Brief 220 | Homöostase

Liebe F.,

Ich stelle jetzt eine womöglich abenteuerliche These auf. Die ehrenamtlich arbeitenden Männer beteiligen sich in den Sportvereinen. Die Sportvereine bekommen den Hauptteil der Gelder für die Inklusionsförderung. Schlußfolgerung: Die in den Gremien der Stadt und für die Verteilung der Gelder Zuständigen sind hauptsächlich Männer …?

Bingo! Genau das hatte ich implizieren wollen. :-) Das ist nicht abenteuerlich, das ist Realität.

 

Sie“ oder „Du“ = alt oder jung?

Ah ja, das erinnert mich an den Umgang mit sehr alten Menschen im Pflegeheim, wo die „Sie“-Anrede weniger ein Ausdruck der Distanz, sondern viel mehr noch Ausdruck der Höflichkeit und Achtung ist. Alte und auch demente Menschen sind in mancher Hinsicht wieder ein bißchen wie Kinder, und Kinder duzt man. Man nimmt sie nicht für voll, weil sie noch oder nicht mehr nicht die Übersicht über sich selbst und ihre Umgebung haben, d.h. nicht selbstverantwortlich handeln können.

Höflichkeit und Achtung – das ist ein Aspekt, den ich noch gar nicht auf dem Schirm hatte. Dabei spielt er in der Bahnhofsmission auch eine große Rolle. Das Siezen ist ein Zeichen des gegenseitigen Respekts.

Die jüngere Kollegin und der jüngere Mann führen mich auf eine Spur, die ich bisher völlig außer acht gelassen, d.h. gar nicht gesehen hatte. Mir ist es in den letzten Wochen unangenehm aufgefallen, weil es unabweislich ist. Ich fahre wochentags täglich 2 Busstationen hin und zurück, und sofern im Bus die Sitzplätze alle oder nahezu alle belegt sind, springt, sobald ich in den Bus einsteige, irgendein junger Fahrgast auf, um mir den Platz anzubieten. Es ist daran nichts zu machen. Ich demonstriere Beweglichkeit, Nicht-Gebrechlichkeit … und dennoch werde ich wahrgenommen als eine alte Frau, der man den Sitzplatz anbietet.

Meine erste Reaktion (als Kaum-ÖPNV-Nutzerin – ich mache fast alle Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad): Ist ja toll, dass es diese Form der Höflichkeit unter jungen Leuten überhaupt noch gibt! Das habe ich nicht unbedingt erwartet. Wenn das unerwünscht ist, ist das natürlich blöd.

Werde ich geduzt, dann ist darin für mich die Botschaft impliziert, dass ich jung oder jünger jedenfalls bin, als ich es bin. Ich werde für wert erachtet mich zu duzen, weil ich noch dazugehöre, zur mobilen Gesellschaft :-))). Ich erlebe es also als eine Aufwertung meiner Person.

Man kann aber auch von Gleichaltrigen geduzt werden, z.B. von irgendwelchen locker-flockigen Alt-68ern, und dann würde das bedeuten: Hej, wir beide gehören zur selben Generation! :-) (Beide am Rollator … :-)))

Ich fand und finde es immer schwierig, das Alter eines Menschen, egal ob jung oder alt, einigermaßen zu schätzen. Aber ab einem bestimmten Punkt ist klar, dass jemand auf jeden Fall nicht mehr zu den Jungen gehört. Irgendwann ist mir mal bewusst geworden, dass ich für viele Kolleginnen inzwischen zur Gruppe der „Alten“ gehörte, derjenigen, die schon lange vor ihnen dagewesen sind. Dieses Kippen in eine andere Altersstufe fand ich interessant. Wie habe ich mich dabei gefühlt? Ich erinnere es nicht mehr genau. Ich glaube, das fiel in die Zeit, als ich schon in Altersteilzeit war und mich schon nicht mehr richtig zugehörig fühlte. Das ging so in Richtung: „Ja, macht ihr man, ihr seid noch jung, ich muss das nicht mehr.“

Wahrscheinlich gibt es so etwas wie eine Übergangsphase, in der man sich noch einigermaßen jung fühlt, aber von anderen schon als älter wahrgenommen wird, was dann mitunter zu kleineren, manchmal auch etwas unangenehmen Diskrepanzen zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung führen kann. Im Französischen gibt es den Ausdruck „une femme entre deux âges“, also eine Frau zwischen zwei Lebensaltern – noch nicht richtig alt, aber auch nicht mehr wirklich jung. Interessanterweise wendet man diesen Ausdruck nur bei Frauen an. In ihm schwingt eine Spur von herablassendem Mitleid mit, über das langsame Unsichtbarwerden, die zunehmende Geschlechtslosigkeit. Im Deutschen hat man eher den Ausdruck „eine Frau in den besten Jahren“. Der scheint mir auch nicht ganz ironiefrei zu sein.

 

Homöostase

Vergleichbar finde ich es mit dem Gehen auf einem Schwebebalken … eine gerade gezogene schmale Linie auf dem Fußboden reicht auch schon. Für einen Moment tritt man sicher und ausbalanciert auf, um gleich danach schon wieder ins Kippeln zu geraten, d.h. die Momente, in denen man das Gleichgewicht bemühen muß wiederzufinden. Die stabile Lage oder Position, die ist kurz, während die instabilen, die Findungsphasen, insgesamt wohl die längere Zeit in Anspruch nehmen.

Das entspräche in etwa meinem Bild des Pendels, bei dem der Zustand am jeweils höchsten Punkt ja auch nur ganz kurz ist, bevor die Sache schon wieder in die andere Richtung schwingt. (Wobei bei meinem Bild der Aspekt des Gleichgewichts ja eigentlich fehlt, merke ich gerade, da ist der Aspekt der Bewegung wichtiger ...)

Das sind auf jeden Fall wohl Bilder, die sich auf so gut wie alles Lebendige anwenden lassen. Gleichgewicht als Zustand, der sozusagen gerade gewesen ist oder der nie da ist, aber immer und immer wieder hergestellt werden soll. Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich den Begriff der Homöostase zum ersten Mal gehört habe. Ich habe auch nur eine vage (und wer weiß, ob überhaupt richtige) Vorstellung davon, was er bedeutet, aber er gefällt mir. Ich stelle mir darunter ein System vor, dass unentwegt in Bewegung ist, um ein inneres Gleichgewicht herzustellen, was nie perfekt, aber immer mehr oder weniger ausreichend gelingt. Und gerade dieses Unperfekte macht es widerstandsfähig und funktionabel. Es ist nicht starr, es bricht nicht zusammen, wenn es auch Fehler und Unzulänglichkeiten enthält. - Das kann man auf ganz viel anwenden, auch auf sich selbst, wenn man möchte. :-)

 

Egal

Schön, dass Du weiter nachfragst, denn nun bin ich in der Pflicht :-), Dir eine Antwort zu geben und dafür muß ich mich bedenken (ein Fragezeichen – ein Ausrufezeichen). Es ist die Verantwortung, wird mir klar. Ich fühle mich verantwortlich für etwas mehr als ich selbst es bin. Für eine, wenngleich in Mini-Gestalt, Einrichtung, habe ich auf den „Ton“, die Themen und den kontinuierlichen Redefluß zu achten. Wobei natürlich eine entscheidende Rolle auch spielt, dass das Forum am „Beatmungsgerät“ hängt (diesen Ausdruck hatte vor langer Zeit einmal ein Teilnehmer eines anderen Forums erfunden). Wenn die Betreibenden nicht aktiv sind, geht das Forum ein.

Nein, das alles trifft nicht. Du hast vom „Wunder der Offenheit“ geschrieben (im folgenden Absatz), und in dieser Situation, die neu für mich ist, bin ich mir selber fremd. Ich bin darin nicht die, von der ich glaube, dass ich es bin. Ich bin mir selber fremd. Punkt :-). Das ist eine schöne Entdeckung.

Das gehört aber doch vermutlich zusammen, oder? Dass du Verantwortung übernimmst, ist für dich das Neue, was dir ungewohnt oder „fremd“ vorkommt. Bedeutet die „schöne Entdeckung“, dass du dich über diese „fremde“ F. freust (oder welche positiven Emotionen auch immer das auslöst), oder ist das Schöne daran nur, dass du diese Entdeckung gemacht hast?

Das ist schlicht und einfach eine geniale Formulierung. Ich kann hundertprozentig verstehen, was Du meinst, obwohl ich nicht erinnere, jemals in meinem Leben eine solche Situation erlebt zu haben ...

… bis eben. Denn in einem Geistesblitz habe ich sie auf die oben erwähnte Situation anwenden können. Und anflugweise erlebe ich vor allen Dingen auch die befreiende Wirkung. Ich kann mich gut von dem lösen, was ich glaube zu sein :-).

Das scheint mir meine obige Frage zu beantworten – du empfindest deine „Fremdheit“ offenbar jedenfalls nicht als negativ. :-)

Was mir immer wieder auffällt, ist, dass es oft so ungaublich egal ist, ob ich einem bestimmten Bild (sei es Selbst-, sei es Fremdwahrnehmung) entspreche. Wenn andere Menschen sich außerhalb ihrer gewohnten Bahnen verhalten, dann akzeptiere ich das ja auch und das anfängliche Erstaunen legt sich sehr schnell – warum also nicht auch bei mir selbst? Wenn es einem gelingt, diese Bilder zu vergessen – nein, das hört sich zu aktiv an; wenn diese Bilder gar nicht da sind, weil man mit dem beschäftigt ist, was man tut, und nicht mit sich selbst, dann kann man einfach so handeln, wie es sich im Moment ergibt oder wie man es gerade für richtig hält. Das sind für mich diese Momente, in denen es „nicht auf mich ankommt“, die ich so schön finde. Das müssen gar nicht unbedingt Flow-Momente sein, in denen man sich selbst vergisst, sondern manchmal kann ich mich auch ganz bewusst so verhalten. Ich sage mir dann im Geiste: „Es ist egal, es geht niemanden etwas an, ich mach das jetzt einfach.“ Das passt natürlich nicht immer, es gibt Situationen, in denen es ganz und gar nicht egal ist, ob und was ich mache; so wie es nicht egal ist, dass du dich dafür verantwortlich fühlst, deinen Beitrag zum Weiterbestehen des Forums zu leisten. Aber in vielen Fällen ist es eben tatsächlich egal, und dann ist es schön, wenn ich diese Freiheit auch nutzen kann, wenn ich das möchte, und mich nicht selbst einschränke.

 

Dokusan

Du hast zwischenzeitlich neue Erfahrungen mit dem Dokusan gemacht hast. Wenn Du Lust hast und meinst, es könne hierher passen, dann berichte gerne :-).

Ich hatte Corona, deswegen sind diese neuen Erfahrungen leider ausgefallen. Aber auch wenn ich hätte teilnehmen können, so glaube ich nicht, dass ich so schnell danach schon was dazu hätte sagen können. Die Vorgänge im Dokusan können im Moment zwar ziemlich eindrücklich sein (auch wenn man das nicht überbewerten sollte – viele Male bin ich auch rausgegangen, ohne dass etwas „passiert“ ist), aber eigentlich sind es doch mehr die Langzeiteffekte, die zählen.

B.

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