Brief 216 | Karg

Liebe F.,

dies wird ein etwas karger Brief – eher kurze Antworten, keine Überschriften … Das liegt nicht an Zeitmangel, Unlust oder dass mir nichts einfiele, sondern mehr daran, dass ich das Gefühl hatte, bei diesem oder jenem Thema so etwas wie eine gültige Formel gefunden zu haben. Immer nur vorläufig natürlich, aber für den Moment sehr befriedigend. Und das hatte ich nicht zerreden wollen. Falls du nicht gut daran anschließen kannst, beginne einfach etwas Neues. :-)

 

Ah, erst während ich die Beschreibung Deiner Situation lese, wird mir klar, dass ich den Spiegelungseffekt oder Du würdest es vielleicht die „Rückkoppelung“ nennen, gar nicht im Blick hatte. Natürlich, die Anderen, die Schüler oder die TS-Teilnehmenden, wissen von der seltsamen Empfindung des „falschen Kleides“, das man meint sich angezogen zu haben, gar nichts. Deswegen spiegeln sie uns die Rolle wider, die wir für sie spielen (witzig die doppelte Bedeutung der zweifachen Richtung). Und damit wird der Teil, der einem falsch vorkommt, auf einmal für richtig befunden, d.h. er wird positiv verstärkt. Wir sehen uns als die, als die wir uns gesehen fühlen (obwohl wir es nicht wirklich wissen können, wir glauben, so gesehen zu werden). Ja, auf diese Weise wächst man langsam in die Rolle hinein, und sie wird zu einer der Rollen, die man gesellschaftlich spielt. Es sind Rollen, man weiß darum, aber man spielt sie gut. Solange man auf der Bühne steht, ist man die Person, die die Zuschauer -vermeintlich- sehen.

Da interessiert mich jetzt natürlich: Ist das ein Prozess, den du auch bei dir selbst bemerkst? Oder überwiegt immer noch (nach immerhin mehreren Jahren Lehrtätigkeit, oder?) das Gefühl des fremden Kleides?

Nebenbei: Hast Du eine Idee, als „wer“ die TS-Ausrichtenden von den Teilnehmenden -ich weiß nicht recht, welches Vokabular ich wählen soll, um die Moderatoren und Echoer von den Erzählenden zu unterscheiden- angesehen werden? Wird das theoretisch überhaupt erörtert? Ich stelle es mir so vor, dass Du und die Anderen irgendeine Art von Autorität seid. Leute, die mehr wissen oder die normaler sind. Es gibt anschließend, wie Du früher einmal erzähltest, das gemeinsame Kaffeetrinken, bei dem sich vielleicht noch deutlicher die Art der Beziehung zeigt, die die Teilnehmenden zu den Veranstaltenden haben?

Wir selbst nennen uns Teamerinnen. Aber das ist ein Wort, das den Teilnehmenden nicht geläufig ist. Für sie sind wir am ehesten Betreuerinnen, so habe ich es einmal von einer von ihnen gehört. Das ist etwas, was sie aus ihrem Alltag kennen, so heißt das Personal in den Einrichtungen, aber auch ihre individuellen Betreuer, die so eine Art Vormundaufgabe haben.

Theoretisch wird das Verhältnis bei uns kaum behandelt. Unsere Leiterin ist ausgebildete Heilerzieherin und Erwachsenenbildnerin, die kennt natürlich die theoretischen Hintergründe. Wir anderen sind alle fachfremd. Und das Tolle ist, dass es für diese Art von Veranstaltung auch keine Rolle spielt. Wir verbringen einfach eine gemeinsame Zeit miteinander, jeder mit seinen jeweiligen Stärken und Schwächen. Gerade im Café verwischen sich die Unterschiede sehr. Gut, wir passen uns ans Sprachniveau und an die Erfahrungswelt an, aber das würde man auch bei jemandem machen, der z.B. die deutsche Sprache noch nicht so gut beherrscht, ohne dass daraus ein Gefälle entstünde. Der Unterschied spielt höchstens insofern eine Rolle, als die Teilnehmenden diese Situation sehr genießen, sich fast auf Augenhöhe mit Nichtbeeinträchtigten zu unterhalten. Ich als kommunikativ Minderbemittelte empfinde es jedenfalls wie Augenhöhe. Wie die anderen Teamerinnen das sehen, weiß ich gar nicht.

 

Doch ja, wir haben damals einen entscheidenden Unterschied entdeckt, nur erinnere ich Dein Empfinden unter der Glasglocke anders. Ich meine, Du hattest sie im Zusammenhang damit erwähnt, dass Du ab und zu Phasen hast, in denen Du die Menschen nicht magst, sie Dir unangenehm sind (ich weiß nicht mehr, ob Du von Menschenhass oder Menschenfeindlichkeit gesprochen hattest, es war aber schon ein stärkeres Wort), also gerade andersherum, dass Du die Glasglocke als Schutz genommen hast, wenn Du die Menschen nicht gemocht hast … achso, wenn Du jetzt schreibst, dass Du Dich unter der Glasglocke der Welt freundlich gegenüber fühlst, dann entspräche dies ja doch dem, wie ich es erinnere. Die Glasglocke ermöglicht Dir, Dich nicht feindselig zu fühlen.

Aber entscheidender ist wohl, dass Du sie nun schon lange gar nicht mehr in Anspruch genommen hast. Ich würde die Veränderung so formulieren: Da Du Deine Grenzen nicht mehr gegen die Welt und andere Menschen verteidigen mußt, werden sie nicht mehr gebraucht. Die Grenzen sind zum einen unsichtbar vorhanden, und zum anderen sind sie teilweise auch nicht mehr nötig.

Ja, meine Menschenhasstage! :-))) Nein, an solchen Tagen brauchte ich keine Glasglocke. Aber auch diese Tage habe ich schon lange nicht mehr gehabt. Das liegt zum einen daran, dass sie wohl hormonell bedingt waren, ich hatte solche Tage immer in der Woche, bevor ich meine Regel bekam, aber diese Hormonschwankungen sind ja längst vorüber. Und zum anderen daran, dass sich mein Verhältnis zu den Menschen in den letzten Jahren doch ziemlich verändert hat. Weil ich mich verändert habe.

 

Hm, -“aber die Welt läßt einen nur selten in Ruhe“. Ich antworte erst einmal spontan, dass mich die Welt -von sich aus- so sehr in Ruhe läßt, dass es ihr kaum auffallen würde, wenn ich verschwände. Es muß daher so viele Ankerpunkte (Menschen, Tätigkeiten) in Deinem Leben geben, dass der Wunsch nach in Ruhe gelassen werden überhaupt gegenwärtig werden kann. Achnein, jetzt weiß ich, was für mich nicht stimmig ist an dem, was Du schreibst. Die „Welt“ ist doch die, die Du Dir geschaffen hast und anschließend sagst Du, sie ließe Dich nicht in Ruhe. Ich gehe einfach davon aus, dass Du mit der „Welt“ an dieser Stelle nicht Behördenunannehmlichkeiten oder Krankheiten oder Staubwischen und Einkaufen meinst, sondern Menschen und Tätigkeiten, denen Du Dich zugewandt hast.

Ich meine mit „Welt“ einfach alle Termine, egal ob selbstgewählt oder von außen auf mich zukommend, egal ob erfreulich oder lästig. Früher hatte ich so gut wie nie Termine, außer jeden Tag zur Arbeit zu gehen und einmal in der Woche zum Taiji. Inzwischen hat sich das sehr gewandelt, ich habe fast jeden Tag einen oder zwei, manchmal sogar drei Termine. Fast alle selbstgewählt, fast alles Sachen, die ich gern mache. Und trotzdem … wenn ich mir morgens überlege, was heute so ansteht, dann denke ich unwillkürlich: Och nö, eigentlich würde ich lieber in den Tag hinein faulenzen … Ich weiß, das ist komplett widersprüchlich. :-)

Bei mir ist es übrigens auch nicht so viel anders als bei dir, da könnte es unter Umständen auch länger dauern, bis mein Verschwinden bemerkt würde. Oder andersherum: Wenn du nicht zum Unterricht erscheinen würdest oder ich keine Briefe mehr von dir bekäme, würde dein Verschwinden durchaus recht schnell auffallen. :-)

 

Ich vermute, dass es die Sicherheit mit sich selbst ist, die darüber entscheidet, ob man das Selbstgefühl durch die Einzigartigkeit unterstützen muß, oder ob es genügt „ich bin“ zu sagen. Ich kann es nur höchst unzulänglich beschreiben, was ich meine. Als Extrem des „ich bin“ Genügsamen nehme ich das Beispiel eines Mönches, der so mit sich eins ist und so in sich selbst ruht, dass alles, was draußen ist, einschließlich der anderen Menschen, ihn nicht aus seiner Ruhe werfen können. Er braucht keine Bestätigung von außen, er vergleicht nicht mehr, er muß nichts mehr sein außer, dass er existiert. Das andere Extrem wäre ein Mensch, der hauptsächlich über das, was ihm von außen entgegenkommt, sich selbst als „sich“ empfindet. Sagt jemand „du bist klug“, so findet er sich klug usw. In einem Bild: Ein gefüllter Baumstaum und im Gegensatz dazu ein hohler Baumstamm :-))). Der hohle Baumstamm braucht das Gefülltwerden von außen, das braucht der gefüllte Baumstamm nicht (mehr). Er steht einfach da. Wenn man sich selbst genügt, dann benötigt man wohl tatsächlich dieses Drumherum von „ich bin soundso“ und „ich bin dies und das“ nicht mehr.

Spontan fällt mir dazu ein, dass ich das mit dem Baum gerade andersherum sehe. Ein „gefüllter“ Baum braucht etwas, nämlich Nährstoffe und Wasser, sonst stirbt er ab. Ein hohler Baum dagegen ist schon (fast) tot, der braucht das alles nicht mehr oder nicht mehr so dringend. Wenn man das Bild weiterdenkt, könnte das bedeuten, dass man sehr viel verloren haben muss (an Greifbarem, aber auch z.B. an Illusionen), bevor das Gefülltwerden nicht mehr gebraucht wird.

Und ich bin mir auch nicht so sicher, ob Selbstsicherheit, Übereinstimmung mit sich selbst oder Selbstgenügsamkeit unbedingt notwendig sind, um einfach „ich bin“ sagen zu können. Ich musste an meine ersten Dokusans denken, die ich ziemlich überwältigend fand, weil das eine völlig irre Erfahrung war da hineinzugehen, mit absolut keinem Konzept, und einfach spontan auf das zu reagieren, was da passierte. (Boah, was für ‘ne Menge Adjektive … :-)) Da war von Selbstsicherheit keine Spur und trotzdem ganz stark einfach nur dieses „ich bin“.

 

Du hast öfter schon einmal Ähnliches geschrieben. Ich fasse es unter dem Wort „Zufriedenheit“ zusammen. Vielleicht hat es früher leicht bemüht geklungen, aber als „falsch“ oder unauthentisch empfand ich es nie. Es ist wie aus einem Guß. Es klingt für mich so beiläufig und selbstverständlich, als würdest Du über das Wetter berichten. Der Vergleich bezieht sich nicht auf die Banalität des Berichtsgegenstandes, sondern auf die Gleichmütigkeit, mit der eine Tatsache weitergegeben wird. Deswegen können mir Deine Gedanken überhaupt nicht daneben vorkommen :-). Ich empfinde sie als wahrhaftig. Und auch als ziemlich einzigartig. Jedenfalls habe ich, soweit ich mich erinnern kann, noch nie einen Menschen getroffen, der so ruhig und zufrieden über sein -gegenwärtiges- Leben gesprochen hat.

Ich würde es eher Dankbarkeit als Zufriedenheit nennen. Ich bin längst nicht mit allem zufrieden, vor allem nicht mit mir selbst. Aber ich bin zutiefst dankbar für das, was ich habe.

B.

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