Liebe F.,
ich setze dieses Mal keine Zwischenüberschriften, weil sich irgendwie ein Absatz aus dem nächsten ergeben hat, ohne scharfe Grenzen.
Zuvor eine Kleinigkeit am Rande:
Nunja, ich hatte mich ja bei wiki schlau machen müssen und dort las ich zu „Homöostase“ unter der Rubrik „Sozialwissenschaften“ 3 Namen, unter anderem den von Luhmann … zu dem mir einfiel, Du hättest ihn gelesen.
Mein „soso“ bezog sich nicht auf dich, sondern auf mich, auf meine sprichwörtliche Vergesslichkeit. :-) Vielleicht habe ich das ja tatsächlich schon mal gelesen?!? Ich glaube, ich könnte nicht einen einzigen Gedanken von Luhmann wiedergeben, dabei habe ich mich mal wirklich ziemlich intensiv mit ihm auseinandergesetzt. Die Welt ist immer wieder neu und frisch für mich. :-)
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Und jetzt aber, gegenwärtig und in diesem Moment frage ich mich rhetorisch, ob denn nicht alles, was man tut, sich daran orientiert, was man tun möchte. Nicht daran, ob es altersentsprechend ist, denn dies ist ein Kriterium, das ausschließlich vom Blick der anderen Menschen auf mich ausgeht. Was sie über mich denken könnten :-))). Das setze ich dann weiter unten fort. Natürlich muß man sich an den körperlichen Gegebenheiten orientieren, die im Laufe des Lebens einschränkender werden, nur im Grundsatz muß man sich immer an den körperlichen Gegebenheiten orientieren, gleich in welchem Alter man sich befindet.
„Altersentsprechend“ – ist das tatsächlich ein Kriterium für dich? Aber nein, du fragst ja rhetorisch … oder nicht? Ich weiß nicht, ob ich mir mal wieder selbst was vormache, aber mich hat das Wort eben dermaßen überrascht, dass ich doch sagen möchte, dass das eher keine Rolle für mich spielt. Ich wüsste überhaupt nicht, bei welch einer Gelegenheit. Außer vielleicht bei der Kleidung. Aber vielleicht helfen mir da ein paar Beispiele von dir auf die Sprünge.
Neinnein, das ist schon gut, weil ich meine stillen Fragen nicht aufgeschrieben hatte, und nun, da Du näher auf das „sich selbst regulierende System“, das sich beständig in Balance zu bringen bestrebt ist, eingehst, kann ich sie laut denken. Meine erste, ganz simple Überlegung war die, dass selbst bei einem so banalen, aus dem Alltag gegriffenen Beispiel wie dem Heizungsthermostat erforderlich ist, dass irgendjemand, also ein Akteur, das Thermostat andreht. Und auch bei dem Modell von 2 Kugeln, die nebeneinander auf einer Stange an einem Band befestigt sind und herunterhängen, sodaß sie sich gegenseitig durch Anstoßen dann dauerhaft in ein Hin- und Herschwingen versetzen, muß es einen „ersten Beweger“ geben. Gibt es den nicht, dann stehen die Kugeln still. Wie soll man es sich bei der Entfaltung von lebendigen pflanzlichen und tierischen Organismen vorstellen? Eine Entwicklungsstufe entfaltet sich aus der anderen, sowohl was die einzelnen Exemplare einer Gattung wie den Menschen :-) angeht als auch in größeren Ordnungen und Zeitdimensionen gedacht. Das scheint mir schon ein System, das ohne Akteure auskommt, nur käme man womöglich, wenn man immer weiter zurückgeht, doch auf sowas wie einen ersten Beweger … am Ende landet man beim Urknall oder Gott, oder wie? Aber vielleicht ist es auch so, dass jeder Fortpflanzungsvorgang Akteure benötigt.
Dein Beispiel mit den Organismen verstehe ich nicht. Nach meinem Verständnis ist hier jedes einzelne Wesen ein Akteur, und in jedem dieser Wesen jedes Organ, und in diesen Organen jede Zelle … Die Akteure sind nicht außerhalb, sondern innerhalb des Systems, und sie sind ständig tätig und beeinflussen sich gegenseitig.
Eine andere Frage, die mir schon beim letzten Mal einfiel, war die, was ein sich selbst regulierendes System eigentlich von einem Rückkoppelungsprozeß unterscheidet. Das würde ich ohne näheres Wissen so unterscheiden, dass das homöodynamische System insofern komplexer ist, als es mehr als Elemente enthält und dass die Verbindung und Zusammenarbeit aller seiner Bestandteile darauf ausgerichtet ist, zu einem Gleichgewicht zu kommen.
Ich hatte es immer so verstanden, als wenn innerhalb eines sich selbst regulierenden Systems Rückkoppelungsprozesse stattfinden. Das System ist das Ganze, Rückkoppelungen sind einzelne Schritte darin.
Von geschlossenen oder/und nicht geschlossenen Systemen habe ich keine Ahnung. Wenn ich mir das Ökosytem denke, von dem das menschliche und damit das soziale System ein Teil ist, dann würde ich auch meinen, dass es geschlossene Systeme nicht gibt. Andererseits, noch einmal das biologische Beispiel vom sich selbst regulierenden Schilddrüsensystem aufgreifend, das System kann phasenweise ins Ungleichgewicht geraten; sobald sich jedoch Antikörper bilden, spricht man von einer Autoimmunerkrankung. Da bildet sich also ein Antikörper, woher kommt der? Der taucht wie aus dem Nichts auf :-))). Ist das ein Akteur, der durch sein Eingreifen die ganze schöne Balance für die Lebensdauer des Organismus zerstört? Laienhaft bedacht würde ich dies als ein geschlossenes System begreifen, in dem ohne Grund und Ursache ein Element -innerhalb oder außerhalb, wäre hier die Frage, auftaucht, das die Funktionsweise des Systems außer Kraft setzt.
„Ohne Ursache und Grund“ möchte ich stark bezweifeln (ohne von den medizinischen Hintergründen eine Ahnung zu haben). Antikörper haben eine wichtige Funktion für das Immunsystem, die kommen nicht aus dem Nichts, die sind schon da bzw. bilden sich ständig und sind fleißig tätig, damit du gesund bleibst. Dass sie bei einer Autoimmunerkrankung überreagieren oder in die falsche Richtung tätig werden, hat mit Sicherheit vielfältige Gründe, wozu auch Akteure von außen gehören (Umwelteinflüsse, Viren, Bakterien …). Laienhaft bedacht :-) würde ich generell bestreiten wollen, dass ein sich selbst regulierendes System ein geschlossenes System ist. Vielleicht ist es relativ unabhängig von äußeren Einflüssen, aber Interaktionen finden doch statt, und selbst wenn sie minimal sind, so werden sie sich früher oder später bemerkbar machen.
Mir ist weiter das „Handeln durch Nicht-Handeln“ in den Sinn gekommen, einer Leitlinie, die ebenfalls fast ohne einen Akteur auskommt. Der Fortgang der Ereignisse scheint mir, wenn man sich an dieser Anweisung ausrichtet, auch einen Gleichgewichtszustand anzustreben. Man wird ja nicht gänzlich untätig, verliert sich auf der anderen Seite nicht in aktionistischem Tun. Man wartet auf den passenden Moment zu handeln, und das heißt nicht, in Lauerstellung dazusitzen, also ständig auf dem Sprung sein, um den richtigen Moment nur nicht verpassen :-). Ich stelle es mir eher auch wie ein beständiges Ausbalancieren vor. Wie eine Bewegung, die zum Ausgleich zwischen Tun und Nicht-Tun führt.
Ich bin mir nicht sicher, stimmt das Bild?
Du meinst das taoistische Wu Wei? Ja, hier ist es das Ziel, dass sich der Akteur so weit zurücknimmt, dass er fast verschwindet, ein Niemand wird, und die Dinge ihren „natürlichen“ Lauf nehmen können. Aber ich weiß nie so recht, was ich davon halten soll. Einerseits finde ich, dass das ein verlockendes Konzept ist, weil es sanft, achtsam, nicht-aktionistisch ist. Andererseits frage ich mich, was hier unter „natürlich“ verstanden wird und wieso ich oder der Mensch allgemein mit seinem Tun nicht zu dieser Natur gezählt wird, sondern als Störfaktor betrachtet wird. Was er ja oft auch ist – aber daraus ein Konzept machen …?
„Desinteressiert“ -“das kann man bedauern“, ich vermute mit einiger Gewißheit, dass die befreiende Komponente und Wirkung deswegen bei mir fehlt, weil ich vor allen Dingen „bedaure“. Ich möchte wahrgenommen und das heißt beachtet werden, weil ich das „Gesehenwerden“ brauche, die Anerkennung und Bestätigung meiner Person. Über diesen Unterschied zwischen uns haben wir ja schon öfter gesprochen. Nur ist für die Anerkennung und Bestätigung meiner Person nötig, dass ich auf positive Art und Weise gesehen werde. Ein auffälliges Verhalten, das einen kurz verwunderten halb interessierten, mehr desinteressierten Blick hervorruft, nützt mir nichts.
Aber dass ich für die anderen nicht im Mittelpunkt stehe, führt ja nicht dazu, dass ich überhaupt nicht von ihnen gesehen werde! Insofern ist mein Beispiel mit den beiläufigen Auffälligkeiten bei Fremden doch gar nicht so gut, denn um die kümmert man sich ja wirklich nicht weiter. Um die geht es mir aber auch gar nicht. Mein Ausgangspunkt war, dass ich nicht einem bestimmten Bild entsprechen muss, weil das gar keine so große Rolle spielt. Eine andere Formulierung davon ist, dass es nicht auf mich ankommt. Eben deshalb kann ich aber viel freier agieren, und ich kann mir vorstellen, dass das auch die Chancen erhöht positiv aufzufallen, wenn man das denn möchte. Ich mache mich ja nicht unsichtbar, ich befreie mich nur von einer unnötigen Last.
Ich will mich hier übrigens nicht so darstellen, als ob mir das positive Gesehenwerden und die Anerkennung von Anderen gleichgültig wäre, ganz und gar nicht. Aber das eine schließt das andere ja nicht aus.
Und nun führe ich das „Alter“ von oben hier fort. Wie muß ich mich verhalten, damit ich nicht als so alt wie ich bin wahrgenommen werde?! Alleine diese Frage von mir selber zu lesen, während ich sie schreibe, führt mir die Unsinnigkeit dieses beständigen Blickes auf mich und die anderen Menschen anschaulich vor Augen. Wie Andere mich sehen, das weiß ich nicht, das ist lauter Einbildungskraft.
Ich wusste gar nicht, dass das Alter solch ein Thema für dich ist. Und wo du schon selbst von Unsinnigkeit sprichst: Warum willst du nicht als die wahrgenommen werden, die du bist, inklusive deines Alters? (Wegen deines „Marktwerts als Frau“?)
Ach, jetzt fällt mir in einer kurzen und griffigen Formulierung ein, worum es geht: „Als ein niemand für jemanden alles sein“, das ist es. Es verläuft über eine Beziehung. Mein Alter, mein Marktwert als Frau egal, niemand sein müssen, alles sein (dürfen), das wäre so mit einer Beziehung. Niemand sein und alleine, das ist für mich wie verloren sein.
Ja, das ist wohl der Punkt, der den entscheidenden Unterschied macht. Ich kann mir gut vorstellen, dass dir dieses Niemand-Sein wie ein Abgrund an Einsamkeit erscheint, in den man da stürzt. Aber bei mir ist das anders.
Andererseits weiß ich schon sehr genau, was Du meinst. Mit dem Blick beständig auf andere Menschen schielen, wie könnte dies oder jenes an meinem Verhalten auf sie wirken, dadurch werde ich ja nicht vom „niemand“ zu „jemand“ :-))). Ich komme einfach zu keinem Beschluß, liebe B., ich tändele zwischen was bin ich „für mich“ und was bin ich „für andere“ hin und her.
Ich denke, hier gibt es auch keinen „Beschluss“, wir bewegen uns immer zwischen diesen Polen hin und her und müssen uns da irgendwie austarieren. Die Vorstellung, irgendetwas könne mal bis an einen festen, unveränderlichen Punkt gedacht werden, irgendwann würde mal „Ruhe einkehren“ im Denken, Fühlen, Handeln, kommt mir, im Gegensatz zu früher, inzwischen sehr merkwürdig vor. Und, wie ich mit Erstaunen feststelle, beunruhigt mich das in keiner Weise. :-)
B.
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