Brief 221 | Siehst Du was, das ich nicht seh'?

Liebe B.,

Sprunghaft

Meine erste Reaktion (als Kaum-ÖPNV-Nutzerin – ich mache fast alle Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad): Ist ja toll, dass es diese Form der Höflichkeit unter jungen Leuten überhaupt noch gibt! Das habe ich nicht unbedingt erwartet. Wenn das unerwünscht ist, ist das natürlich blöd.

Seltsam, seltsam :-))). In den vergangenen zwei Wochen ist niemand für mich aufgestanden. An mir dürfte es nicht gelegen haben, weil ich mich ja nicht um Tage oder Jahre verjüngt habe. Dann müssen es zufällig Leute gewesen sein, die sich durch mein Erscheinen nicht aufgefordert fühlten, ihren Sitzplatz zu räumen. Übrigens würde ich auch nicht bestätigen wollen, dass die jüngeren Menschen generell rücksichtslos(er) und unaufmerksam(er) und nicht hilfsbereit sind. Das entspricht überhaupt nicht meiner Wahrnehmung.

Man kann aber auch von Gleichaltrigen geduzt werden, z.B. von irgendwelchen locker-flockigen Alt-68ern, und dann würde das bedeuten: Hej, wir beide gehören zur selben Generation! :-) (Beide am Rollator … :-)))

Eine Zeit lang habe ich, wie ich Dir erzählte, in einem Seniorenforum geschrieben. Dort waren Jüngere und Ältere -als ich- versammelt, und häufig war ich erstaunt, wenn die ungefähr Gleichaltrigen (die 68er und die etwas später Geborenen) sich als die politisch Engagierten aus den 70er Jahren herausstellten. Sie teilten meine Jugend-Geschichte. Wir waren annähernd gleich alt und hatten ähnliche Biographien. Dieses Erstaunen habe ich mir immer so erklärt, dass „Senioren“ diejenigen für mich waren/sind, die viel älter sind als ich es bin. Ich hatte irgendwie nicht Schritt gehalten und sah mich immer noch als nicht Seniorin. Nein, das ist unverständlich ausgedrückt. Senioren waren für mich Menschen in der Generation meiner Mutter ungefähr, also unpolitisch und autoritätsgläubig, und da ich aus dieser Perspektive auf die Gesprächsteilnehmenden blickte, war ich die Jüngere aus der folgenden Generation. Diesen Irrtum zu bemerken, löste daher öfter Erstaunen bei mir aus.

Ich fand und finde es immer schwierig, das Alter eines Menschen, egal ob jung oder alt, einigermaßen zu schätzen. Aber ab einem bestimmten Punkt ist klar, dass jemand auf jeden Fall nicht mehr zu den Jungen gehört.

Früher als junge Frau waren alle Menschen ab ungefähr 40 Jahren „alt“ für mich, und ich hatte kein Gefühl dafür, ob sie 40 oder 50 Jahre alt sind, vielleicht sogar noch einige Jahre älter. Jetzt ist es so, dass ich das Alter von Menschen unter 55 Jahren ungefähr nicht mehr gut einschätzen kann. 30 oder 40? Wenn ich Vergleiche ziehen kann, sie nebeneinander stehen, dann geht es meistens noch.

Wahrscheinlich gibt es so etwas wie eine Übergangsphase, in der man sich noch einigermaßen jung fühlt, aber von anderen schon als älter wahrgenommen wird, was dann mitunter zu kleineren, manchmal auch etwas unangenehmen Diskrepanzen zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung führen kann. Im Französischen gibt es den Ausdruck „une femme entre deux âges“, also eine Frau zwischen zwei Lebensaltern – noch nicht richtig alt, aber auch nicht mehr wirklich jung. Interessanterweise wendet man diesen Ausdruck nur bei Frauen an. In ihm schwingt eine Spur von herablassendem Mitleid mit, über das langsame Unsichtbarwerden, die zunehmende Geschlechtslosigkeit. Im Deutschen hat man eher den Ausdruck „eine Frau in den besten Jahren“. Der scheint mir auch nicht ganz ironiefrei zu sein.

Hm, wenn ich es jetzt bedenke -was ich bisher noch nie getan habe- dann gab es für mich in jeder Altersstufe einen kleinen „Bruch“, der für mich „jung“ von „alt“ trennte. Das erste Mal war es kurz nach meiner Heirat, als es darum ging, ob mein Mann und ich ein Kind haben wollten. Unabhängig davon, dass es sowieso niemals eine Option für mich war, erinnere ich gut, dass ich mich mit meinen 32 oder 33 Jahren zu alt fühlte. Als wäre ich mit der Heirat an sich in eine andere Altersstufe gewechselt. Bevor ich mein zweites Studium mit Anfang 40 begann, fühlte ich mich zu alt -eigentlich- für eine Teilnahme als Studentin. In dem Moment, in dem ich studierte, entfiel diese Einschätzung völlig, und ich fühlte mich jung wie die Anderen. Mit Mitte 50 gab es ebenso einen Einschnitt, bei dem ich meinte, ich hätte einen Alterssprung getan, und danach verjüngte ich mich wieder. Nachdem mein Mann gestorben war, fand ich mich auf einmal auch wieder jünger als vorher.

Die Sprünge hin und her dürften also mit neuen Lebensumständen eher verbunden sein als mit dem tatsächlichen Alter. Und, wie ich auf den letzten Abschnitt, vorausblickend feststelle, sie haben sehr viel mit der Selbstwahrnehmung zu tun.

Außerdem bin ich auf Dich so gut wie nicht eingegangen. Ich habe einfach lose angeknüpft, indem ich den Gedanken nachgegangen bin, die Dein Schreiben bei mir ausgelöst haben.

 

Homöodynamik

Das entspräche in etwa meinem Bild des Pendels, bei dem der Zustand am jeweils höchsten Punkt ja auch nur ganz kurz ist, bevor die Sache schon wieder in die andere Richtung schwingt. (Wobei bei meinem Bild der Aspekt des Gleichgewichts ja eigentlich fehlt, merke ich gerade, da ist der Aspekt der Bewegung wichtiger ...)

Das sind auf jeden Fall wohl Bilder, die sich auf so gut wie alles Lebendige anwenden lassen. Gleichgewicht als Zustand, der sozusagen gerade gewesen ist oder der nie da ist, aber immer und immer wieder hergestellt werden soll. Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich den Begriff der Homöostase zum ersten Mal gehört habe. Ich habe auch nur eine vage (und wer weiß, ob überhaupt richtige) Vorstellung davon, was er bedeutet, aber er gefällt mir. Ich stelle mir darunter ein System vor, dass unentwegt in Bewegung ist, um ein inneres Gleichgewicht herzustellen, was nie perfekt, aber immer mehr oder weniger ausreichend gelingt. Und gerade dieses Unperfekte macht es widerstandsfähig und funktionabel. Es ist nicht starr, es bricht nicht zusammen, wenn es auch Fehler und Unzulänglichkeiten enthält. - Das kann man auf ganz viel anwenden, auch auf sich selbst, wenn man möchte. :-)

Luhmann, den Du gelesen hast :-) ich nicht, ist einer derjenigen, die vorgeschlagen haben, für soziale Systeme den Begriff Homöstase durch Homöodynamik zu ersetzen, weil „stase“ eigentlich „Tod“, „Stillstand“, Starre“ bedeutet. Und nachdem ich mir den kurzen wikipedia-Artikel zu dem Begriff durchgelesen habe, weil ich es nicht kannte, finde ich die „Dynamik“ für alle Arten von System auch passender.

Das ist wie mit der Schilddrüse, fällt mir praktischerweise gleich ein. Die Hypophyse bildet ein Hormon (TSH), das der Schilddrüse signalisiert, ob sie ihre Hormone freigeben soll, oder ob ausreichend T3 und T4-Hormone im Blut vorhanden sind. Die Schilddrüse stellt die Freigabe ein, oder gibt ihre Hormone frei -die ihrerseits die Botschaft an die Hypophyse sind. Einen Stillstand gibt es darin nicht oder falls doch, dann nur für einen winzigen Moment. An allem Lebendigen, wie Du sagst, kann man diesen Vorgang beobachten, an sozialen Systemen, womit ich mich nicht auskenne -und auch die Thermostate einer Heizung funktionieren so :-))).

Dieses Modell in Hinsicht auf die Ökonomie der herumwabernden und herumgeisternden Stimmungen anwenden zu können, wäre schön. Bei einem sich selbst regulierenden System wird ja kein Akteur benötigt. Es geschieht alles ganz von alleine. Die Bewegung, die das Gleichgewicht sucht, dabei aber fast nie den angestrebten Zustand erreicht, würde sich ohne eigenes Zutun ereignen. Mir fällt auf, dass ich passender den Ausdruck „Balance“ finde. Liegt es nur an meinem Sprachgefühl, dass ich mit dem „Gleichgewicht“ die exakte Ausgewogenheit verbinde, während „Balance“ das Unperfekte, das Du erwähnst, die Annäherung an einen stabilen Zustand, deutlicher zeigt.

 

Siehst Du was, das ich nicht seh’?

Das scheint mir meine obige Frage zu beantworten – du empfindest deine „Fremdheit“ offenbar jedenfalls nicht als negativ. :-)

Ja, und was mir während meines Schreibens am letzten Brief nur vage im Kopf war, bekommt jetzt Kontur. Um absehen zu können von dem, was man glaubt zu sein, muß man eine bestimmte Vorstellung von sich haben: Es kann ein Bild sein, es können bestimmte Eigenschaften sein, Fähigkeiten oder Unfähigkeiten, die man sich selber zuschreibt. Der Kick, das befreiende Moment ist nur möglich vor dem Hintergrund eines irgendwie Bestimmten, das man glaubt zu sein. Ist nichts da, kann man davon auch nicht absehen :-). Das ist aus meiner Sicht auch der Grund dafür, dass ein „ich bin“ dauerhaft nicht hält; man muß es immer wieder durch ein Bestimmtes ergänzen, das dann erneut variiert, ersetzt oder weggedacht werden kann.

Was mir immer wieder auffällt, ist, dass es oft so unglaublich egal ist, ob ich einem bestimmten Bild (sei es Selbst-, sei es Fremdwahrnehmung) entspreche. Wenn andere Menschen sich außerhalb ihrer gewohnten Bahnen verhalten, dann akzeptiere ich das ja auch und das anfängliche Erstaunen legt sich sehr schnell – warum also nicht auch bei mir selbst? Wenn es einem gelingt, diese Bilder zu vergessen – nein, das hört sich zu aktiv an; wenn diese Bilder gar nicht da sind, weil man mit dem beschäftigt ist, was man tut, und nicht mit sich selbst, dann kann man einfach so handeln, wie es sich im Moment ergibt oder wie man es gerade für richtig hält. Das sind für mich diese Momente, in denen es „nicht auf mich ankommt“, die ich so schön finde. Das müssen gar nicht unbedingt Flow-Momente sein, in denen man sich selbst vergisst, sondern manchmal kann ich mich auch ganz bewusst so verhalten. Ich sage mir dann im Geiste: „Es ist egal, es geht niemanden etwas an, ich mach das jetzt einfach.“ Das passt natürlich nicht immer, es gibt Situationen, in denen es ganz und gar nicht egal ist, ob und was ich mache; so wie es nicht egal ist, dass du dich dafür verantwortlich fühlst, deinen Beitrag zum Weiterbestehen des Forums zu leisten. Aber in vielen Fällen ist es eben tatsächlich egal, und dann ist es schön, wenn ich diese Freiheit auch nutzen kann, wenn ich das möchte, und mich nicht selbst einschränke.

Eben habe ich es zur Vereinfachung einmal an andere Menschen gedacht bzw. denken wollen, die ihre „gewohnten Verhaltensbahnen verlassen“ und selbst da, wo es nicht um mich geht, komme ich nicht weiter. Mir fällt niemand Fremdes ein, von dem ich dergleichen sagen könnte oder an dem ich’s wahrgenommen hätte. Wenn ich an mein Umfeld, mir bekannte Menschen denke, so ist tabula rasa in meinem Kopf. Das könnte einfach daran liegen, dass ich um die diversen Selbstbeschränkungen der Anderen natürlich gar nicht weiß, denn kennen tue ich nur meine.

Sich „außerhalb der gewohnten Bahnen“ verhalten, so sind mir bei weiterem Überlegen doch noch Menschen eingefallen, an denen ich manchmal neue Seiten entdecke. Bisher habe ich sie vielleicht meistens still oder viel redend erlebt, meistens lustig oder ernst, und dann verhalten sie sich irgendwann einmal nicht so, wie ich sie kenne. Das würde ich allerdings unter die „vielfältigen Eigenschaften“, die Menschen haben, einordnen, also etwas, das normal ist.

Und -hach- „es kommt auf mich nicht an“ ist eine Erfahrung, die ich immer wieder so gar nicht nachvollziehen kann :-). Wir haben ja schon öfter darüber gesprochen und müssen es, wie mir scheint, vorläufig und bis auf Weiteres einfach so von mir nicht verstanden, dabei belassen.

F.



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