Brief 254 | Geteilte Welt

Liebe F.,

Geteilte Welt

Was für eine tolle Erklärung, wie man „Wirklichkeit“ verstehen kann. Nämlich wörtlich. Mir ist dieses Verständnis noch nie, glaube ich, über den Weg gelaufen. Das, was wirksam ist. Übrigens könnte man von dieser Erklärung ausgehend, auch mühelos zu einer Erklärung des Unterschiedes zwischen dem, was man unter „Realität“ und dem, was man unter „Wirklichkeit“ versteht, übergehen. Die Realität ist, dass kein Wäschetrockner in meiner Küche steht :-); die Wirklichkeit ist, dass ein Wäschetrockner, als fehlend oder vorhanden, in meiner Wirklichkeit nicht auftaucht. Meine Wirklichkeit ist indifferent dem Wäschetrockner gegenüber. Ich bin sehr angetan, denn wie oft habe ich über diesen Unterschied mit anderen Menschen gesprochen oder auch darüber gelesen, und dies ist nicht nur eine ganz einfache Erklärung, die sich am Wort orientiert, sondern sie beinhaltet zudem die Möglichkeit der Unterscheidung zur „Realität“.

Worte wörtlich zu nehmen ist bei mir oft der erste Ansatz (eines meiner Lieblingsbücher ist das etymologische Wörterbuch! :-)), insofern finde ich das naheliegend. Aber ich glaube nicht, dass dieses Verständnis von Wirk-lichkeit auf meinem eigenen Mist gewachsen ist, das habe ich bestimmt auch schon irgendwo gelesen.

Du hast schon oft mit Leuten über den Unterschied von Wirklichkeit und Realität gesprochen oder darüber gelesen? Das ist nun wiederum ein Thema, das mir gänzlich unbekannt ist. Und ich verstehe auch überhaupt nicht, worum es dabei gehen soll, wofür dieser Unterschied bedeutsam ist, auch mit deinem Beispiel des Wäschetrockners nicht. Kannst du das noch ein wenig mehr ausführen?

Es ist gut, dass Du Deinen Verdacht des Solipsismus ein zweites Mal erwähnst :-). Und bei Dir, wenn Du für Dich sprichst, tritt ein zweites Mal „mittendrin“ auf. Wenn ich es näher überlege, dann meine ich zwar auch, dass alles mit allem verbunden ist, dass „innen“ und „außen“ unzutreffende Begriffe sind, aber ich fühle diese Vernetztheit meiner selbst mit dem mich Umgebenden nicht, nicht „wirklich“. Es ist eine Annahme, die hauptsächlich im Kopf bleibt, eine Annahme, die ich für plausibel halte. „So wird es schon sein“. Du hast recht, in allem, was ich über die Wirklichkeit schreibe, kommt zum Ausdruck, dass ich der Wahrnehmung, dem Bewußtsein eine dominierende Rolle einräume. Die Verbundenheit oder die Vernetztheit meiner und aller Personen entspricht nicht meinem Empfinden, obwohl ich sie theoretisch für zutreffend halte. Eine interessante Beobachtung! Das war mir gar nicht klar.

Es geht mir dabei, um das deutlich zu sagen, nicht nur um die Verbundenheit mit allen Personen, sondern überhaupt mit allem, was da ist. Inwieweit das bei mir mehr ist als eine theoretische Einsicht, also tatsächlich ein Lebensgefühl, weiß ich nicht, da komme ich erst einmal ins Grübeln. Spontan fällt mir dazu ein, dass ich bei meinen Fototouren oft, wenn ich so ein kleines unscheinbares Insekt sehe, wie es da geschäftig herumkrabbelt, mit einer gewissen Zärtlichkeit denke (oder oft auch sage, denn ich rede manchmal mit ihnen): Du lebst dein kleines Leben, genau wie ich. Und dann fühle ich tatsächlich eine Verbundenheit und Ähnlichkeit mit diesem kleinen Wesen. Aber das ist natürlich nur sehr punktuell.

Aber gerade diese Insektenfotografiererei hat mir die Augen dafür geöffnet, mit wie vielen Lebewesen wir diese Welt teilen, selbst einen so durch und durch menschengeprägten Lebensraum wie die Stadt. Das ist nicht nur mein Lebensraum und der der anderen Menschen und meinetwegen noch der viel zu vielen Hunde und Katzen. Sondern hier leben Millionen anderer Lebewesen direkt neben mir, von denen ich im Regelfall überhaupt nichts mitbekomme. Und selbst in mir drinnen, beispielsweise in meinem Darm, leben ja Millionen anderer Lebewesen – was ich nicht zum ersten Mal erzähle, denn das fasziniert mich sehr. ***Update: Ups – von wegen Millionen … Laut Wikipedia wird ein gesunder Mensch von ca. 39 Billionen! Mikroorganismen bewohnt.*** Oder wenn ich Vögel über der Stadt fliegen sehe, denke ich oft, dass sich dieser Lebensraum, den ich für so selbstverständlich halte, für sie völlig anders ausnimmt, ganz andere Strukturen hat, mit ganz anderen Orientierungspunkten versehen ist etc. Keine der beiden Sichtweisen hat irgendeinen Vorrang vor der anderen; die Welt, die ich so sehr als meine empfinde, mit ihren Straßen und Häusern und Bussen und Supermärkten, ist überhaupt nicht meine, ich teile sie.

Aber ich schweife ab und weiß gar nicht, ob ich überhaupt noch beim Thema bin.

 

Yin und Yang

Ich schreibe die zentrale Eigenschaft, die ich mit dem Ausdruck verbinde, und das ist Unaufgeregtheit. Ja, gleichgültig, in welcher Situation man sich befindet, man ist ruhig und gleich-mütig. Also im Gleichgewicht. Was mir im Zusammenhang mit dem, was Du vorher geschrieben hast, einfällt, das ist … nicht Statik oder Eingeschränktheit, sondern möglicherweise kommt der Aspekt des „Mittendrinseins“ zu kurz bei der Seelenruhe? Geh’ in den Regen. Erlebe ihn. Das von Dir beschriebene Bild in der S-Bahn zeigt, wie ich finde, gut, wofür Du die Ausdrücke „statisch“ usw. verwendet hast. Man sitzt „unbewegt“, unbeeinflußt und unberührt von der Welt um sich herum, einfach nur da und konzentriert sich ruhig auf das eigene Tun. Mich zieht dieser Gedanke derzeit an, aber vor dem Hintergrund dessen, was Du geschrieben hast, meine ich verstehen zu können, was Du mit dem „darüber hinausgehen“ meinen könntest. Es ist eine Abgeschlossenheit, Verschlossenheit in der Situation in der S-Bahn. Ich alleine -und drumherum der Rest der Welt. Der Fels in der Brandung. Die Seelenruhe wäre somit verknüpft mit einer starken Grenzziehung, die Du ja gerade nicht möchtest bzw. auch nicht empfindest. Wenn ich für mich noch ein wenig weiter überlege, dann geht es nicht nur um die Unaufgeregtheit angesichts äußeren Trubels, sondern hauptsächlich immer noch um die innere Ausgeglichenheit und Ruhe. Einen sicheren Punkt in mir, der von den hastigen Gedanken drumherum nicht berührt wird. Das S-Bahn-Bild auf das Innenleben übertragen, ins Innenleben verlegt … so würde ich sagen.

Ich habe jetzt länger darüber nachgedacht, welcher der vielen Begriffe, die du da von mir zitierst oder selbst ins Spiel bringst, es denn nun trifft, was ich meine, komme aber zu keinem befriedigenden Ergebnis. Daraus schließe ich, dass ich das Thema selbst noch nicht richtig durchdacht habe, sondern mich ihm erst nur annähere. Langweilig finde ich Seelenruhe jedenfalls nicht, ganz im Gegenteil, für mich ist sie immer noch ein sehr erstrebenswertes Ziel. Mir geht es mehr darum, „vollständiger“ zu werden. Ich glaube, das hatten wir schon mal. Das Yin- und Yang-Symbol fällt mir ein, das zwar eine Einheit bildet, aber in sich immer auch das Gegenteil enthält, im Weißen das Schwarz und im Schwarzen das Weiß. Dass du das S-Bahn-Bild als unbewegt und unberührt gedeutet hast, zeigt ja, wo die Seelenruhe im Extremfall landen kann, nämlich bei der Gleichgültigkeit. Vielleicht könnte man sagen, dass ich mich mehr berühren lassen möchte – ohne dabei allerdings die Seelenruhe zu verlieren. Es gehört wohl im weitesten Sinne mit zum Komplex der Öffnung den Menschen gegenüber, eine Entwicklung, die nach dem Tod meines Mannes eingesetzt hat.

So stelle ich mir vor, dass auch du „vollständiger“ werden möchtest, in dem Sinne, dass dein Verhaltensrepertoire größer wird und du nicht jeder Aufgeregtheit und jeder Angst hilflos ausgeliefert bist. Das hätte dann eine sehr viel konkretere, existenziellere Bedeutung für dich als meine eher abstrakte Beschäftigung damit.

B.

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