Brief 225 | Überhaupt keine Beunruhigung

Liebe B.,

Die Eigenwilligkeit der Gedächtnisse

Mein „soso“ bezog sich nicht auf dich, sondern auf mich, auf meine sprichwörtliche Vergesslichkeit. :-) Vielleicht habe ich das ja tatsächlich schon mal gelesen?!? Ich glaube, ich könnte nicht einen einzigen Gedanken von Luhmann wiedergeben, dabei habe ich mich mal wirklich ziemlich intensiv mit ihm auseinandergesetzt. Die Welt ist immer wieder neu und frisch für mich. :-)

Darauf muß ich doch noch einmal reagieren, denn in der Tat hatte ich Dein „soso“ auf mich bezogen und dachte, ich müsse mich rechtfertigen. Das scheinst Du sehr richtig verstanden zu haben :-). Ich selber erinnere nur vage, dass Du einmal mit irgendwem -ich weiß tatsächlich auch nicht mehr, wer es war- rückblickend über die gemeinsame intensive Lektüre gesprochen hattest. Nun können wir diese Episode beschließen, denke ich …

nein, noch nicht ganz, denn in der letzten Zeit ist mir mein anscheinend in metaphorischem Sinne „fotografisches“ Gedächtnis häufiger in den Sinn gekommen. Ich merke mir zwar Daten und Fakten und oft auch sogar den Wortlaut, in dem sie mir jemand mitgeteilt hat -mühelos. Ich weiß sie einfach, selbst nach langer Zeit. Aber Informationen aus Lektüren, über Themen und Sachverhalte, die sind sehr oft wie aus meinem Gedächtnis nahezu vollkommmen gelöscht. Ähnlich wie bei Dir mit Luhmann, erginge es mir mit Platon z.B. Anderen Menschen gelingt es, Gedichte aufzusagen, die sie als Kinder oder Jugendliche auswendig gelernt haben – mehr als 2 Verse bekomme ich nie zusammen.

 

Sich etwas vormachen“

„Altersentsprechend“ – ist das tatsächlich ein Kriterium für dich? Aber nein, du fragst ja rhetorisch … oder nicht? Ich weiß nicht, ob ich mir mal wieder selbst was vormache, aber mich hat das Wort eben dermaßen überrascht, dass ich doch sagen möchte, dass das eher keine Rolle für mich spielt. Ich wüsste überhaupt nicht, bei welch einer Gelegenheit. Außer vielleicht bei der Kleidung. Aber vielleicht helfen mir da ein paar Beispiele von dir auf die Sprünge.

Was darf ich noch erwarten? Welche Ansprüche darf ich noch stellen? Darf ich erwarten und hoffen, dass mich noch einmal ein Mann will? Das ist die Frage, die relevant für das Altersentsprechende ist. Bin ich so geschlechtslos, wie Du es nanntest, dass es einfach lächerlich ist, überhaupt nur daran zu denken? Darf ich selber nicht mehr lieben, s o lieben, wie man als Frau einen Mann liebt? Ich meine jetzt nicht, ob ich es dürfte, aber so, dass es auf eine Gegenliebe trifft. Darf ich von nun an den Rest meines Lebens nur noch verwalten, mich irgendwo unterbringen, im altersgerechtem Wohnen, mich nützlich machen, solange ich es noch körperlich und geistig kann? Nützlich machen und dafür akzeptiert werden, mehr jedoch nicht?! Bedeutet Letzteres, mir nichts vorzumachen?

Ich habe den Eindruck, Deine Frage nicht beantwortet zu haben. Nein, was Kleidung, Frisur, was meine Interessen, mein Tun betrifft, so spielt das Alter auch für mich nicht im Mindesten eine Rolle. Meine Kniee sind nicht mehr so schön wie früher, daher ziehe ich keine Miniröcke an. Ich bin nicht mehr so gangsicher wie früher, deswegen gehe ich vorsichtiger. Das sind Anpassungen an Altersphänomene, die ich so selbstverständlich nehme, dass ich sie kaum beachte. Hm, da Du Dich fragst, ob Du Dir was „vormachst“, möchte ich mein „kaum beachten“ ein bißchen verbessern. Mich nerven körperliche Einschränkungen, und ich sähe gerne 20 Jahre jünger aus. Das heißt, mein Wohlbefinden mit mir ist dadurch schon beeinträchtigt, aber nicht besonders stark :-).

Ich wusste gar nicht, dass das Alter solch ein Thema für dich ist. Und wo du schon selbst von Unsinnigkeit sprichst: Warum willst du nicht als die wahrgenommen werden, die du bist, inklusive deines Alters? (Wegen deines „Marktwerts als Frau“?)

Kurz und bündig: „Ja“. Wahrscheinlich oder sogar ziemlich sicher hätte ich früher etwas Anderes als Hürde oder Hindernis gesehen, aber nun ist es dies.

 

Exkurs(ion)

Dein Beispiel mit den Organismen verstehe ich nicht. Nach meinem Verständnis ist hier jedes einzelne Wesen ein Akteur, und in jedem dieser Wesen jedes Organ, und in diesen Organen jede Zelle … Die Akteure sind nicht außerhalb, sondern innerhalb des Systems, und sie sind ständig tätig und beeinflussen sich gegenseitig.

Daran merkt man, dass und wie wenig Ahnung ich von jeder Art von Systemtheorie habe. Gut, wenn ich es mir so vorstelle, wie Du vorschlägst, dann sind die Akteure wie eine Menge von Menschen, die alle „Hand in Hand“ zusammen arbeiten, jeder und jede weiß, was seine/ihre Aufgabe ist. Schert jemand aus, dann gibt’s eine Störung :-).

„Ohne Ursache und Grund“ möchte ich stark bezweifeln (ohne von den medizinischen Hintergründen eine Ahnung zu haben). Antikörper haben eine wichtige Funktion für das Immunsystem, die kommen nicht aus dem Nichts, die sind schon da bzw. bilden sich ständig und sind fleißig tätig, damit du gesund bleibst. Dass sie bei einer Autoimmunerkrankung überreagieren oder in die falsche Richtung tätig werden, hat mit Sicherheit vielfältige Gründe, wozu auch Akteure von außen gehören (Umwelteinflüsse, Viren, Bakterien …). Laienhaft bedacht :-) würde ich generell bestreiten wollen, dass ein sich selbst regulierendes System ein geschlossenes System ist. Vielleicht ist es relativ unabhängig von äußeren Einflüssen, aber Interaktionen finden doch statt, und selbst wenn sie minimal sind, so werden sie sich früher oder später bemerkbar machen.

Nun habe ich doch einmal im Netz nachgeblättert und finde zu den naturwissenschaftlichen Systemen die Möglichkeiten der Offenheit, der Geschlossenheit und der Abgeschlossenheit. Das geschlossene System läßt keine Materieveränderung zu, durchaus aber Veränderung der Energie. Eine geschlossene Bierflasche, die in eine wärmere Umgebung gestellt wird, läßt das Bier darin wärmer werden, und so entspräche diese Situation einem geschlossenen System. Isoliert man die Bierflasche, dann kann sich durch Wärmeeinwirkung das Bier auch nicht erwärmen. Das thermodynamische System interessiert uns zwar nicht :-), aber ich würde aus dieser Erklärung ableiten wollen, dass der Körper des Menschen sicher weder ein abgeschlossenes noch ein geschlossenes System darstellt. Wir wären uns also einig – sofern man das „sich selbst regulierend“ wegläßt, denn das eingeschlossen, verkompliziert sich die Sachlage ungemein.

 

Konzeptionslos gehts auch :-)

Du meinst das taoistische Wu Wei? Ja, hier ist es das Ziel, dass sich der Akteur so weit zurücknimmt, dass er fast verschwindet, ein Niemand wird, und die Dinge ihren „natürlichen“ Lauf nehmen können. Aber ich weiß nie so recht, was ich davon halten soll. Einerseits finde ich, dass das ein verlockendes Konzept ist, weil es sanft, achtsam, nicht-aktionistisch ist. Andererseits frage ich mich, was hier unter „natürlich“ verstanden wird und wieso ich oder der Mensch allgemein mit seinem Tun nicht zu dieser Natur gezählt wird, sondern als Störfaktor betrachtet wird. Was er ja oft auch ist – aber daraus ein Konzept machen …?

Apropos „Konzept“ wechsle ich das Thema :-). In früheren, in jungen Jahren habe ich häufiger überlegt, was denn wohl das Geheimnis einer guten Ehe sei, mithin das Konzept. Je älter ich wurde und desto länger ich verheiratet war, kamen mir all die Weisheiten, die ich mir als Antworten ausgedacht hatte, zunehmend dümmer vor. Ich denke, dass viele Menschen die Frage des Handelns lebenspraktisch beantworten und das heißt, sie denken darüber nicht nach. Dann gibt es einige Menschen, die aus irgendwelchen Gründen darüber nachdenken -und sie werden, so nehme ich an, alle eine für sich geeignete Lösung finden. Vielleicht könnte man sogar von unterschiedlichem Gleichgewichtswohlbefinden ausgehen. Anders gesagt: Es gibt kein Patentkonzept/Rezept, das für alle Menschen gut ist. Du merkst, ich glaube an gar keine Konzepte mehr :-))). Sicher, wenn ich mir überlege, wie ich handle, dann kann ich Muster erkennen, die sich wiederholen. Zum Beispiel das längere gedankliche Umrunden eines Vorhabens, bis dann auf einmal, intuitiv, der Zeitpunkt da ist, an dem ich die geplante Handlung in ein Tun umsetze. Darauf kann ich mich verlassen, d.h. ich vertraue in mich, dass ich’s schon tun werde. Und aktionistisches Handeln habe ich reduzieren können. Vorher stocke ich kurz und denke mir „muß das sein?“ Beides aber folgt keinem Konzept, sondern ist eine Vorgehensweise, die mir erst im reflektierenden Bedenken bewußt wird.

 

Nicht endend

Ich denke, hier gibt es auch keinen „Beschluss“, wir bewegen uns immer zwischen diesen Polen hin und her und müssen uns da irgendwie austarieren. Die Vorstellung, irgendetwas könne mal bis an einen festen, unveränderlichen Punkt gedacht werden, irgendwann würde mal „Ruhe einkehren“ im Denken, Fühlen, Handeln, kommt mir, im Gegensatz zu früher, inzwischen sehr merkwürdig vor. Und, wie ich mit Erstaunen feststelle, beunruhigt mich das in keiner Weise. :-).

Irgendwann einmal hatte ich Dir von meinem Altersbild erzählt, davon, wie ich mit meinem Mann zusammen auf einer Bank am Rande eines Feldes sitzen würde, und in vollkommener Ruhe und Beschaulichkeit nichts weiter mehr tue als die Vergangenheit und die Gegenwart genießen. Spätestens mit dem Tod meines Mannes verschwand dieses Bild, und seltsamerweise oder auch nicht, habe ich das nicht bedauert. Es war s o nicht mehr möglich, und das war in Ordnung für mich. Überhaupt aber ist dieses Bild des endgültigen Beschlusses nie wieder und auch nicht in abgewandelter Weise aufgetaucht. Ich bin unmerklich zu einem Bild gewechselt, in dem ich bis zum letzten Atemzug nicht wie der „liebe Gott“ oder der „Buddha“ sein werde, d.h. ich gehe davon aus, dass bis zum Schluß immer noch gedankliche Bewegungen, Veränderungen sein werden, irgendetwas, das noch zu tun ist, keine Vollkommenheit -und ja, so wie Dich beunruhigt mich das auch in keiner Weise, im Gegenteil, mir ist diese Vorstellung überaus angenehm. Das widerspricht dem Bild, das ich oben düster gemalt habe – und schön, dass es mir noch auffällt, denn diese beiden Bilder zusammengenommen, im Wechsel jeweils, zeigen am besten die Unabgeschlossenheit …

F.

Kommentar hinzufügen

Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare.