Brief 215 | Vergleiche II

Liebe B.,

Ich ändere die Überschrift nicht, weil ich das Thema fortführe :-).

Über das Vergleichen

Bei deiner Beschreibung musste ich an den Spruch denken: Fake it until you make it. Ich finde den immer wieder verblüffend zutreffend. Du gehst da hin und spielst mit mehr oder weniger Bedenken die Rolle der Lehrerin. Aber ich nehme an, die Schülerinnen und Schüler denken gar nicht weiter darüber nach – für sie bist du die Lehrerin. Und so stelle ich mir vor, dass du nach einer Weile die meiste Zeit tatsächlich einfach die Lehrerin bist, wenn du da hingehst, auch für dich selbst. Du spielst keine Rolle, du bist die Rolle. Bis auf die Ausnahmemomente, die du beschrieben hast, die andeuten, dass dir die Rolle halt doch noch nicht ganz in Fleisch und Blut übergegangen ist. Bei mir ist es ähnlich, wenn ich am Ende einer TimeSlips-Runde noch kurz etwas zum Maler und seinem Bild sage. Anfangs habe ich immer gedacht: Die müssen doch merken, dass ich nur so tue, als wenn ich hier relativ souverän stehe und was erzähle! Aber je länger ich so tue, als sei ich souverän, umso souveräner und selbstverständlicher werde ich tatsächlich.

Ah, erst während ich die Beschreibung Deiner Situation lese, wird mir klar, dass ich den Spiegelungseffekt oder Du würdest es vielleicht die „Rückkoppelung“ nennen, gar nicht im Blick hatte. Natürlich, die Anderen, die Schüler oder die TS-Teilnehmenden, wissen von der seltsamen Empfindung des „falschen Kleides“, das man meint sich angezogen zu haben, gar nichts. Deswegen spiegeln sie uns die Rolle wider, die wir für sie spielen (witzig die doppelte Bedeutung der zweifachen Richtung). Und damit wird der Teil, der einem falsch vorkommt, auf einmal für richtig befunden, d.h. er wird positiv verstärkt. Wir sehen uns als die, als die wir uns gesehen fühlen (obwohl wir es nicht wirklich wissen können, wir glauben, so gesehen zu werden). Ja, auf diese Weise wächst man langsam in die Rolle hinein, und sie wird zu einer der Rollen, die man gesellschaftlich spielt. Es sind Rollen, man weiß darum, aber man spielt sie gut. Solange man auf der Bühne steht, ist man die Person, die die Zuschauer -vermeintlich- sehen.

Nebenbei: Hast Du eine Idee, als „wer“ die TS-Ausrichtenden von den Teilnehmenden -ich weiß nicht recht, welches Vokabular ich wählen soll, um die Moderatoren und Echoer von den Erzählenden zu unterscheiden- angesehen werden? Wird das theoretisch überhaupt erörtert? Ich stelle es mir so vor, dass Du und die Anderen irgendeine Art von Autorität seid. Leute, die mehr wissen oder die normaler sind. Es gibt anschließend, wie Du früher einmal erzähltest, das gemeinsame Kaffeetrinken, bei dem sich vielleicht noch deutlicher die Art der Beziehung zeigt, die die Teilnehmenden zu den Veranstaltenden haben?

Ach was – das verbindest du mit dem Bild der Glasglocke? Für mich bedeutet sie etwas völlig anderes! Haben wir diesen Unterschied damals, als wir über sie gesprochen haben, überhaupt bemerkt? Ich kann mich nicht daran erinnern.

Für „meine“ Glasglocke jedenfalls ist es gerade entscheidend, dass sie durchsichtig ist. Für mich symbolisiert sie keine Isolierung, kein Abgeschnittensein, sondern sie ist ein Schutzraum, aus dem heraus ich entspannt die Welt betrachten kann und sie mich auch sehen kann, es also eine Verbindung in beide Richtungen gibt, ohne dass die Welt aber zu mir hereindringen kann. Ich selbst könnte jederzeit hinaus, wenn ich müsste oder wollte, aber zu mir herein gelangt man nicht so leicht. Ich kann mich in der Welt bewegen, ohne von ihr behelligt zu werden. Und das Gute dabei ist: Dadurch, dass meine Schutzhülle durchsichtig ist, wird sie von den anderen nicht so schnell bemerkt, ich bin also nicht gleich auf den ersten Blick als Sonderling, als Ab-Sonderling zu erkennen, als eine, die nicht so wirklich dazugehören möchte. Ich kann für mich bleiben, ohne die anderen vor den Kopf zu stoßen. Wenn ich mich in der Glasglocke durch die Welt bewege (was, wie ich erstaunt feststelle, schon lange nicht mehr der Fall gewesen ist), dann fühle ich mich der Welt gegenüber freundlich.

Doch ja, wir haben damals einen entscheidenden Unterschied entdeckt, nur erinnere ich Dein Empfinden unter der Glasglocke anders. Ich meine, Du hattest sie im Zusammenhang damit erwähnt, dass Du ab und zu Phasen hast, in denen Du die Menschen nicht magst, sie Dir unangenehm sind (ich weiß nicht mehr, ob Du von Menschenhass oder Menschenfeindlichkeit gesprochen hattest, es war aber schon ein stärkeres Wort), also gerade andersherum, dass Du die Glasglocke als Schutz genommen hast, wenn Du die Menschen nicht gemocht hast … achso, wenn Du jetzt schreibst, dass Du Dich unter der Glasglocke der Welt freundlich gegenüber fühlst, dann entspräche dies ja doch dem, wie ich es erinnere. Die Glasglocke ermöglicht Dir, Dich nicht feindselig zu fühlen.

Aber entscheidender ist wohl, dass Du sie nun schon lange gar nicht mehr in Anspruch genommen hast. Ich würde die Veränderung so formulieren: Da Du Deine Grenzen nicht mehr gegen die Welt und andere Menschen verteidigen mußt, werden sie nicht mehr gebraucht. Die Grenzen sind zum einen unsichtbar vorhanden, und zum anderen sind sie teilweise auch nicht mehr nötig.

Wir sind so unterschiedlich, was sich gerade in diesen beiden letzten Briefen wieder sehr deutlich zeigt, und dann kommen wir doch überraschend manchmal zusammen, wenn auch vielleicht aus verschiedenen Richtungen. Jetzt z.B. bei der Öffnung. In diesem Sinne, im Herausarbeiten der Unterschiede und Gemeinsamkeiten, finde ich das Vergleichen eine tolle Sache.

Wahrscheinlich hast du recht mit deiner Vermutung, dass bei mir das Vergleichen, wenn es denn stattfindet, eher neutral ist. Ich sehe natürlich Unterschiede zwischen mir und anderen, aber das sind dann halt einfach Unterschiede, keine Einteilungen in besser oder schlechter etc. Oder wenn doch, dann mal so, mal so, also mal finde ich mich „besser“, mal „schlechter“. Das hat für mich aber keine weitere Bedeutung, das ist einfach eine Feststellung oder ein Wahrnehmen. Wohingegen ich vermute, dass du dich meistens auf der negativen Seite verortest und dich dann schlecht fühlst.

Ja, wenn es dem Verstehen dient, ist das eine tolle Sache :-). Man sieht klarer, transparenter. Nur wenn man es wertend tut, dann vernebelt es den Blick. Mit „vernebeln“ meine ich, dass aus den Unterschiedlichkeiten Höhenunterschiede werden. „Höher = besser, „tiefer“ = schlechter. Das ist der entscheidende Punkt.

„Da müßte ja dann noch etwas Anderes, Besseres im Befinden sein.“ Ja, natürlich. Deshalb nerven mich die anderen ja, weil sie mich in meinem schönen Alleinsein stören. Mein Befinden ist oft, dass ich in Ruhe gelassen werden möchte – aber die Welt lässt einen nur selten in Ruhe. :-) Umso kostbarer sind die Momente, in denen ich mich wirklich ganz zurückziehen kann. (Was natürlich sehr oft vorkommt, weil ich mir diese Momente schaffe.) Ich nehme an, dass wir uns hier grundlegend unterscheiden. So grundlegend, dass ich mal wieder überhaupt nicht darauf gekommen bin, dass man das, was ich geschrieben habe, auch anders verstehen könnte, als ich es gemeint hatte. Kein Wunder, dass es dir wie ein Geheimnis vorgekommen ist. Wieder mal ein blinder Fleck!

Hm, -“aber die Welt läßt einen nur selten in Ruhe“. Ich antworte erst einmal spontan, dass mich die Welt -von sich aus- so sehr in Ruhe läßt, dass es ihr kaum auffallen würde, wenn ich verschwände. Es muß daher so viele Ankerpunkte (Menschen, Tätigkeiten) in Deinem Leben geben, dass der Wunsch nach in Ruhe gelassen werden überhaupt gegenwärtig werden kann. Achnein, jetzt weiß ich, was für mich nicht stimmig ist an dem, was Du schreibst. Die „Welt“ ist doch die, die Du Dir geschaffen hast und anschließend sagst Du, sie ließe Dich nicht in Ruhe. Ich gehe einfach davon aus, dass Du mit der „Welt“ an dieser Stelle nicht Behördenunannehmlichkeiten oder Krankheiten oder Staubwischen und Einkaufen meinst, sondern Menschen und Tätigkeiten, denen Du Dich zugewandt hast.

So, ist es das? Vor einiger Zeit hätte ich dir noch zugestimmt. Warum zögere ich jetzt? Ich weiß es nicht. Nach meinem Gefühl liegt darin doch wieder ein verstecktes Vergleichen. Warum muss ich mich zu etwas Einzigartigem machen? Kann ich nicht einfach sein, ganz ohne weitere Attribute?

Ändert sich etwas, wenn man aus dem Wort die „Exklusivität“ entfernt? Die Assoziation an das Herausragende in positivem Sinne? Daß Du die Einzigartigkeit so verstehst, entnehme ich dem Verb „machen“. Ich hatte absichtlich von der Feststellung eines Sachverhalts geschrieben. Und dennoch: Ein verstecktes Vergleichen? Da ist was dran. „Einzig“ sondert immer noch aus, eins aus vielen anderen. Du hast recht. Es macht einen Unterschied, ob man sagt „ich bin“. Punkt :-))). Oder ob man sagt „ich bin einzigartig“.

Ich vermute, dass es die Sicherheit mit sich selbst ist, die darüber entscheidet, ob man das Selbstgefühl durch die Einzigartigkeit unterstützen muß, oder ob es genügt „ich bin“ zu sagen. Ich kann es nur höchst unzulänglich beschreiben, was ich meine. Als Extrem des „ich bin“ Genügsamen nehme ich das Beispiel eines Mönches, der so mit sich eins ist und so in sich selbst ruht, dass alles, was draußen ist, einschließlich der anderen Menschen, ihn nicht aus seiner Ruhe werfen können. Er braucht keine Bestätigung von außen, er vergleicht nicht mehr, er muß nichts mehr sein außer, dass er existiert. Das andere Extrem wäre ein Mensch, der hauptsächlich über das, was ihm von außen entgegenkommt, sich selbst als „sich“ empfindet. Sagt jemand „du bist klug“, so findet er sich klug usw. In einem Bild: Ein gefüllter Baumstaum und im Gegensatz dazu ein hohler Baumstamm :-))). Der hohle Baumstamm braucht das Gefülltwerden von außen, das braucht der gefüllte Baumstamm nicht (mehr). Er steht einfach da. Wenn man sich selbst genügt, dann benötigt man wohl tatsächlich dieses Drumherum von „ich bin soundso“ und „ich bin dies und das“ nicht mehr.

Während ich über dieses Thema nachdachte, habe ich versucht Sachen zu finden, bei denen ich tatsächlich neidisch werden könnte oder geworden bin. Aber stattdessen drängt sich immer wieder das Gefühl in den Vordergrund, wie unglaublich privilegiert ich bin, in vielerlei Hinsicht – materiell, sozial, emotional … Worauf sollte ich neidisch sein? Auf anderes? Auf noch mehr (von was auch immer)? Oft vor dem Einschlafen, während ich mich in meine Bettdecke einkuschle, durchströmt mich ein großes Gefühl der Dankbarkeit: dass ich ein Bett habe und ein Dach über dem Kopf und dass ich keine Angst haben muss, während der Nacht daraus vertrieben zu werden. Dieses Gefühl hatte ich auch schon, bevor ich bei der Bahnhofsmission angefangen habe, aber seitdem noch verstärkt. Daneben werden alle etwaigen Mängel und Nöte ziemlich klein. Vieles davon sind ja auch nur „Befindlichkeiten“, die weder ich noch das Universum allzu wichtig nehmen müssen. (Ich habe fast ein schlechtes Gewissen das zu schreiben, weil ich vermute, dass deine emotionale Not, deine Einsamkeit, von solchen Gedanken nicht im geringsten berührt werden, sie dir im Gegenteil völlig daneben vorkommen. Aber so ist das nun mal bei mir.)

Du hast öfter schon einmal Ähnliches geschrieben. Ich fasse es unter dem Wort „Zufriedenheit“ zusammen. Vielleicht hat es früher leicht bemüht geklungen, aber als „falsch“ oder unauthentisch empfand ich es nie. Es ist wie aus einem Guß. Es klingt für mich so beiläufig und selbstverständlich, als würdest Du über das Wetter berichten. Der Vergleich bezieht sich nicht auf die Banalität des Berichtsgegenstandes, sondern auf die Gleichmütigkeit, mit der eine Tatsache weitergegeben wird. Deswegen können mir Deine Gedanken überhaupt nicht daneben vorkommen :-). Ich empfinde sie als wahrhaftig. Und auch als ziemlich einzigartig. Jedenfalls habe ich, soweit ich mich erinnern kann, noch nie einen Menschen getroffen, der so ruhig und zufrieden über sein -gegenwärtiges- Leben gesprochen hat.

F.

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