Brief 212 | Situationen

Liebe F.

Verpackung und Inhalt

Hm, ich habe noch weiter überlegt und denke, dass es für mich eine der Situationen gewesen wäre, in denen ich mich wie eine Hülle mit Inhalt gefühlt hätte. Die Verstellung par excellence. Nach außen hin weiß ich nicht, wie, aber jedenfalls ganz anders als innen. Ich erinnere mich an das Begräbnis meiner Großmutter, bei dem ich auf dem Weg von der Kapelle zum Grab wohl gelacht oder gescherzt habe. Dafür wurde ich gerügt. Es ist so lange her, aber ich meine, dass dieses Lachen unecht war, ich empfand es damals schon so.

Achnein, noch besser eignet sich meine Hochzeit als Beispiel! Im Standesamt von Aumühle. Es gibt Fotos natürlich, ich sehe wie strahlend aus, ein glückliches Lachen -aber ich weiß, dass ich mich völlig daneben fühlte. Wie ein Kind fühlte ich mich. In der Kleidung einer Erwachsenen und zu einem Anlaß in einem erwachsenen Leben. Ja, in beiden Fällen wollte ich mein Inneres verbergen, beim Begräbnis meiner Großmutter die Traurigkeit und bei meiner Hochzeit mein mich „klein fühlen“.

Kürzlich bei der Beerdigung meiner Mutter war ich hauptsächlich „ich“. Es war mir fast, nicht ganz egal, was die Anderen denken.

Ja, diese Situationen, in denen man sich wie „verstellt“ vorkommt (im Sinne von fehl am Platz), kenne ich auch. Wenn es Fotos von solchen Ereignissen gibt, dann sieht man mir das auch ganz deutlich an, das Schiefe, das Unechte. Aber bei dieser Verabschiedung bin ich so gelöst wie selten gewesen. Und auch das sieht man deutlich auf den Fotos. Ich weiß nicht genau, woher das kam. Es war ja nicht so, dass ich froh war, endlich alles hinter mir zu haben und gehen zu können. Ich habe mein Leben lang gern gearbeitet und mich in dieser Bibliothek und mit diesen Kolleginnen und Kollegen sehr wohl gefühlt. Jetzt im Nachhinein will mir scheinen, dass ich es als Befreiung empfunden habe, eine weitere Rolle abstreifen zu können. Wie eine weitere Häutung.

Was die Formulierung „Verpackung und Inhalt“ angeht, so empfinde ich die fast körperlich als unangenehm. Noch bevor ich darüber nachdenke, ob sie passend ist. Eine Verpackung ist ein Fremdkörper um das „Eigentliche“ herum, die man abstreifen, zerreißen, wegwerfen kann, ohne dass das den „Inhalt“ tangiert. Aber so empfinde ich mich nicht. Die Rollen, die ich spiele, oder die „schiefen“ Außenansichten, die ich zeige, wenn ich mich unwohl fühle, die bin ich doch auch, und zwar ganz und gar. Auch das Wort „Rollen“ finde ich immer etwas irreführend, weil man dabei an einen Schauspieler denkt, den man (meistens) ganz klar von der Rolle trennen kann, die er spielt. Aber die Rollen, die wir im Leben spielen – Kollegin, Mutter, Ehefrau, Einkaufende, Nachbarin, Freundin, Tochter … das alles bin ich ja wirklich. Es sind einfach nur verschiedene Aspekte von mir in verschiedenen Situationen.

Womit ich nicht sagen will, dass ich dieses Bild von Verpackung und Inhalt generell für falsch halte, sondern nur für mich. Vielleicht ist bei dir die Diskrepanz ja tatsächlich sehr viel größer und spürbarer als bei mir.

 

Kein Geheimnis

Über dieses Geheimnis würde ich gerne mehr erfahren. „Genervtsein“ ist eine Stufe unter „stören“ oder besser noch „lästig sein“. Eine mildere Form von „lästig sein“. Ängste nerven, weil man sich nicht gut oder kaum auf Anderes konzentrieren kann, sie geistern im Kopf und Körper herum, man kommt immer wieder auf sie zurück. Ich meine jetzt bestimmte Situationen, in denen die Angst vor etwas sich groß und breit macht. Das Genervtsein verscheucht sie nicht, wie Du schreibst. Das leuchtet mir ein, weil ein Weghabenwollen das Unerwünschte eher nur stärkt. Wie verhält es sich aber nun mit der Nerverei und dem Umstand, dass sie gar nicht verschwinden müssen. Das scheint mir das zu lösende Rätsel. Man ist genervt -und lebt gleichzeitig gut mit den Ängsten?

Ich weiß gar nicht, ob da ein großes Geheimnis dahintersteckt. Ängste sind groß und aufdringlich, sie wollen ständig gefüttert werden. Solange ich Angst vor diesen Ängsten habe, gedeihen sie gut. Wenn ich aber keine Angst mehr vor ihnen habe, sondern nur von ihnen genervt bin, schrumpfen sie auf ein erträgliches Maß und sind einfach nur ein Gefühl unter anderen.

Ich würde „genervt sein“, „stören“, „lästig finden“ übrigens nicht so fein unterscheiden wie du. In all diesen Fällen ist der entscheidende Punkt in meinen Augen der, dass die Notwendigkeit der Bezugnahme infragegestellt wird. Beim Stören vielleicht etwas weniger, da bleibt die Verbindung bestehen. Aber beim Genervtsein oder beim Lästigfinden ist man schon dabei sie zu kappen, man kehrt zu seiner eigenen Seite, seinem eigenen Befinden zurück. Ich weiß aber nicht, ob man aktiv auf diese Lösung der Bindung hinarbeiten kann. Ich glaube, bei mir hat sie sich langsam von selbst entwickelt.

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Ein paar Tage später: Wenn ich es genauer überlege, so bin ich doch aktiv mit meinen Ängsten umgegangen. Viele sind es ja zum Glück nicht, eigentlich ist es sogar nur eine, nämlich die Angst vor Menschen in allzu großer Anhäufung. :-) Ich war wirklich genervt von dieser Angst, ich empfand sie mehr und mehr als albern. Deshalb habe ich mich genau solchen Situationen im Laufe der letzten Jahre immer mehr ausgesetzt. Zuerst bei der Arbeit in der Bibliothek, dann beim ersten Ehrenamt (ausgerechnet mit Menschen!), und dann beim zweiten Ehrenamt mit noch mehr und vor allem noch schwierigeren Menschen. (Ich hätte auch noch ein anderes zur Auswahl gehabt mit Arbeit an alten Texten.) Das sind von mir bewusst gewählte Übungsfelder. Alles im Rahmen meiner Möglichkeiten, um mich nicht zu überfordern, aber doch mit dem Willen, mich nicht mehr so von dieser Angst einschränken zu lassen. Sie ist dadurch nicht verschwunden (wenn auch kleiner geworden), sondern es ist etwas passiert, was ich eigentlich viel toller finde: Ich kann in solche Situationen jetzt hineingehen, obwohl ich Angst habe. Das heißt, ich muss vor der Angst weder klein beigeben noch muss ich gegen sie ankämpfen, ich kann sie einfach sein lassen. In akuten Momenten ist sie weiterhin stark, das ist dann natürlich unangenehm. Aber da hilft mir dann meine Erfahrung mit Zen, dass sowohl das, was ich über mich selbst denke, als auch das, was die anderen über mich denken, sich alles nur in unseren Köpfen abspielt, es aber darauf ankommt, was ich jetzt gerade tu, egal, was irgendjemand darüber denkt. Da kommen also mehrere Sachen zusammen.

(Das hört sich jetzt großartiger an, als es ist. Das sind alles nur viele ganz kleine, für andere vermutlich völlig belanglose Schritte, die ich da getan habe. Und es gibt weiterhin Situationen, denen ich mich immer noch nicht aussetzen würde.)


Ballast

Mir fällt etwas ganz Anderes zu meinen Schulerlebnissen ein. Es müßte in der 6. Klasse gewesen sein, also war ich 12/13 Jahre alt, als die Schüler*innen sich untereinander pantomimisch charakterisiert haben. Eine Freundin von mir, Angelika, „gab mich“. Ich bewegte mich schnell von einer (fiktiven) Klassenkameradin zur nächsten, gestikulierte lebhaft und redete unentwegt mit ihnen. Heute würde ich sagen, sie habe mich als ausgesprochen kommunikativ dargestellt. Mir gefiel das, und zugleich hatte es überhaupt nicht die mindeste Ähnlichkeit mit dem, wie ich mich fühlte. Wahrscheinlich gefiel es mir, weil ich mich gerne so gefühlt hätte, wie sie mich sah. Eingebunden, anerkannt, selbstsicher, während ich mich als schüchtern, unsicher, still und nicht dazugehörig wahrgenommen habe.

Wie können die Eigen- und die Fremdwahrnehmung derart auseinanderklaffen? Die Schulkameradin sah mich sicher nicht verzerrt, und meine Selbstwahrnehmung kann ich ebenfalls nicht bezweifeln. Vielleicht bin ich überhaupt auf diese Erinnerung gekommen, weil sie auch eine Form der Unterscheidung in Verpackung und Inhalt ist (ich vermeide das leidige „innen“ und „außen“, das sich irgendwie chronisch als Thema immer wieder einschleicht). Oder nein, ich habe ja noch nicht einmal mein Verhalten (die Verpackung) angemessen wahrgenommen :-))).

„Unentwegt“ mit den Leuten zu reden muss aber nicht unbedingt Selbstsicherheit und Eingebundensein bedeuten, fällt mir dazu als erstes ein, es könnte auch auf das Gegenteil hindeuten. Es gibt Situationen (schon wieder dieses Wort, das zieht sich durch diesen Brief), in denen ich plötzlich anfange Leute zuzuquatschen, um meine Unsicherheit zu überdecken. Aber mehr als das Was ihrer Darstellung zählt ja das Wie, und das war ja anscheinend ausgesprochen positiv. Aber die Diskrepanz zwischen „kommunikativ“ (Fremdwahrnehmung) und „still“ (Eigenwahrnehmung) ist schon verblüffend. Aber ich glaube, sowas ist gar nicht so selten. Man belegt sich selbst mit so viel negativen Attributen, aber die anderen sehen diesen ganzen Ballast ja gar nicht. Das aktuelle Verhalten wird dann einfach als das genommen, was es gerade ist.

 

Die Regenrinne

Ja, Du hast recht. Man muß schon länger suchen, um Informationen über Luttichuys aufzutreiben. Es gibt Aufsätze, die meistens dann über beide Brüder handeln: Isaak und Simon Luttichuys, wobei Isaak, soweit ich es verstanden habe, hauptsächlich Porträts gemalt hat. Im englischen wiki-Eintrag wird ein Stillleben gezeigt, das Einzige, das mir nicht gefällt. Guckst Du mal? https://en.wikipedia.org/wiki/Simon_Luttichuys. Ich finde es völlig überfrachtet mit Gegenständen und Symbolik. Die Einzelteile sehen zudem nicht aus wie beiläufig hingeordnet, sondern hingestellt einzig für den Zweck, sie zu malen. Ein maniriertes Arrangement, würde ich es nennen. Den Maler sieht man übrigens auch noch. Aber, wie zu lesen, zeichnet sich Luttichuys durch Detailtreue aus -und die beiden aufgeschlagenen Bücher, wie er auf deren Seiten die winzigen Schriftzeichen gemalt hat, das finde ich grandios.

Überfrachtet? Dann gib mal Prunkstillleben in die Suchfunktion ein.:-) Dagegen ist dieses Bild noch relativ schlicht. Vor allem farblich finde ich es recht schön, mit seinen Braun-, Grau- und Weißtönen. Aber inhaltlich gebe ich dir Recht, da ist es überfrachtet mit Symbolik. Und arrangiert sind zwar alle Stillleben, oft wird das auch gar nicht verschleiert, aber hier finde ich die Zusammenstellung irgendwie unharmonisch. Zu gewollt. Oder vielleicht auch zu wenig gewollt, sondern einfach nur irgendwie hingepackt. Ohne aber wiederum eine pittoreske Unordnung herzustellen. Nein, mir gefällt es auch nicht besonders.

Falls wir nicht im Rahmen des Erzählens darauf kommen, weiß ich einfach nicht, was die „Regenrinne“ an sich hat :-))). Es müßte das Teil schräg links unter dem Balkon sein …

Hm … welcher Balkon? Ich sehe keinen Balkon. Die Regenrinne, die ich meine, befindet sich auf der linken Seite, da, wo man etwa auf halber Höhe einen kleinen Ausschnitt von einem Dach sieht. Das Dach gehört wohl zu dem Haus, zu dem auch der Turm gehört, befindet sich aber ein gutes Stück unter ihm. Ob ich die Regenrinne in die Geschichte einbauen kann, weiß ich nicht. Mich fasziniert an ihr der Detailreichtum. Sie ist für die „Handlung“ ja völlig bedeutungslos, aber trotzdem hat Spitzweg sie ganz genau gemalt: Die drei Halterungen, die geschlossene Seite rechts, die Öffnung links, durch die das Wasser abfließen kann, vermutlich in ein Fallrohr, das auf dem Bild aber nicht zu sehen ist. Ja, diese Halterungen waren es, mit ihren nach außen gebogenen Köpfen, die mir als erstes aufgefallen sind. Diesen Blick fürs Detail, der aber nie aufdringlich ist, sondern sehr zurückhaltend eingesetzt wird, den mag ich bei Spitzweg sehr.

B.

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