Brief 204 | Amöben und weiße Kragen

Liebe F.,

Werden, die ich bin

Kurz nachdem wir uns kennengelernt hatten, habe ich Dir erzählt, dass ich mich –alleine lebend- ein bisschen wie ein ausgesetztes Kind empfinde. Und das ist, heute, nach inzwischen fast genau 10 Jahren, so geblieben. Es ist ein Bild, das ganz wesentlich mein Gefühl, in der Welt zu sein, bestimmt. Da ich als dieses Kind nicht überleben könnte, und da ich natürlich nicht nur dieses Kind, sondern auch ein erwachsener Mensch bin, verlasse ich die Wiese, den Ort, an dem ich mich alleine sehe –und gleichzeitig bleibe ich das Kind. Egal, wo ich mich aufhalte. Geändert hat sich, dass für meine Zeit „draußen“ die erwachsene Frau öfter dominiert, aber kehre ich in meine Wohnung zurück, dann ist das Verlassenheitsgefühl prägend.

Das jetzt so deutlich zu sehen, gefällt mir. Nicht in genau diesem, sondern in anderen Bildern oder anders ausgedrückt, sind meine Gedanken in letzter Zeit häufig gegangen. Ich akzeptiere mich so. Dieses Kind zu sein bedeutet, mich einsam zu fühlen, abhängig zu sein, anfällig zu sein für Freundlichkeiten anderer Menschen. aber ich muß das nicht mehr beheben wollen. Ich warte, bis jemand kommt, der mir beisteht. Der mich von der Wiese holt oder mit mir zusammen auf der Wiese spielt. Ich lebe als dieses Kind.

Das ist sehr schön! Ein etwas trauriges, aber gleichzeitig auch friedliches Bild. Und wie wichtig wieder einmal, ein stimmiges Bild gefunden zu haben! Die Traurigkeit, die Einsamkeit, das Verlassenheitsgefühl sind ein Teil deines Lebens und dürfen das auch sein.

Und ich frage mich, ob es –Dein Gegenbild- nicht das ist, wie ich mein Leben fortgeführt habe? Eigentlich bin ich die geblieben, die ich war?

Als ich das las, habe ich mich gefragt, ob ich mich eigentlich wirklich verändert habe? Oder ob ich nur Seiten an mir entdeckt habe, die auch schon vorher da waren, aber nie zum Zuge gekommen sind? Irgendwie beides. Ich habe einerseits das Gefühl mich ziemlich stark verändert zu haben, und gleichzeitig das Gefühl, jetzt erst richtig zu mir selbst zu finden. „Werden, die ich bin“ ist ein Satz, den ich sehr mag.

Ja, das Kontigente. Mir fällt dazu ein, dass ich ein halbes Jahr nach dem Tod meines Mannes zu meiner ersten Unterrichtstätigkeit gekommen bin, auch eher durch Zufall. Eine Begegnung mit der Bitte, ich könne ja mal vorbeikommen und mir die Sache ansehen. Aber da tritt noch etwas hinzu. Ist es die Eigendynamik, von der Du sprichst? Du hattest doch nicht nach einer Betreuungsstelle für geistig Beeinträchtigte gesucht? Ich nicht nach einer Unterrichtstätigkeit. Man geht hin, ohne zu wissen, was genau man sucht –und stellt fest, dass man ungefähr das gesucht hat, was man –und nun passt das Wort- gefunden hat. Im Finden erst merkt man, was man gesucht hat. Vielleicht braucht es eben doch noch einen kleinen Rest weiterer Eigeninitiatve, beim Überspringen von Hürden der Unsicherheit und Ängstlichkeiten, aber insgesamt ist es ein kontigent glücklicher Zu-Fall.

Du hast recht, ich habe die Arbeit mit geistig Beeinträchtigten nicht gesucht, sie auch nicht im entferntesten in meinem Horizont gehabt. Insofern weiß ich nicht, ob ich wirklich sagen könnte, ich habe letztlich das gefunden, was ich gesucht habe. Andererseits ist es bestimmt so, dass es Angebote gegeben hat, die ich ebenfalls nicht auf dem Schirm hatte, bei denen ich aber relativ schnell gemerkt hätte, dass es DAS nicht ist, was ich suche, und da bald wieder aufgehört hätte. Also habe ich anscheinend doch etwas gefunden, was zu meiner Suche gepasst hat.

Ja, das Kennenlernen von Freunden und Bekannten unterscheidet sich nicht wesentlich von der Suche nach einem Liebespartner. Deine unübertrefflich gute Anleitung dafür „man muß Gelegenheiten schaffen“, d.h. man muß auf irgendeine Art und Weise sichtbar sein (was auch im Internet sein kann). Letzteres ist nur noch schwieriger, weil noch mehr an Zufälligkeit hinzukommt (die Liebe), aber vertraute Freundschaftsbeziehungen ergeben sich auch aus meiner Sicht.

Aufgrund meiner Erfahrung würde ich allerdings eine Anleitung, die lautet, „man müsse Gelegenheit geben“ bevorzugen, weil mir die Bereitschaft für eine Öffnung gegenüber anderen Menschen das entscheidende Moment zu sein scheint. Etwas präziser noch, dass ich darauf achte, für Entwicklungen offen zu sein und das heißt, nicht sofort bei der ersten Schwierigkeit mich wieder wegzuwenden, sondern eine Begegnung in der Schwebe lassen zu können.

Ja, das lerne ich im Moment auch sehr intensiv, wenn auch in anderen Zusammenhängen als du, in weniger persönlichen. Bei mir kommt zur größeren Bereitschaft, mich anderen Menschen gegenüber zu öffnen, auch noch die Bereitschaft zur Öffnung gegenüber potentiell unangenehmen Situationen. Ihnen nicht gleich aus dem Weg zu gehen, sondern sie „in der Schwebe lassen zu können“ ist eine gute Beschreibung.

 

Verstrickungen

Trotzdem weiß ich nicht, ob ich den oben zitierten Abschnitt wirklich verstanden habe. Ich glaube, eher nicht. Daher versuche ich zu interpretieren. Die erste losgelöste Phase meine ich zu verstehen. Es ist die Zeit gewesen, in der nur Lücke war. Der eine tragende Ast war weggebrochen, und die Bruchstelle blutete. Das bedeutet Unsicherheit und gleichzeitig Ungebundenheit, denn Sicherheit und Bindung gab es nur im Rahmen der familiären Beziehungen. Eigentlich wiederhole ich lediglich das, was Du oben geschrieben hast. Du hattest weiterhin im Entwurf der zweiten Möglichkeit, wie Du Dein Leben hättest gestalten können, gesagt, dass Du dann vermutlich die alte Person geblieben wärest, also die, die Dir vertraut war. Jetzt weiß ich, was mich irritiert. Es ist das Wort „Gefühlsverstrickung“. Wärest Du die Alte geblieben, hättest Dich also nach und nach im Rückzug, der Einsiedelei eingerichtet, dann wäre die Verflechtung, Verknotung in den eigenen Gefühlen aufgetaucht?

Ah, ich glaube, ich hab’s. Du grenzt die erste Phase der Ungebundenheit ab gegenüber den weiteren darauffolgenden Phasen, in denen es für Dich in der Hauptsache darum ging, Bindung und Freiheit in ein angemessenes Verhältnis zu bringen. Bindung durch sich selbst, d.h. die selbst gesetzten Grenzen (auch durch Gefühle und die Verstricktheit in sie), Bindung an andere Menschen und auf der anderen Seite die Loslösung aus den als „Fessel“ empfundenen Bindungen. So???

Ja, dieses Wort habe ich auch als merkwürdig empfunden, als ich es schrieb. Aber ich glaube, ich habe dabei gar nicht so sehr kompliziert gedacht. Die totale Ungebundenheit hätte nicht lange anhalten können, weder beim „Aufbruch ins Neue“ noch bei der Rückkehr in bekannte Muster. Beim „Aufbruch ins Neue“, also wenn ich mich der Welt und den Menschen zuwende (was für mich ja etwas Neues ist), dann ist das klar, dann ergeben sich sehr schnell Bindungen. Aber auch wenn ich mich ins Schneckenhaus zurückgezogen hätte, wäre ich nicht „unbehelligt“ geblieben. Selbst auf einer einsamen Insel wäre ich nicht auf Dauer frei von Verflechtungen, dann wären halt die Bindungen an meine eigenen Gefühls- und Handlungsmuster wieder aufgetreten. – Hm … ich weiß nicht, ob das jetzt wirklich klarer ist … Ich bin mir auch nicht sicher, ob du das in deinem zweiten Absatz nicht schon beschrieben hast.

 

Amöben und steife Kragen

„Konturlos“ dachte ich neulich einmal. Ich kann keine Konturen bei mir sehen – gegenwärtig zumindest. Ja, und ich fand bemerkenswert, dass es mir nichts ausmachte. Ich hatte nicht den Eindruck, es würde mir was fehlen. Kann man sich „unkonturiert“ und „bunte Fetzen“ zusammendenken, oder schließt eines das Andere aus?

Spontane Reaktion: Ja natürlich geht das zusammen! Bei „konturlos“ musste ich sofort an Amöben denken, die so wenig feste Außenstruktur haben, dass sie praktisch jede beliebige Form annehmen können. Und doch ist eine Amöbe eine Amöbe. Bei Montaignes Fetzen stelle ich mir ähnliches vor: das Nichtfestgelegte, das Bewegliche, das Variable statt eines festgefügten Charakters. Das heißt ja nicht, dass man einfach zu nichts zerfließt.

 *****

Um nach so viel Introspektion mal wieder etwas Distanz hineinzubringen, möchte ich nach langer Zeit mal wieder in die Welt der Malerei wechseln. Und zwar zu Anton van Dyck. Ich bin fasziniert von seinen Porträts, lange ohne zu wissen, weshalb. Seine Bilder sehen auf den ersten Blick so konventionell aus, es gibt Hunderte ähnlicher Porträts aus der Epoche. Aber während ich sonst in Museen die Säle mit den Porträts meist eher langweilig finde, ist es mir immer wieder passiert, dass ich vor einem Bild dann doch stehengeblieben bin und dann gesehen habe: Ah, ein van Dyck! Es muss etwas Besonderes in ihnen liegen, was mich in seinen Bann zieht.

Und als ich eben nach einigen Beispielen suchte, um sie hier zu zeigen, wusste ich plötzlich den Grund: Es ist seine Fähigkeit, sowohl das Strenge, das Einengende der ausladenden weißen Kragen, der Rüstungen etc. darzustellen, als auch die sehr lebendigen Menschen, die darin stecken. Ich finde seine Bilder (oder die Dargestellten?) keineswegs konventionell. Vielleicht passt es sogar zum Thema von Form und Formlosigkeit. Nun waren die Dargestellten gewiss nicht formlos, vermutlich eher im Gegenteil. Aber ich finde, sie strahlen auf eine ungemein subtile Weise sehr viel Freiheit innerhalb ihrer jeweiligen Formen aus.

B.


(Quelle der folgenden Bilder: alle wikipedia)

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