Brief 206 | Blicke von außen

Liebe F.,

Zuerst möchte ich Dir sagen, dass mich Deine „bunten“ Überschriften sehr erfreuen; sie machen leicht und luftig -und ja, die Lust am Spielen kommt bei mir an :-).

Das freut mich! Heute sind meine Überschriften allerdings ziemlich eintönig. :-) Das hat sich im Laufe des Schreibens so ergeben, dass ich an einem einzigen Thema hängengeblieben bin.

 

Der Blick von außen

Der Ton oder der Duktus Deiner Briefe hat sich im Laufe der Zeit verändert. Anfangs unsicher, später eine Zeitlang sehr bestimmt und dann wieder weniger entschieden, aber dafür, das finde ich hervorstechend, sicher. Eine Sicherheit, die nicht durch Entschiedenheit betont oder demonstriert werden muß. Die ruhige Gelassenheit allerdings zieht sich durch die Zeiten hindurch – nagut, mehr oder weniger Gelassenheit, nicht immer in derselben Intensität.

Diesen Blick von außen auf einen selbst finde ich immer wieder interessant. Man macht sich ja so viel selbst vor, sowohl ins Positive wie ins Negative. Na ja, du eher weniger, du bist da sehr viel klarer und ehrlicher dir selbst gegenüber als ich, das habe ich von Anfang an bewundert. Ich stilisiere mich immer mal wieder zu etwas, was ich gern wäre, aber bei weitem nicht bin. Manchmal merke ich das, manchmal aber auch nicht, fürchte ich.

Dass du eine gewachsene Sicherheit bei mir meinst feststellen zu können, freut mich jedenfalls, wundert mich aber auch. Ich glaube, in dieser Hinsicht stilisiere ich mich eher nicht, sondern empfinde das mehr als ein noch sehr, sehr weit in der Ferne liegendes Ziel. Gelassen ja, das ist wohl mein Naturell – aber sicher? Ja gut, in mancherlei Hinsicht wohl tatsächlich mehr als früher, aber als hervorstechend würde ich selbst das nicht sehen. Wie würde ich mich selbst beschreiben ...? Vielleicht als angstfreier als früher. Deswegen spielen die – immer noch vorhandenen – Unsicherheiten keine so große Rolle mehr.

Unsicherheit aushalten können bedarf einer größeren Sicherheit. O, sag’ Du hattest dafür vor vielen Monaten, soweit ich mich erinnere, einen neuen oder auch neumodischen Begriff eingeführt. Weißt Du, was ich meine und welcher Begriff das ist? „Toleranz“ war ein Bestandteil dieses Wortes … glaube ich.

Hm … irgendwie dämmert da bei mir was. Es tauchte mal der Begriff „Unsicherheitstoleranz“ auf, meinst du den? Zuerst kennengelernt hatte ich ihn in der englischen Version als „negative capability“: die Fähigkeit, Sachen in der Schwebe halten zu können, wie du es ausgedrückt hattest.

 

Der Blick des Betrachters auf ein Bild

Jetzt allerdings sehe ich zur Frage der Konturlosigkeit und der bunten Fetzen sofort Bilder des Impressionismus vor meinem inneren Auge. Sie sind nicht scharf konturiert, betrachtet man sie ganz aus der Nähe, verschwimmen alle erkennbaren Formen zu winzigen Farbklecksen. Von etwas ferner gesehen sieht man bunte, farbige Flächen, die Gegenständliches hervortreten lassen. Es ist tatsächlich beides vorhanden.

Fast wörtlich hat das Diderot über Bilder von Chardin gesagt! „Treten Sie näher: alles verschwimmt, verflacht, verschwindet. Entfernen Sie sich: alles erschafft und erzeugt sich wieder neu.“

Mir sind die Arm- und Handhaltungen der Menschen als erstes aufgefallen. Die Arme sind lose angewinkelt, und die Finger sind immer gespreizt. Verglichen habe ich mit meinen Händen und Fingern –und ich finde, diese Spreizung, die van Dyck malt, ist nicht natürlich, sondern ebenfalls gestellt. Bis hierhin kommen mir die Menschen, die in der oft überladenen Kleidung stecken, nicht so lebendig vor. ABER, die Gesichter, ich finde, dass es die Gesichter sind, die tatsächlich wie die Gesichter von Individuen aussehen. Einzigartig jedes einzelne –und ganz besonders die Augen! Ja, aber im Laufe der Woche, je mehr und näher die Bilder betrachtet habe, sind es nicht nur die Augen, sondern auch der Mund, die ganze Mundpartei einschließlich des Kinns, die die Gesichter so individuell aussehen lassen. Ich glaube, ich habe mir noch nie derart genau die Gesichtszüge von Menschen angesehen. Das ist sogar übergesprungen auf mein Ansehen der Menschen, denen ich auf der Straße oder andernorts begegne :-).

Die gespreizten Finger waren mir gar nicht aufgefallen, aber du hast recht, sie kommen wirklich auffällig oft vor. Vielleicht waren die Hände ein Schwachpunkt von van Dyck? Und er hat lieber deutlich jeden Finger gemalt, damit die Hände nicht nach unförmigen Klumpen aussahen? (Kann ich mir bei solch einem Maler allerdings nur schwer vorstellen.) Beim Herrn, der sich einen Handschuh anzieht, ist die Spreizung der Finger dagegen überaus natürlich dargestellt, finde ich. Genau so pfriemelt man sich in einen engen Handschuh.

 

Der Blick des Malers auf sein Modell

Da das Porträtgenre mir nur spärlich bekannt ist –im Unterschied zu Dir-, interessiert mich, ob Du ein einziges Beispiel für den konventionellen Stil nennen kannst, bei dem Du Dich langweilst …?

Das ist nicht so leicht an einem einzelnen Bild festzumachen. Ich denke da besonders an Säle voller Herrscherporträts, z.B. lokale Herzöge. (Hier ein Beispiel.) Das sind meist offizielle Bilder, in denen es nicht um den Menschen, sondern um die Rolle geht. Genau so wie bei vielen Bürgerporträts. Das ist dann so ähnlich wie ein von einem professionellen Fotografen gemachtes Foto für die Bewerbungsmappe. Oder Fotos von Prominenten: Es gibt die 08/15-Fotos auf den Titelseiten von Zeitschriften und es gibt die, die den Menschen hinter der Maske erahnen lassen.

Ich kann dir aber auch von van Dyck selbst Porträts nennen, die ich langweilig finde, z.B. sein „Porträt des Malers Gaspar de Crayer“. Hier ist es van Dyck meiner Meinung nach nicht gelungen, durch die Pose hindurchzudringen. (Aber wer weiß, vielleicht wollte er ja auch genau das zeigen: einen Angeber. Insofern wäre ihm das Bild also doch gelungen.)

Wie ganz anders dagegen das Gesicht der „Frau mit Kind“! Die Fröhlichkeit, die sich nicht von dem riesigen Kragen unterkriegen lässt, dieser kaum merkliche Spott in ihren Augen … Sowas muss man erstens überhaupt sehen und zweitens dann auch malen können, ohne den Auftrag der Repräsentativität zu vernachlässigen.

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Je länger ich an diesem Brief geschrieben habe, um so mehr habe ich mich in dem Begriffspaar Interieur/Exterieur bzw. Innen/Außen verfangen. Die „Seele“ eines Menschen, um dieses schöne Wort zu verwenden, das du vor langer Zeit mal ins Spiel gebracht hast – gemeinhin verortet man sie im Innern eines Menschen, nicht wahr? Aber jetzt beim Thema der Porträts ging es mir ja gerade darum, dass es einem sehr guten Maler gelingt, eine Spur dieser Seele auf einem Gesicht zu zeigen, also im Außen. Und so ist es ja auch, wenn ich einem lebendigen Menschen begegne: Anhand seines Äußeren, seines Aussehens und seines Gebarens, meine ich wenigstens ansatzweise eine wenn auch sehr grobe Einschätzung seines Charakters vornehmen zu können – nicht rational, sondern in dem berühmten Bruchteil einer Sekunde des ersten Begegnens. Aber wie oft irrt man sich da! Aber dann wieder: Wie oft stimmt es!

Und wer oder wie bin ich selbst? Das zeigt sich doch nur in der Interaktion. Da kann ich noch so viele Vorstellungen von mir selbst haben (Innen) – wenn ich mich in einer bestimmten Situation ganz anders verhalte, als es meinem Selbstbild entspricht, dann zählt doch nur die tatsächliche Handlung (Außen). Bin ich also in Wirklichkeit (im Wirken) nur die im Außen? Nein, das scheint mir dann doch falsch zu sein. Kann man die Trennung Innen/Außen überhaupt aufrechterhalten, ist sie sinnvoll?

Jetzt habe ich ein solches Kuddelmuddel in meinem Kopf, das löse ich heute nicht mehr auf. :-)

B.

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