Brief 208 | So viele Unterschiede! :-)

Liebe F.,

Ängste

„Angstfreier“? Dieses Wort bei Dir zu lesen verblüfft mich sehr. Ich kann mich nicht erinnern, es jemals von Dir –über Dich sprechend- gelesen zu haben. Doch, ein einziges Mal im Zusammenhang mit den Herzbeschwerden hattest Du es benutzt. Und das wäre die Angst, die ich meine, wenn ich das Wort gebrauche. Die Angst, die im Stammhirn zu verorten ist, ein Überlebensmechanismus. Oder aber in erweiterter Form, die Angst, existentiell bedroht zu sein, was dann mehr als den Körper betrifft und was sich an Gedanken heftet. Aber in jedem Fall etwas ins Leben einbrechendes, das die Normalität des Alltagserlebens unterbricht und eine Art von Ausnahmezustand schafft.

Ich vermute allerdings, dass Du das Wort in diesem Sinne gar nicht verstanden wissen willst. Du meinst eine moderate/gemäßigte Form der Angst oder vielleicht ist es ein anderer Ausdruck für ein heftiges Unbehagen?

Du hast recht, solch existentielle Angst hatte ich nicht gemeint. Aber im Zusammenhang mit meiner Schüchternheit und meiner – ansatzweisen – Sozialphobie scheint mir das Wort durchaus passend zu sein. „Ich habe Angst mich zu blamieren“ – wäre das auch für dein Gefühl eine passende Zusammenstellung? Jedenfalls habe ich solch eine Art von Angst gemeint. Das geht über ein Unbehagen weit hinaus, ist aber natürlich keine existentielle Bedrohung.

Jedenfalls fällt mir für meine gewachsene Angstfreiheit gerade ein Beispiel ein. Wie vermutlich bereits mehrfach erwähnt, bin ich früher sehr oft rot geworden, was zur Folge hatte, dass ich vor allen möglichen Situationen Angst hatte und sie mied, bei denen die Gefahr dieses sichtbaren Zeichens der Scham auftauchen könnte. Was als Rückkopplung natürlich dazu führte, dass ich noch ängstlicher und noch unsicherer wurde. Im Laufe meines Lebens hat sich das zwar sehr gebessert, aber die Angst ist nie verschwunden. Sie ist auch jetzt noch da, aber irgendwas hat sich verändert. Mir ist diese Angst nicht mehr wichtig, sie steht bei sozialen Interaktionen überhaupt nicht mehr im Vordergrund, ich vergesse sie manchmal sogar fast. Und das hat erstaunlicherweise (oder vielleicht auch gerade nicht erstaunlich, sondern nur folgerichtig) zur Konsequenz, dass ich kaum noch rot werde, auch in Situationen nicht, die über die alltägliche Interaktion hinausgehen. Vor ein paar Tagen bin ich im großen Kollegenkreis verabschiedet worden und musste vor versammelter Mannschaft natürlich ein paar Worte sagen. Und ich wusste, dass ich rot werden würde, und es war mir egal und – siehe da! - ich bin nicht rot geworden! :-)

Wie würdest du denn bei dir selbst deine Neigung zu allen möglichen Zukunftsbefürchtungen, von der du schon erzählt hast, beschreiben? Ah, da habe ich unwillkürlich „Befürchtungen“ statt „Angst“ geschrieben. Obwohl man ja auch von „Zukunftsängsten“ spricht. Die klassische Unterscheidung ist, dass man Furcht vor etwas Konkretem hat, während Angst sich auf etwas Diffuses bezieht.

 

Unsicherheitstoleranz oder negative capability?

Jajaja, :-) den Begriff hatte ich gemeint. Wobei mir jetzt auffällt, dass die englische Version stark wertend ist, so, als sei Ungewissheit grundsätzlich etwas Negatives und Unangenehmes. „In der Schwebe halten“ oder „Unsicherheitstoleranz“ hingegen lassen durchaus zu, auch an das Angenehme einer solchen Situation zu denken. Oder besser Situationen sich vorzustellen, in denen das Unsichere, das Nicht-Wissen um den Ausgang als angenehm empfunden wird.

Interessant – ich mag den englischen Ausdruck lieber, für mich klingt er positiver als der deutsche. „Unsicherheitstoleranz“ hat für mich etwas leicht Wackeliges, Angestrengtes, Bemühtes; die Unsicherheit wird deutlich empfunden, kann aber bis zu einem gewissen Grade toleriert werden. Während für mich bei der „negative capability“ der Schwerpunkt auf der capability, der Fähigkeit liegt, also einer positiven Kraft. Und das „negative“ beziehe ich nicht auf die Unsicherheit in einer Situation, also das Gefühl, das dabei entsteht und als unerwünscht bewertet wird, sondern das ist die Leerstelle, die auszuhalten ich fähig bin und die ich nicht gleich wieder füllen muss. Ich kann aushalten, dass etwas da ist (positiv), und ich kann aushalten, dass etwas nicht da ist (negativ). Beides ist gleichermaßen in Ordnung. Die Leerstelle wird nicht bewertet, sie ist kein Mangel, der behoben werden müsste, sie muss nicht beseitigt werden.

Wobei „aushalten“ nicht sonderlich positiv klingt, das muss ich zugeben. Allerdings klingt auch Toleranz in meinen Ohren nicht in jedem Fall positiv. Etwas zu tolerieren, da schwingt für mich mit, dass das zu Tolerierende trotzdem weiterhin ein Störfaktor im weitesten Sinne bleibt. Es wird nicht wirklich akzeptiert, sondern nur hingenommen.

Ich erinnere einige Monate, in denen ich nicht wusste, welches mein nächster Job sein würde. Damals hatte ich meine Arbeit gekündigt, weil ich irgendetwas Anderes tun wollte und aber noch nicht wusste, was. Die Zeit dazwischen empfand ich als offen und so, als sei alles möglich. „Alles“, was innerhalb meines Vorstellungshorizontes lag. Oder was mich heute, rückblickend, noch stärker verwundert, dass ich es war. Eine andere gut bezahlte Arbeitsstelle, bei der ich nichts auszustehen hatte, kündigte ich, weil ich für ein Vierteljahr nach Indien reisen wollte. Es war klar, dass ich nach meiner Rückkehr keinen Job haben würde und vom Ersparten leben müsste. Während der Reise hat mich diese Ungewißheit nicht tangiert, ich habe die Situation noch nicht einmal als „unsicher“ wahrgenommen –und als ich zurückkam, bin ich zum Sozialamt gegangen. An der Kasse bekam ich Geld in bar ausgezahlt, und fühlte mich toll. Als wäre ich eine andere Person gewesen, als ich es inzwischen geworden bin.

Das wäre für mich ein eindrückliches Beispiel für negative capability statt für Unsicherheitstoleranz. Du konntest die Unsicherheit deiner Situation nicht nur tolerieren, sondern du hast die „Nullstelle“, in die du zurückkehren würdest, akzeptieren können, sie war kein Problem für dich.

 

Noch mehr Unterschiede :-)

Herr, der sich einen Handschuh anzieht“

Ja, das ist ein irres Bild! Die Situation ist wirklicher eingefangen, als sie in Wirklichkeit ist. Obwohl ich mich frage, wo eigentlich ich das Handschuh anziehen real gesehen habe? Ich selber habe niemals Fingerhandschuhe getragen, Männer gab es im Haus meiner Kindheit gar nicht. Vielleicht habe ich es später bei meiner Mutter oder Großmutter beobachten können. Allenfalls mein Mann könnte es realistischerweise noch gewesen sein. Vielleicht kenne ich diese Art des „Überpfriemelns“ tatsächlich nur aus Filmen. Das wäre natürlich bemerkenswert: Man sieht es niemals in der Realität und meint die Realität wiederzuerkennn, wenn man sie auf einem Bild oder dem Bildschirm sieht. Man vergleicht offenbar die Realitäten der Bilder … ?

Du hast noch nie Fingerhandschuhe angezogen? Auch z.B. während der Coronazeit keine Einmalhandschuhe aus Gummi? Bei denen ist das ja besonders umständlich. Ah, da fällt mir ein: Vielleicht kennst du das ja aus Arztfilmen – Professor Brinkmann im OP … :-)))

 

Porträt des Malers Gaspar de Crayer“

Hm, was die Haltung, die verschränkten Arme vor der Brust, die unnatürlich gespreizten Finger angeht, so nehme ich das Posieren „für die Kamera“ und auch den angeberischen Habitus –wie Du- deutlich wahr. Nur sein Gesicht! Die Augen! Da findet sich in meiner Betrachtung der Angeber so gar nicht wieder. Ich finde, dass er nachdenklich und besonnen dreinschaut. 

Vor der Brust verschränkte Arme? So wie ich es sehe, hält er den rechten Arm nach unten, deutlich tiefer als den linken. Sonst hätte er ja auch die linke Hand nicht so frei. Ist aber nicht so wichtig.

Ja, die Augen … Die leicht zusammengezogenen Brauen könnte man als Nachdenklichkeit interpretieren, und vielleicht ist es von van Dyck sogar so gemeint. Aber ich kann mir nicht helfen, ich sehe da einen Mann, der nur so tut als ob … einen Schaumschläger, der sich gern als „tief“ darstellt.

Jetzt habe ich mir aus Neugier den wikipedia-Artikel zu ihm durchgelesen. Er war ein Viel-Maler, der hauptsächlich Auftragsbilder gemalt hat. Und da ist doch tatsächlich die Rede von „Akkordarbeit“ und „geringem Erfindergeist“ (aber immerhin werden seine Bilder trotzdem als „hervorragend“ bezeichnet). Und sein Spätwerk wird charakterisiert „ mit übertriebener Sentimentalität, oberflächlichen Gesten und Kopien seiner eigenen Typen“! Hab ich’s doch gewusst … :-))

Wobei ich ihm vermutlich fürchterlich Unrecht tue. Denn hinter all der Pose verbirgt sich ja vielleicht, wie bei den meisten Menschen, ein Leiden, ein Unbehagen, eine Tiefe, von der ich überhaupt nichts weiß. Und vielleicht sogar um so mehr als bei jemandem, der sich nicht hinter einer Pose versteckt.

 

Frau mit Kind“

Den diskreten Spott in ihren Augen erkenne ich auch. Nur sehe ich die „Fröhlichkeit“ nicht. Ich sehe „Gelassenheit“. So als würde sie sagen: „Ich füge mich ergeben in die unkomfortable Situation des Haltungeinnehmens, distanziere mich von dem ganzen Gedöns aber mit Ironie“. Für gewöhnlich, soweit wir uns darüber unterhalten haben, sehen wir dasselbe. Bei den Porträts von van Dyck scheinen unsere Blicke das erste Mal unterschiedlich zu sehen. 

Für mich sieht sie so aus, als wenn sie sich Mühe gibt, für die Porträtsitzung einigermaßen seriös zu gucken, aber wenn sie den Raum verlässt, viel lieber wieder mit ihrem Kind herumalbert. Das meine ich weniger in ihren Augen als an ihrem Mund zu sehen. Sie ist keine distanzierte Mutter, die das Kind gleich anschließend wieder dem Kindermädchen übergibt, sondern es draußen auf den Arm nimmt und mit ihm kichert. Die beiden Hände sind ja schon auf dem Weg zueinander. Und ich stelle mir vor, dass sie nicht nur mit ihrem Kind, sondern z.B. auch im Umgang mit dem Personal eher unkonventionell, fröhlich und locker ist. Was ihren Stand am Hofe vermutlich nicht einfach macht.

Wir müssten mal jede eine TimeSlips-Geschichte zu dem Bild erfinden, das wäre bestimmt spannend zu sehen, welche unterschiedlichen Versionen dabei herauskommen. :-) Das Motto jeder TimeSlips-Sitzung ist: Alles ist WICHTIG, und alles ist RICHTIG!

Ich meine, dass sich die Seele in den Augen zeigt –und lautet nicht so eine Redewendung, dass die Augen nicht lügen können?! Ich bin sicher, dass das zutrifft. Und zwar deswegen, weil ich es an mir selber merke. Wenn ich einen Menschen nicht leiden kann, dann vermeide ich es, ihn direkt, d.h. mit meinen Augen anzusehen, und wenn ich einen Menschen leiden kann, dann ist es ebenso. In beiden Fällen vermeide ich es, wenn ich nicht möchte, dass der andere Mensch um meine Seele, d.h. meine Gefühlslage ihm gegenüber weiß.

Ich glaube, bei mir ist es eher der Mund, der meine jeweilige Gemütslage verrät. Und den kann ich ja schlecht „abwenden“. :-) Man kann höchstens die Hand davorhalten, und das ist eine Geste, die mir sehr vertraut ist – weniger bei mir selbst als bei anderen –, den Mund zu verdecken, wenn man spricht oder lacht, weil sich da viele unwillkürliche Bewegungen zeigen können, die man aber gar nicht zeigen möchte. Während ich Augen eher ausdruckslos finde. Ich erkenne in ihnen keine Bewegung, keine Variabilität, keine Individualität. Höchstens, ob jemand einen im Gespräch ab und zu direkt anguckt oder lieber die Augen niederschlägt etc., gibt mir Anhaltspunkte, also wieder die Bewegung. Aber vermutlich ist es sowieso das Zusammenspiel aller Einzelheiten in einem Gesicht, in dem sich die Persönlichkeit ausdrückt. Und das ist nicht immer gleich, sondern ständig im Fluss. Aber in einem Fluss, der auf die Länge gesehen dann doch einen charakteristischen Lauf nimmt.

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Wahrscheinlich ist die Trennung in ein Innen und ein Außen rundherum falsch. [… … ...]

Ich habe deinen Gedanken zum Innen/Außen im Moment nichts hinzuzufügen, deshalb zitiere ich sie nicht in voller Länge, sondern nur den, wie ich finde, entscheidenden Satz. Nach so vielen Unterschieden kommen wir hier zum Schluss wieder zusammen. :-)

B.

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