Liebe B.,
Vereinen
Was die Formulierung „Verpackung und Inhalt“ angeht, so empfinde ich die fast körperlich als unangenehm. Noch bevor ich darüber nachdenke, ob sie passend ist. Eine Verpackung ist ein Fremdkörper um das „Eigentliche“ herum, die man abstreifen, zerreißen, wegwerfen kann, ohne dass das den „Inhalt“ tangiert. Aber so empfinde ich mich nicht.
Womit ich nicht sagen will, dass ich dieses Bild von Verpackung und Inhalt generell für falsch halte, sondern nur für mich. Vielleicht ist bei dir die Diskrepanz ja tatsächlich sehr viel größer und spürbarer als bei mir.
Mir ist das Bild von Verpackung und Inhalt anstelle des üblichen und immer wieder erneut infragegestellten „Innen“ und „Außen“ in den Denk-Sinn gekommen, und ich habe es ohne jede weitere Überlegung benutzt. Nun frage ich mich, ob es mir deswegen nicht unangenehm aufgefallen ist, weil ich das Unechte und das Echte tatsächlich so grob und eklatant unterschiedlich empfunden habe bzw. rückblickend empfinde oder anders gesagt: Weil dieses Bild genau trifft, ist es mir in den Sinn gekommen? Ich glaube, ja. Das Wahre, das Echte habe ich wie ein Eingesperrtsein in einer Verpackung wahrgenommen. Und nun erhellt sich mir aber eine Veränderung, die mir bis eben nicht bewußt war.
Die Rollen, die ich spiele, oder die „schiefen“ Außenansichten, die ich zeige, wenn ich mich unwohl fühle, die bin ich doch auch, und zwar ganz und gar. Auch das Wort „Rollen“ finde ich immer etwas irreführend, weil man dabei an einen Schauspieler denkt, den man (meistens) ganz klar von der Rolle trennen kann, die er spielt. Aber die Rollen, die wir im Leben spielen – Kollegin, Mutter, Ehefrau, Einkaufende, Nachbarin, Freundin, Tochter … das alles bin ich ja wirklich. Es sind einfach nur verschiedene Aspekte von mir in verschiedenen Situationen.
Gelegentlich, nicht oft kommt es mir so vor, bevor ich zum Unterrichten gehe, dass die Rolle der Lehrerin, die ich da spiele, völlig falsch ist, weil ich mich ganz gegenteilig wie ein kleines Kind, das bedürftig ist, fühle oder aber manchmal wie eine Greisin, die lächerlich fehl am Platz ist, wenn sie jüngere Leute was lehren will. Und weil ich das vorher schon registriere, mir ist sowas immer bewußt, unternehme ich Einebnungsversuche. Das heißt, ich versuche, die Rolle, das Außen und den Inhalt einander anzunähern. Das hat vor allen Dingen den Zweck, mich angenehmer zu fühlen. Wie mache ich das? Zum Beispiel setze ich es in Sprache um, indem ich zu mir sage „die arme kleine Lehrerin“. In diesen Worten sind beide Aspekte vereint. Der Inhalt geht mit der Rolle, der Verpackung eine Verbindung ein. Ich setze sie in eine gute Beziehung zueinander, sodaß sie nicht auseinandergerissen sind. Oder aber ich versuche, so total, wie es nur irgend möglich ist, hier und jetzt zu sein, weil auf diese Weise die Rolle (Lehrerin) und das Selbstgefühl (Kind, Greisin) verschwinden oder zumindest ganz blaß werden, sodaß durch das Hier und Jetzt eine Einheit entsteht.
Dochja, und nun entdecke ich die Verbindungslinie zu der „Glasglocke“, über die wir vor Jahren gesprochen haben. „Glasglocke“ ist eigentlich zu schwach als Bild, weil sie durchsichtig ist. Aber egal, mich wie eingesperrt als Inhalt zu empfinden und die dicke Verpackung darüber, das war der Zustand, keinen Zugang von mir aus nach Außen herstellen zu können. Abgeschnitten von der Welt zu sein. Und darin besteht auch die Veränderung. Es fällt mir nicht immer leicht, es gelingt auch nicht immer perfekt, aber die Übergänge sind fließender und durchlässiger.
Ich danke Dir sehr für Deinen Hinweis! Es hat mir sehr geholfen, dass Du Dein Unbehagen mit dem Bild geäußert hast.
Kein Geheimnis
Ich weiß gar nicht, ob da ein großes Geheimnis dahintersteckt. Ängste sind groß und aufdringlich, sie wollen ständig gefüttert werden. Solange ich Angst vor diesen Ängsten habe, gedeihen sie gut. Wenn ich aber keine Angst mehr vor ihnen habe, sondern nur von ihnen genervt bin, schrumpfen sie auf ein erträgliches Maß und sind einfach nur ein Gefühl unter anderen.
Ja, das ist das Merkmal der Angst. Sie bezieht sich grundsätzlich immer auf etwas Zukünftiges, auf etwas, das jetzt nicht ist. Wenn dann die Angst vor der Angst hinzukommt, dann hat man zweimal, gedoppelt die Angst, denn die Angst vor der Angst bezieht sich ebenfalls auf etwas, das jetzt nicht da ist.
Ich würde „genervt sein“, „stören“, „lästig finden“ übrigens nicht so fein unterscheiden wie du. In all diesen Fällen ist der entscheidende Punkt in meinen Augen der, dass die Notwendigkeit der Bezugnahme infragegestellt wird. Beim Stören vielleicht etwas weniger, da bleibt die Verbindung bestehen. Aber beim Genervtsein oder beim Lästigfinden ist man schon dabei sie zu kappen, man kehrt zu seiner eigenen Seite, seinem eigenen Befinden zurück. Ich weiß aber nicht, ob man aktiv auf diese Lösung der Bindung hinarbeiten kann. Ich glaube, bei mir hat sie sich langsam von selbst entwickelt.
Das ist eine interessanter Gedanke. Die Bezugnahme, d.h. die Bindung im Negativen. Das Negative möchte man loswerden, indem man sich zum Beispiel wehrt, ganz konkret, einen Angreifer abwehrt. Ich wechsle mit meinen Gedanken zu menschlichen Beziehungen, von denen klar ist, dass eine heftige Ablehnung keineswegs die Bindung auflöst, sondern sie im Gegenteil verstärkt. Allerdings kann ich mir zu Deiner Formulierung, „zu seiner Seite, seinem eigenen Befinden zurückkehren“ nichts vorstellen. Da müßte ja dann noch etwas Anderes, Besseres im Befinden sein. Das kann ich auf mich nicht gut anwenden, weil das Befinden ist eben die Angst oder vielleicht eine unangenehme Leere. Aber wenn ich den Vergleich zu Beziehungen ziehe, dann scheint mir geeigneter für mich, mich etwas Anderem zuzuwenden. Eine positive Aufmerksamkeit auf andere Gedanken oder Bilder. Dadurch verblaßt das Gewicht der Angst. Blödes Bild. Ein Gewicht verblaßt nicht. Die Angst wird ähnlich neutral empfunden wie ein Mensch, von dessen belastendem Einfluß man sich gelöst hat. So kommt es dem, was ich meine, schon näher.
Einzigartigkeit
Ein paar Tage später: Wenn ich es genauer überlege, so bin ich doch aktiv mit meinen Ängsten umgegangen. Viele sind es ja zum Glück nicht, eigentlich ist es sogar nur eine, nämlich die Angst vor Menschen in allzu großer Anhäufung. :-) Ich war wirklich genervt von dieser Angst, ich empfand sie mehr und mehr als albern. Deshalb habe ich mich genau solchen Situationen im Laufe der letzten Jahre immer mehr ausgesetzt. Zuerst bei der Arbeit in der Bibliothek, dann beim ersten Ehrenamt (ausgerechnet mit Menschen!), und dann beim zweiten Ehrenamt mit noch mehr und vor allem noch schwierigeren Menschen. (Ich hätte auch noch ein anderes zur Auswahl gehabt mit Arbeit an alten Texten.) Das sind von mir bewusst gewählte Übungsfelder. Alles im Rahmen meiner Möglichkeiten, um mich nicht zu überfordern, aber doch mit dem Willen, mich nicht mehr so von dieser Angst einschränken zu lassen. Sie ist dadurch nicht verschwunden (wenn auch kleiner geworden), sondern es ist etwas passiert, was ich eigentlich viel toller finde: Ich kann in solche Situationen jetzt hineingehen, obwohl ich Angst habe. Das heißt, ich muss vor der Angst weder klein beigeben noch muss ich gegen sie ankämpfen, ich kann sie einfach sein lassen.[...]
(Das hört sich jetzt großartiger an, als es ist. Das sind alles nur viele ganz kleine, für andere vermutlich völlig belanglose Schritte, die ich da getan habe. Und es gibt weiterhin Situationen, denen ich mich immer noch nicht aussetzen würde.)
Ich glaube, ich weiß, was Du meinst. Es ist keine falsche Bescheidenheit, nur bekommen die kleinen Schritte, denke ich, in dem Moment, in dem man sie verschriftlicht, ein Gewicht, das man selber für nicht angemessen hält. Deswegen muß man anschließend das Gewicht wieder entziehen … nein, vielleicht wird es deutlicher in einem Bild: Man stellt die Vase in der Mitte auf die Kommode, stellt sie anschließend wieder an die Seite zurück und abschließend rückt man die Vase wieder ein wenig mehr zur Mitte hin – man hat sie zurechtgerückt, bis sie richtig steht.
„Unentwegt“ mit den Leuten zu reden muss aber nicht unbedingt Selbstsicherheit und Eingebundensein bedeuten, fällt mir dazu als erstes ein, es könnte auch auf das Gegenteil hindeuten. Es gibt Situationen (schon wieder dieses Wort, das zieht sich durch diesen Brief), in denen ich plötzlich anfange Leute zuzuquatschen, um meine Unsicherheit zu überdecken.
Du? Als Vielrednerin? :-) Jaja, ich habe schon verstanden: Nur in bestimmten Situationen und die sind sicher nicht so häufig.
Vor Kurzem fragte mich eine Gesprächsteilnehmerin aus einem Forum, was ich davon hielte, mich anstelle von in allen Hinsichten normal, mittelmäßig und nichts Besonderem als einzigartig anzusehen. Dazu hatte ich den Einfall, dass ich damit dem Kreislauf des Vergleichens endlich entkommen würde. Alle Menschen sind einander ähnlich und jeder Mensch ist einzigartig. Das ist eine Tatsache.
Damit möchte ich sagen: Was für andere Menschen eventuell ohne Belang ist, manche wissen vielleicht noch nicht einmal, worüber Du sprichst, das ist für Dich von Belang. Es gehört zu Deiner Einzigartigkeit dazu. Ich glaube allerdings, dass für Dich das Vergleichen eine Denkfigur unter anderen ist, das heißt, sie spielt keine entscheidende Rolle und vor allen Dingen ist das Vergleichen weitgehend neutral. Vergleiche zu ziehen bedeutet für mich dagegen sofort auch eine starke Bewertung. „Besser“, „schlechter“, „richtiger“, „falscher“, „liebenswerter“, „unliebenswerter“. Das wiederum ist mit dem unangenehmen Gefühl des Neides verbunden, der mir -leider- vertraut ist. Das ist wohl der entscheidende Punkt. Ja, Dein „belanglose Schritte“ hast Du in einen kurzen Klammersatz gesetzt, und ich thematisiere das Vergleichen. Das zeigt sehr schön den Unterschied zwischen uns.
Der Hypochonder
Falls wir nicht im Rahmen des Erzählens darauf kommen, weiß ich einfach nicht, was die „Regenrinne“ an sich hat :-))). Es müßte das Teil schräg links unter dem Balkon sein …
Hm … welcher Balkon? Ich sehe keinen Balkon. Die Regenrinne, die ich meine, befindet sich auf der linken Seite, da, wo man etwa auf halber Höhe einen kleinen Ausschnitt von einem Dach sieht. Das Dach gehört wohl zu dem Haus, zu dem auch der Turm gehört, befindet sich aber ein gutes Stück unter ihm. Ob ich die Regenrinne in die Geschichte einbauen kann, weiß ich nicht. Mich fasziniert an ihr der Detailreichtum. Sie ist für die „Handlung“ ja völlig bedeutungslos, aber trotzdem hat Spitzweg sie ganz genau gemalt: Die drei Halterungen, die geschlossene Seite rechts, die Öffnung links, durch die das Wasser abfließen kann, vermutlich in ein Fallrohr, das auf dem Bild aber nicht zu sehen ist. Ja, diese Halterungen waren es, mit ihren nach außen gebogenen Köpfen, die mir als erstes aufgefallen sind. Diesen Blick fürs Detail, der aber nie aufdringlich ist, sondern sehr zurückhaltend eingesetzt wird, den mag ich bei Spitzweg sehr.
Ich habe falsch gekuckt. Mir ist erst ziemlich spät aufgefallen, dass ich den Blumenkasten für einen Balkon gehalten habe oder wahrscheinlich war es so, dass ich den Blumenkasten an einem Balkon befestigt gesehen habe, weil Blumenkästen bei uns in unserer Zeit normalerweise auf oder an einem Balkon befestigt sind. Dieses für mich gewohnte Bild hatte ich auf dem Spitzweg-Bild eingesetzt. Das ist schon erstaunlich. Man sieht, was man für gewöhnlich sieht. Ja, Du hast recht. Dieses winzige, völlig unerhebliche Detail, ist liebevoll akkurat gemalt :-).
Und nun meine Frage, die ich mir die ganze Zeit während unseres Erzählens gestellt habe: Warum nennt Spitzweg das Bild „Der Hypochonder“? Ich habe dazu zur Sicherheit noch einmal gegoogelt und ja, es ist damit ein Mensch gemeint, der von sich annimmt, an einer schweren körperlichen Erkrankung zu leiden, die sich jedoch nicht objektivieren läßt. Geht man von der alltagssprachlichen Bedeutung des Wortes aus, wahrscheinlich die, die zu Spitzwegs Zeit üblich war, dann handelt es sich um einen Menschen, der unangemessen intensiv um seine Gesundheit besorgt ist und sich darauf fixiert hat, seinen eigenen Körper auf mögliche Krankheiten hin zu beobachten.
Spitzwegs „Hypochonder“ verläßt nur für dringende Erledigungen seine Turmwohnung? Deswegen streckt er seine Nase raus, um gierig frische Luft zu atmen? Außer ihm hat niemand einen Blumenkasten, und er hat ihn, weil er nicht nach draußen in den Park ins Grüne geht? Nach draußen traut er sich deswegen nicht, weil er befürchtet, von anderen Menschen mit einer Krankheit angesteckt zu werden, oder weil er den Schmutz meiden möchte? Vielleicht ist es für einen Mann, der so ungefähr in der mittleren Lebenshälfte ist, auch ungewöhnlich, bei Tage nicht zu arbeiten, sondern daheim zu sein und aus dem Fenster zu sehen? Die junge Frau gegenüber könnte tatsächlich so etwas wie das Gegenstück zu dem Mann sein.
Du schriebst, auf dem Bild würde „alles nach oben streben“, und ich finde interessant, wieviel Enge die Vertikalen erzeugen können !!! Alles ist verwinkelt, eng, direkt einengend.
F.
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