Brief 226 | Platitüden und Konzepte

Liebe F.,

Darauf muß ich doch noch einmal reagieren, denn in der Tat hatte ich Dein „soso“ auf mich bezogen und dachte, ich müsse mich rechtfertigen. Das scheinst Du sehr richtig verstanden zu haben :-). Ich selber erinnere nur vage, dass Du einmal mit irgendwem -ich weiß tatsächlich auch nicht mehr, wer es war- rückblickend über die gemeinsame intensive Lektüre gesprochen hattest. Nun können wir diese Episode beschließen, denke ich …

Du hättest dich so oder so nicht zu rechtfertigen brauchen! :-)

nein, noch nicht ganz, denn in der letzten Zeit ist mir mein anscheinend in metaphorischem Sinne „fotografisches“ Gedächtnis häufiger in den Sinn gekommen. Ich merke mir zwar Daten und Fakten und oft auch sogar den Wortlaut, in dem sie mir jemand mitgeteilt hat -mühelos. Ich weiß sie einfach, selbst nach langer Zeit. Aber Informationen aus Lektüren, über Themen und Sachverhalte, die sind sehr oft wie aus meinem Gedächtnis nahezu vollkommmen gelöscht. Ähnlich wie bei Dir mit Luhmann, erginge es mir mit Platon z.B. Anderen Menschen gelingt es, Gedichte aufzusagen, die sie als Kinder oder Jugendliche auswendig gelernt haben – mehr als 2 Verse bekomme ich nie zusammen.

Kann ich mir das so vorstellen, dass du sozusagen Einzelbilder erinnerst, aber keine Zusammenhänge? Insofern passt das „fotografisch“ doch sehr gut. (Ich finde es spannend, wie Erinnerung funktioniert.)

 

Frag Dr. Sommer

Was darf ich noch erwarten? Welche Ansprüche darf ich noch stellen? Darf ich erwarten und hoffen, dass mich noch einmal ein Mann will? Das ist die Frage, die relevant für das Altersentsprechende ist. Bin ich so geschlechtslos, wie Du es nanntest, dass es einfach lächerlich ist, überhaupt nur daran zu denken? Darf ich selber nicht mehr lieben, s o lieben, wie man als Frau einen Mann liebt? Ich meine jetzt nicht, ob ich es dürfte, aber so, dass es auf eine Gegenliebe trifft. Darf ich von nun an den Rest meines Lebens nur noch verwalten, mich irgendwo unterbringen, im altersgerechtem Wohnen, mich nützlich machen, solange ich es noch körperlich und geistig kann? Nützlich machen und dafür akzeptiert werden, mehr jedoch nicht?! Bedeutet Letzteres, mir nichts vorzumachen?

Diese Gedanken und Befürchtungen kann ich alle einigermaßen nachvollziehen. Und wenn ich jetzt dagegen argumentiere, komme ich mir ein wenig platt vor. Trotzdem würde ich sagen, dass das Alter hierfür nicht die entscheidende Rolle spielt. Es ist in jedem Lebensalter nicht so einfach einen Partner, eine Partnerin zu finden. Das hängt mehr damit zusammen, ob man unter Leute geht oder nicht. Als Jugendliche habe ich auch gedacht, ich werde nie einen Freund haben, weil ich als Introvertierte nirgendwohin ging, in keine Disco, zu keinen Freizeittreffs etc. Zu Hause findet einen halt niemand. Das ist der eine Punkt. Der andere ist, dass es ja nicht nur die älter werdenden Frauen gibt, sondern auch die älter werdenden Männer, d.h. rein statistisch gesehen gibt es auch in unserem Alter immer noch genauso viele Männer als potentielle Partner wie in jeder anderen Lebensphase. (Na ja, nicht ganz, weil Männer eine geringere Lebenserwartung haben.) Und viele von ihnen sehnen sich genau so nach Liebe wie du. Das ist keine Frage des Alters. – So, das war jetzt aus der Rubrik „Frag Dr. Sommer“. :-)

Ich habe den Eindruck, Deine Frage nicht beantwortet zu haben. Nein, was Kleidung, Frisur, was meine Interessen, mein Tun betrifft, so spielt das Alter auch für mich nicht im Mindesten eine Rolle. Meine Kniee sind nicht mehr so schön wie früher, daher ziehe ich keine Miniröcke an. Ich bin nicht mehr so gangsicher wie früher, deswegen gehe ich vorsichtiger. Das sind Anpassungen an Altersphänomene, die ich so selbstverständlich nehme, dass ich sie kaum beachte. Hm, da Du Dich fragst, ob Du Dir was „vormachst“, möchte ich mein „kaum beachten“ ein bißchen verbessern. Mich nerven körperliche Einschränkungen, und ich sähe gerne 20 Jahre jünger aus. Das heißt, mein Wohlbefinden mit mir ist dadurch schon beeinträchtigt, aber nicht besonders stark :-).

Ui – gleich 20 Jahre! :-))) Das ginge aber nur, wenn du auch 20 Jahre jünger bist. Ansonsten wäre die Diskrepanz zwischen Innen und Außen schon arg unschön. Mir werden auf Youtube in letzter Zeit dauernd Filmchen mit Stars angeboten „Früher – heute“ und einige davon habe ich mir angeguckt (wodurch der Algorithmus mir natürlich noch mehr anzeigt :-)). Und alle Leute, die nicht auch äußerlich sichtbar gealtert sind, sehen schrecklich aus. Nicht nur wegen der Verzerrung durch OPs, sondern weil sie irgendwie nicht „echt“ aussehen. Es ist für mich immer eine Wohltat, zwischen diesen alterslosen Leuten ab und zu auch mal einen „richtigen Menschen“ zu sehen. Die sind so schön!

Aber gut, ich halte mich jetzt an das „nicht besonders stark“ und lasse es dabei bewenden. :-)

 

Normalfall Störung

Daran merkt man, dass und wie wenig Ahnung ich von jeder Art von Systemtheorie habe. Gut, wenn ich es mir so vorstelle, wie Du vorschlägst, dann sind die Akteure wie eine Menge von Menschen, die alle „Hand in Hand“ zusammen arbeiten, jeder und jede weiß, was seine/ihre Aufgabe ist. Schert jemand aus, dann gibt’s eine Störung :-).

An Systemtheorie hatte ich gar nicht gedacht, davon habe ich auch keine Ahnung (mehr). Das ist mehr meine laienhafte Weltvorstellung, zusammengesetzt aus Angelesenem, Gedachtem und Gefühltem.

Ja, schert jemand aus, gibt’s eine Störung. Aber nach meiner wie gesagt laienhaften Vorstellung ist das eher der Normalfall als die Ausnahme. Keines der Teile in einem System arbeitet perfekt. Aber ein gutes System zeichnet sich dadurch aus, dass es all die vielen kleinen Störungen tolerieren oder ausgleichen kann, dadurch wird es robust und wenig anfällig. Wäre das System darauf ausgelegt, dass wirklich alles perfekt wie am Schnürchen läuft, dann wäre die geringste Abweichung eine Katastrophe und würde alles zusammenbrechen lassen.

Mein Lieblingsbeispiel hierfür ist das von der Gepäckförderanlage auf einem Flughafen. (Ich habe das vage Gefühl, dass ich davon schon mal erzählt habe.) Es ist Ewigkeiten her, dass ich davon gelesen habe, aber es hat mich sehr beeindruckt. Dabei ging es zwar um Redundanz, aber es passt auch in diesem Zusammenhang. Man hatte eine Reihe von Fachleuten darauf angesetzt die Gepäckförderanlage zu überarbeiten, mit dem Ziel, alles so ökonomisch und sparsam und zeitsparend wie möglich zu machen. Möglichst kurze Wege, keine überflüssigen Schleifen und Kreuzungen etc. Die Laufbandlänge konnte wirklich erheblich reduziert werden und alles klappte anfangs wunderbar, schnell und effizient. Bis zum ersten umgekippten Koffer, der irgendwas blockierte. Da ging plötzlich gar nichts mehr. Es gab keinen Plan B, keine Ausweichmöglichkeiten für Umleitungen, keine breiteren Durchlässe, um die übrigen Koffer an der blockierten Stelle vorbeilaufen zu lassen … Es gab nur diesen einen Lösungsweg, und das ganze System hing davon ab, dass dieser eine Weg funktionierte.

Ich gehe davon aus, dass auch autopoietische Systeme (um noch einen schlauen Begriff zu bringen) fehlertolerant sind. Beziehungsweise dass Abweichungen gar nicht als Fehler gesehen werden, sondern als kreative Handlungsmöglichkeiten, die die Weiterentwicklung des Systems fördern. Gäbe es diese Abweichungen nicht, sondern liefe alles immer so, wie es einmal „programmiert“ worden ist, würde sich das System nie verändern.

Ach, ich könnte jetzt noch endlos so haltlos weiterschwadronieren, ich finde das Thema sehr spannend. Und es hat mich dazu inspiriert eines meiner Bücher zu diesem Thema wieder hervorzuholen und es noch einmal zu lesen. Darauf freue ich mich schon! :-)

Nun habe ich doch einmal im Netz nachgeblättert und finde zu den naturwissenschaftlichen Systemen die Möglichkeiten der Offenheit, der Geschlossenheit und der Abgeschlossenheit. Das geschlossene System läßt keine Materieveränderung zu, durchaus aber Veränderung der Energie. Eine geschlossene Bierflasche, die in eine wärmere Umgebung gestellt wird, läßt das Bier darin wärmer werden, und so entspräche diese Situation einem geschlossenen System. Isoliert man die Bierflasche, dann kann sich durch Wärmeeinwirkung das Bier auch nicht erwärmen. Das thermodynamische System interessiert uns zwar nicht :-), aber ich würde aus dieser Erklärung ableiten wollen, dass der Körper des Menschen sicher weder ein abgeschlossenes noch ein geschlossenes System darstellt. Wir wären uns also einig – sofern man das „sich selbst regulierend“ wegläßt, denn das eingeschlossen, verkompliziert sich die Sachlage ungemein.

Ich würde bestreiten, dass die geschlossene Bierflasche ein geschlossenes System ist. Oder vielleicht kommt es auf die Zeiträume an, die man betrachtet. Ich bin mir ziemlich sicher, dass selbst eine geschlossene Bierflasche nach ein paar Jahrzehnten leer ist, weil der Verschluss porös geworden ist oder korrodiert oder was weiß ich. Dadurch, dass zu diesem System nicht nur das Bier in der Flasche, sondern auch die Flasche selbst gehört, hat das System eine Verbindung mit der „Außenwelt“, die auf es einwirkt. – Dagegen fallen mir allerdings gerade hundert Jahre alte Cognacflaschen ein, die auf Auktionen zu horrenden Preisen gehandelt werden. Und vielleicht hat man sogar in alten Pharaonengräbern geschlossene Flaschen mit irgendwelchen Flüssigkeiten darin gefunden? Will ich nicht ausschließen! :-)

Das wiederum bringt mich zu dem Gedanken, dass vieles von dem, was wir so denken, sich auf einen (menschheitsgeschichtlich oder allgeschichtlich) extrem kurzen Zeitraum bezieht, wir aber schnell dabei sind, daraus allgemeingültige Regeln abzuleiten.

 

Konzeptionslos gehts auch :-) und ziellos auch :-)

Apropos „Konzept“ wechsle ich das Thema :-). In früheren, in jungen Jahren habe ich häufiger überlegt, was denn wohl das Geheimnis einer guten Ehe sei, mithin das Konzept. Je älter ich wurde und desto länger ich verheiratet war, kamen mir all die Weisheiten, die ich mir als Antworten ausgedacht hatte, zunehmend dümmer vor. Ich denke, dass viele Menschen die Frage des Handelns lebenspraktisch beantworten und das heißt, sie denken darüber nicht nach. Dann gibt es einige Menschen, die aus irgendwelchen Gründen darüber nachdenken -und sie werden, so nehme ich an, alle eine für sich geeignete Lösung finden. Vielleicht könnte man sogar von unterschiedlichem Gleichgewichtswohlbefinden ausgehen. Anders gesagt: Es gibt kein Patentkonzept/Rezept, das für alle Menschen gut ist. Du merkst, ich glaube an gar keine Konzepte mehr :-))). Sicher, wenn ich mir überlege, wie ich handle, dann kann ich Muster erkennen, die sich wiederholen. Zum Beispiel das längere gedankliche Umrunden eines Vorhabens, bis dann auf einmal, intuitiv, der Zeitpunkt da ist, an dem ich die geplante Handlung in ein Tun umsetze. Darauf kann ich mich verlassen, d.h. ich vertraue in mich, dass ich’s schon tun werde. Und aktionistisches Handeln habe ich reduzieren können. Vorher stocke ich kurz und denke mir „muß das sein?“ Beides aber folgt keinem Konzept, sondern ist eine Vorgehensweise, die mir erst im reflektierenden Bedenken bewußt wird.

Ich gehöre zu den Menschen, die nicht über irgendwelche Handlungskonzepte nachdenken, glaube ich, oder wenn, dann wie du im Nachhinein. Insofern kann ich dazu nicht viel sagen. Mir fällt aber – wenn wir schon bei den Gedankensprüngen sind :-) – ein Gespräch ein, das ich vor ein paar Tagen mit meiner Tochter hatte, in dem es um Lebensziele ging. Ich erzählte ihr von einer Wohneinrichtung für psychisch instabile Menschen, die in regelmäßigen Abständen „evaluiert“ werden, welche Ziele sie sich setzen und wie weit sie diese Ziele schon erreicht haben. Und ich meinte, dass man das im normalen Alltagsleben eher nicht so explizit macht. Aber wir kamen dann überein, dass es durchaus sehr „zielstrebige“ Menschen gibt (zu denen wir beide nicht gehören), die sich Ziele setzen und sie konsequent verfolgen. Und mir fiel ein Gespräch mit einer Bekannten ein, die mich vor vielen Jahren einmal fragte, welche Ziele ich im Leben denn noch verwirklichen wolle, und die völlig erstaunt war, als ich ihr keines nennen konnte, zumindest keines, das über das Tagesgeschäft hinausging. Sie hätte immer irgendwelche Ziele.

 

Ganz ohne Konzept geht es irgendwie doch nicht?! :-)

Irgendwann einmal hatte ich Dir von meinem Altersbild erzählt, davon, wie ich mit meinem Mann zusammen auf einer Bank am Rande eines Feldes sitzen würde, und in vollkommener Ruhe und Beschaulichkeit nichts weiter mehr tue als die Vergangenheit und die Gegenwart genießen. Spätestens mit dem Tod meines Mannes verschwand dieses Bild, und seltsamerweise oder auch nicht, habe ich das nicht bedauert. Es war s o nicht mehr möglich, und das war in Ordnung für mich. Überhaupt aber ist dieses Bild des endgültigen Beschlusses nie wieder und auch nicht in abgewandelter Weise aufgetaucht. Ich bin unmerklich zu einem Bild gewechselt, in dem ich bis zum letzten Atemzug nicht wie der „liebe Gott“ oder der „Buddha“ sein werde, d.h. ich gehe davon aus, dass bis zum Schluß immer noch gedankliche Bewegungen, Veränderungen sein werden, irgendetwas, das noch zu tun ist, keine Vollkommenheit -und ja, so wie Dich beunruhigt mich das auch in keiner Weise, im Gegenteil, mir ist diese Vorstellung überaus angenehm. Das widerspricht dem Bild, das ich oben düster gemalt habe – und schön, dass es mir noch auffällt, denn diese beiden Bilder zusammengenommen, im Wechsel jeweils, zeigen am besten die Unabgeschlossenheit …

Um noch mal mit Platitüden zu kommen: Wir sind in jeder Hinsicht begrenzt, vorläufig, unfertig, und das sehe ich nicht als Makel. Ist jetzt so mein Konzept :-)))

B.

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