Brief 233 | Erfolgreich scheitern :-)

Liebe B.,

Träume ohne Ende ...

Ich denke, du träumst (fast) nie? :-))) Was sich jetzt für mich so anhört, als wenn diese kategorische Behauptung eher darauf zurückzuführen ist, dass du (jedenfalls auf diese freudianische Weise) nicht träumen willst … :-)

Ich habe die Wahrheit gesprochen :-))). Es ist tatsächlich so, dass ich den letzten ungefähr 4 Wochen, also so lange, wie meine Gedanken das Thema „träumen“ umkreisen, viermal einen Traum hatte, an den ich mich morgens nach dem Aufwachen habe erinnern können. Davor hatte ich monatelang nichts geträumt. Die Trauminhalte waren einfach, offenkundig, die Wachrealität habe ich in lediglich veränderter Weise geträumt, schlicht waren die Botschaften. Es waren Träume in Aquarellfarben :-) gefühlsmäßig zwar intensiv und dennoch sanft, leise, aber nicht blaß. Daß ich auffallend häufig träumte, während ich darüber hin- und hersann, fand ich interessant.

Ja, man kann das Konzept des Unbewussten zur Disposition stellen, und als mir das das erste Mal klar wurde, fand ich das auch recht befreiend. Aber man muss das Kind ja nicht gleich mit dem Bade ausschütten. Es gibt ja wirklich Dinge, die aus dem Bewusstsein verschwinden, aber irgendwann auch wieder auftauchen können, die also irgendwo gespeichert gewesen sein müssen. Ich stelle mir Erinnerungen allerdings nicht wie Bauklötze vor, die in einer Schachtel liegen und genau so, wie sie einmal waren, herausgeholt und wieder zurückgelegt werden können. Ich stelle mir eher vor, dass durch irgendeinen Auslöser alte, aber schon länger nicht mehr benutzte Verknüpfungswege reaktiviert werden.

Mich erinnern Deine Überlegungen an unser Gespräch über „Erinnerungen“. Von einem zurückliegenden Ereignis, das in der Gegenwart erinnert wird, kann man nicht sagen, dass dieses Ereignis so und so war, denn wir überformen es in der Gegenwart und erinnern dasselbe Ereignis wahrscheinlich in verschiedenen zeitlichen Abständen immer wieder in leichten Variationen. Andersherum werden im Gedächtnis gespeicherte Erfahrungen und Gedanken unser gegenwärtiges Erleben beeinflussen. Wie Du es öfter ausgedrückt hast: Wir interpretieren, was wir wahrnehmen. Die reine Wahrnehmung ist fast unmöglich, weil wir gleichzeitig immer auch etwas über das Wahrgenommene denken. Deswegen finde ich Deinen Hinweis auf die Verknüpfungswege sehr nützlich. Die einzelnen Punkte oder Klötzchen sind zwar vorhanden, aber wie sie zusammengesetzt oder verbunden werden, das genau macht die Veränderung zwischen Ereignis und späterer Erinnerung -oder auch im Träumen.

Exkurs: Ich laviere jetzt ein bißchen zwischen Traum- und Wachzustand hin und her, wenn mir zu den Verknüpfungen einfällt, dass zum Beispiel ein Unfall, bei dem man von einem roten Auto angefahren worden ist (fiktiv, ich las das Beispiel), in der Folge einen plötzlichen Schrecken auslösen kann, wenn man unvermittelt ein rotes Auto sieht. Je nachdem, wie intensiv der ursprüngliche Schock war, wie man das Ereignis „verarbeitet“ und neue Erlebnisse es überdecken, kann es aber auch sein, dass man irgendwann anfängt, bei blauen Autos denselben Schreck zu erleben. Wenn dieser Vorgang ausgeweitet wird auf irgendwann alle Autos oder rote und blaue Fahrräder usw., dann spricht man von einer „Störung“. Der Schock sitzt so tief, wie man sagt, dass immer neue Auslöser ihn aktivieren können.

Ich knüpfe nach dem auf einen Seitenweg führenden Exkurs wieder an das Gedächtnis an. Wenn wir irgendetwas als ein Ereignis erleben, eine Feier oder einen Spaziergang, ganz egal, was es ist, dann sind es ja ebenfalls keine Klötzchen, die einzeln bewußt zu einem Gegenstand wie einem Haus zusammengesteckt werden. Es ist ein Gesamteindruck, der sich gedanklich und emotional einprägt, und der vor allem auch „nur“ eine selektive Form der Wahrnehmung ist. Andere Menschen erleben die Feier womöglich völlig anders als ich. Wenn das Ereignis sich als ein Gesamteindruck eingeprägt hat, dann finde ich es plausibel anzunehmen, dass die Erinnerungen daran variieren, durch aktuelle und andere vergangene Erfahrungen neu gestaltet, d.h. neu verknüpft werden.

Ich sehe die Aufteilung in Bewusstsein und Unbewusstsein (oder Unterbewusstsein) eher als einen theoretischen Versuch, das begrifflich zu fassen, nicht als tatsächlich vorhandene Schichten. Wie beim Linnéschen System: So eine übergestülpte Kategorisierung ist hilfreich, um einigermaßen Ordnung in eine schier unübersichtliche Menge zu bringen. Aber in der Praxis hat sich immer wieder erwiesen, dass die Natur sich nicht so leicht in Kategorien zwängen lässt, dass es z. B. Übergänge gibt, die sich entziehen. Man sollte wohl auch unterscheiden zwischen einem normalen „Alltagsunterbewusstsein“ und z.B. Menschen mit einem Trauma. Bei denen hat das Unterbewusste vermutlich ein ganz anderes Gewicht. Und hier ist es vielleicht auch sinnvoll, von einem dunklen Bereich unterhalb des Bewusstseins zu sprechen.

Du hast recht, es ist nichts weiter als die Möglichkeit der begrifflichen Erfassung. Ganz genauso wie wir es mit dem „Ich“, dem „Selbst“, dem „Selbstbewußtsein“ tun. Sie sind nichts Greifbares, wir versuchen, Phänomene des Erlebens in Begriffe zu fassen, damit wir überhaupt über „etwas“ sprechen können. Ansonsten wäre wahrscheinlich alles ein Einheitsbrei. Außerdem reden wir alltagssprachlich auch über „Bewußtsein“, „sich bewußt sein“, ohne dass wir hinzufügen, welcher Bewußtseinstheorie, von der es wohl eine Menge zu geben scheint, wir folgen :-))) Genau so können wir umgangssprachlich vom „Unbewußten“, „Unterbewußten“ reden, ohne deswegen eine bestimmte Theorie vorauszusetzen. Dies ist jetzt aber das Ergebnis unseres Gesprächs. Anfangs war mir das überhaupt nicht klar.

 

Leer

Nur ein Wort zur Leere noch: Soweit ich das verstanden habe, gilt es nicht die Leere zu erreichen, sie ist ja immer schon da, sondern sie zu erkennen. (Was dann natürlich auch ein Ziel wäre, genau.) Dein Beispiel mit dem Leerraum im Atom ist auch mein Standardbeispiel, wenn ich versuche mir das vorzustellen. Manchmal heißt es, die Leere im buddhistischen Sinn sei nicht „leer“, sondern Potentialität, was mir allerdings nicht viel weiterhilft im Verstehen, höchstens im Erahnen. Besser komme ich da schon mit den Bildern aus dem Daodejing Vers 11 zurecht:

Dreißig Speichen umgeben eine Nabe:
In ihrem Nichts besteht des Wagens Werk.
Man höhlet Ton und bildet ihn zu Töpfen:
In ihrem Nichts besteht des Topfes Werk.
Man gräbt Türen und Fenster, damit die Kammer werde:
In ihrem Nichts besteht der Kammer Werk.
Darum: Was ist, dient zum Besitz.
Was nicht ist, dient zum Werk.

Mir fällt als allererstes das Wort „Möglichkeit“ ein. „Potentialität“ ist „etwas“, das zwar potentiell :-))) vorhanden ist, aber eben noch nicht umgesetzt. Oder anders gesagt, eine nicht realisierte Möglichkeit. Was hältst Du davon? Deine positive Reaktion zu meinen „aus der Lamäng“ fließenden Überlegungen ermutigt mich, einfach in diesem Stile fortzufahren.

Das zweite und dritte Beispiel, die Töpfe und die Kammern, unterscheiden sich, wie ich finde, vom ersten Beispiel. Es sind doch Räder, die das Werk, den Wagen, machen. Man hat nicht den Wagen wie den Ton oder die Kammer, den man höhlt. Das Rad, die Naben und Speichen, denen das Nichts zum Werk dient, soweit verstehe ich das Bild, den Wagen jedoch nicht.

Ich versuche mich anders durchzuarbeiten. Der Ton ist der „Besitz“, das ungeformte Material. Die Höhlung, die vielfältig verschieden sein kann, mehr oder weniger groß, rund, eckig, oval, spitz, entspräche der Möglichkeit für das zu realisierende Werk.

Nur nebenbei bemerkt, weil es mir während des Ausmalens einfällt. Wäre alles, was ist, aus Ton, dann gäbe es keine Bewegung, Bewegung wäre unmöglich. Hohlräume sind die Voraussetzung dafür, dass es „Werke“ gibt.

Wir sind ja drauf gekommen über das Herz-Sutra, dass es weder Alter noch Tod noch Überwindung noch einen Weg gäbe. Wie bringt man denn das nun mit dem Daedejing-Vers zusammen? Ein Mensch entspricht dem Besitz; die Möglichkeiten, das Nichts, machen das Werk, die Person. Wenn ich den Vers gedanklich zu erfassen suche, dann entzieht sich mir der entscheidende Punkt, die Erkenntnis? immer wieder. Verrückt irgendwie, in dem Moment, in dem ich be-ergreifen will, entzieht sich der Gedanke :-).

Ich betrachte nun einfach die Nabe, die Speichen, das Rad -und sehe mehr Leere als Besitz. Das ist ein angenehmes Bild. Viel Luft, in der alles möglich ist und nichts realisiert werden muß.

Und zum Schluß, jetzt, kurz vor dem Abschicken meines Briefe, fällt mir ein, dass man den Hinweis, es gäbe keinen Weg auch gut auf den Daedejing Vers anwenden kann. Man versucht, die Bilder gedanklich zu durchdringen, sie einfach nur zu betrachten, man versucht, sie aufs Ganze, d.h. die Welt, den Kosmos zu übertragen, auf jeden einzelnen Menschen … das alles sind Versuchs-Wege, es ist ein Umkreisen der Bilder - und man scheitert :-) Wobei dieses Scheitern schon fast ein erfolgreiches Scheitern ist.

F.

Kommentar hinzufügen

Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare.