Angst- und Ekelreaktion aus, und trotzdem empfinde ich sehr stark, dass wir uns diese Welt teilen. Nicht im Sinne von Teilung – ich hier und sie bitte nur dort, wo ich nicht bin! –, sondern im Sinne von Gemeinschaft. (Übrigens sehr interessant, dass du auf das Trennende bei dem Wort Teilen gekommen bist.) Das geht also nicht ausschließlich über Emotionen, sondern ist mehr wie das Anerkennen einer Tatsache.
Sehr schön :-). Ich fühle mich spontan entlastet. Es ist jedesmal dasselbe, dass ich mich bei Erzählungen über die Verbundenheit mit allem Lebendigen irgendwie als falsch und unliebevoll empfinde. So, als sei an der Stelle ein Defekt, der mich zu einem unsozialen Mitglied der Gesellschaft macht. Das ist jetzt ein bißchen übertrieben, weil ich weiß, dass es s o nicht ist. Aber wenn Du sagst, dass es ein unmittelbares zugeneigtes Gefühl bei Dir auch nicht immer ist, dann wird der Abstand zwischen unseren Empfindungen geringer.
Der entscheidende Punkt dabei ist für mich, dass ich mit dieser Anerkennung nicht den anderen Lebewesen einen Anteil an der (meiner) Welt zugestehe, sondern dass sich dadurch meine eigene Position in der Welt verändert. Deshalb ist es für mich auch nicht so wichtig, ob mir dieses oder jenes Wesen sympathisch ist, das da plötzlich in meinem Gesichtskreis auftaucht. Sondern ich bin aus dem Mittelpunkt herausgetreten, und dadurch wird meine Welt plötzlich sehr viel größer.
Ja, diesen Aspekt verstehe ich auf Anhieb, und außerdem kann ich ihn nachvollziehen. Der Raum wird nicht enger, weil man die Lebewesen näher an sich heranzieht, sondern der Raum wird weiter, weil alle Lebewesen einschließlich der Menschen an ihrem Ort verbleiben. Oder anders und noch treffender: Der Raum verändert sich unter den Perspektiven gar nicht. Er ist immer gleich groß. Wenn ich ihn gefüllt sehe von allem Lebendigen einschließlich des Menschen, dann verringert sich die vorher verdrängende Größe des Menschen. Hm, man könnte es vielleicht auch die Vogelperspektive nennen, die dadurch ermöglicht wird. Das gefällt mir sehr gut!
Ein „weißes Blatt Papier“ zu haben ist ja nicht das Schlechteste. Erst einmal so zu stocken ist ja manchmal besser, als sofort mit irgendwelchen fertigen (überholten) Statements zu kommen. Aber festhalten möchte ich doch, dass du vor 5 oder 6 Jahren also immerhin so etwas wie ein Lebens- und Weltgefühl gehabt hast. :-) Denn wenn du schreibst, dass dir ein solcher Perspektivwechsel noch nie in den Sinn gekommen ist, dann klingt das für mich erst einmal so, als ob du total in dir selbst befangen durch die Welt gehst, ohne einen Blick dafür, was rechts und links von dir ist. Als ob nicht du in der Welt bist, sondern sich deine ganze Welt in dir selbst befindet. Wobei es natürlich sein kann, dass das tatsächlich so ist und dass es auch bei mir früher so gewesen ist. Jedenfalls hatte ich eben das Gefühl, dass sich meine Öffnung erst entwickelt hat, also nicht schon immer dagewesen ist. Aber wann diese Entwicklung eingesetzt hat, weiß ich nicht.
Verständnisfrage: „Das berührt weder mein Lebensgefühl noch nehme ich es in meiner Beziehung zum Mikrokosmos wahr …“ – die Verneinung verstehe ich nicht, denn du fährst dann ja mit der Bejahung fort, dass du nun doch ein Gefühl dafür bekommst. Worauf bezieht sich also die Verneinung?
Unter dem Lebensgefühl verstehe ich etwas Grundlegendes, es ist eine Art Fundament, auf dem man steht. Eine die Wirklichkeit durchdringende Befindlichkeit. Ja, vor ungefähr 5 oder 6 Jahren habe ich mein Lebensgefühl in dem Bild eines auf der Wiese alleine ausgesetzten Kindes ausgedrückt. Das hätte ich jetzt wiedergekäut, obwohl es nicht mehr das zutreffende Bild ist. Ein neues jedoch habe ich nicht. Die Welt in mir? Nein, so empfinde ich meinen Platz in der Welt nicht. Eher schon die Welt außerhalb von mir, aber „sitzen“ wie ein maßgeschneidertes Kleid tut dieses Bild ebenfalls nicht.
Ein „Gefühl für etwas bekommen“ ist noch kein Lebensgefühl, es ist nur erst einmal wie eine zaghafte Annäherung. Ach, das Kleiderbild gefällt mir. Das Symbol des Yin und Yang ist wie die Anprobe eines neuen Kleides. Ja, ich probiere, wie fühlt es sich beim Tragen an, wie sehe ich darin aus, steht es mir, fühle ich mich in ihm wohl? Die Welt in mir dagegen, das ist ein Kleid, mit dem ich kurz vor den Spiegel trete, es vor mich hinhalte -und dann den Kopf schüttele. Nein, das paßt mir nicht, und es paßt auch nicht zu mir.
Auf jeden Fall bist du in der Welt, und selbst dein Gefühl der Unverbundenheit (negativ ausgedrückt) bzw. der tabula rasa (eher neutral ausgedrückt) ist ja ein Weltverhältnis. Auch in der Distanz ist ihr Gegenteil, die Verbundenheit, anwesend, weil sie sich aufeinander beziehen, wie du gerade so schön dargelegt hast.
Sehr schön. Diese „Kleinigkeit“ war mir natürlich entgangen :-).
Positionbestimmung
Als ich eben zum Schluss die Überschrift gesetzt habe, dachte ich plötzlich, dass das Wort vielleicht doch nicht so passend ist. „Positionsbestimmung“ klingt so statisch, so eindeutig, so festgelegt. Hier, auf diesen oder jenen Koordinaten befinde ich mich – zack, die Nadel reingepinnt. Aber dann dachte ich an ein Schiff auf hoher See, das seine Koordinaten durchgibt; aber noch während es das tut, ist es ja schon wieder ein Stück weiter, so dass sich diese Positionsbestimmung immer nur auf einen Moment in der Vergangenheit bezieht, während die Gegenwart noch unbestimmt und offen ist. Da gefiel mir das Wort dann wieder doch.
Da ich mich vage erinnerte, habe ich nachgesehen und tatsächlich: Dem 9. Brief vom 20.5.2021 hatte ich den Titel „Positionsbestimmung“ gegeben. Ich weiß nicht, ob ich deswegen über Deine Überschrift irritiert war, glaube aber mehr, dass ich den Ausdruck charakteristischer für mich als für Dich finde und deswegen irritiert war. Und zwar genau aus dem Grunde, den Du oben schreibst. Er wirkt zackig und hart, was, wie ich finde, mehr meiner Art entspricht. Du hingegen schreibst weicher. Zwar sehr viel sicherer und selbstbestimmter als noch vor 6 Jahren, aber die weiche, weibliche Tonart ist, wie ich finde, geblieben.
Bei der Positionsbestimmung denke auch ich zuerst an ein Schiff, obwohl ja Flugzeuge ebenfalls mit diesem Werkzeug arbeiten -und bei Flugzeugen dauert das Verweilen an einem Standort keine Sekunde :-). Ich habe mich noch weiter informieren lassen, weil mich die Sache interessierte. Beim Fliegen ist es tatsächlich so, dass man ständig Standortbestimmungen durchführt, denn würde man vom eingeschlagenen Kurs abkommen, so ginge das ziemlich rasch wegen der Geschwindigkeit. Bei Schiffen braucht man das nicht so häufig tun. Ja, und bei Menschen … ? Ich sah kürzlich Bilder, die man „Lebensstufen“ nennt, Treppen im Seitenschnitt, früher ab dem 17. Jahrhundert ein beliebtes Motiv und während des 18. und 19 Jahrhunderts hatten sie ihre Blütezeit. Sie zeigen Zehnerstufen, und ich hatte sofort die Idee, mein Leben in Zehnjahresstufen zu übersehen. Das ging intuitiv total schnell und ohne Überlegung. Ich habe nicht gemalt, auch nicht geschrieben, sondern einfach nur still gedacht :-). Es waren nur wenige, sehr wenige Ereignisse und das heißt, die Perspektive war eine aus weiter Ferne. Aus der Vogelperspektive. Der Raum war weit. Zur Zeit bin ich auf dem 7. Treppchen.
F.
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