Liebe F.,
Von den zweierlei Arten von Träumen
Auch wenn es die etlichste Wiederholung von meiner Seite ist. Der einzige Lebenstraum, den ich je hatte, war der, einen Mann zu haben, mit dem ich zusammen durchs Leben gehen kann. Das hatte sich in der späten Pubertät herauskristallisiert, ich hatte Bilder dazu -und in dem Moment, in dem sich der Traum erfüllt hatte, habe ich ihn -verständlicherweise- vergessen. Es war ja kein Traum, nichts zukünftig zu realisierendes mehr, sondern es war die Realität. Und nun ist es wieder so. Es ist nicht wirklich für Anderes ein Raum. Manchmal wundere ich mich, weil ich mir denke, dass der Traum sich doch erfüllt hat, was will ich noch mehr?! ***
Mich wundert das nicht so sehr. Deine Realität ist jetzt halt wieder eine andere als dieser „Grundtraum“ deines Lebens. Ob er irgendwann mal eine Erfüllung hatte oder nicht, spielt da keine Rolle – JETZT zählt, nicht irgendwann. Obwohl du andererseits mit deinem Wundern vielleicht doch auch Recht hast – man könnte ja auch fragen: Wieso bist du nicht „gesättigt“ von der jahrzehntelangen Erfüllung deines Traumes? Und: Wieso träumst du jetzt nicht von etwas anderem?
Aber zum Schlafträumen ist mir eingefallen, dass ich sicher sagen kann, dass ich fast nie träume. Abgesehen davon, dass man normalerweise in der sogenannten Rem-Phase, der Tiefschlafphase immer träumt, aber wenn man nichts davon mitbekommt, d.h. auch nichts erinnert, sobald man aufwacht, dann ist es ja so, als träumte man nicht. Vor einiger Zeit habe ich mich einmal darüber informiert, was die Traumlosigkeit bedeuten kann. Es kann bedeuten, die Tiefschlafphase nie zu erreichen, es kann auch bedeuten, dass das Unterbewußtsein so verborgen liegt, dass es selbst im Schlaf nicht zugänglich gemacht wird, oder aber, und das ist meine Deutung für mich, es gibt nichts wirklich Verborgenes. Es gibt keine Abgründe und Untiefen, von denen ich nicht wüßte. Sie liegen an der Oberfläche, sind mir also zumindest im Bewußtsein, im Wach-Bewußtsein zugänglich, wenn ich es möchte.
Ist das immer noch die aktuelle Erklärung fürs Träumen? Dass es da um Abgründe des Unterbewussten geht? Ich habe mich nicht sehr intensiv mit Träumen beschäftigt, aber ich meine, in den letzten Jahren hätte ich auch einige profanere Erklärungen gelesen. Demnach setzt der Geist im Schlaf nicht einfach aus, sondern arbeitet weiter, aber unkontrollierter, deshalb wird das, was da im Laufe des Tages an Erlebnissen zusammengekommen ist, „kreativ“ zusammengewürfelt, in Kombination mit Erinnerungen, alten oder neuen Problemen, bestimmt auch Dingen aus dem Unterbewusstsein. Eine Art Aufräumaktion des Geistes, so wie sich ja auch der Körper im Schlaf regeneriert.
Zum Nicht-Träumen: Als ich jetzt ein bisschen im Netz herumgeguckt habe, habe ich gelesen, dass wir nicht nur in der REM-Phase träumen, sondern praktisch die ganze Nacht. Aber das ist wohl eine Definitionsfrage – was will man unter Träumen verstehen? Unser Geist arbeitet die ganze Nacht weiter, das ist wohl wie bei der Meditation: Man kann das Denken nicht abstellen. Aber im Schlaf ruhen sich bestimmte Hirnregionen aus (meine laienhafte Vorstellung), während andere aktiver sind, deshalb läuft dieses Denken, Fühlen, Vorstellen etwas ungewöhnlicher ab als am Tage. Wenn wir uns nach dem Aufwachen daran erinnern, nennen wir es Traum, ansonsten ist es einfach Hirnaktivität.
Das sind jetzt eher physiologische Erklärungsversuche aus der Hirnforschung. Die schließen ja nicht aus, dass wir aus diesen Träumen auch etwas über unser „Unterbewusstsein“ (was immer das ist) erfahren können. Probleme, mit denen wir uns am Tage intensiv beschäftigen oder die uns belasten, spielen halt auch im Schlaf weiter eine Rolle und tauchen in den Träumen auf. Und wenn wir uns dann im Wachen mit dem Traum beschäftigen, wird uns vielleicht zum ersten Mal bewusst, dass uns ein bestimmtes Thema immer wieder und wieder beschäftigt. Aber nicht jeder Traum muss ein tiefes psychologisches Problem behandeln.
Distanz
Dazu fällt mir eine Anekdote aus meinem Leben ein. Wie ich auf die Idee kam, das weiß ich nicht, aber ich hatte die Vorstellung, meinem Mann irgendwann einmal, wenn er krank ist, zu beweisen oder ich müßte wohl richtiger sagen, mir selber zu beweisen, dass ich eine erwachsene Ehefrau bin, die für ihren Mann sorgt und sich um ihn kümmert, wenn er krank ist. Weil ich mich auch als verheiratete Frau wie ein Kind fühlte, denke ich jetzt zurückblickend, dass sich in der Vorstellung der Wunsch zeigte, erwachsen zu sein und mich auch so verhalten zu können. Das also kommt mir bei „Löwin“ in den Sinn, wahrscheinlich ein Teil, den man gerne bei sich entwickelt sehen möchte.
Nicht lange nach unserer Hochzeit verätzte sich mein Mann beim Reinigen der Küche -sein Job- ein Auge mit einem scharfen Putzmittel. In der Nacht fuhren eine Freundin und ich noch ins Krankenhaus, aber da lag er notfallmäßig versorgt mit einer Kanüle im Auge noch in der Notfallambulanz, und es gab nichts zu beweisen, denn er konnte sowieso nicht viel sagen. Am nächsten Tag besuchte ich ihn im Krankenhaus -und es war einfach schrecklich. Er verhielt sich so, als sei ich eine Fremde, nicht seine Frau. Es war eine mir völlig unverständliche Distanz, und eine Abweisung in seinem Verhalten, was mich tief kränkte. Er war auf eine seltsame Weise ein anderer Mensch als wie ich ihn kannte. Fast wie eine Wesensveränderung kam es mir vor. Als er kurz danach wieder zuhause war, konnte er zwar auch nicht genau erklären, was es war, aber er hatte sein eigenes Verhalten bewußt wahrgenommen, und führte es auf seine ziemlich traumatische Kindheit zurück. Ich erzähle die Geschichte, weil sie Komik hat, wie ich finde. Der Traum von der Rolle der fürsorglichen Ehefrau erfüllt sich umständehalber, und das fürsorgliche Verhalten ist komplett unerwünscht :-))). Im Grunde war ich in der beschriebenen Situation wieder, wenn auch auf andere Art, das hilflose Kind, denn ich wußte überhaupt nicht, wie mir geschah. Soweit ich mich erinnern kann, verschwand der Traum danach. Es ist schon eine große Ähnlichkeit, denn nicht anders als bei dir, gab es bei mir ebenfalls nichts zu kämpfen. Die Realität hat den Traum überflüssig gemacht :-).
Ich habe Mühe, in dieser Geschichte die Komik zu erkennen. Das liegt wohl daran, dass sie in mir die Erinnerung an die letzten zwei Tage im Leben meines Mannes wachruft, als er nur noch den einen Gedanken hatte, dass er sterben wollte (weil die Operation missglückt war und er Angst hatte, für den Rest seines Lebens ein Pflegefall zu sein), und geradezu panisch war, dass ich oder die Ärzte ihm das verwehren könnten. Erst Wochen nach seinem Tod ist mir aufgegangen, dass er in diesen zwei Tagen komplett auf sich selbst fixiert gewesen war, er hat mit keinem Wort, keiner Geste zu erkennen gegeben, ob er sich auch Gedanken darüber machte, wie das alles wohl für mich gerade ist. Die Wochen davor hatten wir alles gemeinsam durchgestanden, aber jetzt war da eine riesige Distanz zwischen uns. Das zu erkennen hat anfangs ziemlich wehgetan. Ich habe mir das dann damit erklärt, dass es für ihn schwer genug gewesen sein muss so zu sterben, da war für mich kein Platz, das hätte ihn überfordert, sich in dieser Situation auch noch um mich zu kümmern.
Es gibt nichts zu erreichen
Wie bin ich auf den letzten Gedanken gekommen? Ich glaube, es ist das einander Ausschließende, die logische und praktische Unmöglichkeit, das eine mit dem anderen zu verbinden. Einfrieren, das heißt, die Vollkommenheit oder das Perfekte zu konservieren schließt das Lebendigsein aus. Und andersherum schließt das Leben die endgültige Abgeschlossenheit und das wiederum bedeutet die Perfektion eines Zustandes aus. Das ist, wie ich finde, eine ganz wichtige Erkenntnis :-).
Umarmen wir also unsere Unvollkommenheit, unseren Frust darüber, unser Streben und Nie-Erreichen, denn das heißt, dass wir lebendig sind! :-) Denn das scheint mir eine dieser unauflösbaren Paradoxien zu sein: Die Unvollkommenheit zu akzeptieren und sie gleichzeitig beseitigen zu wollen. Wenn man sich nur mit der Akzeptanz der Unvollkommenheit begnügt, gerät man ja wieder in einen Stillstand. Was nicht heißen soll, dass es um Bewegung um jeden Preis geht. Sie ist ja kein Selbstzweck – oder doch …?
Das ist für mich im Moment der Kern meiner Meditationspraxis: Wenigstens einmal am Tag herauszukommen aus solchen Schleifen, aus dem Müssen, dem Wollen, dem Streben. Einmal am Tag einfach da-sein. Im Herzsutra gibt es einen Satz, der mich schon eine ganze Weile beschäftigt: „Es gibt nichts zu erreichen.“ Er steht am Ende einer ganzen Reihe von Paradoxien: „In der Leerheit gibt es weder Alter und Tod noch die Überwindung von Alter und Tod; kein Leiden, keine Ursache, kein Ende des Leidens und auch keinen Weg, der zum Ende des Leidens führt. In der Leerheit ist kein Erkennen und kein Erreichen, weil es da nichts zu erreichen gibt.“ Das heißt, im Herzsutra, einem der meistzitierten buddhistischen Texte, wird die Grundlehre des Buddha (alles Leben ist Leiden, es gibt einen Weg zur Überwindung des Leidens etc.) praktisch ausgehebelt. Was bleibt dann noch, wenn man sich an überhaupt nichts mehr halten kann? Nur der Moment. Das, was gerade hier und jetzt zu tun ist, ohne sich um irgendwelche Theorien zu kümmern. Es gibt kein Leiden und doch sehe ich Leute leiden, im Großen und im Kleinen. Da ist es völlig egal, ob das nun ein Paradox ist oder nicht.
Gestern entdeckte ich ein Bild von Carl Spitzweg, das ich bisher noch nicht kannte. Es heißt "Der strickende Einsiedler", und ich fand sofort, daß es zu diesem letzten Themenabschnitt paßt. Es ist auf dem Bild die stille, die unscheinbare Bewegung abgebildet. Das kleine Tun im Nichts-Tun. Da ich mich mit der Technik immer etwas töffelig anstelle, ist das Bild nicht genau in der Größe, die ich gerne gehabt hätte. Die Ansicht ist unperfekt.
„Das kleine Tun im Nichts-Tun“ – damit ist wunderbar zusammengefasst, was ich gerade versucht habe zu beschreiben. :-)
B.
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