Liebe F.,
Verehrte Frau Dr. Sommer, es schien mir nicht unriskant, Ihnen meine ärgsten Befürchtungen, die sich kumuliert hatten, mitzuteilen, denn Sie hätten sie mir bestätigen können. Das haben Sie nicht getan, und dafür möchte ich mich herzlich bedanken. Es gibt Wahrscheinlichkeiten, Statistiken und allgemeine gesellschaftliche Bilder, die zusammengenommen meine düsteren Zukunftsgedanken ausmachen. Und daneben gibt es die Unberechenbarkeiten, die Nichtvorhersehbarkeiten und mich, die sich nicht beirren lassen möchte. Der Stand der Dinge ist allerdings der, dass ich zwischen dem düsteren Zukunftsbild und dem Bild des Erwartens von Besserem häufig hin- und herwechsle.
Also alles ganz normal. :-)
Leichte Beute
Wie seltsam! Die Häufung wegen der Algorithmen ist eine Sache, aber wie ist es überhaupt zu der Annahme gekommen, Du könntest an „früher-heute“ Bildern interessiert sein?! Bei you tube bin ich selten, rechts und unten auf der Seite sehe ich sehr viel von mir nicht Erbetenes, aber ich klicke das niemals an. Ich empfinde mich selber als irgendwie gespalten: Auf der einen Seite bin ich ausgesprochen konsequent, d.h. ich lehne ab und zwar immer und beharrend; auf der anderen Seite ist meine „Blase“, in der ich mich bewege, dadurch auch wirklich sehr klein :-))). Mit dem, was ich nicht sehen, hören, wissen möchte, werde ich auch nicht konfrontiert. Wird meine Welt dadurch kleiner, enger? Hach, wenn ich’s näher bedenke, dann blende ich alles „Unschöne“ aus. Am Schönen bin ich durchaus interessiert.
Ja, ich blende auch vieles aus, Werbung zum Beispiel, aber für anderes bin ich leichte Beute. Ich bin regelmäßig bei youtube, auch bei Instagram, weil ich einige Sachen abonniert habe und immer nachgucke, ob es neue Beiträge gibt. Manchmal bin ich dann gleich wieder weg, aber manchmal bleibe ich auch hängen. Manchmal ist das vertane Zeit, manchmal entdecke ich dabei wunderschöne Sachen. Pilzfotos zum Beispiel oder Oktopusse oder Quallen könnte ich mir stundenlang angucken. :-)
Normalfall Störung
Die ganze Woche habe ich mit dem Zusammentragen von möglichen Beispielen verbracht, aber sie fügen sich allesamt nicht ein in das, was Du „im Auge“ hattest. Mir fällt zu den grob arbeitenden Systemen, in denen kleinere Störungen ausgeglichen werden, dem schönen Gepäckförderungsbeispiel, einfach nichts Entsprechendes ein. Und außerdem hat dies alles leider auch nichts mit der Einkalkulierung von Störungen in einem System zu tun, wofür ich den Begriff las. Da geht es nämlich in Richtung der KI, d.h. ein System wird so programmiert, dass es Fehler eigenständig und somit kreativ beheben kann.
Ich bin durch deine vielen Beispiele jetzt so verwirrt, dass ich gar nicht mehr weiß, was ich „im Auge“ hatte. Was meinst du denn, was es war und wozu du nicht die passenden Beispiele gefunden hast?
Träume
„Über das Tagesgeschäft hinaus“ trifft es schon recht gut. Ich würde den „Tag“ noch um einige Wochen vielleicht erweitern, vermute aber, dass Du es nicht anders meinst. Hatte ich einen Job gekündigt oder ist mir gekündigt worden, dann hatte ich das Ziel, einen neuen Job zu finden, oder das Ziel, eine neue Wohnung zu finden, weil es in der alten Wohnung Querelen mit dem Vermieter gab. Nur könnte man dies auch anders fassen und sagen, dass sich die Handlungen aus aktuellen Gegebenheiten ergaben und nicht länger- oder langfristig geplant waren.
Ja genau, so hatte ich es gemeint. Und deine Beispiele würde ich auch nicht unter das zählen, was mit der Frage gemeint gewesen ist. Das sind halt Notwendigkeiten, die auf die eine oder andere Weise geregelt werden müssen, damit es im Leben weitergeht. Ich hatte die Frage so verstanden, dass es bei diesen Zielen eher um Lebensträume geht, die man gern verwirklichen möchte. Wobei das sehr gewaltig klingt, aber es gibt ja große und kleine Träume. Was mich zu der Frage führt: Träume ich also nicht? Hm … darauf weiß ich gerade keine Antwort.
Reizvoll
Ein einziges Mal, so erinnere ich mich, bin ich nach einem Ziel gefragt worden und das war ebenfalls in therapeutischem Zusammenhang. Als ich meine Therapie begann, fragte mich die Therapeutin, mit welchem Ziel ich die Therapie gerne beenden würde wollen. Ich sagte, dass ich als ein neuer Mensch weggehen wolle :-). Was sie zu meiner Antwort sagte und ob sie überhaupt die Antwort kommentiert hat, das weiß ich nicht mehr. Dieses Ziel verschwand nach und nach aus meinem Kopf und wurde durch die Realität ersetzt. Die Realität meiner Person, meine ich. Wie Du es auch getan hast, in winzigen Schritten die Möglichkeiten, die man für sich selber sieht, zu erweitern und mit jedem Schrittchen wieder ein wenig mehr an Erweiterung zu erfahren. Rückblickend kommt mir die Idee, ein neuer und anderer Mensch sein zu wollen, richtig abstrus vor :-). So als könne man das eigene So-Sein austauschen und umkrempeln wie einen Pullover, oder den Schalter von einem Zustand A umlegen, sodaß Zustand B erscheint.
Ja, abstrus – und trotzdem kann ich diesen Wunsch sehr gut nachvollziehen. Etwas Ähnliches hatte ich mir vorgestellt, als ich schwanger war: Dass ich mit einem Kind ein neuer Mensch sein würde, mutiger zum Beispiel. Ich hatte romantische Vorstellungen im Kopf, dass ich „wie eine Löwin“ für mein Kind kämpfen würde. Das hat sich aber nicht eingestellt, weil ich gar nicht für meine Kinder kämpfen musste. Das Leben ging ganz normal weiter, was ja auch nur gut war. Ich denke schon, dass man bei Katastrophen über sich hinauswachsen kann, aber ein Leben ohne Katastrophen ist mir dann doch lieber, dann bleibe ich lieber die, die ich bin.
Vermutlich sind kleine, kaum merkliche Veränderungen ohnehin viel nachhaltiger als große Umwälzungen, nach denen man eventuell früher oder später wieder in alte Bahnen zurückfällt und dann möglicherweise enttäuscht ist von sich selbst. Aber eine reizvolle Vorstellung ist dieses „Schalter umlegen“ für mich trotzdem ...
Frozen
Ja, und ich erkenne an dieser Stelle meine Veränderung deutlich, denn ein neuer Mensch sein zu wollen, war verbunden mit dem Wunsch, etwas Abgeschlossenes, Fertiges, Perfektes sein zu wollen. Ein Mensch, an dem sich nichts mehr verändert. Heute lache ich darüber – jenseits der Lebenswirklichkeit war dieses Ziel!
Unser Gespräch hier hat mich dazu inspiriert, eines meiner Bücher über Komplexität noch einmal zu lesen (Alberto Gandolfi: Von Menschen und Ameisen. Denken in komplexen Zusammenhängen). Es ist schon etwas älter (ui, sehr viel älter – von 2001), aber ich finde es immer noch interessant. Darin schildert er Computersimulationen, bei denen in einem System ganz einfache Wechselwirkungen herrschen. Je nach den Parametern ist ein solches System in einem absolut stabilen Zustand, am anderen Ende der Skala in einem chaotischen, und dann gibt es noch einen „seltsamen Zwischenzustand“. Den stabilen Zustand nennt man in der Forschung „frozen“, also eingefroren. Es tut sich nichts mehr, die Wechselwirkungen sind zum Erliegen gekommen. Und so eingefroren wäre man vielleicht auch als perfekter Mensch. Das finde ich nun ganz und gar nicht erstrebenswert …
B.
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