Brief 223 | Getändel

Liebe B.,

So ungefähr ...

Das einzige, was mir einfällt, ist, dass ich oft Schwierigkeiten habe mein genaues Alter anzugeben. Ich habe im Sommer Geburtstag, aber in all den Monaten vorher bin ich in Gedanken immer schon eine Zahl weiter, weil ich nur nach dem Geburtsjahr rechne, aber nicht nach dem Geburtsmonat. Wenn ich also im Sommer 67 werde, dann denke ich schon zu Anfang des Jahres, dass ich 67 bin – oder etwa nicht? Oder doch? * grübel * Und wenn ich dann Geburtstag hatte – wie alt bin ich nun? 67 oder 68? Ich weiß also immer nur „so ungefähr“, wie alt ich bin. :-)

Eine Freundin von mir, kurz K., ist in einem winzigen Dorf in der Türkei geboren worden. Sie weiß den Tag ihrer Geburt nicht. Auch die Eltern haben den Tag nicht gewußt. Es gab oder gibt dort kein Amt, das ein Geburtenregister führt und zu dem man geht, um ein neugeborenes Kind eintragen zu lassen. Das Jahr allerdings weiß sie schon, das haben auch die Eltern sagen können. Als sie in Deutschland eine neue Identität bekam, ist ihr auch ein Geburtstag „verpaßt“ worden, wahrscheinlich der guten Ordnung halber. Man muß einen Geburtstag haben :-))). Das Geburtsjahr ist beim Ausstellen eines neuen Passes um einige Jahre nach hinten verschoben worden. Als ich die Geschichte hörte, fand ich sie sympathisch. Der Tag ist tatsächlich vage (irgendwann an einem Wintertag, als Schnee lag), und beim Jahr kann man sich daran gewöhnen, immer hin- und herzudenken. So alt bin ich tatsächlich, so alt bin ich laut der Beurkundung. Mein Alter habe ich doch meistens wie einen scharfen Schnitt empfunden, den ich aber gerne ein wenig verwischt hätte. So eine Art von gnädiger Verwaschenheit.

Und jetzt aber, gegenwärtig und in diesem Moment frage ich mich rhetorisch, ob denn nicht alles, was man tut, sich daran orientiert, was man tun möchte. Nicht daran, ob es altersentsprechend ist, denn dies ist ein Kriterium, das ausschließlich vom Blick der anderen Menschen auf mich ausgeht. Was sie über mich denken könnten :-))). Das setze ich dann weiter unten fort. Natürlich muß man sich an den körperlichen Gegebenheiten orientieren, die im Laufe des Lebens einschränkender werden, nur im Grundsatz muß man sich immer an den körperlichen Gegebenheiten orientieren, gleich in welchem Alter man sich befindet.

 

Minimalinvasiv

Soso, Luhmann hat das gesagt? :-) Homöodynamik gefällt mir auf jeden Fall sehr gut, denn Homöostase ist ja im Grunde der Versuch, statisch zu werden, während es (nach meinem Verständnis) gerade um ein immerwährendes Ausgleichen geht, das nie zum Stillstand kommt. Die Vorstellung, dass nicht Perfektion das Ziel ist, sondern mehr das aufmerksame Wahrnehmen des Ist-Zustandes, gefällt mir daran so.

Nunja, ich hatte mich ja bei wiki schlau machen müssen und dort las ich zu „Homöostase“ unter der Rubrik „Sozialwissenschaften“ 3 Namen, unter anderem den von Luhmann … zu dem mir einfiel, Du hättest ihn gelesen.

Ob ein solches System keinen Akteur benötigt, weiß ich nicht. Mag sein. (Klingt aber irgendwie nach einem unmöglichen Perpetuum mobile.) Entscheidender und realistischer finde ich zu berücksichtigen, dass immer ein Akteur da ist, der das System beeinflusst. Ich sage mal etwas vorlaut, dass es keine geschlossenen Systeme gibt, sondern in irgendeiner Form alles mit allem zusammenhängt, jedes System also einer Beeinflussung von außen ausgesetzt ist.

Ist das jetzt für irgendwas wichtig? Ich glaube, ich habe beim Theoretisieren und Spekulieren den Faden verloren …

Neinnein, das ist schon gut, weil ich meine stillen Fragen nicht aufgeschrieben hatte, und nun, da Du näher auf das „sich selbst regulierende System“, das sich beständig in Balance zu bringen bestrebt ist, eingehst, kann ich sie laut denken. Meine erste, ganz simple Überlegung war die, dass selbst bei einem so banalen, aus dem Alltag gegriffenen Beispiel wie dem Heizungsthermostat erforderlich ist, dass irgendjemand, also ein Akteur, das Thermostat andreht. Und auch bei dem Modell von 2 Kugeln, die nebeneinander auf einer Stange an einem Band befestigt sind und herunterhängen, sodaß sie sich gegenseitig durch Anstoßen dann dauerhaft in ein Hin- und Herschwingen versetzen, muß es einen „ersten Beweger“ geben. Gibt es den nicht, dann stehen die Kugeln still. Wie soll man es sich bei der Entfaltung von lebendigen pflanzlichen und tierischen Organismen vorstellen? Eine Entwicklungsstufe entfaltet sich aus der anderen, sowohl was die einzelnen Exemplare einer Gattung wie den Menschen :-) angeht als auch in größeren Ordnungen und Zeitdimensionen gedacht. Das scheint mir schon ein System, das ohne Akteure auskommt, nur käme man womöglich, wenn man immer weiter zurückgeht, doch auf sowas wie einen ersten Beweger … am Ende landet man beim Urknall oder Gott, oder wie? Aber vielleicht ist es auch so, dass jeder Fortpflanzungsvorgang Akteure benötigt.

Eine andere Frage, die mir schon beim letzten Mal einfiel, war die, was ein sich selbst regulierendes System eigentlich von einem Rückkoppelungsprozeß unterscheidet. Das würde ich ohne näheres Wissen so unterscheiden, dass das homöodynamische System insofern komplexer ist, als es mehr als Elemente enthält -und dass die Verbindung und Zusammenarbeit aller seiner Bestandteile darauf ausgerichtet ist, zu einem Gleichgewicht zu kommen.

Von geschlossenen oder/und nicht geschlossenen Systemen habe ich keine Ahnung. Wenn ich mir das Ökosytem denke, von dem das menschliche und damit das soziale System ein Teil ist, dann würde ich auch meinen, dass es geschlossene Systeme nicht gibt. Andererseits, noch einmal das biologische Beispiel vom sich selbst regulierenden Schilddrüsensystem aufgreifend, das System kann phasenweise ins Ungleichgewicht geraten; sobald sich jedoch Antikörper bilden, spricht man von einer Autoimmunerkrankung. Da bildet sich also ein Antikörper, woher kommt der? Der taucht wie aus dem Nichts auf :-))). Ist das ein Akteur, der durch sein Eingreifen die ganze schöne Balance für die Lebensdauer des Organismus zerstört? Laienhaft bedacht würde ich dies als ein geschlossenes System begreifen, in dem ohne Grund und Ursache ein Element -innerhalb oder außerhalb, wäre hier die Frage, auftaucht, das die Funktionsweise des Systems außer Kraft setzt.

Also zurück zu dem Satz, auf den ich eigentlich eingehen wollte: „Dieses Modell in Hinsicht auf die Ökonomie der herumwabernden und herumgeisternden Stimmungen anwenden zu können, wäre schön“.

Was meinst du damit? Ich habe so eine Ahnung, dass du dir davon eine Entlastung von deinen mehr negativ getönten Stimmungen versprichst, bin mir aber nicht sicher.

Hmja, ob es ganz ohne Akteur funktioniert, das glaube ich nicht. Aber es könnte mit minimalen Eingriffen -minimalinvasiv- funktionieren. Ich weiß zum Beispiel, dass die täglichen Phasen, in denen ich weder kreativ denken noch etwas tun kann, außer auf dem Bett liegen -fast immer irgendwann am Nachmittag, je nachdem, ob ich dann nicht einen Termin habe- vorübergehen, ohne dass ich mich anstrengen muß. Sie verschwinden einfach nach einiger Zeit wieder, spätestens am nächsten Morgen. Das heißt, ich habe bei dieser, nicht von mir aktiv herbeigeführten Befindlichkeit das Vertrauen, dass es sich um einen Prozeß handelt, der fast von alleine abläuft und der sich ebenso anstrengungslos ausbalanciert.

Mir ist weiter das „Handeln durch Nicht-Handeln“ in den Sinn gekommen, einer Leitlinie, die ebenfalls fast ohne einen Akteur auskommt. Der Fortgang der Ereignisse scheint mir, wenn man sich an dieser Anweisung ausrichtet, auch einen Gleichgewichtszustand anzustreben. Man wird ja nicht gänzlich untätig, verliert sich auf der anderen Seite nicht in aktionistischem Tun. Man wartet auf den passenden Moment zu handeln, und das heißt nicht, in Lauerstellung dazusitzen, also ständig auf dem Sprung sein, um den richtigen Moment nur nicht verpassen :-). Ich stelle es mir eher auch wie ein beständiges Ausbalancieren vor. Wie eine Bewegung, die zum Ausgleich zwischen Tun und Nicht-Tun führt.

Ich bin mir nicht sicher, stimmt das Bild?  

 

Getändel

Vielleicht war meine Beschreibung mit den gewohnten Verhaltensbahnen zu einengend. Es könnte sich auch um das Verhalten eines mir fremden Menschen handeln, dessen gewohntes Verhalten ich also gar nicht kenne, der sich aber – für mein Gefühl – irgendwie „anders“ verhält, als ich es erwarte. Wenn jemand z.B. auf der Straße anfängt zu singen. Oder eine Nachbarin trägt plötzlich immer einen schicken Hut. Oder jemand geht barfuß durch die Stadt (gestern tatsächlich gesehen, bei minus 4 Grad!). Oder jemand antwortet plötzlich nur noch auf Englisch. Lauter kleine Irritationen, die aber nicht mehr als ein leichtes Erstaunen bei mir auslösen und dann schon wieder wegrutschen. Wenn ich mir aber die umgekehrte Situation vorstelle – ich selbst fange plötzlich auf offener Straße an zu singen – dann würde ich bestimmt denken, achje, die Leute müssen mich ja für verrückt halten. Dabei denken sie vermutlich keine zwei Sekunden darüber nach. Ich weiß nicht, ob ich verständlich machen kann, was ich meine. Vielleicht geht es im Grunde darum, dass man sich selbst viel zu sehr in den Mittelpunkt stellt. Aber da steht man für die anderen gar nicht! Für die anderen „kommt es nicht auf mich an“. Das kann man einerseits bedauern, nach dem Motto „Es interessiert ja sowieso niemanden, was ich mache“. Es hat aber auch, jedenfalls für mich, eine starke befreiende Komponente. Das ist wohl ein Beispiel für die Paradoxien des Zen, die ich so mag: Wenn man „niemand“ ist, kann man „alles“ sein.

Ah ja, warum hast Du das nicht gleich gesagt! :-)). Du siehst andere Menschen, die sich nicht den Konventionen entsprechend verhalten oder anders gesagt, weil es nicht nur um Konventionen geht, Menschen, die sich auffällig verhalten. Man nimmt sie wahr, weil sie auf irgendeine Weise auffallen, aber man kümmert sich nicht weiter darum. Aus Deiner eigenen Reaktion schließt Du auf die Reaktion anderer Menschen, sollten sie Dich bei seltsam auffälligem Verhalten wahrnehmen :-). Geht es mir genau so? Ja! Ich halte mich auch nicht lange damit auf, wenn ich Menschen begegne oder zufällig sehe, die aus der Menge der anderen Menschen herausragen. Es ist davon auszugehen, dass ich von Anderen ebenso beiläufig, mehr oder weniger desinteressiert wahrgenommen werde.

„Desinteressiert“ -“das kann man bedauern“, ich vermute mit einiger Gewißheit, dass die befreiende Komponente und Wirkung deswegen bei mir fehlt, weil ich vor allen Dingen „bedaure“. Ich möchte wahrgenommen und das heißt beachtet werden, weil ich das „Gesehenwerden“ brauche, die Anerkennung und Bestätigung meiner Person. Über diesen Unterschied zwischen uns haben wir ja schon öfter gesprochen. Nur ist für die Anerkennung und Bestätigung meiner Person nötig, dass ich auf positive Art und Weise gesehen werde. Ein auffälliges Verhalten, das einen kurz verwunderten halb interessierten, mehr desinteressierten Blick hervorruft, nützt mir nichts.

Und nun führe ich das „Alter“ von oben hier fort. Wie muß ich mich verhalten, damit ich nicht als so alt wie ich bin wahrgenommen werde?! Alleine diese Frage von mir selber zu lesen, während ich sie schreibe, führt mir die Unsinnigkeit dieses beständigen Blickes auf mich und die anderen Menschen anschaulich vor Augen. Wie Andere mich sehen, das weiß ich nicht, das ist lauter Einbildungskraft.

Ach, jetzt fällt mir in einer kurzen und griffigen Formulierung ein, worum es geht: „Als ein niemand für jemanden alles sein“, das ist es. Es verläuft über eine Beziehung. Mein Alter, mein Marktwert als Frau egal, niemand sein müssen, alles sein (dürfen), das wäre so mit einer Beziehung. Niemand sein und alleine, das ist für mich wie verloren sein.

Andererseits weiß ich schon sehr genau, was Du meinst. Mit dem Blick beständig auf andere Menschen schielen, wie könnte dies oder jenes an meinem Verhalten auf sie wirken, dadurch werde ich ja nicht vom „niemand“ zu „jemand“ :-))). Ich komme einfach zu keinem Beschluß, liebe B., ich tändele zwischen was bin ich „für mich“ und was bin ich „für andere“ hin und her.

F.

 

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