Brief 232 | Leere

Liebe F.,

ich habe diesmal viel zitiert und wenig selbst geschrieben, weil ich deine Gedanken alle so klug und das Thema erschöpfend fand, dass ich das Gefühl hatte, mehr gäbe es dazu gar nicht zu sagen.

Träumerisches

Ich danke Dir sehr für Deinen Hinweis, denn ich hatte wirklich völlig übersehen, dass ich ganz alleine der psychoanalytischen Erklärung, für die Freud mit seiner Entdeckung oder Erfindung des „Unbewußten“ sicher den Grundstein gelegt hat, folge. Es ist mir entgangen. Und damit verändert sich meine Ansicht nun erheblich. Alleine der Begriff des Unbewußten steht für mich jetzt zur Disposition. Deine Formulierung und Erklärung, der Geist arbeite während des Schlafens weiter, nur unkontrollierter als im Wachzustand, empfinde ich als angenehm, weil sie dem Träumen das Mysteriöse und Geheimnisvolle entzieht. Überhaupt die Vorstellung, unserem Bewußtsein entzögen sich hochbedeutsame Ereignisse und unsere Reaktionen darauf, indem sie in einem Kästchen mit dem Namen „Unbewußtes“ oder „Unterbewußtes“ schlummern, finde ich irgendwie leicht bedrohlich. „Kreative“ Bearbeitung der Wacherlebnisse gefällt mir ausgezeichnet. Deswegen versteht der Verstand Vieles von dem nicht, was man träumt; wenn man neugierig ist, kann man zu entschlüsseln beginnen, mir hingegen genügt es meistens zu denken, mein Geist würde „aufräumen“. Ich möchte nur manchmal genauer wissen, was alles er aufgeräumt hat.

[…]

Beachtenswert finde ich die Wirkung des Träumens -falls man bewußt, wissend träumt-. In welchem Lichte der erlebte Traum uns die Realität erscheinen läßt, in die wir aus dem Traum erwachen. Manchmal bin ich aufgewacht und habe mit einem Seufzer der Erleichterung gemerkt, dass die meist erfolglose und langwierige Suche nach „irgendetwas“ nur ein Traum war. Die Suche hat sich glücklicherweise erledigt :-). Manchmal ist es umgekehrt, und etwas sehr Angenehmes, das ich im Traum fühlte oder fühle, erweist sich als „geträumt“, in der Realität nicht auffindbar.

Ich denke, du träumst (fast) nie? :-))) Was sich jetzt für mich so anhört, als wenn diese kategorische Behauptung eher darauf zurückzuführen ist, dass du (jedenfalls auf diese freudianische Weise) nicht träumen willst … :-)

Ja, man kann das Konzept des Unbewussten zur Disposition stellen, und als mir das das erste Mal klar wurde, fand ich das auch recht befreiend. Aber man muss das Kind ja nicht gleich mit dem Bade ausschütten. Es gibt ja wirklich Dinge, die aus dem Bewusstsein verschwinden, aber irgendwann auch wieder auftauchen können, die also irgendwo gespeichert gewesen sein müssen. Ich stelle mir Erinnerungen allerdings nicht wie Bauklötze vor, die in einer Schachtel liegen und genau so, wie sie einmal waren, herausgeholt und wieder zurückgelegt werden können. Ich stelle mir eher vor, dass durch irgendeinen Auslöser alte, aber schon länger nicht mehr benutzte Verknüpfungswege reaktiviert werden.

Ich sehe die Aufteilung in Bewusstsein und Unbewusstsein (oder Unterbewusstsein) eher als einen theoretischen Versuch, das begrifflich zu fassen, nicht als tatsächlich vorhandene Schichten. Wie beim Linnéschen System: So eine übergestülpte Kategorisierung ist hilfreich, um einigermaßen Ordnung in eine schier unübersichtliche Menge zu bringen. Aber in der Praxis hat sich immer wieder erwiesen, dass die Natur sich nicht so leicht in Kategorien zwängen lässt, dass es z. B. Übergänge gibt, die sich entziehen.

Man sollte wohl auch unterscheiden zwischen einem normalen „Alltagsunterbewusstsein“ und z.B. Menschen mit einem Trauma. Bei denen hat das Unterbewusste vermutlich ein ganz anderes Gewicht. Und hier ist es vielleicht auch sinnvoll, von einem dunklen Bereich unterhalb des Bewusstseins zu sprechen.

 

Es gibt nichts zu erreichen

Ich habe auf einmal, während des Lesens, einen anderen Gedanken. Lebendig sein, also schlicht am Leben sein, bedeutet Bewegung. Alleine die Körperfunktionen bestehen aus ununterbrochenen Tätigkeiten. In Verbindung mit dem Träumen hast Du auf die nie stillstehende Geistestätigkeit hingewiesen. Mit der Geistestätigkeit meine ich die Gedanken, die selbst im Schlaf noch produziert werden. Mit anderen Worten, wir können gar nicht anders als uns bewegen. Es gibt unsererseits nichts zu entscheiden, weil es unmöglich ist, sich nicht zu bewegen :-). Mir gefällt dieser Gedanke deswegen, weil er für mich die Botschaft enthält, dass ich überhaupt nichts zu tun brauche. Ob ich es will oder nicht, ich befinde mich ständig in Bewegung. Auch wenn man die Unvollkommenheit akzeptiert, kann man -eigentlich- nicht in einen Stillstand kommen. Nicht theoretisch, sondern lebenspraktisch gedacht: Akzeptiere ich meine und der Welt Unvollkommenheit, dann werde ich höchstwahrscheinlich doch, weil Nicht-Bewegung ausgeschlossen ist, kleine Schritte tun, in denen ich mich in die Richtung bewege, die ich für die geeignete halte, um mein Leben zu verbessern. Egal, was es ist. Was wegfällt, das sind die großen Schritte, die allerdings meistens gar nicht getan werden, weil man sie lediglich im Kopf hat, und sie nicht dem entsprechen, was zu tun man gerade zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Lage ist.

Das hört sich sehr nach Wuwei an!

 

Leer

Es hat eine Weile gedauert, bis ich begriffen habe, dass „Überwindung“ in der Buddhalehre ein Ziel ist und somit auch etwas, nämlich das Ziel erreicht werden soll. Nun würde ich dem Herzsutra einwenden, dass es eben die Leerheit zu erreichen gilt, weil die Leerheit nicht von sich aus anwesend ist. Was ist „Leerheit“? Eben vergleiche ich meinen Kopf mit dem Zustand meiner Wohnung, meines Laptops und auch meines Handys :-). Ich finde zwar, dass mein Kopf, mein Gehirn ähnlich leer sind wie die Dinge, die mich umgeben, nur gibt es immer noch eine große Menge von sie Füllendem. Vielleicht im Unterschied zu anderen vergleichsweise leer, aber dennoch immer noch voll genug. Von Leere kann daher nicht die Rede sein. Das ist gewiß auch nicht gemeint :-). Was aber dann? Sie scheint nicht automatisch anwesend zu sein, zumindest ist sie uns nicht bewußt. Wenn ich sagen würde, die Leerheit sei zu erkennen, dann wäre die Erkenntnis lediglich auf eine Stufe unter oder vor die Leere gesetzt. Damit käme sie wieder dem Anstreben und Erreichen eines Zieles gleich.

[...]

Neulich habe ich gelernt, dass sich noch zwischen den kleinsten Teilchen, den Quarks und den Spins, Vakuen befinden, d.h. Leerräume und so könnte ich mir vorstellen, daß man nicht auf das, was zwischen den Leerräumen ist, sieht. Man ist vielmehr auf die Leerräume aufmerksam. Gut, möglicherweise habe ich in dieser Hinsicht auch ein zu naives, plastisches Bild vor Augen. Und natürlich weiß ich auch nicht, ob die „Leerheit“, von der im Herzsutra gesprochen wird, dem entspricht, was ich mir unter „Leere“ vorstelle. Nämlich reinweg „nichts“.

Vermutlich zeigen die Schwierigkeiten, sich eine oder die „Leere“ vorstellen zu können, buchstäblich „vor sich hinzustellen“, worum es geht. Es gehört zu diesem Wort dazu, keine Anschauung davon zu haben, nichts mit ihm verbinden zu können, denn sonst wäre die „Leerheit“ schon wieder „etwas“.

Was Du mit Deinen letzten Sätzen über das Leiden hast sagen wollen, ist mir nicht klar. Ich möchte sie aber aufgreifen, weil mir dazu einfällt, dass es sich beim Herz-Sutra als einem der Texte, der die wesentlichen Elemente des Buddhismus kurz und prägnant verdichtet, um ein großes metaphysisches Konzept handelt, das, wie ich meine, unter anderem auch deswegen von Menschen entworfen und entwickelt worden ist, weil die Frage nach den Ursachen, den Gründen und der Überwindung des Leidens eine der grundlegenden existentiellen Fragen ist. Ich sehe in dieser Hinsicht, was die Motivation betrifft, keinen Unterschied zu religiösen Konzepten. Es sind die Versuche der Menschen, die Wirklichkeit zu verstehen und ihren Platz in der Welt zu ergründen. Und dazu gehört das Problem des Leidens. Auch im Herz-Sutra ist, obwohl in Abgrenzung und Überschreitung der Buddhalehre doch von „Alter“ und „Tod“, von „Leiden“ die Rede, nicht davon, es gäbe kein „Glück“. Den Ausgangspunkt bildet die menschliche Frage nach dem Leiden, wozu meiner Meinung nach auch die Unfaßbarkeit des Todes gehört. Das Paradox, an dem ich mich gerne abarbeiten würde, ist die Aussage, es gäbe in der Leerheit kein Erkennen, denn was ist dies anderes als eine Erkenntnis! :-) „Herauskommen aus diesen Schleifen“, das kann ich sehr gut nachvollziehen und dieses Paradox, das für sich genommen auch in eine Schleife, einen unendlichen Regreß mündet, an dieser Stelle einfach stehenzulassen, ohne weiter zu denken, ja, das kommt mir vor wie ein Bewegen im Nicht-Bewegen … um nochmal auf den möglichen Stillstand zurückzukommen.

Wow. Du hast diese komplexe Angelegenheit so unglaublich gut in Worte gefasst, ich weiß gar nicht, was ich jetzt dazu noch schreiben könnte. Statt die Paradoxien aufzulösen, bist du nur immer tiefer in sie hineingegangen, wie man es schöner kaum machen kann.

Nur ein Wort zur Leere noch: Soweit ich das verstanden habe, gilt es nicht die Leere zu erreichen, sie ist ja immer schon da, sondern sie zu erkennen. (Was dann natürlich auch ein Ziel wäre, genau.) Dein Beispiel mit dem Leerraum im Atom ist auch mein Standardbeispiel, wenn ich versuche mir das vorzustellen. Manchmal heißt es, die Leere im buddhistischen Sinn sei nicht „leer“, sondern Potentialität, was mir allerdings nicht viel weiterhilft im Verstehen, höchstens im Erahnen. Besser komme ich da schon mit den Bildern aus dem Daodejing Vers 11 zurecht:

Dreißig Speichen umgeben eine Nabe:
In ihrem Nichts besteht des Wagens Werk.
Man höhlet Ton und bildet ihn zu Töpfen:
In ihrem Nichts besteht des Topfes Werk.
Man gräbt Türen und Fenster, damit die Kammer werde:
In ihrem Nichts besteht der Kammer Werk.
Darum: Was ist, dient zum Besitz.
Was nicht ist, dient zum Werk.

B.

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