Liebe F.,
Der Hypochonder
Und nun meine Frage, die ich mir die ganze Zeit während unseres Erzählens gestellt habe: Warum nennt Spitzweg das Bild „Der Hypochonder“? [...]
Spitzwegs „Hypochonder“ verläßt nur für dringende Erledigungen seine Turmwohnung? Deswegen streckt er seine Nase raus, um gierig frische Luft zu atmen? Außer ihm hat niemand einen Blumenkasten, und er hat ihn, weil er nicht nach draußen in den Park ins Grüne geht? Nach draußen traut er sich deswegen nicht, weil er befürchtet, von anderen Menschen mit einer Krankheit angesteckt zu werden, oder weil er den Schmutz meiden möchte? Vielleicht ist es für einen Mann, der so ungefähr in der mittleren Lebenshälfte ist, auch ungewöhnlich, bei Tage nicht zu arbeiten, sondern daheim zu sein und aus dem Fenster zu sehen? Die junge Frau gegenüber könnte tatsächlich so etwas wie das Gegenstück zu dem Mann sein.
Ja, an den Titel habe ich auch manchmal gedacht und dass er in eine Richtung weist, die unsere Geschichte überhaupt nicht genommen hat. Vermutlich hat Spitzweg all das gemeint, was du beschrieben hast. Das wäre dann in der sogenannten „Expertise“ erläutert worden, die bei einer TimeSlips-Session im Anschluss an das Geschichtenerfinden kommt. Darin wird erzählt, was der Maler „wirklich“ gemeint hat, im Gegensatz zur erfundenen Geschichte der Teilnehmenden, außerdem ein bisschen was zu seiner Biografie.
In unserer Geschichte ist der Mann kein etwas lächerlich gemachtes Stereotyp, sondern eine differenziertere Persönlichkeit. Mir hat das gut gefallen.
Über das Vergleichen
Ich stelle alles Folgende unter dieses eine Thema, weil mir das zusammenzugehören scheint, auch da, wo es nicht ausdrücklich erwähnt wird.
Gelegentlich, nicht oft kommt es mir so vor, bevor ich zum Unterrichten gehe, dass die Rolle der Lehrerin, die ich da spiele, völlig falsch ist, weil ich mich ganz gegenteilig wie ein kleines Kind, das bedürftig ist, fühle oder aber manchmal wie eine Greisin, die lächerlich fehl am Platz ist, wenn sie jüngere Leute was lehren will. Und weil ich das vorher schon registriere, mir ist sowas immer bewußt, unternehme ich Einebnungsversuche. Das heißt, ich versuche, die Rolle, das Außen und den Inhalt einander anzunähern. Das hat vor allen Dingen den Zweck, mich angenehmer zu fühlen. Wie mache ich das? Zum Beispiel setze ich es in Sprache um, indem ich zu mir sage „die arme kleine Lehrerin“. In diesen Worten sind beide Aspekte vereint. Der Inhalt geht mit der Rolle, der Verpackung eine Verbindung ein. Ich setze sie in eine gute Beziehung zueinander, sodaß sie nicht auseinandergerissen sind. Oder aber ich versuche, so total, wie es nur irgend möglich ist, hier und jetzt zu sein, weil auf diese Weise die Rolle (Lehrerin) und das Selbstgefühl (Kind, Greisin) verschwinden oder zumindest ganz blaß werden, sodaß durch das Hier und Jetzt eine Einheit entsteht.
Wow, du bist dir deines Innenlebens ja wirklich extrem bewusst! Und du weißt, was du machen musst, damit es dir gut geht. Beeindruckend.
Bei deiner Beschreibung musste ich an den Spruch denken: Fake it until you make it. Ich finde den immer wieder verblüffend zutreffend. Du gehst da hin und spielst mit mehr oder weniger Bedenken die Rolle der Lehrerin. Aber ich nehme an, die Schülerinnen und Schüler denken gar nicht weiter darüber nach – für sie bist du die Lehrerin. Und so stelle ich mir vor, dass du nach einer Weile die meiste Zeit tatsächlich einfach die Lehrerin bist, wenn du da hingehst, auch für dich selbst. Du spielst keine Rolle, du bist die Rolle. Bis auf die Ausnahmemomente, die du beschrieben hast, die andeuten, dass dir die Rolle halt doch noch nicht ganz in Fleisch und Blut übergegangen ist. Bei mir ist es ähnlich, wenn ich am Ende einer TimeSlips-Runde noch kurz etwas zum Maler und seinem Bild sage. Anfangs habe ich immer gedacht: Die müssen doch merken, dass ich nur so tue, als wenn ich hier relativ souverän stehe und was erzähle! Aber je länger ich so tue, als sei ich souverän, umso souveräner und selbstverständlicher werde ich tatsächlich.
Dochja, und nun entdecke ich die Verbindungslinie zu der „Glasglocke“, über die wir vor Jahren gesprochen haben. „Glasglocke“ ist eigentlich zu schwach als Bild, weil sie durchsichtig ist. Aber egal, mich wie eingesperrt als Inhalt zu empfinden und die dicke Verpackung darüber, das war der Zustand, keinen Zugang von mir aus nach Außen herstellen zu können. Abgeschnitten von der Welt zu sein. Und darin besteht auch die Veränderung. Es fällt mir nicht immer leicht, es gelingt auch nicht immer perfekt, aber die Übergänge sind fließender und durchlässiger.
Ach was – das verbindest du mit dem Bild der Glasglocke? Für mich bedeutet sie etwas völlig anderes! Haben wir diesen Unterschied damals, als wir über sie gesprochen haben, überhaupt bemerkt? Ich kann mich nicht daran erinnern.
Für „meine“ Glasglocke jedenfalls ist es gerade entscheidend, dass sie durchsichtig ist. Für mich symbolisiert sie keine Isolierung, kein Abgeschnittensein, sondern sie ist ein Schutzraum, aus dem heraus ich entspannt die Welt betrachten kann und sie mich auch sehen kann, es also eine Verbindung in beide Richtungen gibt, ohne dass die Welt aber zu mir hereindringen kann. Ich selbst könnte jederzeit hinaus, wenn ich müsste oder wollte, aber zu mir herein gelangt man nicht so leicht. Ich kann mich in der Welt bewegen, ohne von ihr behelligt zu werden. Und das Gute dabei ist: Dadurch, dass meine Schutzhülle durchsichtig ist, wird sie von den anderen nicht so schnell bemerkt, ich bin also nicht gleich auf den ersten Blick als Sonderling, als Ab-Sonderling zu erkennen, als eine, die nicht so wirklich dazugehören möchte. Ich kann für mich bleiben, ohne die anderen vor den Kopf zu stoßen. Wenn ich mich in der Glasglocke durch die Welt bewege (was, wie ich erstaunt feststelle, schon lange nicht mehr der Fall gewesen ist), dann fühle ich mich der Welt gegenüber freundlich.
Und darin besteht auch die Veränderung. Es fällt mir nicht immer leicht, es gelingt auch nicht immer perfekt, aber die Übergänge sind fließender und durchlässiger.
Wir sind so unterschiedlich, was sich gerade in diesen beiden letzten Briefen wieder sehr deutlich zeigt, und dann kommen wir doch überraschend manchmal zusammen, wenn auch vielleicht aus verschiedenen Richtungen. Jetzt z.B. bei der Öffnung. In diesem Sinne, im Herausarbeiten der Unterschiede und Gemeinsamkeiten, finde ich das Vergleichen eine tolle Sache.
Das ist eine interessanter Gedanke. Die Bezugnahme, d.h. die Bindung im Negativen. Das Negative möchte man loswerden, indem man sich zum Beispiel wehrt, ganz konkret, einen Angreifer abwehrt. Ich wechsle mit meinen Gedanken zu menschlichen Beziehungen, von denen klar ist, dass eine heftige Ablehnung keineswegs die Bindung auflöst, sondern sie im Gegenteil verstärkt. Allerdings kann ich mir zu Deiner Formulierung, „zu seiner Seite, seinem eigenen Befinden zurückkehren“ nichts vorstellen. Da müßte ja dann noch etwas Anderes, Besseres im Befinden sein. Das kann ich auf mich nicht gut anwenden, weil das Befinden ist eben die Angst oder vielleicht eine unangenehme Leere. Aber wenn ich den Vergleich zu Beziehungen ziehe, dann scheint mir geeigneter für mich, mich etwas Anderem zuzuwenden. Eine positive Aufmerksamkeit auf andere Gedanken oder Bilder. Dadurch verblaßt das Gewicht der Angst. Blödes Bild. Ein Gewicht verblaßt nicht. Die Angst wird ähnlich neutral empfunden wie ein Mensch, von dessen belastendem Einfluß man sich gelöst hat. So kommt es dem, was ich meine, schon näher.
„Da müßte ja dann noch etwas Anderes, Besseres im Befinden sein.“ Ja, natürlich. Deshalb nerven mich die anderen ja, weil sie mich in meinem schönen Alleinsein stören. Mein Befinden ist oft, dass ich in Ruhe gelassen werden möchte – aber die Welt lässt einen nur selten in Ruhe. :-) Umso kostbarer sind die Momente, in denen ich mich wirklich ganz zurückziehen kann. (Was natürlich sehr oft vorkommt, weil ich mir diese Momente schaffe.) Ich nehme an, dass wir uns hier grundlegend unterscheiden. So grundlegend, dass ich mal wieder überhaupt nicht darauf gekommen bin, dass man das, was ich geschrieben habe, auch anders verstehen könnte, als ich es gemeint hatte. Kein Wunder, dass es dir wie ein Geheimnis vorgekommen ist. Wieder mal ein blinder Fleck!
Vor Kurzem fragte mich eine Gesprächsteilnehmerin aus einem Forum, was ich davon hielte, mich anstelle von in allen Hinsichten normal, mittelmäßig und nichts Besonderem als einzigartig anzusehen. Dazu hatte ich den Einfall, dass ich damit dem Kreislauf des Vergleichens endlich entkommen würde. Alle Menschen sind einander ähnlich und jeder Mensch ist einzigartig. Das ist eine Tatsache.
So, ist es das? Vor einiger Zeit hätte ich dir noch zugestimmt. Warum zögere ich jetzt? Ich weiß es nicht. Nach meinem Gefühl liegt darin doch wieder ein verstecktes Vergleichen. Warum muss ich mich zu etwas Einzigartigem machen? Kann ich nicht einfach sein, ganz ohne weitere Attribute?
Damit möchte ich sagen: Was für andere Menschen eventuell ohne Belang ist, manche wissen vielleicht noch nicht einmal, worüber Du sprichst, das ist für Dich von Belang. Es gehört zu Deiner Einzigartigkeit dazu. Ich glaube allerdings, dass für Dich das Vergleichen eine Denkfigur unter anderen ist, das heißt, sie spielt keine entscheidende Rolle und vor allen Dingen ist das Vergleichen weitgehend neutral. Vergleiche zu ziehen bedeutet für mich dagegen sofort auch eine starke Bewertung. „Besser“, „schlechter“, „richtiger“, „falscher“, „liebenswerter“, „unliebenswerter“. Das wiederum ist mit dem unangenehmen Gefühl des Neides verbunden, der mir -leider- vertraut ist. Das ist wohl der entscheidende Punkt. Ja, Dein „belanglose Schritte“ hast Du in einen kurzen Klammersatz gesetzt, und ich thematisiere das Vergleichen. Das zeigt sehr schön den Unterschied zwischen uns.
Hm … vergleiche ich mich? Kommt mir im ersten Moment fremd vor. Ich bin wieder mal einigermaßen verblüfft, weil das ein blinder Fleck bei mir zu sein scheint, ich aber nicht weiß, ob ich da blind bin, weil ich etwas an mir nicht wahrhaben will, oder ob es tatsächlich keine Rolle für mich spielt. Wahrscheinlich hast du recht mit deiner Vermutung, dass bei mir das Vergleichen, wenn es denn stattfindet, eher neutral ist. Ich sehe natürlich Unterschiede zwischen mir und anderen, aber das sind dann halt einfach Unterschiede, keine Einteilungen in besser oder schlechter etc. Oder wenn doch, dann mal so, mal so, also mal finde ich mich „besser“, mal „schlechter“. Das hat für mich aber keine weitere Bedeutung, das ist einfach eine Feststellung oder ein Wahrnehmen. Wohingegen ich vermute, dass du dich meistens auf der negativen Seite verortest und dich dann schlecht fühlst.
Während ich über dieses Thema nachdachte, habe ich versucht Sachen zu finden, bei denen ich tatsächlich neidisch werden könnte oder geworden bin. Aber stattdessen drängt sich immer wieder das Gefühl in den Vordergrund, wie unglaublich privilegiert ich bin, in vielerlei Hinsicht – materiell, sozial, emotional … Worauf sollte ich neidisch sein? Auf anderes? Auf noch mehr (von was auch immer)? Oft vor dem Einschlafen, während ich mich in meine Bettdecke einkuschle, durchströmt mich ein großes Gefühl der Dankbarkeit: dass ich ein Bett habe und ein Dach über dem Kopf und dass ich keine Angst haben muss, während der Nacht daraus vertrieben zu werden. Dieses Gefühl hatte ich auch schon, bevor ich bei der Bahnhofsmission angefangen habe, aber seitdem noch verstärkt. Daneben werden alle etwaigen Mängel und Nöte ziemlich klein. Vieles davon sind ja auch nur „Befindlichkeiten“, die weder ich noch das Universum allzu wichtig nehmen müssen. (Ich habe fast ein schlechtes Gewissen das zu schreiben, weil ich vermute, dass deine emotionale Not, deine Einsamkeit, von solchen Gedanken nicht im geringsten berührt werden, sie dir im Gegenteil völlig daneben vorkommen. Aber so ist das nun mal bei mir.)
B.
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