Brief 229 | Von diesen und solchen Träumen

Liebe B.,

Lautloses Wispern

­Ja, ich blende auch vieles aus, Werbung zum Beispiel, aber für anderes bin ich leichte Beute. Ich bin regelmäßig bei youtube, auch bei Instagram, weil ich einige Sachen abonniert habe und immer nachgucke, ob es neue Beiträge gibt. Manchmal bin ich dann gleich wieder weg, aber manchmal bleibe ich auch hängen. Manchmal ist das vertane Zeit, manchmal entdecke ich dabei wunderschöne Sachen. Pilzfotos zum Beispiel oder Oktopusse oder Quallen könnte ich mir stundenlang angucken. :-)

Ich habe mir jetzt keine Quallen und Oktopusse angesehen, sondern nehme die Bilder aus meiner Erinnerung. Quallen an der Nord- oder Ostsee, die ich „in natura“ erblickte, und die Oktopusse, die ich in Fernsehdokumentationen sah. Was an ihnen ist so faszinierend? Ich glaube, es ist ihre Beweglichkeit, sie haben zwar eine Kontur, sind also durchaus abgegrenzt zu ihrer Umgebung, dem Wasser; nur sieht es nicht so aus, als hätten sie keine Knochen? Ich weiß übrigens nicht, ob sie Knochen haben. Sie bewegen nicht nur ihre Körperglieder fließend und leichthin, sondern auch die Körper selbst gleiten elegant durchs Wasser. Wie Fäden, die sich durchs Wasser schlängeln. Doch, es ist ein wenig so, als würden sie tanzen :-). Dies wäre meine Erklärung für die Freude am Anschauen insbesondere dieser Tiere.

 

(Normalfall Störung

Ich bin durch deine vielen Beispiele jetzt so verwirrt, dass ich gar nicht mehr weiß, was ich „im Auge“ hatte. Was meinst du denn, was es war und wozu du nicht die passenden Beispiele gefunden hast?

Wir müssen es an dieser Stelle belassen wie es ist, ungeklärt und unabgeschlossen :-), denn ich habe komplett den Faden verloren).

 

Von den zweierlei Arten von Träumen

[...]Ich hatte die Frage so verstanden, dass es bei diesen Zielen eher um Lebensträume geht, die man gern verwirklichen möchte. Wobei das sehr gewaltig klingt, aber es gibt ja große und kleine Träume. Was mich zu der Frage führt: Träume ich also nicht? Hm … darauf weiß ich gerade keine Antwort.

Auch wenn es die etlichste Wiederholung von meiner Seite ist. Der einzige Lebenstraum, den ich je hatte, war der, einen Mann zu haben, mit dem ich zusammen durchs Leben gehen kann. Das hatte sich in der späten Pubertät herauskristallisiert, ich hatte Bilder dazu -und in dem Moment, in dem sich der Traum erfüllt hatte, habe ich ihn -verständlicherweise- vergessen. Es war ja kein Traum, nichts zukünftig zu realisierendes mehr, sondern es war die Realität. Und nun ist es wieder so. Es ist nicht wirklich für Anderes ein Raum. Manchmal wundere ich mich, weil ich mir denke, dass der Traum sich doch erfüllt hat, was will ich noch mehr?! ***

Aber zum Schlafträumen ist mir eingefallen, dass ich sicher sagen kann, dass ich fast nie träume. Abgesehen davon, dass man normalerweise in der sogenannten Rem-Phase, der Tiefschlafphase immer träumt, aber wenn man nichts davon mitbekommt, d.h. auch nichts erinnert, sobald man aufwacht, dann ist es ja so, als träumte man nicht. Vor einiger Zeit habe ich mich einmal darüber informiert, was die Traumlosigkeit bedeuten kann. Es kann bedeuten, die Tiefschlafphase nie zu erreichen, es kann auch bedeuten, dass das Unterbewußtsein so verborgen liegt, dass es selbst im Schlaf nicht zugänglich gemacht wird, oder aber, und das ist meine Deutung für mich, es gibt nichts wirklich Verborgenes. Es gibt keine Abgründe und Untiefen, von denen ich nicht wüßte. Sie liegen an der Oberfläche, sind mir also zumindest im Bewußtsein, im Wach-Bewußtsein zugänglich, wenn ich es möchte.

Ja, abstrus – und trotzdem kann ich diesen Wunsch sehr gut nachvollziehen. Etwas Ähnliches hatte ich mir vorgestellt, als ich schwanger war: Dass ich mit einem Kind ein neuer Mensch sein würde, mutiger zum Beispiel. Ich hatte romantische Vorstellungen im Kopf, dass ich „wie eine Löwin“ für mein Kind kämpfen würde. Das hat sich aber nicht eingestellt, weil ich gar nicht für meine Kinder kämpfen musste. Das Leben ging ganz normal weiter, was ja auch nur gut war. Ich denke schon, dass man bei Katastrophen über sich hinauswachsen kann, aber ein Leben ohne Katastrophen ist mir dann doch lieber, dann bleibe ich lieber die, die ich bin.

Vermutlich sind kleine, kaum merkliche Veränderungen ohnehin viel nachhaltiger als große Umwälzungen, nach denen man eventuell früher oder später wieder in alte Bahnen zurückfällt und dann möglicherweise enttäuscht ist von sich selbst. Aber eine reizvolle Vorstellung ist dieses „Schalter umlegen“ für mich trotzdem …

Dazu fällt mir eine Anekdote aus meinem Leben ein. Wie ich auf die Idee kam, das weiß ich nicht, aber ich hatte die Vorstellung, meinem Mann irgendwann einmal, wenn er krank ist, zu beweisen oder ich müßte wohl richtiger sagen, mir selber zu beweisen, dass ich eine erwachsene Ehefrau bin, die für ihren Mann sorgt und sich um ihn kümmert, wenn er krank ist. Weil ich mich auch als verheiratete Frau wie ein Kind fühlte, denke ich jetzt zurückblickend, dass sich in der Vorstellung der Wunsch zeigte, erwachsen zu sein und mich auch so verhalten zu können. Das also kommt mir bei „Löwin“ in den Sinn, wahrscheinlich ein Teil, den man gerne bei sich entwickelt sehen möchte.

Nicht lange nach unserer Hochzeit verätzte sich mein Mann beim Reinigen der Küche -sein Job- ein Auge mit einem scharfen Putzmittel. In der Nacht fuhren eine Freundin und ich noch ins Krankenhaus, aber da lag er notfallmäßig versorgt mit einer Kanüle im Auge noch in der Notfallambulanz, und es gab nichts zu beweisen, denn er konnte sowieso nicht viel sagen. Am nächsten Tag besuchte ich ihn im Krankenhaus -und es war einfach schrecklich. Er verhielt sich so, als sei ich eine Fremde, nicht seine Frau. Es war eine mir völlig unverständliche Distanz, und eine Abweisung in seinem Verhalten, was mich tief kränkte. Er war auf eine seltsame Weise ein anderer Mensch als wie ich ihn kannte. Fast wie eine Wesensveränderung kam es mir vor. Als er kurz danach wieder zuhause war, konnte er zwar auch nicht genau erklären, was es war, aber er hatte sein eigenes Verhalten bewußt wahrgenommen, und führte es auf seine ziemlich traumatische Kindheit zurück. Ich erzähle die Geschichte, weil sie Komik hat, wie ich finde. Der Traum von der Rolle der fürsorglichen Ehefrau erfüllt sich umständehalber, und das fürsorgliche Verhalten ist komplett unerwünscht :-))). Im Grunde war ich in der beschriebenen Situation wieder, wenn auch auf andere Art, das hilflose Kind, denn ich wußte überhaupt nicht, wie mir geschah. Soweit ich mich erinnern kann, verschwand der Traum danach. Es ist schon eine große Ähnlichkeit, denn nicht anders als bei dir, gab es bei mir ebenfalls nichts zu kämpfen. Die Realität hat den Traum überflüssig gemacht :-).

 

entweder – oder“

Unser Gespräch hier hat mich dazu inspiriert, eines meiner Bücher über Komplexität noch einmal zu lesen (Alberto Gandolfi: Von Menschen und Ameisen. Denken in komplexen Zusammenhängen). Es ist schon etwas älter (ui, sehr viel älter – von 2001), aber ich finde es immer noch interessant. Darin schildert er Computersimulationen, bei denen in einem System ganz einfache Wechselwirkungen herrschen. Je nach den Parametern ist ein solches System in einem absolut stabilen Zustand, am anderen Ende der Skala in einem chaotischen, und dann gibt es noch einen „seltsamen Zwischenzustand“. Den stabilen Zustand nennt man in der Forschung „frozen“, also eingefroren. Es tut sich nichts mehr, die Wechselwirkungen sind zum Erliegen gekommen. Und so eingefroren wäre man vielleicht auch als perfekter Mensch. Das finde ich nun ganz und gar nicht erstrebenswert …

Das ist eine furchtbare Vorstellung, eine buchstäblich zu fürchtende Vorstellung. Es kommt mir vor wie tot sein. Und insofern ist diese Idee des perfekten und das heißt auch eines endgültigen Zustandes jenseits der Realität. Ja, die Realität ist eine andere. Alles Lebende verändert sich, selbst ein Stein, der nicht zum Organischen, glaube ich, gezählt wird, verändert seine Strukturen im Verlaufe von Jahrtausenden oder Millionen von Jahren. Organismen bewegen sich fortwährend, alleine die Körper tun es, in der Interaktion mit der Umgebung. Das „Einfrieren“ macht die Absurdität des Wunsches deutlich. Das Leben umdrehen wollen -und es dabei töten.

Auf einer abstrakteren Ebene wäre es so wie bei der antiken Konstruktion der Gottesvorstellung. Gott ist vollkommen, d.h. er ist perfekt, und eine Bewegung wie das Erschaffen der Welt würde ihn inperfekt machen. Darüber habe ich Dir schon einmal in einem e-mail-Brief erzählt. Auf den Menschen übertragen hieße das, dass wir in einem perfekten Zustand tatsächlich erstarren, unbeweglich werden müßten. Konsequent, wie ich finde, ist das wieder wie totsein.

Wie bin ich auf den letzten Gedanken gekommen? Ich glaube, es ist das einander Ausschließende, die logische und praktische Unmöglichkeit, das eine mit dem anderen zu verbinden. Einfrieren, das heißt, die Vollkommenheit oder das Perfekte zu konservieren schließt das Lebendigsein aus. Und andersherum schließt das Leben die endgültige Abgeschlossenheit und das wiederum bedeutet die Perfektion eines Zustandes aus. Das ist, wie ich finde, eine ganz wichtige Erkenntnis :-).

Gestern entdeckte ich ein Bild von Carl Spitzweg, das ich bisher noch nicht kannte. Es heißt "Der strickende Einsiedler", und ich fand sofort, daß es zu diesem letzten Themenabschnitt paßt. Es ist auf dem Bild die stille, die unscheinbare Bewegung abgebildet. Das kleine Tun im Nichts-Tun. Da ich mich mit der Technik immer etwas töffelig anstelle, ist das Bild nicht genau in der Größe, die ich gerne gehabt hätte. Die Ansicht ist unperfekt.    

F.

 

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