Liebe B.,
[…] Auf jeden Fall ist dieses Verhalten also etwas, was alle Lebewesen mehr oder minder gemeinsam haben, würde ich sagen, während ich gedacht hatte, du wolltest auf eine Besonderheit deines eigenen, ganz persönlichen Lebensverhaltens hinaus. So hatte dein Satz für mich geklungen, den ich ja nur halb zitiert hatte. Vollständig lautet er:
Mein ganzes Bewußtsein ist darauf ausgerichtet, wie ich mich wohl(er) befinden kann -und das wiederum tue ich, indem ich versuche, meine Empfindungen und meine Gedanken ohne Umwege anzusehen und zu fühlen.
Und das hörte sich für mich schon nach etwas mehr als biologischem Automatismus an.
Aber ich lasse das jetzt auch einfach so stehen, ohne es weiter zu zerdenken. Vielleicht ist es ja einfach beides bei dir und man kann das gar nicht so genau aufdröseln. Muss man ja auch nicht … :-)
Nein, das muß man nicht, aber weil Du jetzt noch einmal den vollständigen Satz von mir zitiert hast, kann ich erläuternd dazu sagen, dass ich mit dem zweiten Teil des Satzes sagen wollte, wie verfahre. Die Methode, die nichts weiter beinhaltet als das, was da ist, zur Kenntnis zu nehmen und zu akzeptieren. Dies wiederum ist das Mittel der Wahl, zu einem Einverständnis mit mir zu kommen. Wenn das Wohl-er-befinden am stärksten, wie ich denke, durch ein inneres Gespanntsein gestört ist, dann löst die Ent-zweiung das Nicht-Wohlbefinden. So simpel augedrückt wie es simpler nicht geht: Aus 2 mache 1 :-).
Mittendrin
Zumindest aus dem, was Du an dieser Stelle über die Wirklichkeit schreibst, schließe ich, dass Wirklichkeit für Dich etwas ist, das wie ein Abstraktes „an sich“ existiert. Wirklichkeit ist das, was wir nicht denken, nicht fühlen, nicht wissen. Ein Unbekanntes, das wir trotzdem mit diesem Begriff benennen. Seltsam, wir sind bisher noch nie darüber gestolpert.
Du hast mich hier also beim unerkennbaren „Ding an sich“ verortet, und ich hatte gedacht, du seist jetzt unter die radikalen Solipsisten gegangen! :-) Ja, das wäre in der Tat seltsam gewesen, wenn wir darüber im Laufe der Jahre nicht irgendwann gestolpert wären.
Also den Begriff „Solipsismus“ habe ich nachsehen müssen. Irgendwie ist das auch lustig mit solchen Begriffen. Sie sind wie Schubladen, auf denen vorne der Begriff steht und man weiß -falls man nicht nachsehen muß- was drin ist – so wie bei Strümpfen, Besteck oder Nähzeug. Es verkürzt und vereinfacht die Zuordnung. „Bist du Solipsist“ – „ja“, das ähnelt der Nachfrage, ob man einen Kaffee trinken möchte :-)). Ich weiß auch nicht, warum mir diese profanen Vergleiche jetzt einfallen.
Aber ich verstehe, wie du darauf gekommen bist. Wenn ich sage „Gedanken sind nicht die Wirklichkeit“, dann ist das natürlich Quatsch, da habe ich auch was unterschlagen. Unter Wirklichkeit verstehe ich, wie ich im letzten Brief ja schon angedeutet hatte, unbedingt auch unsere Gedanken. Und selbstverständlich auch alles, was wir fühlen und wissen. „Wirklichkeit“ ist uns nicht unbekannt, ganz im Gegenteil, sie ist nach meinem Verständnis ja gerade das, mit dem wir ständig umgehen. Ich verstehe den Begriff ganz wörtlich, als das, was auf mich einwirkt und auf das ich einwirke. Wir stehen zueinander in Beziehung, wobei das auch falsch ausgedrückt ist, denn ich bin ein untrennbarer Teil dieser Wirklichkeit, es gibt da keine prinzipielle Grenze zwischen „mir“ auf der einen Seite und dem „Rest der Wirklichkeit“ auf der anderen, und dann stelle ich eine Beziehung her. Ich bin ja immer schon mittendrin.
Was für tolle Erklärung, wie man „Wirklichkeit“ verstehen kann. Nämlich wörtlich. Mir ist dieses Verständnis noch nie, glaube ich, über den Weg gelaufen. Das, was wirksam ist. Übrigens könnte man von dieser Erklärung ausgehend, auch mühelos zu einer Erklärung des Unterschiedes zwischen dem, was man unter „Realität“ und dem, was man unter „Wirklichkeit“ versteht, übergehen. Die Realität ist, dass kein Wäschetrockner in meiner Küche steht :-); die Wirklichkeit ist, dass ein Wäschetrockner, als fehlend oder vorhanden, in meiner Wirklichkeit nicht auftaucht. Meine Wirklichkeit ist indifferent dem Wäschetrockner gegenüber. Ich bin sehr angetan, denn wie oft habe ich über diesen Unterschied mit anderen Menschen gesprochen oder auch darüber gelesen, und dies ist nicht nur eine ganz einfache Erklärung, die sich am Wort orientiert, sondern sie beinhaltet zudem die Möglichkeit der Unterscheidung zur „Realität“.
Ja genau, das gehört für mich zur Wirklichkeit dazu. Und es ist mir absolut schleierhaft, wie man diesen Teil unterschlagen kann. :-) Wobei ich mir jetzt plötzlich nicht so sicher bin, ob wir hier wirklich dasselbe meinen. Denn „Wahrnehmung“ klingt schon wieder so nach „Innenwelt“. Natürlich weiß ich nur dann von etwas in der Welt, wenn es auf irgendeine Weise in meine Wahrnehmung oder in mein Bewusstsein fällt. Aber ich habe im Laufe der Jahre gemerkt, dass ich immer weniger weiß, wo ich die Grenze zwischen „innen“ und „außen“ ziehen soll … Wie gesagt: Nach meinem Verständnis bin ich mittendrin.
Es ist gut, dass Du Deinen Verdacht des Solipsismus ein zweites Mal erwähnst :-). Und bei Dir, wenn Du für Dich sprichst, tritt ein zweites Mal „mittendrin“ auf. Wenn ich es näher überlege, dann meine ich zwar auch, dass alles mit allem verbunden ist, dass „innen“ und „außen“ unzutreffende Begriffe sind, aber ich fühle diese Vernetztheit meiner selbst mit dem mich Umgebenden nicht, nicht „wirklich“. Es ist eine Annahme, die hauptsächlich im Kopf bleibt, eine Annahme, die ich für plausibel halte. „So wird es schon sein“. Du hast recht, in allem, was ich über die Wirklichkeit schreibe, kommt zum Ausdruck, dass ich der Wahrnehmung, dem Bewußtsein eine dominierende Rolle einräume. Die Verbundenheit oder die Vernetztheit meiner und aller Personen entspricht nicht meinem Empfinden, obwohl ich sie theoretisch für zutreffend halte. Eine interessante Beobachtung! Das war mir gar nicht klar.
Der Fels in der Brandung
Diese Unterscheidung von „Lebensfreude“ und „lebensfroh“ finde ich sehr schön, ich kann sie sehr gut nachvollziehen. Wobei eine gewisse Lebensfreude vermutlich daraus folgt, wenn man generell lebensfroh ist.
Ja :-).
Meine Assoziation bei „Seelenruhe“ war spontan ein Mensch, der in einer vollen, lauten S-Bahn sitzt und seelenruhig sein Buch liest. Das wäre dann mehr die Alltagsverwendung des Wortes. Auf jeden Fall geht es mir gerade andersherum als dir: Früher war Seelenruhe ein großes Ziel für mich, aber inzwischen nicht mehr so sehr. Ich weiß nicht, ob der Gedanke vermessen ist, aber ich kann mir vorstellen, dass das daran liegt, dass ich diese Seelenruhe bis zu einem gewissen Grade erreicht habe. Und nun habe ich das Gefühl, als ob ich darüber hinausgehen müsste oder möchte, weil das sonst zu statisch, einseitig, eingeschränkt wird.
Ich schreibe die zentrale Eigenschaft, die ich mit dem Ausdruck verbinde, und das ist Unaufgeregtheit. Ja, gleichgültig, in welcher Situation man sich befindet, man ist ruhig und gleich-mütig. Also im Gleichgewicht. Was mir im Zusammenhang mit dem, was Du vorher geschrieben hast, einfällt, das ist … nicht Statik oder Eingeschränktheit, sondern möglicherweise kommt der Aspekt des „Mittendrinseins“ zu kurz bei der Seelenruhe? Geh’ in den Regen. Erlebe ihn. Das von Dir beschriebene Bild in der S-Bahn zeigt, wie ich finde, gut, wofür Du die Ausdrücke „statisch“ usw. verwendet hast. Man sitzt „unbewegt“, unbeeinflußt und unberührt von der Welt um sich herum, einfach nur da und konzentriert sich ruhig auf das eigene Tun. Mich zieht dieser Gedanke derzeit an, aber vor dem Hintergrund dessen, was Du geschrieben hast, meine ich verstehen zu können, was Du mit dem „darüber hinausgehen“ meinen könntest. Es ist eine Abgeschlossenheit, Verschlossenheit in der Situation in der S-Bahn. Ich alleine -und drumherum der Rest der Welt. Der Fels in der Brandung. Die Seelenruhe wäre somit verknüpft mit einer starken Grenzziehung, die Du ja gerade nicht möchtest bzw. auch nicht empfindest. Wenn ich für mich noch ein wenig weiter überlege, dann geht es nicht nur um die Unaufgeregtheit angesichts äußeren Trubels, sondern hauptsächlich immer noch um die innere Ausgeglichenheit und Ruhe. Einen sicheren Punkt in mir, der von den hastigen Gedanken drumherum nicht berührt wird. Das S-Bahn-Bild auf das Innenleben übertragen, ins Innenleben verlegt … so würde ich sagen.
Nochmal zurück zum Wunsch „darüber hinauszugehen“. Ich hatte den verknüpfenden Punkt spontan im „mittendrin“ vermutet. Wenn ich nun das eindrückliche S-Bahn-Bild, mich und die Seelenruhe verbinde, dann könnte man vielleicht auch sagen, ein Zustand der Seelenruhe sei einfach langweilig. Man langweilt sich in der Beständigkeit der Ruhe :-). Darüber hinausgehen würde nicht bedeuten, sich vom umgebenden Trubel stören und in ihn hineinziehen zu lassen; auf diese Weise wäre man zwar mittendrin, aber eben genauso unruhig wie’s draußen zugeht. Vielleicht geht es darum, mehr Einfluß darauf zu haben, wo man eintaucht und mit-lebt und in welchen Situationen man sich entzieht und lieber „außen vor“ bleibt …
Daran, wie kompliziert ich die letzten Sätze gebildet habe, sieht man schon, dass ich diesen Gedanken noch nicht so richtig durchdacht habe (auch das ist eine verquere Formulierung: einen Gedanken durchdenken …), es war eher eine spontane Eingebung, die ich erst einmal so stehenlasse.
Dieses einfach erst mal Stehenlassen eines Gedankens gefällt mir übrigens sehr gut. Du hast das schon öfter gemacht, für mich ist das etwas Neues, glaube ich. Ich empfinde es als ein Stück Freiheit.
Hm, als ich die letzten Sätze gelesen habe, fand ich sie gar nicht kompliziert gebildet – die Anstrengung, unklare Gedanken in verständliche Sprache zu übersetzen, hat sich nicht in der Schrift niedergeschlagen … finde ich:-).
Wie eigenartig! Das ist mir überhaupt nicht bewußt gewesen, dass ich öfter Unausgegorenes so unausgegoren stehenlasse.
F.
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