Brief 222 | Vage abstrakt :-)

Liebe F.,

So ungefähr ...

Hm, wenn ich es jetzt bedenke -was ich bisher noch nie getan habe- dann gab es für mich in jeder Altersstufe einen kleinen „Bruch“, der für mich „jung“ von „alt“ trennte. Das erste Mal war es kurz nach meiner Heirat, als es darum ging, ob mein Mann und ich ein Kind haben wollten. Unabhängig davon, dass es sowieso niemals eine Option für mich war, erinnere ich gut, dass ich mich mit meinen 32 oder 33 Jahren zu alt fühlte. Als wäre ich mit der Heirat an sich in eine andere Altersstufe gewechselt. Bevor ich mein zweites Studium mit Anfang 40 begann, fühlte ich mich zu alt -eigentlich- für eine Teilnahme als Studentin. In dem Moment, in dem ich studierte, entfiel diese Einschätzung völlig, und ich fühlte mich jung wie die Anderen. Mit Mitte 50 gab es ebenso einen Einschnitt, bei dem ich meinte, ich hätte einen Alterssprung getan, und danach verjüngte ich mich wieder. Nachdem mein Mann gestorben war, fand ich mich auf einmal auch wieder jünger als vorher.

Die Sprünge hin und her dürften also mit neuen Lebensumständen eher verbunden sein als mit dem tatsächlichen Alter. Und, wie ich auf den letzten Abschnitt, vorausblickend feststelle, sie haben sehr viel mit der Selbstwahrnehmung zu tun.

Außerdem bin ich auf Dich so gut wie nicht eingegangen. Ich habe einfach lose angeknüpft, indem ich den Gedanken nachgegangen bin, die Dein Schreiben bei mir ausgelöst haben.

Und ich knüpfe jetzt lose an den letzten Absatz deiner Gedanken zum Altersempfinden an, weil die anderen so gut wie nichts bei mir ausgelöst haben. :-) Das liegt nicht daran, dass mich nicht interessieren würde, was du geschrieben hast, sondern daran, dass mein Alter noch nie eine große Rolle für mich gespielt hat, ich also zu meinem eigenen Altersempfinden überhaupt nichts beitragen kann. Vielleicht kommt das daher, dass mein Leben auch nicht annähernd so abwechslungsreich verlaufen ist wie deines, sondern ziemlich geradlinig und bruchlos und ohne Sprünge? Das einzige, was mir einfällt, ist, dass ich oft Schwierigkeiten habe mein genaues Alter anzugeben. Ich habe im Sommer Geburtstag, aber in all den Monaten vorher bin ich in Gedanken immer schon eine Zahl weiter, weil ich nur nach dem Geburtsjahr rechne, aber nicht nach dem Geburtsmonat. Wenn ich also im Sommer 67 werde, dann denke ich schon zu Anfang des Jahres, dass ich 67 bin – oder etwa nicht? Oder doch? * grübel * Und wenn ich dann Geburtstag hatte – wie alt bin ich nun? 67 oder 68? Ich weiß also immer nur „so ungefähr“, wie alt ich bin. :-)

 

Homöodynamik!

Luhmann, den Du gelesen hast :-) ich nicht, ist einer derjenigen, die vorgeschlagen haben, für soziale Systeme den Begriff Homöstase durch Homöodynamik zu ersetzen, weil „stase“ eigentlich „Tod“, „Stillstand“, Starre“ bedeutet. Und nachdem ich mir den kurzen wikipedia-Artikel zu dem Begriff durchgelesen habe, weil ich es nicht kannte, finde ich die „Dynamik“ für alle Arten von System auch passender.

Soso, Luhmann hat das gesagt? :-) Homöodynamik gefällt mir auf jeden Fall sehr gut, denn Homöostase ist ja im Grunde der Versuch, statisch zu werden, während es (nach meinem Verständnis) gerade um ein immerwährendes Ausgleichen geht, das nie zum Stillstand kommt. Die Vorstellung, dass nicht Perfektion das Ziel ist, sondern mehr das aufmerksame Wahrnehmen des Ist-Zustandes, gefällt mir daran so.

Dieses Modell in Hinsicht auf die Ökonomie der herumwabernden und herumgeisternden Stimmungen anwenden zu können, wäre schön. Bei einem sich selbst regulierenden System wird ja kein Akteur benötigt. Es geschieht alles ganz von alleine. Die Bewegung, die das Gleichgewicht sucht, dabei aber fast nie den angestrebten Zustand erreicht, würde sich ohne eigenes Zutun ereignen. Mir fällt auf, dass ich passender den Ausdruck „Balance“ finde. Liegt es nur an meinem Sprachgefühl, dass ich mit dem „Gleichgewicht“ die exakte Ausgewogenheit verbinde, während „Balance“ das Unperfekte, das Du erwähnst, die Annäherung an einen stabilen Zustand, deutlicher zeigt.

Dein Sprachgefühl entspricht wohl auch dem meinen. Für mich liegt in der Balance das Balancieren, also eine Tätigkeit, während Gleichgewicht für mich nach einem erreichten Zustand klingt.

Ob ein solches System keinen Akteur benötigt, weiß ich nicht. Mag sein. (Klingt aber irgendwie nach einem unmöglichen Perpetuum mobile.) Entscheidender und realistischer finde ich zu berücksichtigen, dass immer ein Akteur da ist, der das System beeinflusst. Ich sage mal etwas vorlaut, dass es keine geschlossenen Systeme gibt, sondern in irgendeiner Form alles mit allem zusammenhängt, jedes System also einer Beeinflussung von außen ausgesetzt ist.

Ist das jetzt für irgendwas wichtig? Ich glaube, ich habe beim Theoretisieren und Spekulieren den Faden verloren … Also zurück zu dem Satz, auf den ich eigentlich eingehen wollte:

Dieses Modell in Hinsicht auf die Ökonomie der herumwabernden und herumgeisternden Stimmungen anwenden zu können, wäre schön.

Was meinst du damit? Ich habe so eine Ahnung, dass du dir davon eine Entlastung von deinen mehr negativ getönten Stimmungen versprichst, bin mir aber nicht sicher.

 

Niemand sein“

Um absehen zu können von dem, was man glaubt zu sein, muß man eine bestimmte Vorstellung von sich haben: Es kann ein Bild sein, es können bestimmte Eigenschaften sein, Fähigkeiten oder Unfähigkeiten, die man sich selber zuschreibt. Der Kick, das befreiende Moment ist nur möglich vor dem Hintergrund eines irgendwie Bestimmten, das man glaubt zu sein. Ist nichts da, kann man davon auch nicht absehen :-). Das ist aus meiner Sicht auch der Grund dafür, dass ein „ich bin“ dauerhaft nicht hält; man muß es immer wieder durch ein Bestimmtes ergänzen, das dann erneut variiert, ersetzt oder weggedacht werden kann.

Homöodynamik! :-)

Ich bin heute anscheinend etwas abstrakt unterwegs :-), denn mir ist beim Lesen des „dass ein „ich bin“ dauerhaft nicht hält“ eingefallen, dass dieses „Ich bin“ ja nur eine Theorie ist, dass das Leben sich aber nicht in Theorien pressen lässt. Sie sind immer nur Näherungen. Was will ich damit sagen? Ich weiß es nicht so genau. Ich bin also nicht nur abstrakt, sondern dazu auch noch vage unterwegs. :-))

Eben habe ich es zur Vereinfachung einmal an andere Menschen gedacht bzw. denken wollen, die ihre „gewohnten Verhaltensbahnen verlassen“ und selbst da, wo es nicht um mich geht, komme ich nicht weiter. Mir fällt niemand Fremdes ein, von dem ich dergleichen sagen könnte oder an dem ich’s wahrgenommen hätte. Wenn ich an mein Umfeld, mir bekannte Menschen denke, so ist tabula rasa in meinem Kopf. Das könnte einfach daran liegen, dass ich um die diversen Selbstbeschränkungen der Anderen natürlich gar nicht weiß, denn kennen tue ich nur meine.

Vielleicht war meine Beschreibung mit den gewohnten Verhaltensbahnen zu einengend. Es könnte sich auch um das Verhalten eines mir fremden Menschen handeln, dessen gewohntes Verhalten ich also gar nicht kenne, der sich aber – für mein Gefühl – irgendwie „anders“ verhält, als ich es erwarte. Wenn jemand z.B. auf der Straße anfängt zu singen. Oder eine Nachbarin trägt plötzlich immer einen schicken Hut. Oder jemand geht barfuß durch die Stadt (gestern tatsächlich gesehen, bei minus 4 Grad!). Oder jemand antwortet plötzlich nur noch auf Englisch. Lauter kleine Irritationen, die aber nicht mehr als ein leichtes Erstaunen bei mir auslösen und dann schon wieder wegrutschen. Wenn ich mir aber die umgekehrte Situation vorstelle – ich selbst fange plötzlich auf offener Straße an zu singen – dann würde ich bestimmt denken, achje, die Leute müssen mich ja für verrückt halten. Dabei denken sie vermutlich keine zwei Sekunden darüber nach. Ich weiß nicht, ob ich verständlich machen kann, was ich meine. Vielleicht geht es im Grunde darum, dass man sich selbst viel zu sehr in den Mittelpunkt stellt. Aber da steht man für die anderen gar nicht! Für die anderen „kommt es nicht auf mich an“. Das kann man einerseits bedauern, nach dem Motto „Es interessiert ja sowieso niemanden, was ich mache“. Es hat aber auch, jedenfalls für mich, eine starke befreiende Komponente. Das ist wohl ein Beispiel für die Paradoxien des Zen, die ich so mag: Wenn man „niemand“ ist, kann man „alles“ sein.

Und -hach- „es kommt auf mich nicht an“ ist eine Erfahrung, die ich immer wieder so gar nicht nachvollziehen kann :-). Wir haben ja schon öfter darüber gesprochen und müssen es, wie mir scheint, vorläufig und bis auf Weiteres einfach so von mir nicht verstanden, dabei belassen.

Ja, scheint so. Macht ja auch nichts. :-)

B.

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