Liebe B.,
„In der Schwebe“
Dass du eine gewachsene Sicherheit bei mir meinst feststellen zu können, freut mich jedenfalls, wundert mich aber auch. Ich glaube, in dieser Hinsicht stilisiere ich mich eher nicht, sondern empfinde das mehr als ein noch sehr, sehr weit in der Ferne liegendes Ziel. Gelassen ja, das ist wohl mein Naturell – aber sicher? Ja gut, in mancherlei Hinsicht wohl tatsächlich mehr als früher, aber als hervorstechend würde ich selbst das nicht sehen. Wie würde ich mich selbst beschreiben ...? Vielleicht als angstfreier als früher. Deswegen spielen die – immer noch vorhandenen – Unsicherheiten keine so große Rolle mehr.
„Angstfreier“? Dieses Wort bei Dir zu lesen verblüfft mich sehr. Ich kann mich nicht erinnern, es jemals von Dir –über Dich sprechend- gelesen zu haben. Doch, ein einziges Mal im Zusammenhang mit den Herzbeschwerden hattest Du es benutzt. Und das wäre die Angst, die ich meine, wenn ich das Wort gebrauche. Die Angst, die im Stammhirn zu verorten ist, ein Überlebensmechanismus. Oder aber in erweiterter Form, die Angst, existentiell bedroht zu sein, was dann mehr als den Körper betrifft und was sich an Gedanken heftet. Aber in jedem Fall etwas ins Leben einbrechendes, das die Normalität des Alltagserlebens unterbricht und eine Art von Ausnahmezustand schafft.
Ich vermute allerdings, dass Du das Wort in diesem Sinne gar nicht verstanden wissen willst. Du meinst eine moderate/gemäßigte Form der Angst oder vielleicht ist es ein anderer Ausdruck für ein heftiges Unbehagen?
Hm … irgendwie dämmert da bei mir was. Es tauchte mal der Begriff „Unsicherheitstoleranz“ auf, meinst du den? Zuerst kennengelernt hatte ich ihn in der englischen Version als „negative capability“: die Fähigkeit, Sachen in der Schwebe halten zu können, wie du es ausgedrückt hattest.
Jajaja, :-) den Begriff hatte ich gemeint. Wobei mir jetzt auffällt, dass die englische Version stark wertend ist, so, als sei Ungewissheit grundsätzlich etwas Negatives und Unangenehmes. „In der Schwebe halten“ oder „Unsicherheitstoleranz“ hingegen lassen durchaus zu, auch an das Angenehme einer solchen Situation zu denken. Oder besser Situationen sich vorzustellen, in denen das Unsichere, das Nicht-Wissen um den Ausgang als angenehm empfunden wird.
Ich erinnere einige Monate, in denen ich nicht wusste, welches mein nächster Job sein würde. Damals hatte ich meine Arbeit gekündigt, weil ich irgendetwas Anderes tun wollte und aber noch nicht wusste, was. Die Zeit dazwischen empfand ich als offen und so, als sei alles möglich. „Alles“, was innerhalb meines Vorstellungshorizontes lag. Oder was mich heute, rückblickend, noch stärker verwundert, dass ich es war. Eine andere gut bezahlte Arbeitsstelle, bei der ich nichts auszustehen hatte, kündigte ich, weil ich für ein Vierteljahr nach Indien reisen wollte. Es war klar, dass ich nach meiner Rückkehr keinen Job haben würde und vom Ersparten leben müsste. Während der Reise hat mich diese Ungewißheit nicht tangiert, ich habe die Situation noch nicht einmal als „unsicher“ wahrgenommen –und als ich zurückkam, bin ich zum Sozialamt gegangen. An der Kasse bekam ich Geld in bar ausgezahlt, und fühlte mich toll. Als wäre ich eine andere Person gewesen, als ich es inzwischen geworden bin.
Ich kehre zu den Begriffen zurück. Mit „negative capability“ ist das Aushalten von Situationen gemeint, die unangenehm sind, und „in der Schwebe“ halten bezieht sich auch auf die positiven Situationen –und es ist das aktive Moment darin ausgedrückt. Ein Mittleres wäre "in der Schwebe lassen können" :-))).
Unterschiedliche Betrachterinnenblicke
Fast wörtlich hat das Diderot über Bilder von Chardin gesagt! „Treten Sie näher: alles verschwimmt, verflacht, verschwindet. Entfernen Sie sich: alles erschafft und erzeugt sich wieder neu.“
O, interessant –weil Chardin zweifellos kein Impressionist ist. Es ist mir nur leider nicht möglich, wie schade, mich auf dem Bildschirm so zu nähern, als dass ich den Effekt wahrnehmen könnte. Nicht wirklich.
Die gespreizten Finger waren mir gar nicht aufgefallen, aber du hast recht, sie kommen wirklich auffällig oft vor. Vielleicht waren die Hände ein Schwachpunkt von van Dyck? Und er hat lieber deutlich jeden Finger gemalt, damit die Hände nicht nach unförmigen Klumpen aussahen? (Kann ich mir bei solch einem Maler allerdings nur schwer vorstellen.) Beim Herrn, der sich einen Handschuh anzieht, ist die Spreizung der Finger dagegen überaus natürlich dargestellt, finde ich. Genau so pfriemelt man sich in einen engen Handschuh.
Ja, das ist ein irres Bild! Die Situation ist wirklicher eingefangen, als sie in Wirklichkeit ist. Obwohl ich mich frage, wo eigentlich ich das Handschuh anziehen real gesehen habe? Ich selber habe niemals Fingerhandschuhe getragen, Männer gab es im Haus meiner Kindheit gar nicht. Vielleicht habe ich es später bei meiner Mutter oder Großmutter beobachten können. Allenfalls mein Mann könnte es realistischerweise noch gewesen sein. Vielleicht kenne ich diese Art des „Überpfriemelns“ tatsächlich nur aus Filmen. Das wäre natürlich bemerkenswert: Man sieht es niemals in der Realität und meint die Realität wiederzuerkennn, wenn man sie auf einem Bild oder dem Bildschirm sieht. Man vergleicht offenbar die Realitäten der Bilder … ?
Das ist nicht so leicht an einem einzelnen Bild festzumachen. Ich denke da besonders an Säle voller Herrscherporträts, z.B. lokale Herzöge. (Hier ein Beispiel.) Das sind meist offizielle Bilder, in denen es nicht um den Menschen, sondern um die Rolle geht. Genau so wie bei vielen Bürgerporträts. Das ist dann so ähnlich wie ein von einem professionellen Fotografen gemachtes Foto für die Bewerbungsmappe. Oder Fotos von Prominenten: Es gibt die 08/15-Fotos auf den Titelseiten von Zeitschriften und es gibt die, die den Menschen hinter der Maske erahnen lassen.
Ja, ich verstehe, der Herzog Friedrich von Württemberg geht in seiner Herrscherrobe unter.
Ich kann dir aber auch von van Dyck selbst Porträts nennen, die ich langweilig finde, z.B. sein „Porträt des Malers Gaspar de Crayer“. Hier ist es van Dyck meiner Meinung nach nicht gelungen, durch die Pose hindurchzudringen. (Aber wer weiß, vielleicht wollte er ja auch genau das zeigen: einen Angeber. Insofern wäre ihm das Bild also doch gelungen.)
Hm, was die Haltung, die verschränkten Arme vor der Brust, die unnatürlich gespreizten Finger angeht, so nehme ich das Posieren „für die Kamera“ und auch den angeberischen Habitus –wie Du- deutlich wahr. Nur sein Gesicht! Die Augen! Da findet sich in meiner Betrachtung der Angeber so gar nicht wieder. Ich finde, dass er nachdenklich und besonnen dreinschaut.
Wie ganz anders dagegen das Gesicht der „Frau mit Kind“! Die Fröhlichkeit, die sich nicht von dem riesigen Kragen unterkriegen lässt, dieser kaum merkliche Spott in ihren Augen … Sowas muss man erstens überhaupt sehen und zweitens dann auch malen können, ohne den Auftrag der Repräsentativität zu vernachlässigen.
Den diskreten Spott in ihren Augen erkenne ich auch. Nur sehe ich die „Fröhlichkeit“ nicht. Ich sehe „Gelassenheit“. So als würde sie sagen: „Ich füge mich ergeben in die unkomfortable Situation des Haltungeinnehmens, distanziere mich von dem ganzen Gedöns aber mit Ironie“. Für gewöhnlich, soweit wir uns darüber unterhalten haben, sehen wir dasselbe. Bei den Porträts von van Dyck scheinen unsere Blicke das erste Mal unterschiedlich zu sehen.
Ich und der/die Andere
Je länger ich an diesem Brief geschrieben habe, um so mehr habe ich mich in dem Begriffspaar Interieur/Exterieur bzw. Innen/Außen verfangen. Die „Seele“ eines Menschen, um dieses schöne Wort zu verwenden, das du vor langer Zeit mal ins Spiel gebracht hast – gemeinhin verortet man sie im Innern eines Menschen, nicht wahr? Aber jetzt beim Thema der Porträts ging es mir ja gerade darum, dass es einem sehr guten Maler gelingt, eine Spur dieser Seele auf einem Gesicht zu zeigen, also im Außen. Und so ist es ja auch, wenn ich einem lebendigen Menschen begegne: Anhand seines Äußeren, seines Aussehens und seines Gebarens, meine ich wenigstens ansatzweise eine wenn auch sehr grobe Einschätzung seines Charakters vornehmen zu können – nicht rational, sondern in dem berühmten Bruchteil einer Sekunde des ersten Begegnens. Aber wie oft irrt man sich da! Aber dann wieder: Wie oft stimmt es!
Ich meine, dass sich die Seele in den Augen zeigt –und lautet nicht so eine Redewendung, dass die Augen nicht lügen können?! Ich bin sicher, dass das zutrifft. Und zwar deswegen, weil ich es an mir selber merke. Wenn ich einen Menschen nicht leiden kann, dann vermeide ich es, ihn direkt, d.h. mit meinen Augen anzusehen, und wenn ich einen Menschen leiden kann, dann ist es ebenso. In beiden Fällen vermeide ich es, wenn ich nicht möchte, dass der andere Mensch um meine Seele, d.h. meine Gefühlslage ihm gegenüber weiß.
Und wer oder wie bin ich selbst? Das zeigt sich doch nur in der Interaktion. Da kann ich noch so viele Vorstellungen von mir selbst haben (Innen) – wenn ich mich in einer bestimmten Situation ganz anders verhalte, als es meinem Selbstbild entspricht, dann zählt doch nur die tatsächliche Handlung (Außen). Bin ich also in Wirklichkeit (im Wirken) nur die im Außen? Nein, das scheint mir dann doch falsch zu sein. Kann man die Trennung Innen/Außen überhaupt aufrechterhalten, ist sie sinnvoll?
Wahrscheinlich ist die Trennung in ein Innen und ein Außen rundherum falsch. Die junge Frau mit dem Kind, in deren Gesicht wir einen ganz diskreten Spott zu erkennen meinen, ihre fröhliche oder gelassene Haltung, wie es ist, sich so zu fühlen, das weiß nur diese Frau selber (mein Steckenpferd: das Ichbewusstsein). Niemand außer ihr kann sich so fühlen wie sie in dieser Situation. Wir sehen ihren Körper und können aus ihrer Haltung, ihren Gesichtszügen, ihrem Augen-Blick lediglich vermutend erschließen, welche Empfindungen und Eigenschaften sie hat. Mehr nicht. Wie es sich anfühlt, das ist das einzigartige Erleben jedes Menschen für sich, denn wir können nicht einmal überprüfen, selbst wenn wir uns über Worte und Gesten verständigen, ob Du und ich tatsächlich dasselbe empfinden. Dieses Bewusstsein seiner selbst ist aus meiner Sicht das Einzige, was jedem Menschen eigen ist, es macht den Menschen zu einer abgeschlossenen Einheit. Insofern das Bewusstsein an einen Körper und ein Gehirn gebunden ist, könnte man von einem Innen sprechen. Wichtig ist doch nur, was der einzelne Mensch erlebt bzw. wie der einzelne Mensch sich selber erfährt, oder nicht?
Natürlich teilt ein Mensch mit allen anderen Menschen Gedanken und Gefühle, Wahrnehmungen – sie müssen allgemein sein, weil wir uns sonst nicht miteinander verständigen könnten. Und für diesen Bereich, für den ich Deinen Ausdruck „Interaktion“, der nicht nur Begegnungen mit Menschen, sondern auch „Situationen“ erfasst, gut finde, denke ich, dass es sich um einen beständigen Austausch handelt. Die junge Frau mit dem Kind wird von van Dyck gemalt, so wie er sie sieht oder malen möchte, Du und ich erkennen in ihrem Gesicht bzw. den Augen etwas Spöttisches, d.h. wir wissen, wie spöttelnde Augen ungefähr blicken. Ihren Gesichtsausdruck insgesamt interpretieren wir unterschiedlich –ebenso wie das angeberische oder nicht angeberische Gesicht des Malerkollegen-. Es ist aus meiner Sicht ein Wechselspiel zwischen der Person und den Betrachtern dieser Person. Wobei das gemalte Bild nicht der üblichen Interaktion entspricht, denn die Frau auf dem Bild verändert weder ihre Augen noch ihren Gesichtsausdruck, während Du oder ich sie ansehen. Normalerweise verändern beide Personen, während sie miteinander agieren, ihren Gesichtsausdruck, den Blick, die Haltung.
Unsere Gehirne sind in dem Körper, der wir auch sind, aber nichts ist eingeschlossen in einem Innen, dem ein Außen gegenübersteht … meine ich. Die Augen, so würde ich nun den vorhergehenden Abschnitt präzisieren, zeigen nicht die Seele, sondern nüchterner ausgedrückt, das stärkste Gefühl in einer bestimmten Situation. Sowohl wenn es sich um einen Menschen als Gegenüber handelt als auch dann, wenn man sich mit einer Situation konfrontiert sieht. Wobei „konfrontiert“ nicht bedeuten muß, dass man auf unangenehme Weise berührt wird.
F.
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