Liebe F.,
Kein Drama
Ich bin verblüfft, weil ich feststelle, dass mir der Umfang und das Ausmaß Deiner Ängste, für die Du hier sogar den Begriff der ansatzweisen! Sozialphobie gebrauchst, überhaupt nie bewusst gewesen ist. Ich frage mich, ob ich nicht anständig gelesen habe? Aber nein, das glaube ich nicht. Vielmehr nehme ich an, dass es an Deiner zurückhaltenden und ruhigen Art zu berichten liegt. Auch über Dich selbst. Im Vergleich und im Unterschied zu mir, die ich zu einem dramatischen Stil neige, was den inneren Dramenszenarios entspricht, ist Dein Temperament gemäßigter, was sich denn auch im Schreiben spiegelt. Außerdem scheinst Du erst im Nachhinein, rückblickend zum Ausdruck zu bringen, wie „schlimm“ es war, während ich mehr zum Ausdruck bringe, wie „schlimm“ es ist.
Vor allem neige ich wohl eher weniger dazu, mich solchen inneren Inszenierungen hinzugeben. Ich fühle mich dann unangenehm schwelgerisch. Es fühlt sich für mich unecht an. Ich will mich darin suhlen! – Nein, will ich nicht. Ich brauch kein Drama.
Aber wo du nun das ganze Ausmaß meiner Ängste kennst :-), kannst du vielleicht besser verstehen, warum mir die Entwicklung der letzten Jahre, meine Öffnung und die gewachsene Sicherheit, so wunderbar und erstaunlich vorkommt, auch wenn sie sich nur in vielen kleinen Schritten vollzieht.
Erwartungen
Oja, das ist eine soziale Situation, die zu überstehen mir einigermaßen horrormäßig erscheint (bei diesem Ereignis würde ich vor lauter Bedenken, was von mir erwartet wird, Dankbarkeit, Freude, Rührung, Wehmut, auf jeden Fall Haltung, aber auch wieder nicht zu viel Haltung, nicht mehr wissen, wer und wo ich bin). Übrigens fällt mir ein, dass dies womöglich oder sogar sicher eine Situation wäre, bei der ich schamlos rot würde. Es ist ein so einschneidendes Ereignis, eine so große Veranstaltung und das rechtfertigt ein Rotwerden allemal – falls nicht sowieso schon die ganze Aufregung drumherum die Gesichtsfarbe gerötet hat.
Diese Gedanken, die du da beschreibst – was erwartet man von mir? –, habe ich mir gar nicht gemacht, merke ich, darauf bin ich gar nicht gekommen. Ich glaube auch nicht, dass etwas Bestimmtes von mir erwartet wurde, und wenn doch, dann wäre es mir egal gewesen (oder ich hätte es vielleicht sogar absichtlich unterlaufen). Ich habe mir im Vorfeld ein paar wenige (!) Worte zurechtgelegt, die mir für mich passend erschienen, und ansonsten auf den Moment vertraut. Ja, früher wäre das für mich auch horrormäßig gewesen. Bzw. das war es in gewisser Weise immer noch – na ja, Horror ist ein zu starkes Wort dafür, aber es lag mir schon im Magen. Aber andererseits … Zen trägt wunderbare Früchte! :-) Ich muss mir im Vorfeld keine Gedanken machen, es zählt nur das Hier und Jetzt. Wenn ich hier und jetzt gerührt bin, dann bin ich gerührt. Und wenn ich das Ganze eher von der lustigen Seite nehme (wie es tatsächlich war), dann mache ich halt einen lustigen Spruch.
Zum Schluss bin ich dann trotzdem sehr nervös geworden, um das nicht zu verschweigen, aber zum Glück erst in der letzten halben Stunde, bevor es losging. Nicht meinetwegen, sondern weil ich nicht wusste, ob das sehr spezielle Programm, das meine beiden Kolleginnen, die mit mir gemeinsam verabschiedet wurden, und ich uns ausgedacht hatten, so ankommen würde, wie wir uns das vorstellten. (Karaoke! Das hatte es noch nie gegeben. :-))) Aber es war wirklich sehr lustig und gelungen. Damit haben wir übrigens tatsächlich sämtliche Erwartungen unterlaufen, und zwar mit voller Absicht. :-)
Du nervst!
(Ich meine nicht dich, um das gleich vorwegzuschicken. :-))
Die Ängste, die sich auf Zukünftiges –kurz- oder längerfristig- beziehen, zeigen oder sind Ausdruck einmal des Alleineseins und können nicht gut ausgeglichen werden durch ein Vertrauen in mich selbst. Die sogenannte Resilienzfähigkeit ist nicht sonderlich ausgebildet. Es sind keine Menschen da, die mir Sicherheit geben, und ich selber kann’s auch nicht.
Ein anderer Aspekt ist, wohlbekannt, dass Zukunftsängste meistens Lebensängste sind. Sie verhindern den Blick auf das Jetzt. Man ist nicht wirklich hier, weil man die Ängste mit sich trägt. Mit verschiedenen und wechselnden Strategien hangele ich mich durch. Eine ist die, mir klar zu machen, dass Schönes und nicht Schlechtes zu erwarten, gar nichts am Ausgang ändert. Da zeigt sich der magische Anteil, der meint, mit Ängsten vermeiden zu können, dass passiert, wovon man nicht möchte, dass es passiert. Es erbringt für die Gegenwart nichts außer dunkle Schatten, sich für die Zukunft Schrecken auszumalen. Eine andere ist die, mir immer wieder bewußt zu machen, dass wir tatsächlich nichts voraussehen und vorausberechnen können. Es gibt statistische Wahrscheinlichkeiten, nur können die jederzeit durch irgendein kontingentes Ereignis aufgehoben werden.
Ja, die Ängste sind nun einmal da, wenn man dazu neigt. Aber vielleicht wird man ihrer auch irgendwann müde, weil sie so aufdringlich sind. So geht es mir jedenfalls. Dabei sind sie bei mir ja gar nicht so dominant wie bei dir. Trotzdem gingen sie mir irgendwann auf die Nerven. Das ist ein erstaunlich wirksames Gegenmittel. Keine rationale Strategie, sondern einfach Genervtsein. Dann müssen sie auch gar nicht verschwinden.
Mir fallen Situationen in der Schule ein. In jeder Klasse gibt es ja diese Typen (Mädchen oder Jungen), die sich immerzu in den Mittelpunkt stellen und auch tatsächlich von vielen bewundert werden. Und wer nicht mitbewundert, wird im schlimmsten Fall gemobbt. (Diesen Ausdruck gab es zu meiner Schulzeit allerdings noch nicht.) Ich weiß nicht genau, woran es lag, aber ich habe nie bewundert und wurde nie gemobbt. Ich mochte solche Typen nicht, sie haben mich genervt. Ich habe mich einfach abgewandt, das war alles. Ddadurch wurde ich uninteressant, nehme ich an. Auf jeden Fall wurde ich in Ruhe gelassen und konnte in den Pausen ungestört lesen. :-)
So geht es mir seit einiger Zeit mit meinen Ängsten – sie nerven … es gibt Wichtigeres oder Interessanteres, als um sie herumzutanzen.
Meine Frage hatte allerdings nicht auf die Art deiner Ängste gezielt, sondern darauf, ob du den Begriff Angst hier überhaupt verwenden würdest, weil du den doch ursprünglich nur für existenzielle Bedrohungen reserviert hattest. Aber du scheinst ihn in denselben Zusammenhängen wie ich zu gebrauchen.
Ich mag kein Nutella :-)
Die Sache hat mir keine Ruhe gelassen und so habe ich jetzt ein Bild von de Crayer herausgesucht, das zu dem von Dir eingeführten Thema „Porträt“ paßt: https://www.wikiart.org/de/gaspar-de-crayer, Anne von Österreich, Gattin des Königs/Kaisers (keine Ahnung) Matthias. Was sagst Du? Sähest Du es inmitten einer Porträtsammlung, würdest Du es als eines der typischen konventionellen Herrscherporträts identifizieren, eines, das auf jeden Fall nicht von van Dyck gemalt ist? Da ich es nun weiß, sehe ich das puppenhafte Porzellangesicht, den Hals, der auch wie aus Porzellan gegossen aussieht. Erkennt man die lebendige Person, die in der königlichen Robe steckt? Nein. Erkennst Du die „übertriebene Sentimentalität“, den Angeber hinter dem Gemälde? :-))) Mir fällt ein total abseitiger Vergleich ein, nämlich der mit dem „Nutella“-Versuch (den gibt’s auch für Kaffee- und Schokoladensorten). „Hundertprozentig sicher erkenne ich den einzigartigen Nutella-Geschmack“ und bei den Tests kam heraus, dass es überhaupt keine Signifikanz dafür gab, dass Leute mit dem Nutella-Faible bei verbundenen Augen die Sorte identifizieren konnten.
Bei diesem Bild würde ich überhaupt nichts identifizieren, weil ich daran einfach vorbeigehen würde – es „sagt“ mir nichts, es „spricht“ nicht zu mir.
Den Vergleich mit dem Nutella-Versuch finde ich aber gar nicht so abseitig, sondern ziemlich gut. Allerdings eher ex negativo. Denn genau darum geht es mir nicht: etwas als „richtig“ zu identifizieren, das Bessere vom Schlechteren zu unterscheiden etc. Sondern es geht mir nur darum, ob ein Bild mich anspricht oder nicht. Das ist gar nicht immer eine Frage der Qualität der Malerei. Es gibt berühmte Maler, mit denen ich überhaupt nichts anfangen kann, Rembrandt z.B., trotz seiner berührenden Alters-Selbstporträts. Das ist also eine sehr persönliche Reaktion auf Bilder, eine, die mehr über mich als über die Bilder aussagt. Ich erhebe nicht den Anspruch, „Nutella“, also qualitätvolle Malerei (was immer man darunter verstehen will) in jedem Fall zu erkennen. Wenn ich mit diesem Ziel durch eine Ausstellung gehen würde, dann wäre das vermutlich furchtbar langweilig (es sei denn, man nimmt sich das konkret vor, als spielerischen Test, dann könnte das lustig werden). Ich will keine „große“ Kunst sehen, sondern (mich) „ansprechende“. Wobei es vermutlich kein Zufall ist, dass die dann doch oft von den „großen“ Künstlern stammt, denn die sind ja nicht umsonst berühmt geworden.
Aber ich habe es wieder und wieder erlebt, dass ich durch die großen Hauptsäle gehe, die, wo die „Knüller“ hängen, ohne wirklich was zu sehen, aber dann in einem der Seitenkabinette minutenlang fasziniert vor einem Bild stehenbleibe, das vielleicht von einem Maler stammt, dessen Namen ich noch nie gehört habe oder nur ganz beiläufig. Mein Schlüsselerlebnis hatte ich, als ich so als Sechzehn-, Siebzehnjährige nach der Schule oft in die Hamburger Kunsthalle ging (mittwochs, da war freier Eintritt), und eines Tages in solch einem Seitenkabinett ein Bild sah, das im schräg einfallenden Nachmittagslicht zu glühen schien. Es war ein schlichtes Stillleben, ein Weinpokal in einer Nische. Aber durch das von außen einfallende Licht, das sich mit den Lichtreflexen mischte, die der Maler gesetzt hatte, war das ein magischer Moment. Damals begann meine Liebe zu den Stillleben. Das Bild stammt von Simon Luttichuys, einem Maler, zu dem es nicht einmal einen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag gibt. https://online-sammlung.hamburger-kunsthalle.de/de/objekt/HK-73/stillleben-mit-weinglas-und-broetchen
Nein, jetzt tue ich Dir Unrecht. Für mich als ungeübte Bildbetrachterin ist es mehr oder weniger ein Ratespiel. Ich kann unter Deiner Vorgabe die Porträts von van Dyck annähernd so sehen, dass er ausdrucksstarke Gesichter malt. Aber würdest Du mir es nicht ausdrücklich nahelegen, dann sähe ich den Unterschied zwischen einem seiner Porträts und dem von de Crayer sicher nicht. Du jedoch bist sehr geübt, Du kennst die Genres und hast Vergleichsmöglichkeiten. Insofern nehme ich an, dass die Intuition Dich recht gut leitet.
Und deine Intuition leitet dich auch! Nur vielleicht zu anderen Bildern als bei mir. Klar sieht man „mehr“, wenn man sich viel mit einer Sache beschäftigt, egal was es ist. Aber auf einer anderen Ebene spielt das überhaupt keine Rolle.
TimeSlips
Mir gefällt die Idee spontan sehr gut. Ich habe Lust dazu. Wir müßten es nur so machen, dass wir beide unabhängig voneinander die Geschichte erzählen. Ansonsten ist man zu sehr beeinflußt von dem, was Du oder ich vorgelegt haben. Wir könnten unsere Geschichten auf den „Tummelplatz“ stellen und anschließend darüber sprechen. Möchtest Du? Du bist im Vorteil, nein, wenn wir uns an das Motto halten, dann ist auch bei meiner Anfängerversion alles richtig und wichtig.
Weil ich den C. Spitzweg neu entdeckt habe, möchte ich ihn vorschlagen, aber natürlich würde ich auch mit Deinen Vorschlägen einverstanden sein. https://www.kunstbilder-galerie.de/kunstdrucke/kuenstler-carl-spitzweg.html Hier habe ich mir „der Kaktusliebhaber“ und „der„Hypochonder“ ausgesucht, wobei es von Letzterem mehrere Versionen gibt. Spitzwegs Bilder erzählen sowieso jeweils eine Geschichte, und die beiden von mir ausgesuchten Gemälde sind nicht überfrachtet mit Stoff.
Vielleicht erzählen wir besser eine gemeinsame Geschichte? Dann würden wir jedes explizite oder unterschwellige Konkurrenzdenken oder Minderwertigkeitsgefühl vermeiden. So entstehen ja auch bei uns im Museum die Geschichten: Man sitzt in einer Gruppe vor dem Bild und jeder, dem was einfällt, sagt was, und wenn jemand anderem was anderes einfällt oder er oder sie an das Gesagte anknüpfen möchte, dann folgt der nächste Satz und immer so weiter. „Vorteile“ hat dabei niemand! Man muss nicht das Geringste über das Bild wissen, es geht nur darum, was man sieht und was das in der Fantasie bei einem auslöst.
Ja, gern Spitzweg. Ich habe mir einige Kaktusliebhaber und Hypochonder angeguckt und tendiere zu diesem Hypochonder https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/1f/Carl_Spitzweg_043.jpg . Diese Regenrinne! Die hat es mir angetan. :-) Ich werde das Bild auf dem Tummelplatz einstellen, und dann können wir abwechselnd schreiben, wann immer wir Zeit haben und uns was einfällt. Am besten jeweils so ein bis zwei Sätze, aber nicht mehr als drei, würde ich vorschlagen. Als Starthilfe kann ich gern anfangen.
Augen, Mund, Nase …
Der Mund als erstes Signal und der Teil, der die Gemütslage zu erkennen gibt, das zu lesen hat mich derart überrascht, dass ich mich im Laufe der Woche angefangen habe zu beobachten. Was andere Menschen betrifft, so fällt mein Blick tatsächlich zuerst auf die Augen. Den Mund nehme ich nur dann manchmal als erstes wahr, wenn die Lippen rot angemalt sind. Und ich selber ver- oder bedecke meinen Mund auch fast nie. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, warum nicht, kann ich ganz schnell sagen, dass ich meinen Mund schön finde. Er ist schön und deswegen schäme ich mich nicht, ihn zu zeigen. Auf die Idee, er könne meine Gemütslage anzeigen, bin ich noch nicht einmal gekommen. Wahrscheinlich ist das der wahre Grund, warum ich ihn nicht oder sogar nie bedecke :-))).
Ja, ich gucke auch zuerst auf die Augen, das ist richtig. Es ist ja wichtig zu sehen, ob der oder die andere mich überhaupt anguckt oder den Blick abwendet oder mich gar nicht bemerkt, also für die Interaktion. Aber Seele? Dafür wandert mein Blick recht schnell zum Mund. Allerdings auch schnell wieder nach oben. Und hin und her …
Diese Woche steckt meine Gemütslage übrigens in meiner Nase, denn ich bin erkältet. :-)
B. 🤧
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