Liebe F.,
Trivial?
Vielleicht nehme ich zur Verdeutlichung ein anderes Beispiel. Angenommen, Du beträtest meine Wohnung, gingest zu einem der Fenster, die hinten in den Hof blicken lassen und sagst erstaunt „ah, da rechts neben der Magnolie steht ja ein Walnussbäumchen!“ Dann würde ich daraufhin sagen „ach, den habe ich noch nie gesehen“. Die Realität, die man per Fotografie ablichtet oder ablichten könnte, würde ein Walnussbäumchen neben einer Magnolie zeigen. Meine Wirklichkeit, das, was auf mich wirkt, ereignet sich ohne dieses Walnussbäumchen, weil ich es nie bewußt zur Kenntnis genommen habe. Einfach übersehen habe ich es die ganze Zeit. Mit dem Wäschetrockner verhält es sich vergleichbar. Du betrittst meine Küche und rufst aus „Oh, du hast keinen Wäschetrockner! In jeden modernen Haushalt gehört ein Wäschetrockner“. Die Realität ist die Küche ohne einen Wäschetrockner, auch hiervon könnte man ein Bild anfertigen zu ihrem Beweis. Meine Wirklichkeit jedoch kommt hundertprozentig ohne den Wäschetrockner aus, weil ich nie daran denke, es könnte überhaupt in meiner Küche ein solches Gerät stehen.
Was du meinst, hatte ich schon verstanden, aber mir ist nicht klar, wofür diese Unterscheidung von Realität und Wirklichkeit von Bedeutung ist. Mir erscheint sie trivial, aber wenn du sagst, du habest schon öfter mit Leuten darüber diskutiert, dann muss da ja irgendwas strittig sein. (Gerade in scheinbar trivialen Themen liegen ja oft ungeahnte Tücken verborgen.)
Positionsbestimmung
Ja, dass es um die Verbundenheit mit der Welt geht, das hatte ich auch so verstanden. Ich habe länger überlegt, ob ich nicht doch irgendwas, ein Tier zum Beispiel finde, aber mir ist diese Art von Beziehung fremd. Am ehesten noch so, wie man das Verhältnis von Menschen zu Tieren manchmal beschreibt, wenn die Tiere Kindchenschema und wuscheliges Fell haben. Die finde ich anziehend und niedlich. Ansonsten würde ich meine Beziehung zu den Tieren als distanziert bezeichnen.
Als ich das las, fragte ich mich plötzlich, ob die Verbundenheit, von der ich geschrieben habe, und die Distanz, von der du schreibst, sich eigentlich gegenseitig ausschließen? Wobei die Antwort auf diese Frage spontan in Richtung „Nein“ ging. Die Verbundenheit, die ich manchmal spüre, geht längst nicht immer mit diesem Gefühl der Zärtlichkeit einher, das ich bei manchen Insekten habe. Bei Tieren, die dem Kindchenschema entsprechen, fällt es einem natürlich leichter, eine emotionale Verbindung herzustellen. Aber Spinnen z. B., obwohl ich mich mittlerweile einigermaßen an sie gewöhnt habe, lösen bei mir meistens immer noch eine instinktive Angst- und Ekelreaktion aus, und trotzdem empfinde ich sehr stark, dass wir uns diese Welt teilen. Nicht im Sinne von Teilung – ich hier und sie bitte nur dort, wo ich nicht bin! –, sondern im Sinne von Gemeinschaft. (Übrigens sehr interessant, dass du auf das Trennende bei dem Wort Teilen gekommen bist.) Das geht also nicht ausschließlich über Emotionen, sondern ist mehr wie das Anerkennen einer Tatsache.
Der entscheidende Punkt dabei ist für mich, dass ich mit dieser Anerkennung nicht den anderen Lebewesen einen Anteil an der (meiner) Welt zugestehe, sondern dass sich dadurch meine eigene Position in der Welt verändert. Deshalb ist es für mich auch nicht so wichtig, ob mir dieses oder jenes Wesen sympathisch ist, das da plötzlich in meinem Gesichtskreis auftaucht. Sondern ich bin aus dem Mittelpunkt herausgetreten, und dadurch wird meine Welt plötzlich sehr viel größer.
:-) Ja, die „Billionen“ sind beeindruckend. Ich habe die Zahl mit wievielen Nullen? in letzter Zeit nur in Verbindung mit Geldsummen gelesen. Mir vorzustellen oder überhaupt auf die Idee mir vorzustellen, wie andere Lebewesen meine oder die menschliche Welt erleben, welches ihre Perspektive darauf sein könnte, das ist mir noch nie in den Sinn gekommen. Lustig, spontan fallen mir lediglich meine 3 Zimmerpflanzen ein, bei denen ich manchmal denke, wie sich die Wärme und das Licht für sie anfühlen. Ich habe nun überlegt, ob ich mein „Gefühl“, wie ich mich in der Welt befinde, beschreiben könnte. Im Moment kann ich nur sagen, dass ich es nicht weiß :-). Es ist wie eine „tabula rasa“. Was ich tun könnte, das wäre mein Lebensgefühl so zu beschreiben, wie ich es vor 5 oder 6 Jahren getan habe. Allerdings wäre das ein Wiederkäuen dessen, was einmal so war -und ob das nun gegenwärtig überhaupt noch zutrifft, das weiß ich nicht. Das ist ähnlich dem Selbstbild, das man zu irgendeinem Zeitpunkt festlegt und dieses Bild wird dann zum unveränderlichen Bild, indem man es immer wieder neu malt. Darüber haben wir ja öfter gesprochen. Deswegen achte ich jetzt darauf, nicht aus Gewohnheit aufs Alte zurückzugreifen, sondern lieber hinzusehen, wie es jetzt ist. Wie ich mich in der Welt befinde, das ist also vergleichbar einem weißen Blatt Papier. Jedenfalls, was ich bewußt wahrnehme, sodaß ich es äußern könnte.
Ein „weißes Blatt Papier“ zu haben ist ja nicht das Schlechteste. Erst einmal so zu stocken ist ja manchmal besser, als sofort mit irgendwelchen fertigen (überholten) Statements zu kommen. Aber festhalten möchte ich doch, dass du vor 5 oder 6 Jahren also immerhin so etwas wie ein Lebens- und Weltgefühl gehabt hast. :-) Denn wenn du schreibst, dass dir ein solcher Perspektivwechsel noch nie in den Sinn gekommen ist, dann klingt das für mich erst einmal so, als ob du total in dir selbst befangen durch die Welt gehst, ohne einen Blick dafür, was rechts und links von dir ist. Als ob nicht du in der Welt bist, sondern sich deine ganze Welt in dir selbst befindet. Wobei es natürlich sein kann, dass das tatsächlich so ist und dass es auch bei mir früher so gewesen ist. Jedenfalls hatte ich eben das Gefühl, dass sich meine Öffnung erst entwickelt hat, also nicht schon immer dagewesen ist. Aber wann diese Entwicklung eingesetzt hat, weiß ich nicht.
Entschuldige, dass ich jetzt unversehens von der Seelenruhe zu Adorno rüberspringe :-). Das Yin- und Yang-Symbol veranschaulicht, wie ich finde, perfekt sein Modell von der Negation der Negation. Mit jeder Setzung wird ein anderer Teil gesetzt, der die Setzung nicht ist, sondern das Gegenteil von ihr. Aus diesem Grunde sind beide Teile nicht unabhängig voneinander, sondern bedingen einander gegenseitig. In jedem der beiden Teile ist zugleich ihr Gegenteil enthalten. Das war ein superkurzer Exkurs, den ich gerne einfügen wollte, weil ich das erste Mal wirklich verstanden habe, was Adorno meint. Mit Bildern, hier dem Yin-Yang-Symbol, erschließen sich logische Gedanken manchmal auf Anhieb.
:-))) 👍
Wenn ich an mich denke, dann gefällt mir das Symbol auch ausgezeichnet, weil man mit ihm die verschiedenen einander widerstreitenden (Seelen-) Regungen veranschaulichen kann. Die Ängste und die Aufregungen, die nun mal da sind und sich nicht per Willensentschluß vertreiben lassen, werden nicht abgespalten, sondern sind in der Seele untereinander verbunden. Die Ruhe bildet den Gegenpol zur Unruhe/Aufregung. Eines bringt das andere hervor und das Neue, es ist im jeweils anderen enthalten. Das heißt, auch auf das innere Erleben bezogen, symbolisiert Yin und Yang Vollständigkeit und Verbundenheit. Und in einem letzten Gedankenschritt stelle ich fest, dass mir die Verbundenheit mit allem, was ist, die tabula rasa, über das Symbol gar nicht mehr wie eine leere Tafel scheint. Das berührt weder mein Lebensgefühl noch nehme ich es in meiner Beziehung zum Mikrokosmos wahr -was den größeren, den geteilten Lebensraum angeht, der nun nicht mehr nur Lebewesen, sondern auch Häuser und Straßen, von Menschen Erschaffenes, umfaßt, bekomme ich ein Gefühl dafür :-).
Verständnisfrage: „Das berührt weder mein Lebensgefühl noch nehme ich es in meiner Beziehung zum Mikrokosmos wahr …“ – die Verneinung verstehe ich nicht, denn du fährst dann ja mit der Bejahung fort, dass du nun doch ein Gefühl dafür bekommst. Worauf bezieht sich also die Verneinung?
Auf jeden Fall bist du in der Welt, und selbst dein Gefühl der Unverbundenheit (negativ ausgedrückt) bzw. der tabula rasa (eher neutral ausgedrückt) ist ja ein Weltverhältnis. Auch in der Distanz ist ihr Gegenteil, die Verbundenheit, anwesend, weil sie sich aufeinander beziehen, wie du gerade so schön dargelegt hast.
Ja, das Yin-Yang-Symbol ist toll, man kann darüber endlos philosophieren und erschöpft es doch nicht in seiner Tiefe und gleichzeitigen Einfachheit. Und außerdem finde ich es auch optisch sehr schön. Es strahlt sowohl Bewegung als auch Ruhe aus, sowohl Geschlossenheit als auch Durchdringung, sowohl Einheit als auch Vielfalt.
Als ich eben zum Schluss die Überschrift gesetzt habe, dachte ich plötzlich, dass das Wort vielleicht doch nicht so passend ist. „Positionsbestimmung“ klingt so statisch, so eindeutig, so festgelegt. Hier, auf diesen oder jenen Koordinaten befinde ich mich – zack, die Nadel reingepinnt. Aber dann dachte ich an ein Schiff auf hoher See, das seine Koordinaten durchgibt; aber noch während es das tut, ist es ja schon wieder ein Stück weiter, so dass sich diese Positionsbestimmung immer nur auf einen Moment in der Vergangenheit bezieht, während die Gegenwart noch unbestimmt und offen ist. Da gefiel mir das Wort dann wieder doch.
B.
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