Brief 235 | Das oder der "Narrativ"

 

Liebe B.,

Der „große Bär“ u.a.

Zu den Punkten fällt mir ein, dass ich vor längerer Zeit hier mal das Bild mit den Punkten im Weltraum gebracht habe. Die Punkte sind Lichtpunkte, also Sterne, die von mir aus gesehen unterschiedlich weit entfernt sind, für mein Auge aber alle mehr oder minder auf einer Ebene liegen, dem „Firmament“. (Interessantes Wort – der befestigte Himmel, wie ich eben nachgeschlagen habe.) Die Verbindungslinien, die ich zwischen ihnen ziehe, für ein Sternbild beispielsweise, sind allein meine Zutat, sie finden sich nirgendwo da oben. Mit diesem Bild versuche ich mir das zu erklären, was wir „Sinn“ nennen. Willkürliche Verbindungslinien, die ich zwischen Ereignissen ziehe, weil sich das für mich so darstellt und mir stimmig erscheint. Von jedem anderen Standpunkt im All aus sieht die Verteilung der Lichtpunkte anders aus, und kein Muster, das man erkennt, ist richtiger oder falscher als irgendein anderes.

Was für ein schönes und vor allen Dingen einfach veranschaulichendes Bild! Und da wir nur insgesamt wahrscheinlich 0,01 Prozent der Zeit, die wir leben, träumen (schlafträumen), möchte ich das Bild lieber für mein bewußtes Wachleben heranziehen. Wenn ich am Morgen im Bett liege und vor mich hindöse, dann ist es die Zeit, in der ich mich am ehesten an Episoden aus der Vergangenheit erinnere. Warum ich heute diese und gestern jene Ereignisse erinnert habe, überlege ich mir normalerweise nicht. Ich nehme sie so hin, wie sie kommen und nur manchmal, wenn ich merke, dass sich Ereignisse aneinanderreihen, die ich damals als sehr unangenehm erlebt habe, breche ich den Gedankenfluß ab.

Ich spiele ein bißchen mit Deinem Bild. Die Episoden selbst sehe ich auf der untersten Ebene als Verknüpfungen von Punkten an. Hier allerdings erinnere ich überwiegend dieselben Verknüpfungen. Der „große Wagen“ bleibt der „große Wagen“, der „kleine Bär“ bleibt der kleine Bär. Ich gehe als kleines Mädchen am Urlaubsort von der schattigen Straße mit den kalten Kopfsteinpflastersteinen um die Ecke, wo die Sonne auf die Kurpromenade scheint, und unter meinen Füßen spüre ich die warmen bis heißen Steine :-). Die einmal hergestellte Verbindung der einzelnen Punkte ist recht konstant. Auf der oberen Ebene, nämlich in welcher Abfolge die Episoden mir ins Gedächtnis kommen, sind die Verbindungen jedoch variabel. Die Episoden sind ebenfalls die einzelnen Stern-Punkte, aber ob ich sie zum „Hasen“, zur „Leier“ oder dem „Herkules“ verbinde, das variiert. Nein, ich müßte es anders sehen :-) - ob der „Hase“ dem „Krebs“ oder dem „kleinen Wagen“ folgt usw., das ist variabel.

Man kann das Bild der Sterne ebensogut für einzelne kleine Ereignisse im Tagesablauf gebrauchen. Der Stern des Spaziergangs, den ich mit dem Stern der darauffolgenden Erschöpfung zum Sternbild „Löwe“, was Zufriedenheit mit einer Leistung bedeutet, verbinde oder zum Sternbild „Berenike“, was Bestätigung der Kraftlosigkeit meint, das wäre der „Sinn“, den ich hineininterpretiere. Die Sternbilder habe ich aus einer Liste herausgesucht und zwar zufällig. Mit ihren Namen ist kein Sinn verbunden. Dieses Bild für die Verknüpfung einzelner Sterne-Punkte zu bedeut-samen Ereignissen finde ich deswegen auf irgendeine Weise befreiend, weil ich aufhöre zu verknüpfen. Nun gut, nicht vollständig, aber insgesamt ergibt sich für mich daraus eine Art von Loslösung, weil ich die einzelnen Vorgänge, die ich im Alltag erlebe, nicht mehr zusammenzufügen suche. Sie sind, wie sie sind.

Die zweite Assoziation ist die, dass es gar nicht so sehr um diese Punkte geht, sondern um die Verbindungslinien, die wir zwischen ihnen ziehen. Wir erzählen uns unser Leben als eine zusammenhängende Geschichte, nicht als eine Abfolge von Einzelereignissen. Und ja, das bedeutet, dass wir unentwegt dabei interpretieren. Ich glaube, dieses Thema hatten wir auch schon mal. Es gibt dafür einen Fachbegriff, irgendwas mit narrativ, aber wenn ich mich richtig erinnere, habe ich den damals schon nicht wiedergefunden.

Oder noch anders herum gewendet könnte man sagen, dass man sich eine Geschichte ausdenkt, die man für sein Leben hält :-). Ich kenne den Ausdruck der/das „Narrativ“ nur als neuere Bezeichnung für eine kurze, eingängige Zusammenfassung eines politischen Ereignisses, die ins allgemeine gesellschaftliche Bewußtsein eindringt. Was fällt mir ein? Karl der Große war der Begründer des westeuropäischen Kultur- und Nationenkreises. Das ist eine starke These, die einfach zu behalten ist und aber lediglich eine mögliche Interpretation der Entwicklung Westeuropas vom 9. bis zum 20. Jahrhundert darstellt. Viele Punkte, die zu einer Verbindungslinie vereint werden. In diesem Sinne kann man den Begriff auch auf die persönliche Biographie anwenden. Je älter man wird, desto mehr verschwinden sowieso all die kleinen und auch größeren Ereignisse aus der Bedeutungsgebung und man erfindet ein Narrativ, das wie eine dicke Überschrift über dem ganzen Leben steht, oder es durchzieht. Wichtig am Narrativ ist, dass es nur einen gibt, er muß stimmig sein, sodaß man ihn für „wahr“ halten kann. Und man ist sich bewußt, dass es sich um eine Interpretation handelt.

 

Physik und Metaphysik

Ich vermute, dass man sich beim Bild der Nabe ein großes, altmodisches Kutschenrad vorstellen muss, das in der Mitte ein Loch für die Achse hat. Ohne dieses Loch könnte man das Rad nicht so befestigen, dass es rollen kann. Und ohne rollende Räder keine Kutsche.

Ich hatte zwar ein Fahrrad vor meinem Augensinn, aber dennoch hilft Dein Bild des Kutschenrades mir weiter, denn mir wird deutlich, dass „natürlich“ die Räder das Wesen eines Fahrrades oder auch eines Wagens ausmachen. Die Räder bringen die Gestelle drumherum zum Rollen. Diese wesentliche :-) Kleinigkeit war mir entgangen.

Ich habe den Vers noch einmal auf mich wirken lassen, weil es mir wie dir geht, ich kann ihn auch nur schwer fassen. Es geht im Daodejing ja viel ums Wuwei, ums Geschehenlassen, ums Nicht-Forcieren, darum, den Dingen ihren natürlichen Lauf zu lassen, ohne allzu viel einzugreifen. Aber das ist ja eher nicht das Thema dieses Verses. Doch plötzlich dachte ich, dass wir es hier mit einem Gegenentwurf zur westlichen Welterklärung zu tun haben. Das ist wohl eine Binsenweisheit, aber es ist ja doch immer schön, wenn man von selbst darauf stößt. :-) Wenn ich an die Vorsokratiker denke, so haben sie versucht die Welt über die Materie zu erklären, also das, was ist (Atome etc.), während das Daodejing an dieser Stelle die Welt über das, was nicht ist, erklärt. Materie ist zwar da, aber sie ist nicht das Entscheidende.

Ja, das ist eine Erkenntnis, die mich in ihrer Einfachheit besticht: Die Erklärung der Welt über das, was nicht ist. Mir wird ganz schwindelig, wenn ich versuche, dieses Nichts zu begreifen. Aber ich begreife nun, diesmal im Sinne „rational“, daß die Veranschaulichung in Bildern wie dem des Rades oder dem des Tontopfes das helfende Werkzeug ist, den Schwindel nicht aufkommen zu lassen, sondern sich dem Verstehen zu nähern.

Außerdem meine ich nun auch eine Verbindung zwischen den vorsokratischen Versuchen, die Welt zu erklären mit dem Erklärungsversuch, der im Daedejing-Spruch 11 aufgeschrieben ist, zu erkennen. Nicht das sie Unterscheidende, sondern das Gemeinsame. Die Vorsokratiker haben die Naturphänomene beobachtet, und ihre Erklärungen sind aber zugleich metaphysische Erklärungen gewesen, Naturwissenschaft und Metaphysik sind ununterschieden. Im Fragment 2, dem sogenannten Flußfragment von Heraklit heißt es: Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht. Die Beobachtung des Flusses wird als Bild benutzt, das für das Sein steht. Es ist also ein Doppeltes. Der Fluß ist einer und doch nie derselbe, so wie der Mensch einer ist und doch nie derselbe. Ein helfendes Werkzeug ist dieser Satz, weil er eine Aussage trifft und sie zugleich in einem Bild veranschaulicht. Im Daedejing-Vers 11 sind es Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs, die der Veranschaulichung dienen. Es sind aber gleichfalls Bilder, die für das Ganze stehen. Da „Sein“ wohl nur die Begrifflichkeit der Ontologie in der westlichen Kultur ist, habe ich anstelle dessen „Ganzes“ eingesetzt. Ob das richtig ist, weiß ich nicht :-).

Dass mir hier gerade die Vorsokratiker einfallen, ist wohl kein Zufall, das dürfte die Nachwirkung eines Buches über die Achsenzeit sein, das ich vor einiger Zeit gelesen habe. Interessant ist ja, wenn ich an die Atomtheorie der Vorsokratiker denke, dass sich mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen von heute diese beiden gegensätzlichen Ansätze annähern. Ein Atom ist zwar da, besteht aber zu ich weiß nicht wie viel Prozent aus leerem Raum …

Da ich mit dem Begriff „Achsenzeit“ nichts anzufangen wußte, habe ich nachgesehen und gefunden, dass es ein von Karl Jaspers geprägter Ausdruck ist, obwohl die Idee dahinter schon in der „Aufklärung“ erstmals aufgetaucht ist. Man hat festgestellt, dass in den 800 Jahrhunderten v.Ch. in vier unterschiedlichen Kulturräumen – China, Indien, Iran und östlicher Mittelmeerraum- unabhängig voneinander bedeutende „technische“ und „philosophische Fortschritte“ gemacht wurden, die die späteren nachchristlichen Kulturen maßgeblich beeinflußt haben. Nun verstehe ich auch, warum Dir die Vorsokratiker eingefallen sind :-).

Vielleicht könnte man die „Achsenzeit“ auch als ein „Narrativ“ auffassen, weil es sich bei den technischen und philosophischen Fortschritten um eine Interpretation handelt (worin bestehen sie) und natürlich ist auch der Zeitraum doch recht weit gefaßt. Vielleicht, verkürzte man ihn um 500 Jahre, ließen sich die 4 Kulturräume schon nicht mehr zusammenfassen. Trotzdem ist es eine schöne „Erzählung“ … achso, eine Erzählung ist umfangreicher als ein Narrativ, weil sie mit vielen Details ausgeschmückt ist, und so kehre ich am Ende zum Anfang zurück. Die „Achsenzeit“ wird ähnlich einem Sternenbild aus vielen einzelnen Punkten zu einem „Bild“ zusammengesetzt :-).

F.

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