Brief 252 | Stehenlassen

Liebe F.,

Missverständnisse

Dann habe ich mich sehr mißverständlich ausgedrückt, denn ich habe diesen ersten Abschnitt in Verbindung mit dem letzten Abschnitt verstanden wissen wollen. Es ist also gerade andersherum. In einer Hinsicht zwar „total“ und in einer anderen Hinsicht aber „unmerklich“, „unangestrengt“, „begleitend“. Ich bin in meiner Betrachtungsweise wirklich auf eine einfachere Ebene gegangen, d.h. eher das „biologisch einprogrammierte Reiz- Reaktionsschema“, wie Du es am Ende Deines Briefes ausgedrückt hast. So wie eine Katze sich in die Wärme des Sonnenlichts legt, weil es ihr angenehmer ist als in der schattigen Kälte zu liegen (je nachdem, wie die Wärmeverhältnisse in der Wohnung nun gerade sind), so meinte ich es auf die Menschen und mich bezogen.

Dann hat mich der Ausdruck „mein ganzes Bewusstsein“ auf eine falsche Fährte gelockt, denn so, wie du es jetzt beschreibst, würde ich – und du ja anscheinend auch – das eher auf einer Ebene darunter ansiedeln („biologisch“), und dann läuft es vielleicht wirklich unangestrengt-automatisch ab. Wobei die Ebenen natürlich alle ineinandergreifen, aber darauf kommt es mir jetzt nicht an. Auf jeden Fall ist dieses Verhalten also etwas, was alle Lebewesen mehr oder minder gemeinsam haben, würde ich sagen, während ich gedacht hatte, du wolltest auf eine Besonderheit deines eigenen, ganz persönlichen Lebensverhaltens hinaus. So hatte dein Satz für mich geklungen, den ich ja nur halb zitiert hatte. Vollständig lautet er:

Mein ganzes Bewußtsein ist darauf ausgerichtet, wie ich mich wohl(er) befinden kann -und das wiederum tue ich, indem ich versuche, meine Empfindungen und meine Gedanken ohne Umwege anzusehen und zu fühlen.

Und das hörte sich für mich schon nach etwas mehr als biologischem Automatismus an.

Aber ich lasse das jetzt auch einfach so stehen, ohne es weiter zu zerdenken. Vielleicht ist es ja einfach beides bei dir und man kann das gar nicht so genau aufdröseln. Muss man ja auch nicht … :-)

 

Unterschlagungen

Was du an Interessantem und Klugem zum Thema Wirklichkeit geschrieben hast, ist so viel an Stoff, dass ich gar nicht weiß, wo ich ansetzen soll. Ich zitiere das jetzt nicht in Gänze, denn das wäre viel zu lang. Ich werde einfach hin und herspringen und auf einzelne Abschnitte eingehen, zu denen mir spontan etwas einfällt. Ich hoffe, dass das am Ende so etwas wie ein stimmiges Gesamtbild ergibt. Wenn nicht – auch gut. :-)

Zumindest aus dem, was Du an dieser Stelle über die Wirklichkeit schreibst, schließe ich, dass Wirklichkeit für Dich etwas ist, das wie ein Abstraktes „an sich“ existiert. Wirklichkeit ist das, was wir nicht denken, nicht fühlen, nicht wissen. Ein Unbekanntes, das wir trotzdem mit diesem Begriff benennen. Seltsam, wir sind bisher noch nie darüber gestolpert. 

Du hast mich hier also beim unerkennbaren „Ding an sich“ verortet, und ich hatte gedacht, du seist jetzt unter die radikalen Solipsisten gegangen! :-) Ja, das wäre in der Tat seltsam gewesen, wenn wir darüber im Laufe der Jahre nicht irgendwann gestolpert wären.

Aber ich verstehe, wie du darauf gekommen bist. Wenn ich sage „Gedanken sind nicht die Wirklichkeit“, dann ist das natürlich Quatsch, da habe ich auch was unterschlagen. Unter Wirklichkeit verstehe ich, wie ich im letzten Brief ja schon angedeutet hatte, unbedingt auch unsere Gedanken. Und selbstverständlich auch alles, was wir fühlen und wissen. „Wirklichkeit“ ist uns nicht unbekannt, ganz im Gegenteil, sie ist nach meinem Verständnis ja gerade das, mit dem wir ständig umgehen. Ich verstehe den Begriff ganz wörtlich, als das, was auf mich einwirkt und auf das ich einwirke. Wir stehen zueinander in Beziehung, wobei das auch falsch ausgedrückt ist, denn ich bin ein untrennbarer Teil dieser Wirklichkeit, es gibt da keine prinzipielle Grenze zwischen „mir“ auf der einen Seite und dem „Rest der Wirklichkeit“ auf der anderen, und dann stelle ich eine Beziehung her. Ich bin ja immer schon mittendrin.

Wenn ich nun zurückgehe auf die Erläuterung, die Du in Deinem letzten Brief gegeben hast, dann vermute ich, dass Du möglicherweise den gesamten Teil der Wirklichkeit meinst, den ich in meiner Antwort, alles seien Gedanken, unterschlagen hatte. Ich bezeichne ihn jetzt mal als den sinnlich-leiblichen Teil unserer Wahrnehmung. Sollte es so sein, dann gäbe es gar keinen Dissens …?

Ja genau, das gehört für mich zur Wirklichkeit dazu. Und es ist mir absolut schleierhaft, wie man diesen Teil unterschlagen kann. :-) Wobei ich mir jetzt plötzlich nicht so sicher bin, ob wir hier wirklich dasselbe meinen. Denn „Wahrnehmung“ klingt schon wieder so nach „Innenwelt“. Natürlich weiß ich nur dann von etwas in der Welt, wenn es auf irgendeine Weise in meine Wahrnehmung oder in mein Bewusstsein fällt. Aber ich habe im Laufe der Jahre gemerkt, dass ich immer weniger weiß, wo ich die Grenze zwischen „innen“ und „außen“ ziehen soll … Wie gesagt: Nach meinem Verständnis bin ich mittendrin.

Ich setze noch einmal neu an: Es regnet. Das ist eine Wirklichkeit, die zwar unabhängig von mir und meinen Gedanken existiert, die aber in mein Bewußtsein erst dann rückt, wenn ich in irgendeine Art von Beziehung zu ihr trete. Diesen, den elementaren Aspekt hatte ich nicht erwähnt. Ich denke es mir so, dass wir zu diesem „es regnet“ insofern eine Beziehung aufnehmen, als wir ihn sinnlich wahrnehmen. Mit den Augen, mit den Ohren wahrscheinlich auch. Verbunden dürfte es mit diffusen, nicht konturierbaren Empfindungen sein, vielleicht am ehesten sowas wie angenehm oder unangenehm, anziehend oder abstoßend. Kürzlich las ich den Ausdruck „affektive Intentionalität“ dafür. Auf diese Weise wird der Regen überhaupt bedeutsam für uns, sodaß er nicht wie eine leere Formel bleibt. Und dann in einem nächsten Schritt denken wir irgendetwas über den Regen. Du hast also recht, wären nur Gedanken über den Regen und sonst nichts, dann wäre er uns gleichgültig, die Gedanken müssen an körperliche und seelische Empfindungen geknüpft sein, weil wir sonst wie eine KI über den Regen denken würden. Wahrscheinlich gäbe es noch nicht einmal den Antrieb, irgendwas zu denken. Denn woher sollte er kommen! Insofern kann ich Deine Verwunderung gut nachvollziehen, wenn ich sinngemäß geschrieben habe, alle Wirklichkeit sei nur gedanklich.

Ich und die Wirklichkeit des Regens … Ich habe früher Erkenntnistheorie geliebt, aber jetzt bin ich versucht zu sagen: Geh raus und lass dich nassregnen, dann weißt du, wie wirklich Regen ist.

Damit würgt man natürlich jedes weitere Nachdenken ab, was nicht meine Absicht ist. Aber mehr fällt mir im Moment tatsächlich nicht dazu ein.

 

Seelenruhig stehenlassen :-)

Der Ausdruck „Seelenruhe“ gefällt mir inzwischen auch sehr gut (ich glaube, dass ich ihn vor ungefähr 5 Jahren noch nicht gut fand); „gut gefallen“ heißt, dass ich angenehme Bilder dazu vor Augen habe, das Wasser eines nur minimal bewegten Teiches oder eines kleinen Sees. Sanft und befriedet liegt er im Halbschatten der Sonne. „Lebensfroh“ würde ich der „Lebensfreude“ vorziehen. Du hattest das Wort vor mehreren Jahren zur Charakterisierung einer Deiner Töchter benutzt (ich habe es nicht vergessen), und schon damals hatte ich sofort einen intensiven Eindruck nur alleine aufgrund dieses Wortes. Ich finde es besser, weil es für mich mehr eine grundlegende Haltung zum Leben ausdrückt, gleichgültig, wie sich die konkreten Ereignisse im Leben nun gestalten mögen. Dem Leben zugewandt, das Leben mit den Tiefen und Höhen bejahend, während ich bei „Lebensfreude“ eher an eine andauernde Freude zu leben denke. Solche Wörter sind bedeutungsreich und es ist wohl sehr subjektiv, je nachdem, was man mit ihnen assoziiert, welches man treffender und schöner findet. Ja, wohl auch eine Sache der Ästhetik.

Diese Unterscheidung von „Lebensfreude“ und „lebensfroh“ finde ich sehr schön, ich kann sie sehr gut nachvollziehen. Wobei eine gewisse Lebensfreude vermutlich daraus folgt, wenn man generell lebensfroh ist.

Meine Assoziation bei „Seelenruhe“ war spontan ein Mensch, der in einer vollen, lauten S-Bahn sitzt und seelenruhig sein Buch liest. Das wäre dann mehr die Alltagsverwendung des Wortes. Auf jeden Fall geht es mir gerade andersherum als dir: Früher war Seelenruhe ein großes Ziel für mich, aber inzwischen nicht mehr so sehr. Ich weiß nicht, ob der Gedanke vermessen ist, aber ich kann mir vorstellen, dass das daran liegt, dass ich diese Seelenruhe bis zu einem gewissen Grade erreicht habe. Und nun habe ich das Gefühl, als ob ich darüber hinausgehen müsste oder möchte, weil das sonst zu statisch, einseitig, eingeschränkt wird.

Daran, wie kompliziert ich die letzten Sätze gebildet habe, sieht man schon, dass ich diesen Gedanken noch nicht so richtig durchdacht habe (auch das ist eine verquere Formulierung: einen Gedanken durchdenken …), es war eher eine spontane Eingebung, die ich erst einmal so stehenlasse.

Dieses einfach erst mal Stehenlassen eines Gedankens gefällt mir übrigens sehr gut. Du hast das schon öfter gemacht, für mich ist das etwas Neues, glaube ich. Ich empfinde es als ein Stück Freiheit.

B.

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