Brief 211 | Mal was Neues: Verpackung und Inhalt

Liebe B.

Aber wo du nun das ganze Ausmaß meiner Ängste kennst :-), kannst du vielleicht besser verstehen, warum mir die Entwicklung der letzten Jahre, meine Öffnung und die gewachsene Sicherheit, so wunderbar und erstaunlich vorkommt, auch wenn sie sich nur in vielen kleinen Schritten vollzieht.

Ja, und zu den Veränderungen gehört auch, wie ich finde, dass eine Überschrift, wie Du sie für Deinen letzten Brief gewählt hast, vor einigen Jahren Dir noch nicht einmal im Traum eingefallen wäre, sie könne zur Überschrift taugen. Nicht „fein“, nicht zurückhaltend genug – doch eher drastisch :-). Und mit dem Eingeständnis der Leere im Kopf, d.h. sehr direkt.

 

Verpackung und Inhalt

Diese Gedanken, die du da beschreibst – was erwartet man von mir? –, habe ich mir gar nicht gemacht, merke ich, darauf bin ich gar nicht gekommen. Ich glaube auch nicht, dass etwas Bestimmtes von mir erwartet wurde, und wenn doch, dann wäre es mir egal gewesen (oder ich hätte es vielleicht sogar absichtlich unterlaufen). Ich habe mir im Vorfeld ein paar wenige (!) Worte zurechtgelegt, die mir für mich passend erschienen, und ansonsten auf den Moment vertraut. Ja, früher wäre das für mich auch horrormäßig gewesen. Bzw. das war es in gewisser Weise immer noch – na ja, Horror ist ein zu starkes Wort dafür, aber es lag mir schon im Magen. Aber andererseits … Zen trägt wunderbare Früchte! :-) Ich muss mir im Vorfeld keine Gedanken machen, es zählt nur das Hier und Jetzt. Wenn ich hier und jetzt gerührt bin, dann bin ich gerührt. Und wenn ich das Ganze eher von der lustigen Seite nehme (wie es tatsächlich war), dann mache ich halt einen lustigen Spruch.

Hm, ich habe noch weiter überlegt und denke, dass es für mich eine der Situationen gewesen wäre, in denen ich mich wie eine Hülle mit Inhalt gefühlt hätte. Die Verstellung par excellence. Nach außen hin weiß ich nicht, wie, aber jedenfalls ganz anders als innen. Ich erinnere mich an das Begräbnis meiner Großmutter, bei dem ich auf dem Weg von der Kapelle zum Grab wohl gelacht oder gescherzt habe. Dafür wurde ich gerügt. Es ist so lange her, aber ich meine, dass dieses Lachen unecht war, ich empfand es damals schon so.

Achnein, noch besser eignet sich meine Hochzeit als Beispiel! Im Standesamt von Aumühle. Es gibt Fotos natürlich, ich sehe wie strahlend aus, ein glückliches Lachen -aber ich weiß, dass ich mich völlig daneben fühlte. Wie ein Kind fühlte ich mich. In der Kleidung einer Erwachsenen und zu einem Anlaß in einem erwachsenen Leben. Ja, in beiden Fällen wollte ich mein Inneres verbergen, beim Begräbnis meiner Großmutter die Traurigkeit und bei meiner Hochzeit mein mich „klein fühlen“.

Kürzlich bei der Beerdigung meiner Mutter war ich hauptsächlich „ich“. Es war mir fast, nicht ganz egal, was die Anderen denken.

 

Ein Rätsel

(Ich meine nicht dich, um das gleich vorwegzuschicken. :-))

Deine vorsorgliche Maßnahme, sehr umsichtig, denn leicht hätte ich mich gemeint finden können :-).

Ja, die Ängste sind nun einmal da, wenn man dazu neigt. Aber vielleicht wird man ihrer auch irgendwann müde, weil sie so aufdringlich sind. So geht es mir jedenfalls. Dabei sind sie bei mir ja gar nicht so dominant wie bei dir. Trotzdem gingen sie mir irgendwann auf die Nerven. Das ist ein erstaunlich wirksames Gegenmittel. Keine rationale Strategie, sondern einfach Genervtsein. Dann müssen sie auch gar nicht verschwinden.

Über dieses Geheimnis würde ich gerne mehr erfahren. „Genervtsein“ ist eine Stufe unter „stören“ oder besser noch „lästig sein“. Eine mildere Form von „lästig sein“. Ängste nerven, weil man sich nicht gut oder kaum auf Anderes konzentrieren kann, sie geistern im Kopf und Körper herum, man kommt immer wieder auf sie zurück. Ich meine jetzt bestimmte Situationen, in denen die Angst vor etwas sich groß und breit macht. Das Genervtsein verscheucht sie nicht, wie Du schreibst. Das leuchtet mir ein, weil ein Weghabenwollen das Unerwünschte eher nur stärkt. Wie verhält es sich aber nun mit der Nerverei und dem Umstand, dass sie gar nicht verschwinden müssen. Das scheint mir das zu lösende Rätsel. Man ist genervt -und lebt gleichzeitig gut mit den Ängsten?

So geht es mir seit einiger Zeit mit meinen Ängsten – sie nerven … es gibt Wichtigeres oder Interessanteres, als um sie herumzutanzen.

Dies kann ich nachvollziehen, weil ich auch die Erfahrung gemacht habe oder mache, dass in dem Moment, in dem ich mich in etwas anderem engagiere, die Ängste verschwinden. Das erscheint mir ein ähnlicher Vorgang wie bei Versuchen, nicht zu rauchen. Wendet man sich einer Tätigkeit zu, in die man auf angenehme Art eintaucht, dann vergißt man das Rauchbedürfnis. Ich überlege noch einen Augenblick, ob man Ängste aus bestimmten Gründen nicht verlieren möchte? Vielleicht, weil man sie dann nicht mehr kontrolliert? Sie könnten zu einem späteren Zeitpunkt wieder auftauchen und man ist dann nicht vorbereitet? Läßt man sie nicht los, sind sie gegenwärtig und man kann nicht überrascht werden? Vielleicht ist es so, nur bleibt man auf diese Weise in einem Kreislauf befangen, aus dem man ja gerade rausmöchte. Nein, ich glaube, das führt nicht weiter. Die Aufmerksamkeit auf Interessanteres und Wichtigeres zu richten ist gut.

Mir fallen Situationen in der Schule ein. In jeder Klasse gibt es ja diese Typen (Mädchen oder Jungen), die sich immerzu in den Mittelpunkt stellen und auch tatsächlich von vielen bewundert werden. Und wer nicht mitbewundert, wird im schlimmsten Fall gemobbt. (Diesen Ausdruck gab es zu meiner Schulzeit allerdings noch nicht.) Ich weiß nicht genau, woran es lag, aber ich habe nie bewundert und wurde nie gemobbt. Ich mochte solche Typen nicht, sie haben mich genervt. Ich habe mich einfach abgewandt, das war alles. Dadurch wurde ich uninteressant, nehme ich an. Auf jeden Fall wurde ich in Ruhe gelassen und konnte in den Pausen ungestört lesen. :-)

Mir fällt etwas ganz Anderes zu meinen Schulerlebnissen ein. Es müßte in der 6. Klasse gewesen sein, also war ich 12/13 Jahre alt, als die Schüler*innen sich untereinander pantomimisch charakterisiert haben. Eine Freundin von mir, Angelika, „gab mich“. Ich bewegte mich schnell von einer (fiktiven) Klassenkameradin zur nächsten, gestikulierte lebhaft und redete unentwegt mit ihnen. Heute würde ich sagen, sie habe mich als ausgesprochen kommunikativ dargestellt. Mir gefiel das, und zugleich hatte es überhaupt nicht die mindeste Ähnlichkeit mit dem, wie ich mich fühlte. Wahrscheinlich gefiel es mir, weil ich mich gerne so gefühlt hätte, wie sie mich sah. Eingebunden, anerkannt, selbstsicher, während ich mich als schüchtern, unsicher, still und nicht dazugehörig wahrgenommen habe.

Wie können die Eigen- und die Fremdwahrnehmung derart auseinanderklaffen? Die Schulkameradin sah mich sicher nicht verzerrt, und meine Selbstwahrnehmung kann ich ebenfalls nicht bezweifeln. Vielleicht bin ich überhaupt auf diese Erinnerung gekommen, weil sie auch eine Form der Unterscheidung in Verpackung und Inhalt ist (ich vermeide das leidige „innen“ und „außen“, das sich irgendwie chronisch als Thema immer wieder einschleicht). Oder nein, ich habe ja noch nicht einmal mein Verhalten (die Verpackung) angemessen wahrgenommen :-))).

 

Ansprechen

Bei diesem Bild würde ich überhaupt nichts identifizieren, weil ich daran einfach vorbeigehen würde – es „sagt“ mir nichts, es „spricht“ nicht zu mir.

Den Vergleich mit dem Nutella-Versuch finde ich aber gar nicht so abseitig, sondern ziemlich gut. Allerdings eher ex negativo. Denn genau darum geht es mir nicht: etwas als „richtig“ zu identifizieren, das Bessere vom Schlechteren zu unterscheiden etc. Sondern es geht mir nur darum, ob ein Bild mich anspricht oder nicht. Das ist gar nicht immer eine Frage der Qualität der Malerei. Ich will keine „große“ Kunst sehen, sondern (mich) „ansprechende“. Wobei es vermutlich kein Zufall ist, dass die dann doch oft von den „großen“ Künstlern stammt, denn die sind ja nicht umsonst berühmt geworden.

Ich bleibe beim „Ansprechen“ hängen, weil ich auf einmal finde, dass man besser nicht ausdrücken kann, worum es bei dem Bilderansehen geht (dasselbe gilt auch u.a. für die Literatur). „Wird man angesprochen“? Dabei spielt weder die Qualität noch die Art und Weise, wie man sich angesprochen fühlt, eine Rolle. Ich denke an Bilder, die man auf den ersten Blick abscheulich findet oder von denen man sich abgestoßen fühlt. Das ist nur eine andere Form des Ansprechens. Angezogen oder auch abgestoßen ist gleichermaßen eine Anrede. Nur die Gleichgültigkeit, die Langeweile eher nicht. Doch, auch die, aber im Unterschied zum Häßlichfinden, bei dem man eventuell doch noch einmal genauer prüfen möchte, was denn so abscheulich an dem Bild ist, geht man an dem langweiligen Bild vorüber -und zum Nächsten.

Aber ich habe es wieder und wieder erlebt, dass ich durch die großen Hauptsäle gehe, die, wo die „Knüller“ hängen, ohne wirklich was zu sehen, aber dann in einem der Seitenkabinette minutenlang fasziniert vor einem Bild stehenbleibe, das vielleicht von einem Maler stammt, dessen Namen ich noch nie gehört habe oder nur ganz beiläufig. Mein Schlüsselerlebnis hatte ich, als ich so als Sechzehn-, Siebzehnjährige nach der Schule oft in die Hamburger Kunsthalle ging (mittwochs, da war freier Eintritt), und eines Tages in solch einem Seitenkabinett ein Bild sah, das im schräg einfallenden Nachmittagslicht zu glühen schien. Es war ein schlichtes Stillleben, ein Weinpokal in einer Nische. Aber durch das von außen einfallende Licht, das sich mit den Lichtreflexen mischte, die der Maler gesetzt hatte, war das ein magischer Moment. Damals begann meine Liebe zu den Stillleben. Das Bild stammt von Simon Luttichuys, einem Maler, zu dem es nicht einmal einen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag gibt. https://online-sammlung.hamburger-kunsthalle.de/de/objekt/HK-73/stillleben-mit-weinglas-und-broetchen

Ja, Du hast recht. Man muß schon länger suchen, um Informationen über Luttichuys aufzutreiben. Es gibt Aufsätze, die meistens dann über beide Brüder handeln: Isaak und Simon Luttichuys, wobei Isaak, soweit ich es verstanden habe, hauptsächlich Porträts gemalt hat. Im englischen wiki-Eintrag wird ein Stillleben gezeigt, das Einzige, das mir nicht gefällt. Guckst Du mal? https://en.wikipedia.org/wiki/Simon_Luttichuys. Ich finde es völlig überfrachtet mit Gegenständen und Symbolik. Die Einzelteile sehen zudem nicht aus wie beiläufig hingeordnet, sondern hingestellt einzig für den Zweck, sie zu malen. Ein maniriertes Arrangement, würde ich es nennen. Den Maler sieht man übrigens auch noch. Aber, wie zu lesen, zeichnet sich Luttichuys durch Detailtreue aus -und die beiden aufgeschlagenen Bücher, wie er auf deren Seiten die winzigen Schriftzeichen gemalt hat, das finde ich grandios.

Vielleicht erzählen wir besser eine gemeinsame Geschichte? Dann würden wir jedes explizite oder unterschwellige Konkurrenzdenken oder Minderwertigkeitsgefühl vermeiden. So entstehen ja auch bei uns im Museum die Geschichten: Man sitzt in einer Gruppe vor dem Bild und jeder, dem was einfällt, sagt was, und wenn jemand anderem was anderes einfällt oder er oder sie an das Gesagte anknüpfen möchte, dann folgt der nächste Satz und immer so weiter. „Vorteile“ hat dabei niemand! Man muss nicht das Geringste über das Bild wissen, es geht nur darum, was man sieht und was das in der Fantasie bei einem auslöst.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/1f/Carl_Spitzweg_043.jpg . Diese Regenrinne! Die hat es mir angetan. :-) Ich werde das Bild auf dem Tummelplatz einstellen, und dann können wir abwechselnd schreiben, wann immer wir Zeit haben und uns was einfällt. Am besten jeweils so ein bis zwei Sätze, aber nicht mehr als drei, würde ich vorschlagen. Als Starthilfe kann ich gern anfangen.

Falls wir nicht im Rahmen des Erzählens darauf kommen, weiß ich einfach nicht, was die „Regenrinne“ an sich hat :-))). Es müßte das Teil schräg links unter dem Balkon sein …

 

Aktuelles und Vergangenes

Diese Woche steckt meine Gemütslage übrigens in meiner Nase, denn ich bin erkältet. :-)

Apropos „Nase“ – meine Großmutter hat öfter gemeint, ich hätte eine sehr schöne Nase, insbesondere im Profil, nämlich eine klassisch griechische Nase :-))). Wie sieht eine klassisch griechische Nase aus? Groß auf jeden Fall, aber nicht zu groß. Es war mir auch egal, weil wichtig war mir das „schön“. Ich erinnere mich an einen Besuch bei ihr, als sie im Krankenhaus lag, und sie sagte zu mir, dass ich schöne Arme hätte. Das „würden Männer mögen“ (ich glaube, ich zitiere wörtlich). Auch das gefiel mir sehr. Es waren Komplimente zu meiner äußeren Erscheinung. Woher wußte sie das eigentlich? Hm, sie hatte in jungen Jahren als Mannequin gearbeitet, vielleicht hatte sie ihre Weisheit dort erworben.

F.

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