Brief 209 | Bildergeschichten

Liebe B.,

diesen Brief habe ich auf meinem neuen Schreibprogramm vorgeschrieben. Das sieht man ihm nicht an, nicht wahr :-))). Ich hatte es geahnt, dass ich Dich nicht vergeblich um Unterstützung bitte.

Begrifflichkeiten

Du hast recht, solch existentielle Angst hatte ich nicht gemeint. Aber im Zusammenhang mit meiner Schüchternheit und meiner – ansatzweisen – Sozialphobie scheint mir das Wort durchaus passend zu sein. „Ich habe Angst mich zu blamieren“ – wäre das auch für dein Gefühl eine passende Zusammenstellung? Jedenfalls habe ich solch eine Art von Angst gemeint. Das geht über ein Unbehagen weit hinaus, ist aber natürlich keine existentielle Bedrohung.

Ich bin verblüfft, weil ich feststelle, dass mir der Umfang und das Ausmaß Deiner Ängste, für die Du hier sogar den Begriff der ansatzweisen! Sozialphobie gebrauchst, überhaupt nie bewusst gewesen ist. Ich frage mich, ob ich nicht anständig gelesen habe? Aber nein, das glaube ich nicht. Vielmehr nehme ich an, dass es an Deiner zurückhaltenden und ruhigen Art zu berichten liegt. Auch über Dich selbst. Im Vergleich und im Unterschied zu mir, die ich zu einem dramatischen Stil neige, was den inneren Dramenszenarios entspricht, ist Dein Temperament gemäßigter, was sich denn auch im Schreiben spiegelt. Außerdem scheinst Du erst im Nachhinein, rückblickend zum Ausdruck zu bringen, wie „schlimm“ es war, während ich mehr zum Ausdruck bringe, wie „schlimm“ es ist.

Sie ist auch jetzt noch da, aber irgendwas hat sich verändert. Mir ist diese Angst nicht mehr wichtig, sie steht bei sozialen Interaktionen überhaupt nicht mehr im Vordergrund, ich vergesse sie manchmal sogar fast. Und das hat erstaunlicherweise (oder vielleicht auch gerade nicht erstaunlich, sondern nur folgerichtig) zur Konsequenz, dass ich kaum noch rot werde, auch in Situationen nicht, die über die alltägliche Interaktion hinausgehen. Vor ein paar Tagen bin ich im großen Kollegenkreis verabschiedet worden und musste vor versammelter Mannschaft natürlich ein paar Worte sagen. Und ich wusste, dass ich rot werden würde, und es war mir egal und – siehe da! - ich bin nicht rot geworden! :-)

Oja, das ist eine soziale Situation, die zu überstehen mir einigermaßen horrormäßig erscheint (bei diesem Ereignis würde ich vor lauter Bedenken, was von mir erwartet wird, Dankbarkeit, Freude, Rührung, Wehmut, auf jeden Fall Haltung, aber auch wieder nicht zu viel Haltung, nicht mehr wissen, wer und wo ich bin). Übrigens fällt mir ein, dass dies womöglich oder sogar sicher eine Situation wäre, bei der ich schamlos rot würde. Es ist ein so einschneidendes Ereignis, eine so große Veranstaltung und das rechtfertigt ein Rotwerden allemal – falls nicht sowieso schon die ganze Aufregung drumherum die Gesichtsfarbe gerötet hat.

Wie würdest du denn bei dir selbst deine Neigung zu allen möglichen Zukunftsbefürchtungen, von der du schon erzählt hast, beschreiben? Ah, da habe ich unwillkürlich „Befürchtungen“ statt „Angst“ geschrieben. Obwohl man ja auch von „Zukunftsängsten“ spricht. Die klassische Unterscheidung ist, dass man Furcht vor etwas Konkretem hat, während Angst sich auf etwas Diffuses bezieht.

Die Ängste, die sich auf Zukünftiges –kurz- oder längerfristig- beziehen, zeigen oder sind Ausdruck einmal des Alleineseins und können nicht gut ausgeglichen werden durch ein Vertrauen in mich selbst. Die sogenannte Resilienzfähigkeit ist nicht sonderlich ausgebildet. Es sind keine Menschen da, die mir Sicherheit geben, und ich selber kann’s auch nicht.

Ein anderer Aspekt ist, wohlbekannt, dass Zukunftsängste meistens Lebensängste sind. Sie verhindern den Blick auf das Jetzt. Man ist nicht wirklich hier, weil man die Ängste mit sich trägt. Mit verschiedenen und wechselnden Strategien hangele ich mich durch. Eine ist die, mir klar zu machen, dass Schönes und nicht Schlechtes zu erwarten, gar nichts am Ausgang ändert. Da zeigt sich der magische Anteil, der meint, mit Ängsten vermeiden zu können, dass passiert, wovon man nicht möchte, dass es passiert. Es erbringt für die Gegenwart nichts außer dunkle Schatten, sich für die Zukunft Schrecken auszumalen. Eine andere ist die, mir immer wieder bewußt zu machen, dass wir tatsächlich nichts voraussehen und vorausberechnen können. Es gibt statistische Wahrscheinlichkeiten, nur können die jederzeit durch irgendein kontingentes Ereignis aufgehoben werden.

Interessant – ich mag den englischen Ausdruck lieber, für mich klingt er positiver als der deutsche. „Unsicherheitstoleranz“ hat für mich etwas leicht Wackeliges, Angestrengtes, Bemühtes; die Unsicherheit wird deutlich empfunden, kann aber bis zu einem gewissen Grade toleriert werden. Während für mich bei der „negative capability“ der Schwerpunkt auf der capability, der Fähigkeit liegt, also einer positiven Kraft. Und das „negative“ beziehe ich nicht auf die Unsicherheit in einer Situation, also das Gefühl, das dabei entsteht und als unerwünscht bewertet wird, sondern das ist die Leerstelle, die auszuhalten ich fähig bin und die ich nicht gleich wieder füllen muss. Ich kann aushalten, dass etwas da ist (positiv), und ich kann aushalten, dass etwas nicht da ist (negativ). Beides ist gleichermaßen in Ordnung. Die Leerstelle wird nicht bewertet, sie ist kein Mangel, der behoben werden müsste, sie muss nicht beseitigt werden.

Toll! Ich folge Dir gerne, denn klar, „capabilitiy“ bezeichnet ein Vermögen, eine Fähigkeit, und die Leerstelle, die ist, bleibt unbewertet. Sie ist. Da ich es nicht besser ausdrücken kann als Du es getan hast, versuche ich mich nicht weiter im Umformulieren.

Das wäre für mich ein eindrückliches Beispiel für negative capability statt für Unsicherheitstoleranz. Du konntest die Unsicherheit deiner Situation nicht nur tolerieren, sondern du hast die „Nullstelle“, in die du zurückkehren würdest, akzeptieren können, sie war kein Problem für dich.

Ja, aber wenn eine Leerstelle noch nicht einmal als Problem empfunden wird, dann braucht es eigentlich auch gar keine Fähigkeit?

Wobei „aushalten“ nicht sonderlich positiv klingt, das muss ich zugeben. Allerdings klingt auch Toleranz in meinen Ohren nicht in jedem Fall positiv. Etwas zu tolerieren, da schwingt für mich mit, dass das zu Tolerierende trotzdem weiterhin ein Störfaktor im weitesten Sinne bleibt. Es wird nicht wirklich akzeptiert, sondern nur hingenommen.

Nachdem ich länger überlegt habe, bin ich vom „ertragen“ über „tragen“ zum „Meistern“ gekommen. Etwas „meistern“ klingt in meinen Ohren gut, aber das ist natürlich eine Geschmackssache.



Bildergeschichten

Herr, der sich einen Handschuh anzieht“

Du hast noch nie Fingerhandschuhe angezogen? Auch z.B. während der Coronazeit keine Einmalhandschuhe aus Gummi? Bei denen ist das ja besonders umständlich.

Hm, an die Einmalhandschuhe hatte ich zwar nicht gedacht, aber immer waren die Fingerlinge so weit, dass ich sie nicht einzeln habe zurechtrücken müssen :-).  

Porträt des Malers Gaspar de Crayer“

Vor der Brust verschränkte Arme? So wie ich es sehe, hält er den rechten Arm nach unten, deutlich tiefer als den linken. Sonst hätte er ja auch die linke Hand nicht so frei. Ist aber nicht so wichtig.

Stimmt. Ich habe nicht scharf genug hingesehen :-)).

Jetzt habe ich mir aus Neugier den wikipedia-Artikel zu ihm durchgelesen. Er war ein Viel-Maler, der hauptsächlich Auftragsbilder gemalt hat. Und da ist doch tatsächlich die Rede von „Akkordarbeit“ und „geringem Erfindergeist“ (aber immerhin werden seine Bilder trotzdem als „hervorragend“ bezeichnet). Und sein Spätwerk wird charakterisiert „ mit übertriebener Sentimentalität, oberflächlichen Gesten und Kopien seiner eigenen Typen“! Hab ich’s doch gewusst … :-))

Was soll ich da noch sagen?! Ich freue mich einfach darüber, dass Du Dich freust, in Deiner Beobachtung bestärkt worden zu sein.

Wobei ich ihm vermutlich fürchterlich Unrecht tue. Denn hinter all der Pose verbirgt sich ja vielleicht, wie bei den meisten Menschen, ein Leiden, ein Unbehagen, eine Tiefe, von der ich überhaupt nichts weiß. Und vielleicht sogar um so mehr als bei jemandem, der sich nicht hinter einer Pose versteckt.

Ja, wenn man nur aufgrund des Augenscheins, also der äußeren Erscheinung, dem vermeintlichen Blick in die Seele durch die Augen urteilt, dann kommen einem begründeterweise Zweifel. Aber de Crayer dürfte es egal sein, weil er nicht mehr lebt. Insofern wäre das Unrechttun nicht so schlimm … finde ich.

Die Sache hat mir keine Ruhe gelassen und so habe ich jetzt ein Bild von de Crayer herausgesucht, das zu dem von Dir eingeführten Thema „Porträt“ paßt: https://www.wikiart.org/de/gaspar-de-crayer, Anne von Österreich, Gattin des Königs/Kaisers (keine Ahnung) Matthias. Was sagst Du? Sähest Du es inmitten einer Porträtsammlung, würdest Du es als eines der typischen konventionellen Herrscherporträts identifizieren, eines, das auf jeden Fall nicht von van Dyck gemalt ist? Da ich es nun weiß, sehe ich das puppenhafte Porzellangesicht, den Hals, der auch wie aus Porzellan gegossen aussieht. Erkennt man die lebendige Person, die in der königlichen Robe steckt? Nein. Erkennst Du die „übertriebene Sentimentalität“, den Angeber hinter dem Gemälde? :-))) Mir fällt ein total abseitiger Vergleich ein, nämlich der mit dem „Nutella“-Versuch (den gibt’s auch für Kaffee- und Schokoladensorten). „Hundertprozentig sicher erkenne ich den einzigartigen Nutella-Geschmack“ und bei den Tests kam heraus, dass es überhaupt keine Signifikanz dafür gab, dass Leute mit dem Nutella-Faible bei verbundenen Augen die Sorte identifizieren konnten.

Nein, jetzt tue ich Dir Unrecht. Für mich als ungeübte Bildbetrachterin ist es mehr oder weniger ein Ratespiel. Ich kann unter Deiner Vorgabe die Porträts von van Dyck annähernd so sehen, dass er ausdrucksstarke Gesichter malt. Aber würdest Du mir es nicht ausdrücklich nahelegen, dann sähe ich den Unterschied zwischen einem seiner Porträts und dem von de Crayer sicher nicht. Du jedoch bist sehr geübt, Du kennst die Genres und hast Vergleichsmöglichkeiten. Insofern nehme ich an, dass die Intuition Dich recht gut leitet.

Wir müssten mal jede eine TimeSlips-Geschichte zu dem Bild erfinden, das wäre bestimmt spannend zu sehen, welche unterschiedlichen Versionen dabei herauskommen. :-) Das Motto jeder TimeSlips-Sitzung ist: Alles ist WICHTIG, und alles ist RICHTIG!

Mir gefällt die Idee spontan sehr gut. Ich habe Lust dazu. Wir müßten es nur so machen, dass wir beide unabhängig voneinander die Geschichte erzählen. Ansonsten ist man zu sehr beeinflußt von dem, was Du oder ich vorgelegt haben. Wir könnten unsere Geschichten auf den „Tummelplatz“ stellen und anschließend darüber sprechen. Möchtest Du? Du bist im Vorteil, nein, wenn wir uns an das Motto halten, dann ist auch bei meiner Anfängerversion alles richtig und wichtig.

Weil ich den C. Spitzweg neu entdeckt habe, möchte ich ihn vorschlagen, aber natürlich würde ich auch mit Deinen Vorschlägen einverstanden sein. https://www.kunstbilder-galerie.de/kunstdrucke/kuenstler-carl-spitzweg.html Hier habe ich mir „der Kaktusliebhaber“ und „der„Hypochonder“ ausgesucht, wobei es von Letzterem mehrere Versionen gibt. Spitzwegs Bilder erzählen sowieso jeweils eine Geschichte, und die beiden von mir ausgesuchten Gemälde sind nicht überfrachtet mit Stoff.



Zum Schluß zu Aug’ und Mund

Ich glaube, bei mir ist es eher der Mund, der meine jeweilige Gemütslage verrät. Und den kann ich ja schlecht „abwenden“. :-) Man kann höchstens die Hand davorhalten, und das ist eine Geste, die mir sehr vertraut ist – weniger bei mir selbst als bei anderen –, den Mund zu verdecken, wenn man spricht oder lacht, weil sich da viele unwillkürliche Bewegungen zeigen können, die man aber gar nicht zeigen möchte. Während ich Augen eher ausdruckslos finde. Ich erkenne in ihnen keine Bewegung, keine Variabilität, keine Individualität. Höchstens, ob jemand einen im Gespräch ab und zu direkt anguckt oder lieber die Augen niederschlägt etc., gibt mir Anhaltspunkte, also wieder die Bewegung. Aber vermutlich ist es sowieso das Zusammenspiel aller Einzelheiten in einem Gesicht, in dem sich die Persönlichkeit ausdrückt. Und das ist nicht immer gleich, sondern ständig im Fluss. Aber in einem Fluss, der auf die Länge gesehen dann doch einen charakteristischen Lauf nimmt.

Der Mund als erstes Signal und der Teil, der die Gemütslage zu erkennen gibt, das zu lesen hat mich derart überrascht, dass ich mich im Laufe der Woche angefangen habe zu beobachten. Was andere Menschen betrifft, so fällt mein Blick tatsächlich zuerst auf die Augen. Den Mund nehme ich nur dann manchmal als erstes wahr, wenn die Lippen rot angemalt sind. Und ich selber ver- oder bedecke meinen Mund auch fast nie. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, warum nicht, kann ich ganz schnell sagen, dass ich meinen Mund schön finde. Er ist schön und deswegen schäme ich mich nicht, ihn zu zeigen. Auf die Idee, er könne meine Gemütslage anzeigen, bin ich noch nicht einmal gekommen. Wahrscheinlich ist das der wahre Grund, warum ich ihn nicht oder sogar nie bedecke :-))).

F.

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