Liebe F.,
Punkte werden zu Geschichten
Mich erinnern Deine Überlegungen an unser Gespräch über „Erinnerungen“. Von einem zurückliegenden Ereignis, das in der Gegenwart erinnert wird, kann man nicht sagen, dass dieses Ereignis so und so war, denn wir überformen es in der Gegenwart und erinnern dasselbe Ereignis wahrscheinlich in verschiedenen zeitlichen Abständen immer wieder in leichten Variationen. Andersherum werden im Gedächtnis gespeicherte Erfahrungen und Gedanken unser gegenwärtiges Erleben beeinflussen. Wie Du es öfter ausgedrückt hast: Wir interpretieren, was wir wahrnehmen. Die reine Wahrnehmung ist fast unmöglich, weil wir gleichzeitig immer auch etwas über das Wahrgenommene denken. Deswegen finde ich Deinen Hinweis auf die Verknüpfungswege sehr nützlich. Die einzelnen Punkte oder Klötzchen sind zwar vorhanden, aber wie sie zusammengesetzt oder verbunden werden, das genau macht die Veränderung zwischen Ereignis und späterer Erinnerung -oder auch im Träumen.
Zu den Punkten fällt mir ein, dass ich vor längerer Zeit hier mal das Bild mit den Punkten im Weltraum gebracht habe. Die Punkte sind Lichtpunkte, also Sterne, die von mir aus gesehen unterschiedlich weit entfernt sind, für mein Auge aber alle mehr oder minder auf einer Ebene liegen, dem „Firmament“. (Interessantes Wort – der befestigte Himmel, wie ich eben nachgeschlagen habe.) Die Verbindungslinien, die ich zwischen ihnen ziehe, für ein Sternbild beispielsweise, sind allein meine Zutat, sie finden sich nirgendwo da oben. Mit diesem Bild versuche ich mir das zu erklären, was wir „Sinn“ nennen. Willkürliche Verbindungslinien, die ich zwischen Ereignissen ziehe, weil sich das für mich so darstellt und mir stimmig erscheint. Von jedem anderen Standpunkt im All aus sieht die Verteilung der Lichtpunkte anders aus, und kein Muster, das man erkennt, ist richtiger oder falscher als irgendein anderes.
Die zweite Assoziation ist die, dass es gar nicht so sehr um diese Punkte geht, sondern um die Verbindungslinien, die wir zwischen ihnen ziehen. Wir erzählen uns unser Leben als eine zusammenhängende Geschichte, nicht als eine Abfolge von Einzelereignissen. Und ja, das bedeutet, dass wir unentwegt dabei interpretieren. Ich glaube, dieses Thema hatten wir auch schon mal. Es gibt dafür einen Fachbegriff, irgendwas mit narrativ, aber wenn ich mich richtig erinnere, habe ich den damals schon nicht wiedergefunden.
So sind wir wieder mal an einen Punkt zurückgekehrt, an dem wir schon mal waren …
Exkurs: Ich laviere jetzt ein bißchen zwischen Traum- und Wachzustand hin und her, wenn mir zu den Verknüpfungen einfällt, dass zum Beispiel ein Unfall, bei dem man von einem roten Auto angefahren worden ist (fiktiv, ich las das Beispiel), in der Folge einen plötzlichen Schrecken auslösen kann, wenn man unvermittelt ein rotes Auto sieht. Je nachdem, wie intensiv der ursprüngliche Schock war, wie man das Ereignis „verarbeitet“ und neue Erlebnisse es überdecken, kann es aber auch sein, dass man irgendwann anfängt, bei blauen Autos denselben Schreck zu erleben. Wenn dieser Vorgang ausgeweitet wird auf irgendwann alle Autos oder rote und blaue Fahrräder usw., dann spricht man von einer „Störung“. Der Schock sitzt so tief, wie man sagt, dass immer neue Auslöser ihn aktivieren können.
Darum ist es so wichtig, dass man, wenn man z.B. einen Unfall verursacht hat, und sei es nur einen ganz kleinen, nicht lange wartet, sondern sich möglichst bald wieder hinters Steuer setzt, um die traumatische Erfahrung schnell mit positiven Fahrerlebnissen zu überdecken, bevor sich das verfestigt.
Ich knüpfe nach dem auf einen Seitenweg führenden Exkurs wieder an das Gedächtnis an. Wenn wir irgendetwas als ein Ereignis erleben, eine Feier oder einen Spaziergang, ganz egal, was es ist, dann sind es ja ebenfalls keine Klötzchen, die einzeln bewußt zu einem Gegenstand wie einem Haus zusammengesteckt werden. Es ist ein Gesamteindruck, der sich gedanklich und emotional einprägt, und der vor allem auch „nur“ eine selektive Form der Wahrnehmung ist. Andere Menschen erleben die Feier womöglich völlig anders als ich. Wenn das Ereignis sich als ein Gesamteindruck eingeprägt hat, dann finde ich es plausibel anzunehmen, dass die Erinnerungen daran variieren, durch aktuelle und andere vergangene Erfahrungen neu gestaltet, d.h. neu verknüpft werden.
Das würde zu meinem Sternbild-Beispiel passen: Dieselbe Feier, aber zwei unterschiedliche Standpunkte und deshalb zwei eventuell völlig unterschiedliche „Geschichten“.
Achsenzeit
Mir fällt als allererstes das Wort „Möglichkeit“ ein. „Potentialität“ ist „etwas“, das zwar potentiell :-))) vorhanden ist, aber eben noch nicht umgesetzt. Oder anders gesagt, eine nicht realisierte Möglichkeit. Was hältst Du davon?
Wieder habe ich den Duden zu Rate gezogen, der mir erzählt, dass „potenziell“ einfach ein Fremdwort für „möglich“ ist, sie also beide dasselbe bedeuten. Das Mögen in „möglich“ kommt aus Verbindungen wie „vermögen“, also etwas können, die Macht haben etwas zu tun – „ich vermag dieses oder jenes“. Insofern erahne ich den Unterschied, den du vermutlich machen willst, nur.
Das zweite und dritte Beispiel, die Töpfe und die Kammern, unterscheiden sich, wie ich finde, vom ersten Beispiel. Es sind doch Räder, die das Werk, den Wagen, machen. Man hat nicht den Wagen wie den Ton oder die Kammer, den man höhlt. Das Rad, die Naben und Speichen, denen das Nichts zum Werk dient, soweit verstehe ich das Bild, den Wagen jedoch nicht.
Ich vermute, dass man sich beim Bild der Nabe ein großes, altmodisches Kutschenrad vorstellen muss, das in der Mitte ein Loch für die Achse hat. Ohne dieses Loch könnte man das Rad nicht so befestigen, dass es rollen kann. Und ohne rollende Räder keine Kutsche.
Nur nebenbei bemerkt, weil es mir während des Ausmalens einfällt. Wäre alles, was ist, aus Ton, dann gäbe es keine Bewegung, Bewegung wäre unmöglich. Hohlräume sind die Voraussetzung dafür, dass es „Werke“ gibt.
Wir sind ja drauf gekommen über das Herz-Sutra, dass es weder Alter noch Tod noch Überwindung noch einen Weg gäbe. Wie bringt man denn das nun mit dem Daedejing-Vers zusammen? Ein Mensch entspricht dem Besitz; die Möglichkeiten, das Nichts, machen das Werk, die Person. Wenn ich den Vers gedanklich zu erfassen suche, dann entzieht sich mir der entscheidende Punkt, die Erkenntnis? immer wieder. Verrückt irgendwie, in dem Moment, in dem ich be-ergreifen will, entzieht sich der Gedanke :-).
Ich war auf das Daodejing nicht wegen der Negationen der Lehre gekommen, sondern wegen der Leere. :-)
Ich habe den Vers noch einmal auf mich wirken lassen, weil es mir wie dir geht, ich kann ihn auch nur schwer fassen. Es geht im Daodejing ja viel ums Wuwei, ums Geschehenlassen, ums Nicht-Forcieren, darum, den Dingen ihren natürlichen Lauf zu lassen, ohne allzu viel einzugreifen. Aber das ist ja eher nicht das Thema dieses Verses. Doch plötzlich dachte ich, dass wir es hier mit einem Gegenentwurf zur westlichen Welterklärung zu tun haben. Das ist wohl eine Binsenweisheit, aber es ist ja doch immer schön, wenn man von selbst darauf stößt. :-) Wenn ich an die Vorsokratiker denke, so haben sie versucht die Welt über die Materie zu erklären, also das, was ist (Atome etc.), während das Daodejing an dieser Stelle die Welt über das, was nicht ist, erklärt. Materie ist zwar da, aber sie ist nicht das Entscheidende.
Dass mir hier gerade die Vorsokratiker einfallen, ist wohl kein Zufall, das dürfte die Nachwirkung eines Buches über die Achsenzeit sein, das ich vor einiger Zeit gelesen habe.
Interessant ist ja, wenn ich an die Atomtheorie der Vorsokratiker denke, dass sich mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen von heute diese beiden gegensätzlichen Ansätze annähern. Ein Atom ist zwar da, besteht aber zu ich weiß nicht wie viel Prozent aus leerem Raum ...
Ich betrachte nun einfach die Nabe, die Speichen, das Rad -und sehe mehr Leere als Besitz. Das ist ein angenehmes Bild. Viel Luft, in der alles möglich ist und nichts realisiert werden muß.
… in der sich aber trotzdem unentwegt etwas realisiert. Sonst gäbe es uns beide nicht. :-)
B.
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